Wie die ARD Unionspolitiker als Nazis verspottete

Donnerstag, 9. Januar 2014

Henning Venske verunglimpft CDU-Statements als „neo-arische Dünnpfiff-Prosa“, Heiner Bremer nennt den Holocaust ein „erkleckliches Unrecht“: In „TELE-RETRO“ zeigen „Teletäglich“-Kolumnen, welche Themen das Fernsehen vor 15 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom 9. Januar 94.

In einer ARD-Aufzeichnung des Programms der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft" am Sonntag sagte Kabarettist Venske:

„Worauf warten Sie? Dass der Kanzler seine Neujahrsansprache nochmal auf Englisch wiederholt - bläblä?"

„... so eine pimpfenblonde Naturerscheinung wie unser Innenminister Kanther, der Doppel-Dregger, der Großmeister der neo-arischen Dünnpfiff-Prosa..."

„... Volker Rühe - ein Gehirn wie ein Neun-Millimeter-Geschoß. Wenn der Verteidigungsminister seine Sekretärin vergewaltigt, dann ist das eine Entspannungsübung."

Titel der Sendung: „Requiem für einen Wurstel."

Ruhe sanft.

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In der ersten Ausgabe der Sendung „RTL aktuell - Nightline" am Montag sprach RTL-Moderator Bremer mit dem russischen Nationalistenführer Schirinowski. Auszug:

Schirinowski: „Warum hat Deutschland den Juden nach dem Zweiten Weltkrieg Entschädigung gezahlt und nicht den Russen? Nicht die Juden, sondern die Russen haben die deutschen Armeen besiegt und sind in Berlin einmarschiert."

Bremer: „Aber es ist doch ein Unterschied, ob zwei Völker in einem Weltkrieg miteinander kämpfen oder ob ein Volk, nämlich das deutsche, erkleckliches Unrecht an den Juden getan hat."

Erkleckliche Empörung

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In den „Tagesthemen" vom Mittwoch sagte ARD-Kommentatorin von Haaren: „Die ständig wachsende Sockelarbeitslosigkeit, also die große Zahl der Beschäftigungslosen unabhängig vom Wetter oder von Helmut Kohl..."

Der öffentlich-rechtliche Wahlkampf hat begonnen.

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In „Nachschlag" am Mittwoch trat zum ersten Mal ARD-Kabarettist Deutschmann auf. Kostproben:

„Der Waigel will die Bundeswehr auf die Stärke eines Afrikakorps herunterkürzen. Wenn das der Rommel wüsste!"

„Bei der CDU geht es zu wie bei einem Braunkohletagebau. Die sucht in noch nie dagewesener Offenheit am rechten Rand ihres Horizontes nach Wählervorkommen."

Gellert, „Der sterbende Vater": „Für Jörgen ist mir gar nicht bange; der kommt gewiss durch seine Dummmheit fort."

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Aus „Freispruch für alle" am Freitag mit ARD-Kabarettist Beltz:

„Der Schirinowski steht vor der Tür - wahrscheinlich müssen wir ihn vor Fassenacht noch reinlasse."

„Beim Hessischen Rundfunk können Sie nichts anderes als Platz nehmen, wir haben ja nichts mehr."

„Sie sind in der SPD? Das ist ein Zeichen für Humor."

„Wilhelm Busch hat mal gesagt: ,Der eine fährt Mist, der andere fährt spazieren, das kann doch zu nichts Gutem führen.' Als Klassenanalyse finde ich das persönlich viel präziser als Marx, Engels, Lenin, Stalin, - wie hieß die fünfte Kapp'? — Engholm zusammen."

Freispruch für Beltz!


Anmerkungen

Der CDU-Politiker Manfred Kanther war 1993-1998 Bundesminister des Innern. Er trat nach einer Parteispendenaffäre zurück und arbeitet heute als Rechtsanwalt in Wiesbaden.

Der CDU-Politiker Volker Rühe war (1992-1998) Bundesverteidigungsminister.

Heiner Bremer leitete 1994-2004 das „RTL Nachtjournal“. Seit 2004 moderiert er die Talkshow „Das Duell bei n-tv“.

Marion von Haaren moderierte 1995-1997 das ARD-Wirtschaftsmagazins „plusminus“ und kommentierte in den „Tagesthemen“. Nach einem Intermezzo als Korrespondentin im ARD-Studio Bonn wurde sie 1997 Chefredakteurin Fernsehen und Leiterin des Programmbereichs Politik beim WDR, 2002 Leiterin des ARD-Auslandstudios in Paris und 2007 stellvertretende Leiterin des ARD-Studios in Brüssel.

Der Kabarettist Matthias Beltz (1945-2002) zeigte 1989 sein erstes großes Soloprogramm „Gnade für niemand – Freispruch für alle“ und wurde 1991 mit seinen „Nachschlag“-Satiren nach den Tagesthemen bundesweit bekannt.



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