Goethe über sein Jahrhundert

Dienstag, 14. Januar 2014

Tun, was die Menschen brauchen, nicht, was sie loben: Was Dichter über ihre Zeit sagen – Die Elle der Political correctness

„Sein Jahrhundert kann man nicht verändern", schrieb Goethe 1798 an Schiller, „aber man kann sich dagegen stellen und glückliche Wirkungen vorbereiten." Der Wunsch dazu wächst immer dann, wenn ein neues Säkulum naht; das auch ist die Zeit für Vergleiche.

Über das 18.Jahrhundert schrieb der Dichterfürst der Deutschen: „Bei seinen großen Verdiensten hegte und pflegte es manche Mängel; es sei das „selbstkluge", weil „es sich auf eine gewisse klare Verständigkeit sehr viel einbildete." Das 19. dagegen war dem Geheimrat „ein Jahrhundert für die fähigen Köpfe“, der „Anfang einer neuen Ära", eine „Epoche, die so bald nicht wiederkehrt" und in der „wir, vielleicht mit wenigen, die Letzten sein werden."

Zu den „wenigen" zählte Schiller, der den zentennialen Zeigefinger hob: „Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf; leiste deinen Zeitgenossen, aber was sie bedürfen, nicht, was sie loben." Der fröhliche Franke Jean Paul formulierte freundlicher: „Das ganze Jahrhundert ist ein Wettrennen nach großen Zielen mit kleinen Menschen." Und der Naturphilosoph Rousseau relativierte, 1762 in seinem pädagogischen Lehrbuch „Emile": „In was für einem Jahrhundert es auch sein mag, die natürlichen Verhältnisse ändern sich nicht."

Wohl aber die kulturellen, wie Goethe klagte: „Was sind wir doch gegen die Künstler des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts? Wahre Taugenichtse!" Was natürlich viel zu selbstkritisch war, auch wenn Ulrich Hütten, der in beiden lebte, gejubelt hatte: „O Jahrhundert! Die Studien blühen, die Geister erwachen: es ist eine Lust zu leben." Der kluge Schweizer Benjamin Constant resignierte 1798 gar: „Uns ekelt vor unserem Jahrhundert, und doch gehören wir zu ihm."

Hundert Jahre später stellte Leopold von Ranke mit dem Scharfblick des Historikers fest: „Jedes Jahrhundert hat die Tendenz, sich als das fortgeschrittene zu betrachten, und alle anderen nur nach seiner Idee abzumessen." Das ist eher schlimmer geworden, seit man auf Kolumbus oder den Alten Fritz mit der Elle der Political correctness einprügelt. Der Wahrheit besonders nahe kam Frankreichs großer Liberaler Adolphe Thiers, der zur Zeit Napoleons III. bemerkte: „Ich liebe mein Jahrhundert, denn dieses ist mein Vaterland, das ich in der Zeit habe" - wir Glücklichen des Millenniums besitzen fortan zwei davon.

 



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