Hightech-Archäologie vor 25 Jahren

Dienstag, 14. Januar 2014

Vor einem Vierteljahrhundert lernte der Mensch, mit dem Computer in seine Vergangenheit zu blicken.

Es ist noch gar nicht so lange her, da prüften Archäologen die Echtheit etwa von Bronze-Statuen so: Sie beleckten sie – schmeckten sie salzig, waren die Kunstwerke von Fälschern in Heeringslake künstlich gedunkelt worden. Wolf-Dieter Gube, Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz in Berlin, erinnerte sich: „Unangenehm war der Gedanke an eine zweite Methode des künstlichen Patinierens. Sie besteht darin, das Objekt in einem Dunghaufen zu vergraben."

Diese Zeiten sind vorbei. Auch Lupe und Spaten sind längst nicht mehr das wichtigste Handwerkszeug der Archäologen. Seit Ende der 1980er Jahre revolutionierte die moderne Technik die Archäologie. Drei Beispiele aus dem Jahr 1988:

Das mobile „Archäologie Computer System" Arcos errechnet aus einer kleinen Tonscherbe in Minutenschnelle die ursprüngliche Größe und Form des Gefäßes.

Im ägyptischen Karnak gelang mit Computer-Hilfe die Rekonstruktion eines Tempel-Reliefs aus Zehntausenden verstreuten Kalkstein-Blöcken.

In Zürich schuf ein Computer aus 30.000 Holzproben, 50.000 Tierknochen- Fragmenten und zwei Tonnen Tonscherben das Bild einer Siedlung aus der Zeit der Schnurkeramik-Kultur, die vor 6000 Jahren mit indogermanischen Einwanderern aus Südrussland nach Mitteleuropa vordrang.

Die moderne Technik eröffnete den Archäologen völlig neue Möglichkeiten. In Suffolk etwa entdeckten britische Wissenschaftler 1300 Jahre alte Gräber. Die Körper der Bestatteten waren nur noch an leichten Verfärbungen und Verhärtungen des Bodens zu erkennen. Sonden tasteten die Umrisse der Toten ab und sandten die Signale an einen Elektronenrechner. Aus den Impulsen rekonstruierte der Computer Bilder der Toten - so genau, dass die Archäologen sogar die Todesursachen feststellen konnten.

Auch das erste Röntgen-Gerät zur Durchleuchtung des Erdreichs gab es schon: Die Franzosen Alain Kermovant und Philippe Delaune entwickelten es aus zwei großen Rechen, die über den Boden gezogen werden. Zwei Elektroden senden dabei Strom aus, der bis in eine Tiefe von durchschnittlich 80 Zentimetern reicht. Zwei weitere Elektroden empfangen dann die je nach Bodenbeschaffenheit unterschiedlichen Signale. Daraus entsteht ein Computerbild, auf dem alle Siedlungsspuren als dunkle     Flecken erscheinen. Unbebautes Land bleibt hell.

Mit einem Radargerät, das ursprünglich zur Erkundung alter Mülldeponien gebaut worden war, fanden deutsche Archäologen im Herbst 1987 die lange vergeblich gesuchten Stadtmauern der vor 2700 Jahren von griechischen Siedlern gegründeten sizilianischen Stadt Selinunt.

Zugleich entwickelte die Wissenschaft komplizierte Verfahren, um das Alter von Fundstücken zu bestimmen. Das bekannteste ist die von dem US-Nobelpreisträger Willard F. Libby erfundene Radiokarbon-Datierung, nach der chemischen Formel dieses Stoffes auch „C14"-Verfahren genannt. Die erstaunliche Methode ermöglicht die präzise Altersbestimmung bei allen Funden organischer, ergo kohlenstoffhaltiger Materie. Denn in dem Augenblick, in dem der Stoffwechsel eines Organismus endet, beginnt sein Radiokarbon-Gehalt zu sinken, und zwar in einer genau berechenbaren Geschwindigkeit. Die Genauigkeit solcher Messungen liegt bei 99,8 Prozent für bis zu 50.000 Jahre alten Proben.

Doch die Radiokarbon-Datierung ist nicht die einzige Methode: Der US-Forscher Philip Abelson stellt schon damals das Alter menschlicher Knochenreste nach einem Verfahren fest, bei dem 21 Aminosäuren des menschlichen Körpers untersucht werden.

Nicht nur das Alter ist interessant, Hightech entlockt archäologischen Funden noch viel mehr: Mit einer Neutronen-Aktivierungs-Analyse fanden französische Wissenschaftler heraus, dass eine in Marseille ausgegrabene Vase vor 2500 Jahren aus Ton einer Grube bei Athen geformt worden war. Der Anteil von Strontium-Spuren in Knochenresten gibt Fachleuten Auskunft, wie sich ein Frühmensch ernährt hat, etwa, ob er überwiegend pflanzliche oder fleischliche Kost zu sich nahm. Und die elektrophoretische Untersuchung von kleinsten Blutspuren an bis zu 20.000 Jahre alten Steinmessern zeigt, ob mit den Messern Rentiere oder nur Schneehasen geschlachtet wurden.

Doch nicht nur die Wissenschaft profitiert vom Einzug moderner Techniken: Immer mehr Raubgräber bedienen sich neuzeitlicher Metalldetektoren. Vor allem in Süddeutschland, im Gebiet alter keltischer Kulturen, heben heimliche Schatzsucher damit ganze Fundstellen aus. Hessische Archäologen wehren sich, indem sie Metallsplitter zur Verwirrung über die Fundstätten streuen. Sie nennen das „Verwanzen": Die Splitter rufen in den Metalldetektoren so viele falsche Fundanzeigen hervor, dass die Raubgräber nach kurzer Zeit aufgeben.



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