Als Tourist im Südsudan

Dienstag, 14. Januar 2014

Heute reist kaum jemand freiwillig in das erneut von einem Bürgerkrieg zerrissene Land am Oberen Nil. Vor 35 Jahren lockte dort ein fast unberührtes Tierparadies.

Gemächlich durchzieht eine Herde von 250 Elefanten das zwei Meter hohe Gras in den Marschen am Weißen Nil. Kuhreiher, stets auf der Suche nach Ungeziefer in den Augen und Ohren der Dickhäuter, flattern erschrocken hoch. Mit durchdringendem Pfeifen biegt ein von mindestens 800 Passagieren hoffnungslos überbesetzter Raddampfer um die Kurve. Obwohl das altersschwache Ungetüm – seine Konstrukteure müssen noch den Aufstand des Mahdi (1881) erlebt haben – höchstens flottes Fußgängertempo erreicht, verlässt eine stattliche Flusspferdfamilie in leichter Panik die Weidegründe. In diesem Teil von Afrika ist moderne Technik, selbst wenn sie schon in Ehren gerostet ist, noch nicht so recht geheuer.

Gut zwei Wochen keucht der Flussdampfer von Khartum bis in die Äquatorialprovinz – und das nicht nur, weil er alle zehn Minuten einmal rückwärts drehen muss, um die zähen Wasserhyazinthen loszuwerden, die sich um das Schaufelrad geschlungen haben: Der Nil, der wie ein riesiges Transportband, von Süd nach Nord durch den Sudan rollt, schlafft zwischendurch auf einem Teilstück von 500 Kilometern Länge kräftig ab. Im „Sudd“, einem Sumpfgebiet von der Größe Bayerns, wuchert er zu einem Labyrinth aus tausend Wasserarmen und zehntausend schwimmenden Inseln, aus meilenweitem Morast und fünf Meter hohem Schilf. Undurchdringlich oft sogar für PS-stärkste Boote, bewässert er ein nahezu unberührtes Tierparadies wie in der Urzeit.

Afrika-Reisende, die sich kulturbeflissen zu den Pyramiden Ägyptens und als Tierfreunde in die Reservate Kenias locken lassen, wissen selten, dass genau dazwischen im Sudan, mit 2,5 Millionen Quadratkilometern größtes Land des Schwarzen Erdteils, beides zu finden ist:

Im Norden stehen die Pyramiden von Meroe, 225 Straßenkilometer vor Khartum, als heute noch geheimnisumwitterte Zeugen der Baukunst kuschitischer Pharaonen, errichtet seit dem Jahr 300 v.Chr. mit Palästen, Pylonen und einem großen Ammontempel.

Im Süden warten vier riesige Reservate auf Touristen. Strenge Tierschutzbedingungen und die Tatsache, dass Jagd- und Trophäengeschäfte noch keine ostafrikanischen Ausmaße angenommen haben, machen den Sudan zum derzeit wildreichsten Land Afrikas. Die „Big Five“ (Elefant, Rhinozeros, Löwe, Leopard und Gepard) sind hier massenweise vertreten. Herden von Zehntausenden Gazellen ziehen durch die Sümpfe, seltenste Tierarten wie das Weiße Nashorn sind noch nicht von Wilderern behelligt.

Was ein erfolgreiches Fremdenverkehrsgeschäft bislang verhindert, ist der totale Mangel an touristischer Infrastruktur. Zwar stehen in Khartum zwei Luxushotels (Grandhotel und Hilton) und vier weitere der ersten Kategorie (Excelsior, Meridien, Sahara, Sudan). Doch schon in Malakal, 732 Kilometer weiter südlich, kippen die Kellner im örtlichen „Resthouse“ trotz eines vollen Speisesaals das Essen aus den Fenstern, um den Abwasch zu sparen, und lügen den hungrigen Gästen dann vor: „Leider ist der Koch erkrankt“.

Einheimische werden kaum besser behandelt: Ein sudanesischer Reiseveranstalter plünderte kürzlich 160 Mekka-Pilger. Allein pro Ausreisevisum kassierte er 100 Sudanesische Pfund, umgerechnet 600 DM, obwohl der Staat nur zwölf Pfund verlangt. Anschließend flog die arglosen Muselmanen ins genau entgegengesetzte Nyala nach Darfur.

Derartige Missstände bekämpft jetzt eine „Tourism Control Section“ mit drakonischen Maßnahmen: Von 196 sudanesischen Reiseagenturen bekamen nur 40 eine neue Lizenz.

Dazu kommen große Investitionen. Bis 1983 sollen fast 80 Millionen DM für neue Hotels, Ferienzentren, Restaurants, für 37 Landrover, 32 Busse und drei schwimmende Kasinos auf dem Nil ausgegeben werden. Aufgemöbelt werden damit die interessantesten Feriengebiete:

Die Urlaubsorte am Roten Meer (Port Sudan und Arous), durch herrliche Korallenriffe und faszinierende marine Gärten besonders für Sporttaucher reizvoll;

die Nationalparks von Dinder nahe der äthiopischen Grenze, mit 6175 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie das Saarland, und Nimule nahe Uganda;

die besonders für archäologisch interessierte Touristen reizvollen Ferienzentren am Nil zwischen Meroe und Wadi Halfa und

das ehrgeizigste Projekt, die Feriensiedlung im 1000 Meter hohen Bergdorf Erkowit, 40 km südlich von Suakin, wo allein fast 70 Millionen Mark verbaut werden sollen.

Finanzieren sollen diese Pläne zum Teil Reisende einer besonderen Spezies: Großwildjäger. Nach dem Jagdverbot in Kenia scharenweise nach dem Südsudan abgewandert, werden sie hier kräftig zur Kasse gebeten. Veranstalter wie „Sudan Safari Tours“ kassieren von den Jägern pro Tag 440 US-Dollar bei einer Safari von mindestens 21 Tagen. Dazu kommen allerlei Gebühren für „Steuer“, „Zoll“ oder „Lizenzen“, zusammen knapp 1200 Dollar, und die Abschusspreise – von 150 Dollar für ein Warzenschwein bis 1500 Dollar für einen Bongo, eine besonders seltene Antilopenart. Strauße und Hyänen kosten pro Stück 240 Dollar, Zebras 300, große Kudus 525, Löwen 450, Elen-Antilopen 900, Elefanten 300 Dollar, plus 16 Dollar für jedes Pfund Stoßzahngewicht.

Noch haben die Sudanesen keine Angst vor einem Ausverkauf der natürlichen Schätze ihres Landes: 1977 kamen erst 40255 Touristen. 1983, so hofft Dr. El Sheik el Tahir, Chef des Staatlichen Tourism Office in Khartum, sollen es 100.000 sein – immer noch wenig genug, den Sudan ein Land für Urlauber bleiben zu lassen, die sich zutrauen, ein Stück Afrika auf eigene Faust zu entdecken.

Heute, 35 Jahre später, ist von diesen Initiativen wenig geblieben. Im Norden des Sudan hat der Islamismus, im Westen der Terror arabischer Milizen, im Süden der Bürgerkrieg den Tourismus fast völlig ruiniert.  

 



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