„In den Alpen tickt eine Zeitbombe“

Mittwoch, 15. Januar 2014

Seit 25 Jahren warnen Experten vor den Zerstörungen durch den Massentourismus – auch in diesem Report vom 18. Januar 1987. Geändert hat sich nichts.

Ein halbes Jahrhundert lang pries Luis Trenker in Büchern, Filmen und Vorträgen die Schönheit der Alpen. Jetzt bereut der 94jährige seine Beredsamkeit: „Hätt' ich doch die Bapp'n gehalten!"

Seit die Menschen den Urlaub in den Alpen schätzen, geht es mit den Bergen bergab. Das Sterben der Bäume beschleunigt die Entwicklung. Alarm-Meldungen häufen sich schon jetzt. Viele Schäden sind bereits irreparabel.

Seit 1950 hat sich die Zahl der Alpen-Touristen alle sieben Jahre verdoppelt. 1986 brachten 40 Millionen Urlauber 220 Millionen Nächte in den Bergen zu. Dazu kamen 60 Millionen Tagesausflügler.

Im französischen Lac-de-Tigues leben zur Hauptsaison 580 Einwohner mit 25.000 Gästen. Davos schwillt von 6000 auf 50.000 Menschen an. 287 Gipfel wurden für den Massentourismus erschlossen.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) erreicht die Kapazität einer großen Hotelkette: Er bietet in 232 Berghütten 20.000 Schlafplätze, meldet jährlich 700.000 Übernachtungen. Der Österreichische Alpenverein zählt in 280 Hütten jährlich eine Million Besucher. Sie häufen pro Jahr 560 Kubikmeter Abfall an. Gesamtgewicht des österreichischen Bergmülls: 4500 Tonnen.

Immer bedrohlicher werden die Schäden durch Skiläufer. Die 15.000 Alpen-Lifte erreichen mit zusammen 120.000 Kilometer Länge das Dreifache des Erdumfangs. In Tirol führt jede vierte Piste durch gefährdete Bergwälder. Jährlich werden allein in Tirol rund 500 Hektar landwirtschaftlich Flächen dem Skisport geopfert. Österreich will bis zur Jahrtausendwende 3000 zusätzliche Skilifte und Pisten auf zusammen 20.000 Hektar Fläche bauen.

60 Prozent der Bäume in den Alpen sind geschädigt. In Bayern sind 70 Prozent der Bergwälder vom Tode bedroht, im Allgäu 83 Prozent aller über 40 Jahre alten Tannen und Fichten. Der Verlust der Bäume führt zu starkem Lawinenabgang, zu immer häufigeren gefährlichen Erdrutschen, Überschwemmungen und verstärkter Erosion.

Der Alpen-Biologe Karl Partsch, 64, befürchtet, das Zusammenwirken dieser Faktoren könne die gesamte Gebirgsregion „vielleicht schon in zehn Jahren unbewohnbar machen".

In zehn Jahren sei durch das Baumsterben jeder zweite bayerische Alpen-Ort und dazwischen etwa 370 Kilometer Straßen gefährdet. Dann, so eine Studie des DAV, wären Bürger in Garmisch-Partenkirchen, Mittenwald oder Oberstdorf, in den Tälern von Iller, Lech, Loisach, Isar, Inn und Saalach ihres Lebens nicht mehr sicher.

Dem Schweizer Dorf Bristen drohte bereits  die Evakuierung: Der Hochwald, der Lawinen bremst, ist tot. Nur ein Schutzdamm sicherte den Ort.

Wenn dieser Entwicklung nicht schnellstens Einhalt geboten wird, könnte sich der Mensch nur mit gigantischen Schutzbauten aus Stahl und Beton in den öden, baumlosen Alpen halten. Für die Schweiz wurden die Kosten solcher Maßnahmen bereits berechnet: 850 Milliarden Franken.

Nicht besser als dem Wald ergeht es dem Bodenbewuchs: Nach dem Plattwalzen von Skipisten mit schweren Planierraupen deckt das Gras nur noch zu zehn oder fünfzehn Prozent den Grund. Zehn Jahre nach Errichtung des ersten Skilifts auf der steirischen Planneralm dehnt sich dort eine zehn Hektar große Schotterwüste aus. Von rund 1700 Hektar Tiroler Pisten oberhalb der Waldgrenze gelten 200 Hektar bereits als verödet. Enzian, Alpenrose und andere Pflanzen sterben aus. Überall, so Alpen-Biologe-Partsch, „entstehen Hochgebirgs-Savannen und - Wüsten von Menschenhand".

Tiere werden zur Bedrohung. Mit Wildfütterung gehegt, leben heute etwa fünfmal so viele Hirsche in den Alpen wie noch zur Jahrhundertwende. Selbst die Gemsen der Gipfel zwingt wachsende Überbevölkerung zur Nahrungssuche in niedere Regionen. Dort fressen sie die Triebe junger Pflanzen. Der Schweizer Forstwissenschaftler Fritz Pfister: „In den Alpen tickt eine Zeitbombe."

Heute warnen Umweltschützer aus ganz Europa und auch viele Einheimische immer öfter vor den ungeheuren Schäden, die der Massentourismus in den Alpen verursacht. Tragische Unglücke wie in Galtür (Tirol) zeigen die wachsende Gefahr: Am 28. Dezember 1999 wurde bei der Jamtalhütte auf 2165 Metern Höhe eine von Bergführern geführte Gruppe von einer Lawine erfasst. Neun Menschen konnten nur noch tot geborgen werden.



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