Europa: Vergangenheit und Zukunft einer großen Idee

Mittwoch, 15. Januar 2014

Seit Jahren war die Zustimmung zu einem politisch geeinten und wirtschaftlich verflochtenen Abendland nicht mehr so zweifelhaft wie in den Zeiten der Banken- und Eurokrisen. Bei der Europawahl am 25. Mai droht ein weiterer Rückschlag.

Vielleicht waren es phönizische Seefahrer, die Europa den Namen gaben: nach dem semitischen Wort „Ereb" für „dunkel". Für sie, die wohl schon vor 4000 Jahren die griechische Küste aufsuchten, begann dort, wo die Sonne versank, das „Abendland". Vielleicht auch entführten griechische Piraten einst vom Strand der reichen alten Städte Sidon oder Tyros eine phönizische Königstochter, mit einem Schiff, das den Namen „Stier" trug – wahrer historischer Kern der Legende vom Raub Europes durch den Göttervater Zeus? Der heidnischen Antike war die Idee von Europa fremd, aber sie hat die Voraussetzungen für ihre Verwirklichung geschaffen.

Sicher ist, dass sich der mythologische Begriff erst sehr viel später zu einem geographischen wandelte: Zwar unterschied Hekataios von Milet schon um 540 v. Chr. die beiden Erdteile Asien und Europa, doch das älteste schriftliche Zeugnis findet sich rund hundert Jahre später bei Herodot: „Ich muß lachen, wenn ich sehe, wie sie ihre Erdkarten zeichnen“, amüsiert sich der „Vater der Geschichtsschreibung" über die Kartographen seiner Zeit, „viele Leute schon, aber keiner mit rechtem Verstand bei der Ausführung, die den Okeanos auf ihrer Zeichnung rings um die Erde fließen lassen, kreisrund wie abgezirkelt, und einige machen Asien gleich groß wie Europa..."

Ursprünglich galt der Name nur für kleine Teile des Kontinents: Mal wurde der Kern des griechischen Festlands im Gegensatz zu den Inseln „Europa" genannt, mal Mittelgriechenland im Gegensatz zur Peloponnes, dann wieder das gesamte nichtgriechische Festlandsgebiet im Norden der Ägäis, also Thrakien samt seinen Nachbarbezirken.

Die griechische Kolonisation im Schwarzmeergebiet seit dem 8. Jahrhundert machte bewusst, dass Bosporus, Dardanellen und Ägäis nicht nur Königreiche, sondern Kontinente trennten. In seinem Klassiker „Gestaltende Kräfte der Antike" schreibt der berühmte Althistoriker Helmut Berve darüber: „Wie der Begriff Asia, mit dem der Hellene den ihm jeweils bekannten Teil des von uns Asien genannten Kontinents bezeichnete, und die Benennung Libya für die dem mittelländischen Meere anliegenden Gebiete von Afrika entstand, so verlangte man auch für die vom Schwarzen Meer und der Ägäis westlich gelegenen Ländermassen nach einer zusammenfassenden Bezeichnung. Gleichsam von selbst bot sich da der Name jener mythischen Gestalt an, die schon vorher zur Benennung größerer Festlandskomplexe in diesem Bezirk gedient hatte."

Doch: „Was so im Laufe des Jahrtausends der antiken Geschichte an Wissen von Gestalt und Beschaffenheit des Erdteils Europa gewonnen wurde", fügt Berve hinzu, „ist als Kenntnis und Bild nur einem relativ kleinen Kreis von Gelehrten und Interessierten bewusst gewesen. Es entbehrt zudem - das verdient vor allem im Hinblick auf den werterfüllten Kulturbegriff, den wir mit dem Wort Europa verbinden, betont zu werden – der kulturellen Grenzsetzung." Die Völker des klassischen Altertums gliederten sich keineswegs wie ihre heutigen Nachfahren nach Europäern, Asiaten und Afrikanern, sondern nach Griechen und Barbaren, Römern und Fremden – so etwas wie ein Europabewusstsein konnte es in der Antike deshalb kaum geben.

Trotzdem wurde Europa bald auch als politischer Begriff relevant: In den Perserkriegen machten sich die Griechen zum ersten Mal die tiefe Gegensätzlichkeit zwischen dem heimatlichen und dem fremden Kontinent klar. Aus Asien drangen die Scharen eines ungeheure Weiten überspannenden Territorialstaats herbei, getrieben vom autokratischen Willen eines in märchenhafter Pracht thronenden orientalischen Despoten, der unzählige Völker knechtete. Die Gelüste des Perserkönigs richteten sich gegen den Staat der Polis, der nichts anderes sein wollte als die politische Lebensgemeinschaft blutsverwandter Hellenen. Zwei geistige Welten standen sich gegenüber, und Europa begann, sich abzugrenzen.

In der Abwehrhaltung der maßgeblichen Griechenstaaten 480/79 v. Chr. zeigt sich zum ersten Mal das Gefühl, für das Abendland gegen den andrängenden persischen Koloss „auf Posten zu stehen". Aischylos lässt etwas davon in seinen „Persern" spüren. Ein Menschenalter später vertritt Herodot schon die klare Meinung, dass den Persern Asien zustehe, aber ein Übergreifen ihres Geistes nach Europa wider die göttliche Ordnung verstoße: Diese wolle nicht, dass ein Einziger über Asien und Europa König sei. Aristoteles und andere begründeten den Abwehrerfolg der Griechen sogar mit einer Theorie der klimatisch bedingten Überlegenheit der Bewohner Europas über die Asiaten, die auch als geistig-moralische verstanden wurde.

Über die Größe des Erdteils im Norden und Westen der damals bekannten Welt existierten die unterschiedlichsten Vorstellungen. Herodots Anmerkung liest sich, als habe er bereits gewusst, dass Asien viel (viereinhalbmal) größer ist als Europa, doch das Gegenteil ist der Fall: der Historiker aus Halikarnassos glaubte, dass Europa ebenso lang sei wie Asien und Afrika zusammen. Noch Plinius hielt Europa für den größten der drei Weltteile und ließ es fünf Zwölftel allen Festlandes ausmachen.

Der weitere Europabegriff, der den gesamten Kontinent umfasste, besaß aber immer nur im Bereich der Geographie Geltung. Das Europabewusstsein der Griechen blieb auf das hellenisch besiedelte Gebiet beschränkt. Auch König Philipp von Makedonien und Alexander der Große meinten mit Europa immer nur den von ihnen politisch beanspruchten Teil. Als der Historiker Theopomp aus Chios in einem vielzitierten Wort sagte, Europa habe noch keinen Mann hervorgebracht wie Philipp, meinte er lediglich die südliche Balkanhalbinsel: Nur die Tatsache, dass die Hellenen des 4. Jahrhunderts die Makedonen nicht als Griechen betrachteten, verbot es dem Schriftsteller, „Hellas" zu sagen, und nötigte ihn zum Gebrauch des Wortes „Europa".

Alexanders Weltherrschaft und die darauffolgende Ausbreitung griechischer Menschen, griechischer Formen und griechischer Herrschaft über die Länder Asiens verwischte die einst so stark empfundene Unterschiedlichkeit der Kontinente. Auch das Imperium Romanum nivellierte den Kontrast. Zwar kämpften die Legionen in den Kriegen gegen Karthago ebenso gegen die Vormacht einer fremden, andersgearteten, uneuropäischen Welt wie einst die Griechen bei Marathon oder Salamis. Und manche Historiker meinen, Scipio habe durch seine Siege Europa nicht minder vor der Herrschaft des Orients bewahrt als fast ein Jahrtausend später Karl Martell in den siebentägigen Kämpfen gegen die Araber bei Tours und Poitiers. „Andererseits aber", stellt Berve fest, „hat Rom durch sein ebenso selbstsüchtiges wie konsequentes Bemühen, jede ihm gefährlich dünkende Macht aufzulösen oder zu zersetzen, das europäische Element in den hellenistischen Staaten am östlichen Mittelmeer, besonders im Seleukiden- und Ptolemäerreich, während des zweiten Jahrhunderts in einer Weise geschwächt, die dem Erstarken des Orients und der Gefahr eines gewaltsamen Rückschlags gegen Europa weitgehend Vorschub leistete."

Diese Gefahr wurde vor allem durch Augustus beseitigt, der Antonius besiegte und so verhinderte, dass Rom in die östliche Sphäre hinübergleiten konnte. Eine Inschrift aus dem Jahr 7 oder 4 v. Chr. auf der Nilinsel Philae nennt den Kaiser den „Herrn Europas und Asiens". Doch die Terminologie des Imperiums relativiert diese Titulatur - das Wort war viel eher ein administrativer als politisch-kultureller Begriff. Rom hat durch die Übernahme des hellenischen Geisteserbes und seine Umbildung zum Ferment einer weltweiten humanistischen Zivilisation, wie Berve schreibt, zwar „unmittelbar und in hohem Maße zur Bildung einer ideellen Einheit ,Europa' beigetragen", aber der Europagedanke selbst war im Imperium kaum wirksam.

Erst Anfang des 5. Jahrhunderts, acht Jahrhunderte nach den Perserkriegen, wird der Begriff „Europa" wieder über seine geographische Bedeutung hinaus benutzt. Der Dichter Claudius Claudian, Schützling des Wandalen Stilicho, schreibt von zwei Feinden „Europae Libyaeque": dem Westgotenkönig Alarich und dem mauretanischen Heermeister Gildo. Europa ist hier also etwas, was Feinde haben kann - erste Vorstufe in einer nun einsetzenden, jahrhundertelangen Evolution zum politischen Raum.

Das Christentum trug zu dieser Entwicklung bei. Der aquitanische Adelige Sulpicius Severus pries um 400 n.Chr. mit Stolz gegenüber den mit Heiligen gesättigten Asien und Ägypten den hl. Martin als den herausragenden Christen Europas. „Es ist der Glaube und die Kirche", stellt Jürgen Fischer in seiner Studie „Oriens - Occidens - Europa" fest, „welche den nordalpinen Raum sich gegen den mediterranen zur Geltung bringen läßt." Obwohl Europas wirkliche Ausdehnung seit der Fahrt des Pytheas zu den „Zinninseln" sieben Jahrhunderte zuvor ziemlich gut bekannt ist, tritt es erst jetzt als ein Kontinent ins Bewusstsein, der nicht nur aus Mittelmeerländern besteht.

In der Spätantike wird „Europa" bald zu einem Begriff, unter dem sich die christlichen Teile des Kontinents sammeln. Um das Jahr 600 kennt der aus Gallien stammende Mönch und Missionar Columban schon gar keinen Unterschied mehr zwischen Europa am Mittelmeer und Europa nördlich der Alpen; in einem Brief an Bonifatius IV. nennt er den Papst das Haupt aller Kirchen Europas.

Der Begriff des „Europäers" lässt sich in der Antike gar nicht feststellen, er taucht überhaupt erst im frühen Mittelalter auf. In der (von einem unbekannten Autor fortgesetzten) Chronik Isidors von Sevilla, die nähere Nachrichten über die Schlacht bei Tours und Poitiers im Jahr 732 bietet, heißt es: „…diliculo prospiciunt Europenses Arabum Temtoria" – für den Verfasser waren es nicht Franken, sondern Europäer, die den arabischen Angriff zurückschlugen.

„Der Autor hat also eine klare Vorstellung davon, daß sich nicht etwa das römische Westreich wehrt - wenngleich er Karl Martell den Titel Konsul beilegt -, sondern eine ganz neue Gemeinschaft“, weiß Fischer. „Ihr Kern ist Austrien: Es handelt, ohne unmittelbar bedroht zu sein. Austrien und die anderen Länder des Nordens ballen sich in dem personalen Begriff ,Europenses' zusammen".

„Europenses" meint, erstmalig und bis weit in das Mittelalter hinein, eine zeitweilige kriegerische Schicksalsgemeinschaft gegenüber den Arabern. Es ist ein von den Ereignissen erzwungener Oberbegriff für die Völker nördlich der Mittelmeereuropäer. Der Chronist wird damit einem weltgeschichtlichen Vorgang mit einem neuen Begriff gerecht.

Der heidnischen Antike war die Idee von Europa, wie wir sie heute kennen, fremd. Doch dass der Europagedanke überhaupt eines Tages entstehen konnte, dafür haben die von den Griechen gelegten Grundwerte europäischen Menschentums erst die Voraussetzungen geschaffen.

Die Legende von Jungfrau und Stier

Nach Hesiod und anderen war Europe die Tochter des Phoinix; spätere Autoren nennen auch andere phönizische Könige wie Agenor, Kadmos oderTyro als ihren Vater. Ihre Mutter heißt Penmede, Telephassa, Telephe oder Argiope. Europes Heimat ist Sidon oder Tyrus. Nach der Entführung bereitet Zeus ihr auf Kreta das Brautlager, am lenäischen Fluß oder an einer Quelle bei Gortyn. Die junge Frau bringt nach Homers „Ilias" die Söhne Minos und Rhadamanthys, in späteren Versionen Minos und Sarpedonzur Welt. Zeus schenkt ihr den riesigen ehernen Wächter Talos, der jeden Tag dreimal um die Insel läuft, und gibt sie dem König Asterios oder Asterion zur Frau. Der kinderlose Herrscher adoptiert die Zeussöhne. Der Phönizierkönig schickt indessen vergeblich seine SöhneKadmos, Kilix, Phoinix und Thasos auf die Suche nach der geraubten Schwester. Nach ihrem Tod genießt Europe göttliche Ehren. Sie wurde unter dem Namen Hellotia oder Hellotis mit einem Fest gefeiert, beidem auf Umzügen sogar angebliche Gebeine der Königstochter mitgeführt wurden. Noch in späterer Zeit sollen die Einwohner der phönizischenStädte Sidon und Tyros ihrerseits die Entführung mit einer jährlichen Gedenkfeier unter der Bezeichnung „Böser Abend" betrauert haben. NachMeinung mancher Wissenschaftler floss die Verehrung Europes später mit dem Kult einer thrakischen Erdgöttin zusammen, die ebenfalls Europe hieß.

Das erste realistische Bild des Erdteils Europa

Eratosthenes von Kyrene (ca. 290 - ca. 214 v. Chr.) erhielt seine wissenschaftliche Ausbildung in Athen und wurde 246 v.Chr. Direktor der Bibliothek von Alexandrien. Sein Ruhm gründet sich vor allem auf erdkundliche Erkenntnisse: Er verfasste das erste nach einer systematischen Anordnung geschriebene geographische Lehrbuch und erstellte die erste nach astronomischen und mathematischen Lehrsätzen konstruierte Erdkarte, auf der Längen- und Breitengrade, die Polar- und die Wendekreise angegeben waren. Eratosthenes erkannte die kugelförmige Gestalt der Erde und berechnete ihren Umfang verblüffend genau mit 252.000 Stadien (39.690 Kilometer, wirklicher Erdumfang: 40.075 Kilometer). Er gliederte die drei ihm bekannten Erdteile in Zonen und entwickelte ein Koordinatennetz aus astronomisch sowie klimatologisch bedingten Parallelkreisen und Meridianen. Seine Erkenntnisse stützte  Eratosthenes auf Arbeiten seiner Vorgänger Anaximander (ca. 610-540 v.Chr.) und Hekatios von Milet (560/59 - ca. 480 v. Chr.) sowie auf Berichte von Begleitern des Zuges Alexanders des Großen. Wie seine schriftlichen Werke ging auch seine Erdkarte verloren, sie konnte aber aus Überlieferungen rekonstruiert werden. Von Europa waren ihm vor allem die Mittelmeerküste, aber auch schon England, Irland und Island, nicht aber Skandinavien und Russland bekannt.

Etymologie des Wortes„“Europa“

Die Herleitung des Wortes „Europa" vom semitischen „Ereb" für „dunkel" war schon in der Antike umstritten. Einige Autoren vermuteten, es sei als Zusammensetzung aus „eurys" (weit) und „ops" („Auge") entstanden und bedeute „weithin sichtbares Küstenland". Andere leiten „Europa" vom Südostwind Euros oder von „Ur appa“ („Land mit weißem Angesicht") ab. Mittelalterliche Autoren schreiben von „Eoruppe" oder „uero ope". Um 1560 bemüht sich der holländische Humanist Johannes Goropius, das Wort christlich zu deuten, indem er es in die Bestandteile „E" (= „rechtmäßige Heirat"), „Ur" (= „ausgezeichnet") und „Hop" (= „Hoffnung") zerlegt und erklärt, diese Hoffnung auf ausgezeichnete Heirat sei die Prärogative der Länder gewesen, die Noah seinem Sohn Japhet geschenkt habe. Die Nachkommenschaft Sems in Asien habe, obgleich ursprünglich durch Abraham mit Gott verbunden, die Erbschaft ausgelassen. Die meisten modernen Wissenschaftler treten jedoch wieder für die Ableitung des Wortes Europa aus dem Semitischen ein.



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