Urzeit in Deutschland: Die Kinder des Löwenmenschen

Mittwoch, 15. Januar 2014

Neue Urzeit-Funde in Schwaben warfen vor zehn Jahren ein neues Licht auf das Leben der Menschen vor 30.000 Jahren: „Es war ein raues Jägervolk ohne Haustiere und ohne Metall, das mit Feuerstein- und Holzwaffen kämpfte und von Fleisch, Fischen, Wurzeln und Beeren sich nährte.

Lange bevor am Nil die ersten Pyramiden standen und der Nimrod der Bibel den Turm zu Babel bauen ließ, bildete sich offenbar ein ungleich älteres Kulturzentrum an ganz anderer, unerwarteter Stelle: Nahe der oberen Donau, in der Höhle "Hohler Fels" bei Blaubeuren nahe Ulm, fanden Archäologen der Universität Tübingen vor zehn Jahren drei Skulpturen aus Mammutelfenbein - einen Wasservogel, einen Pferdekopf und einen Löwenmenschen.

Die nur fünf Zentimeter großen, wenige Gramm schweren Figuren führen auf spektakuläre Weise in die Morgendämmerung der abendländischen Kultur. Sie sind die schönsten und aussagekräftigsten von bisher 20 dort entdeckten Kunstwerken und gehören, so der Tübinger Prähistoriker Nicholas Conard damals, "zu den ältesten figürlichen Darstellungen auf Erden".

Wie jedes echte Kunstwerk zeigen die Ministatuen nicht nur das technische Geschick und kulturelle Niveau ihrer Entstehungszeit, sondern zugleich die Lebenswirklichkeit der Menschen: den rauen, harten und lebensgefährlichen Alltag eiszeitlicher Jäger, die von Höhle zu Höhle zogen. Die nach einem französischen Fundort so genannten Cro-Magnon-Menschen, Stammväter aller heute lebenden Menschen und Schöpfer auch der ersten Höhlenmalereien, wanderten offenbar vor 30.000 Jahren in die Schwäbische Alb, die mit ihren endlosen Wäldern, vielen Flüssen und zahllosen Grotten erstklassige Lebensbedingungen bot.

Schon im 19. Jahrhundert entdeckten Heimatforscher bearbeitete Geweihe, Feuersteine, Scherben und Waffen. Die Funde regten den schwäbischen Pfarrersohn David Friedrich Weinland (1829-1915), später erster wissenschaftlicher Leiter des Frankfurter Zoos, zu dem Urzeit-Klassiker "Rulaman" an, der bis heute eines der populärsten deutschen Jugendbücher blieb. "Es war ein Menschengeschlecht, dem heutigen Lappländer zu vergleichen", erzählt der abenteuerliche Roman, "nur wilder als diese, ein raues Jägervolk ohne Haustiere und ohne Metall, das mit Feuerstein- und Holzwaffen kämpfte und von Fleisch, Fischen, Wurzeln und Beeren sich nährte . . ."

Wasservogel und Wildpferd wirken nicht fremd, doch auch der geheimnisvolle Löwenmensch fällt keineswegs aus der Realität seiner Zeit: "In diesen Wäldern und Tälern", schildert Weinland, "hauste trotz der Kälte eine großartige Tierwelt: der kolossale Höhlenbär, der mächtige Höhlenlöwe, die Höhlenhyäne, der rothaarige Mammut-Elefant, ein Nashorn, freilich alle mit einem dicken Wollpelz bekleidet; sodann große Wiederkäuer, der Wisent, der Urstier und das Elen" - zuweilen scheint schwer auszumachen, was lebensgefährlicher war: das wehrhafte Jagdwild oder die tödliche Nahrungskonkurrenz.

Der Löwenmensch war wohl ein Gott, vielleicht der Herr der Tiere oder des Jagdreviers, und seine Statuette verlieh übernatürliche Kräfte. Das Pferd galt wohl schon, wie später bei den Germanen, als heiliges Tier, und als Vogel flog die Seele des Schamanen in die Geisterwelt, um dort die Geheimnisse auszukundschaften, die er für seinen Jagd- und Heilungszauber brauchte.

Die Kunstwerke aus dem "Hohlen Fels" korrigieren das übliche Bild des primitiven Urmenschen, der den Mond anbetet, die Beute roh verzehrt und die Braut mit der Keule erobert. Elfenbeinschnitzerei setzt gehöriges handwerkliches Geschick voraus. Für den britischen Archäologen Anthony Sinclair sind die schwäbischen Steinzeit-Artefakte nun "die älteste Sammlung figurativer Kunst weltweit". Sein Urteil: "Die ersten modernen Menschen in Europa waren erstaunlich frühe Künstler.

Erstaunlich nicht nur für die bisherige Skala der Kulturentwicklung, sondern mehr noch für die Verhältnisse der Entstehungszeit: Die Eiszeit-Älbler hatten jedenfalls im Alltag anderes zu tun, als einem frühen Kunst- und Schönheitssinn zu frönen. Die Sommer waren kurz, die Winter grausam kalt. Die jüngeren Männer streiften auf der Pirsch oft tagelang durch tief verschneite Täler, rannten dann mit Fackeln und Holzspeeren todesmutig gegen Stoßzähne, Hörner und Geweihe an und behandelten selbst schwere Verletzungen höchstens mit ein paar Kräutern.

Die etwas kleineren, aber gleichfalls muskulösen Frauen sammelten in den weglosen Wäldern Wurzeln und Pilze, immer auf der Hut vor fremden Horden oder den etwas größeren und stärkeren Neandertalern, die noch 10.000 Jahre lang in nächster Nachbarschaft lebten. Sie kauten in der Freizeit Felle weich, heirateten mit zwölf Jahren und waren ständig schwanger: "Um wenigstens ein Nullwachstum aufrechtzuerhalten, musste jede Frau vier Kinder großziehen", schätzt die irische Anthropologin Reay Tanahill - für Eiszeit-Mütter eine ungeheure Bürde: Die Kindersterblichkeit war hoch, es gab Arthritis, Paradontose und auch Krebs.

Der alte Schamane war eine soziale Besonderheit, denn die Hälfte der Bevölkerung starb mit nicht einmal 20 Jahren. Zwischen Nord- und Bodensee lebten damals, so der renommierte Wissenschaftspublizist Ernst Probst ("Deutschland in der Steinzeit"), wohl kaum mehr als 25.000 Menschen. Ihre Siedlungsdichte war geringer als bei den Indianern Nordamerikas zurzeit der weißen Einwanderung: Heute leben in Westdeutschland etwa 245 Menschen auf dem Quadratkilometer, damals waren es 0,1.

Fast alle diese geheimnisvollen Kinder des Löwenmenschen verbrachten ihr kurzes Leben auf ständiger Wanderschaft durch eine Wildnis voller Gefahren. Die Höhlen auf der Schwäbischen Alb wurden wohl nur im Frühling und Herbst bewohnt. Im Sommer folgten die kleinen Horden von 30, 40 Menschen dem Wild in die Ebenen Norddeutschlands, im Winter zogen sie sich wohl bis zum Bodensee zurück. Von einem Rentier konnten fünf Menschen eine Woche lang leben. Die Frauen schnitten ihre Fellkleider mit Feuersteinmessern in Form und nähten die Stücke mit Sehnen zusammen. Es gab wohl schon so etwas wie Schminke, und ganz bestimmt bereits Musik, denn die Tübinger entdeckten auch eine aus Knochen geschnitzte Flöte.

Die Jäger des "Aurignacien", wie Wissenschaftler die Zeit vor 32.000 bis 29.000 Jahren nach einer weiteren berühmten französischen Fundstätte nennen, waren, so Probst, "wahrscheinlich die ersten Jetztmenschen" auf deutschem Boden. Sie drangen weit nach Norden vor: Einer der seltenen Schädelreste fand sich auf der Elbinsel Hahnöfersand. Doch eine Kaltphase trieb sie bald nach Süden, wo sie die nächste Kulturstufe, das Gravettien, erreichten, offenbar nicht ohne sozialen Fortschritt: Ihr schönstes Kunstwerk stellt keinen kriegerischen Löwenmenschen mehr dar, sondern eine dicke Frau mit gewaltigen Brüsten.

So bestimmt man das Alter der Fundstücke

Das gängigste Verfahren zur Altersbestimmung von geologischen und historischen organischen Gegenständen ist die Radiokarbonmethode. Sie wurde seit den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts von dem amerikanischen Chemiker und Geophysiker Willard Frank Libby (1908-1980) entwickelt. Er erhielt 1960 dafür den Nobelpreis für Chemie.

Die Methode beruht auf der Tatsache, dass beim Aufbau einer jeden organischen Substanz Kohlenstoff mit eingebaut wird. Darunter befindet sich stets ein kleiner Prozentsatz des Kohlenstoffisotops 14C, der entsprechend seiner Halbwertzeit von rund 5730 Jahren zerfällt. Da nach dem Absterben des Organismus kein Kohlenstoff mehr eingebaut wird, kann aus dem heute noch vorhandenen Anteil an 14C in dem Objekt auf sein Alter geschlossen werden.

Das Verfahren, das auch unter den Bezeichnungen C14-Methode oder Radiokohlenstoffdatierung bekannt ist, hilft vor allem bei der Altersbestimmung von Holz und ähnlichen organischen Stoffen. Es wurde bereits bei Proben angewandt, die bis zu 100 000 Jahre alt waren. Verschiedene, lange zurückliegende atmosphärische Einflüsse können zu Abweichungen von einigen hundert Jahren führen.



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