Das tragische Schicksal der Prinzessin von Sansibar

Mittwoch, 15. Januar 2014

Bibi Salme, das schöne Königskind, floh aus dem Schloss. Aus Liebe zu einem jungen Deutschen. Bismarck schlug später aus der Love-Story Kapital.

Nachts, am 25. August 1866, glitt das englische Kriegsschiff „Highflyer“ langsam aus dem Hafen. An Bord: britische Matrosen, die sich freuten, dass es endlich nach Hause ging – und eine junge Frau, die soeben von zu Hause durchgebrannt war.

Prinzessin Salme, 23-jährige Tochter des Sultans Said von Sansibar, verließ ihre Heimat aus Liebe zu dem Hamburger Kaufmann Heinrich Ruete. Die deutsch-arabische Love-Story war erst einmal nur Gesprächsstoff in feinen Hamburger Kreisen. Von Skandal war die Rede, von unschicklicher Liaison. 19 Jahre später aber weckte die Prinzessin allerhöchstes politisches Interesse: In einem Pokerspiel mit England um Helgoland wurde die Schönheit aus dem Orient Fürst Otto von Bismarck, dem Kanzler des Deutschen Reichs, durch ihren Adel und Erbanspruch zum As.

Dass auf der Nordseeinsel seit 124 Jahren wieder deutsche Fahnen wehen, deren Farbgebung freilich gelegentlich wechselte, verdanken Helgolands Nordfriesen auch der Aktivität jener Sultans-Tochter.

Ein Großneffe der Prinzessin, der Hamburger Werbekaufmann Ulrich Ruete, rekonstruierte vor über dreißig Jahren aus Briefen und zeitgenössischen Dokumenten die Geschichte einer Frau, die so gar nicht in das Klischee der unterdrückten, ohne Mann hilflosen Orientalin passt: Prinzessin Salme kämpfte mit großem Mut und viel Zähigkeit um ihre Rechte. Den Politikern in London und Berlin war die hellhäutige Araberin dennoch nicht gewachsen.

Bibi Salmes Vater, Sultan Sayyid Said, Imam von Maskat und Oman, weltlicher und geistlicher Führer in einer Person (1804-1856), regierte ein mächtiges Königreich an arabischen und afrikanischen Küsten. 1840 verlegte er seine Residenz von Maskat am Persischen Golf auf die ostafrikanische Insel Sansibar. Der Handel mit Sklaven, Elfenbein und Gewürznelken machte ihn zu einem reichen Mann. Aber auch seine Herrschertugenden werden gerühmt: 1877 würdigte etwa die deutsche Zeitschrift „Globus" ihn als „freisinnigen, klugen und edlen Fürsten, kein Despot". Während seiner Regentschaft richteten die Großmächte der Kolonialzeit, die USA, Großbritannien, Frankreich und ab 1860 auch die deutschen Hansestädte in Sansibar Konsulate ein. Von Saids Imperium stießen Karawanen zum Nil und Kongo vor.

Die vier Hauptfrauen des Sultans mit dem langen weißen Bart blieben zwar kinderlos; mit seinen 50 Nebenfrauen jedoch zeugte der Harems-Herr über 100 Kinder. Bibi Salmes Mutter stammte aus dem Volk der kaukasischen Tscherkessen. Sie war ein blondes, schönes Mädchen mit blauen Augen und wurde während des mörderischen Krieges der Zaren im Kaukasus, wie Bibi Salme schrieb, „schon früh ihrer Heimat entrissen“: „Noch als Kind gelangte meine Mutter in den Besitz meines Vaters, wahrscheinlich schon in dem zarten Alter von sieben oder acht Jahren."

Prinzessin Salme wurde 1845 im ältesten Palast ihres Vaters. Bet il Mtoni, geboren. Zu dieser Zeit führte in Europa der Absolutismus seine großen Rückzugsschlachten gegen die Demokratie. Die Sultans-Familie auf Sansibar hatte Feinde nur in den eigenen Reihen: Von Sayyid Saids Nachkommen lebten bei seinem Tod im Jahr 1856 noch 18 Söhne und 18 Töchter, alle von verschiedenen Müttern, alle machthungrig und auf den Thron versessen. Die folgenden Familiendramen um Geld und Herrschaft brachten dem Königreich die Stabilität einer mittelamerikanischen Bananenrepublik. Bis zum Ende des Jahrhunderts bestiegen nacheinander nicht weniger als sechs Brüder und fünf Neffen Bibi Salmes – „Bibi“ ist das arabische Wort für „Herrin“ - die Thronsessel Omans und Sansibars.

1858 hatte sich Sayyid Saids erster Nachfolger, sein Sohn Majid (1854-1870), gegen eine Revolte seines Bruders Bargasch erfolgreich gewehrt. Die 15jährige Bibi Salme, deren Mutter kurz zuvor gestorben war, assistierte dem Palastrevolutionär Bargasch als Stabsoffizier. Perfekt im Fechten, Schießen und Reiten, schrieb sie die Befehle an die Putschtruppen aus. Majid ließ die Aufrührer im Palast beschießen und verbannte Bruder Bargasch auf Vorschlag britischer Konsulatsbeamter schließlich nach Bombay. In Indien fanden Londons Kolonialpolitiker danach genügend Zeit, dem Thronanwärter die Vorzüge einer Kooperation mit dem britischen Weltreich schmackhaft zu machen.

Bibi Salme wurde von ihrem Bruder Majid großherzig begnadigt und zog auf eine ihrer drei Plantagen, später in eine Stadtwohnung. „In dieser trüben Zeit, wo Verstimmung und Uneinigkeit in unserer Familie herrschten", erinnerte sie sich später, „fühlte ich mich durch die Zuneigung eines jungen Deutschen beglückt, welcher als Vertreter eines Hamburger Handelshauses in Sansibar weilte. Mein Haus lag unmittelbar neben dem seinigen."

Der nette Nachbar hieß Heinrich Ruete, war 38 Jahre alt und hatte an den Küsten Ostafrikas in zehn Jahren ein Vermögen erworben. Dass er sich bald mehr für die Gesellschaft der Prinzessin als für seine guten Geschäfte mit Gewürznelken interessierte, blieb in Sansibar kein Geheimnis.

Die schöne Araberin formuliert später mit vornehmer Zurückhaltung einer hanseatischen Kaufmanns-Gattin: „Selbstverständlich hegte ich den Wunsch, meine Heimat, in welcher eine Vereinigung mit dem Geliebten ganz unmöglich gewesen wäre, im stillen zu verlassen." Eine Heirat zwischen der muselmanischen Prinzessin und dem christlichen Ausländer konnte sich in Sansibar niemand vorstellen: Es galt damals als todeswürdiges Verbrechen, dass die Tochter eines Rechtgläubigen und gar eines edlen Fürsten mit einem Christen anbandelte. Daher sorgte die deutsch-arabische Liebesaffäre auf der Insel für beträchtliche Unruhe: Die Engländer fürchteten, wegen der Lovestory könne es zu Ausfällen gegen Europäer in Sansibar kommen. Deshalb forderte der britische Konsul ein zusätzliches Kriegsschiff zum Schutz der Europäer-Kolonie an.

Eine arabische Freundin, die Bibi Salme bei der Flucht geholfen hatte, sprach beim Abschied aus, wie gefährlich schon dieses Wagnis war: „Hoheit, der Herr des Weltalls möge dich beschützen. Ich weiß, dass ich binnen zwölf Stunden mein Leben hingeben muss; das aber ist für dich nimmer mehr zu viel!"

Den Rest der Flucht besorgte dann die britische Kriegsmarine. Eine englische Arztfrau hatte das arrangiert. Bibi Salme berichtete später: „In der Nacht wurde ich von dem Kommandanten des englischen Kriegsschiffes ‚Highflyer‘ in einem Boot abgeholt. Als ich an Bord angekommen war, wurde sofort Dampf aufgemacht und nach dem Norden gesteuert. Wir gelangten wohlbehalten nach Aden, dem Ziel unserer Fahrt."

Ein spanisches Ehepaar nahm die Geflohene auf, die nun ungeduldig auf den Verlobten wartete. Heinrich Ruete wickelte auf Sansibar seine Geschäfte ab, vom regierenden Fürsten unbehelligt. Salmes Bruder verzieh dem jungen Mann ohne weiteres, was die junge Frau den Kopf hätte kosten können.

Als Heinrich Ruete nach einigen Monaten in Aden eintraf, war die arabische Prinzessin bereits eine Christin und auf den Namen Emily getauft. Nach der Trauung reiste das verliebte Paar über Marseille nach Hamburg, ihrem künftigen Wohnsitz. Doch das Glück in der Hansestadt dauerte nur drei Jahre: Dann stürzte Heinrich Ruete aus einer Pferdebahn und wurde überrollt. Drei Tage später war er tot.

Im zweiten Band ihrer „Memoiren" hat Emily Ruete 1866 aufgeschrieben, wie hart sie der Witwenstand getroffen hatte: „Ich stand einsam in der großen, fremden Welt, mit drei kleinen Kindern, von denen das jüngste nur drei Monate zählte."Und schon bald folgte der nächste Schicksalsschlag: In Sansibar starb der König, Bruder Majid, der seiner Schwester inzwischen Aufstand, Flucht und Heirat verziehen hatte. Bibi Salme: „Er hatte mir später mein heimliches  Entweichen in keiner Weise nachgetragen."

Durch Spekulationen „guter Freunde" um ihr Vermögen gebracht, von Hamburg abgestoßen, „weil ich hier nicht viel Rücksicht fand", zog die junge Frau nach Dresden „und erfuhr hier in allen Kreisen das freundlichste Entgegenkommen". Auf die „gute Erziehung der Kinder bedacht", ging sie dann nach Berlin.

Als Bargasch, der neue Herrscher von Sansibar, 1875 nach London kam, reiste Emily Ruete zu ihm. Sie wollte den Bruder bitten, sie und die Kinder in Sansibar aufzunehmen. Doch die Beamten des britischen Außenministeriums empfanden den Besuch der Witwe aus Deutschland als störend: Auf Sultan Bargasch warteten in der Hauptstadt des britischen Empire Verträge, in denen er sich zum Verbot des Sklavenhandels verpflichten sollte. Es sollte ein erster Schritt zur Anerkennung Englands als „Schutzmacht" sein. Und dabei lag es durchaus nicht in Londons Interesse, dass der orientalische Potentat, diplomatisch unerfahren, vor Vertragsunterzeichnung seine inzwischen ziemlich welterfahrene Schwester empfing: Möglicherweise hätte sie ihn über die Tragweite seiner Unterschrift aufgeklärt.

Der spätere Generalgouverneur von Südafrika, Sir Bartle Frere, bat Emily Ruete zum Tee und schlug einen Handel vor: Die Prinzessin solle auf ein Treffen mit dem Bruder verzichten. Das Empire werde als Gegenleistung großzügig die Zukunft ihrer Kinder sichern. Doch als Sultan Bargasch London wieder verlassen hatte, fand Sir Bartle seine Abmachung mit Frau Ruete für das Empire nicht weiter von Nutzen. Durch Post aus London erfuhr sie: Die englische Regierung könne für sie und die Kinder nichts tun. Da sie durch ihre Heirat Deutsche geworden sei, müsse sie sich mit ihren Sorgen an Berlin wenden.

Ob dieser Rat ernst oder spöttisch gemeint war, Sir Bartle hatte jedenfalls die Prinzessin unterschätzt. Denn als Emily Ruete tatsächlich der Regierung nach Berlin schrieb, ging es nicht mehr um die Rentenansprüche der Witwe. Sie forderte energisch ihr Erbe als Prinzessin und Tochter des verstorbenen Sultans, das anteilige Vermögen verstorbener Verwandter.

Fürst Otto von Bismarck (1815-1898), seit 1871 Kanzler des von ihm geschaffenen Deutschen Reichs, sah eine Gelegenheit, aus Englands Expansionsdrang zwischen Kap und Kairo Kapital zu schlagen: Er befahl dem Chef der Admiralität, Graf Leo von Caprivi (1831-1899), Frau Ruete und ihre Kinder auf einem Kriegsschiff nach Sansibar zu bringen und dort ihre Forderungen durchzusetzen. Das Schicksal der verwitweten Prinzessin rührte den Kanzler dabei allerdings wenig. In Wahrheit ging es Bismarck nur um Einfluss des Reiches auf Sansibar, um Kolonialpolitik, um einen Hebel gegen England.

Caprivi nannte die Unternehmung abenteuerlich. Der Kanzler antwortete unwillig: Es solle bei dieser Expedition bis zum Äußersten gegangen werden. Jede Gewalt des Sultans müsse durch Gewalt des deutschen Kriegsschiffs beantwortet werden. Zum Schluss befahl Bismarck: „Nichts Schriftliches in dieser Sache, und stets nur mündliche Berichterstattung an mich.“

Caprivi wählte die Kreuzerkorvette „Bismarck“ für die Reise aus: Sollte die Expedition schiefgehen, dokumentierte der Name des Schiffes gleich den Namen des Verantwortlichen. Weder Besatzung noch Kommandant wusste, wohin die Reise ging.

Aus Geheimhaltungsgründen sollte Emily Ruete erst in dem ägyptischen Hafen Port Said zusteigen. Sie fuhr mit ihren Kindern über Breslau und Wien nach Triest. Dort stach am 5. Juli 1884 der Lloyddampfer „Venus“ nach Alexandria in See. Dann reiste die Prinzessin mit dem Kriegsschiff „Adler“ ins Rote Meer. Hier erfuhr sie, dass Bismarck seine Pläne noch erweitert hatte: Die Prinzessin sollte nun nicht mehr nur an Bord eines Kriegsschiffs, sondern am 7. August 1885 gleich an der Spitze eines ganzen Geschwaders in ihre Heimat zurückkehren. Denn England war in diesem Herbst in Zentralasien in neue Konflikte mit Russland geraten und konnte eine ernsthafte Konfrontation mit Deutschland kaum herausfordern. Außer der „Bismarck" und „Adler" gingen auch „Stosch" und „Gneisenau" unter dem Kommando des Admirals Eduard von Knorr (1840-1920) in der Bucht von Sansibar vor Anker, und die kaiserliche Marine richtete drohend ihre Kanonen auf den Palast.

Dem Sultan war die weltpolitische Lage fremd. Er stellte sich stur und bat um englische Hilfe. Erst als der britische Generalkonsul Sir John Kirk nur bedauernd mit den Achseln zuckte, entschloss sich Bargasch zu Verhandlungen mit den Deutschen.

Emily Ruetes Anspruch bildete jedoch nur formal den ersten Punkt der Tagesordnung. Ihren Wünschen hatte Bismarck einen Katalog eigener Forderungen hinzugefügt. Bargasch sollte die Schutzherrschaft des Deutschen Reichs über Usagara, Nguru, Useguha, Ukami und Witu anerkennen - alles Länder an der afrikanischen Ostküste, die seit Jahrhunderten zu Sansibar gehörten. Dem Sultan blieb nichts übrig, als zuzustimmen. Seiner Schwester ließ er als Entschädigung 6000 Rupien (10.000 Goldmark) anbieten. Emily Ruete lehnte ab. Admiral von Knorr kabelte um neue Direktiven nach Berlin. Die Antwort war kurz und unmissverständlich: Der Admiral solle die Interessen des Reichs höher werten als die der Familie Ruete. „Für Frau Ruete können wir nicht Krieg führen."

Der Admiral war nicht mehr überrascht, als er die Hintergründe erfuhr: London hatte Berlin wissen lassen, es wolle über Helgoland verhandeln. Die rote Nordseeinsel, die 1714 dänisch und 1814 englisch geworden war, besaß Ende des 19. Jahrhunderts keine strategische Bedeutung mehr: Im Kriegsfall konnten deutsche Truppen die Insel besetzen, ehe der erste britische Schornstein am Horizont auftauchte.

Caprivi wies Knorr an, alles zu vermeiden, was die Engländer verärgern konnte. Das Geschwader dampfte ab. Enttäuscht verließ Emily Ruete ihre Heimat für immer, „nicht ohne Weh im Herzen".

In ihren Memoiren erzählte sie, wie der Bruder, Sultan Bargasch, sie in Sansibar hatte bespitzeln lassen. Kaufleuten hatte er sogar verboten, ihr Waren zu verkaufen oder Esel zu vermieten. Sklaven, die mit ihr sprachen, wurden ins Gefängnis geworfen.

„Jeder, der die Verhältnisse in Sansibar kennt, weiß genau, dass der Sultan nur in kleinen Sachen der Herrscher ist“, spottete sie über den untreuen Bruder, „während im Großen der englische General-Konsul alles regiert." Doch hatte sie in der Heimat auch viele Freunde getroffen, die ihr zuflüsterten: „Bleibet bei uns, wir wollen gerne Eure Untertanen werden, Herrin!"

Durch einen Kabinettsturz in England, den Tod Kaiser Wilhelms I. und Sultan Bargaschs im Jahr 1888 wurde das deutsch-englische Geschäft aufgeschoben. Erst 1890, als Bismarck entlassen und Caprivi sein Nachfolger geworden war, wurde der Tauschhandel vollzogen: Das Deutsche Reich gab Wituland an der Küste von Nordkenia und einige kleinere Kolonien bei Mombasa, in Uganda und in Betschuanaland zugunsten Englands auf. Außerdem verpflichtete sich Deutschland, Englands „Schutzherrschaft" über die Inseln Sansibar und Pemba anzuerkennen.

England hatte dafür den Sultan veranlasst, dem Deutschen Reich einen 16 Kilometer breiten Küstenstreifen zu verkaufen, der Deutsch-Ostafrika vom Meer trennte. Außerdem erhielt Deutschland den „Caprivi-Zipfel" in Südwestafrika - und natürlich Helgoland.

Der britische Afrikaforscher Henry Morton Stanley (1841-1904) war überzeugt, dass seine Landsleute bei dem Handel das bessere Geschäft gemacht hatten: „Die Deutschen gaben einen Anzug für einen Hosenknopf." Bismarck, nach eigener Aussage am 26. Januar 1889 vor dem Reichstag „von Hause aus kein Kolonialmensch", sah das anders. In seinen Memoiren, in denen er Bibi Salme übrigens mit keinem Wort erwähnt, verteidigt er vehement den Helgoland-Vertrag, denn im Besitz des „Felsens" liege „eine Genugtuung für unsere nationalen Empfindungen".

Was Emily Ruete dabei empfand, als sie in ihrer Heimat als Druckmittel  der Deutschen verwandt wurde, ist unbekannt. In ihren Memoiren schreibt sie jedenfalls nichts Böses über ihr neues Vaterland. An den Engländern aber, die sie 1875 in London beim Besuch des Bruders Bargasch ausgetrickst hatten, lässt sie kein gutes Haar: „Da war ich nicht die Deutsche, für welche der Engländer keine Spur Interesse zu haben brauchte, sondern die Schwester des Sultans, die englischem Interesse hätte schaden können." Der „englischen Regierung", so die Autorin weiter, „verdanke ich mein Elend, ja durch ihre Hinterlist habe ich den wahren Glauben und das Vertrauen an die Menschen verloren."

Ob sie in diesem Moment der Ohnmacht an die schönen Kindheitstage auf Sansibar gedacht hat, als sie noch eine „Kibibi", eine junge Herrin, war, mit Schmuck überladen durch den väterlichen Palast mit unzähligen feinen Zimmern lief, auf weißen Eselchen ritt, von Sklavenscharen verwöhnt wurde und in die mit „einer Menge baares Geld in funkelnden Goldstücken" gefüllten Schatzräume des Sultans schaute?

Emily Ruete lebte nach dem letzten Besuch in Sansibar einige Jahre in Jerusalem, kehrte um die Jahrhundertwende nach Deutschland zurück und musste schließlich das Angebot des Sultans aus Sansibar, 10.000 Goldmark, aus materieller Not doch akzeptieren. Nicht sehr üppig, diese Erbschafts-Abfindung für die Prinzessin, wenn man bedenkt, was Bismarcks Flotten-Aufmarsch im Hafen von Sansibar gekostet hat: rund 1,5 Millionen Mark.

Im Alter von 81 Jahren starb Emily Ruete 1924 in Hamburg. Dort, auf dem Ohlsdorfer Friedhof, ist auch ihr Grab. Die Nachwelt hat der arabischen Prinzessin keine Kränze gewunden. Im Gegenteil, heute späte Kritiker der deutschen Kolonial-Eroberung in Ostafrika tadeln aus sicherer Distanz die Kaufmannswitwe, sie habe sich als „Instrument", als „Agentin deutscher Ostafrika-Pläne missbrauchen" lassen.

Als Emily Ruete starb, hat sie vermutlich gewusst, dass sie nur ein winziger Spielball der Weltpolitik gewesen war. Und vielleicht hat die alte Dame in ihrer letzten Stunde an das Abschieds-Gedicht gedacht, das arabische Freundinnen ihr schrieben, als sie Sansibar für immer verließ:

  „Mein Körper ist abgemagert, und meine Tränen sind unaufhaltsam;

  eine nach der anderen rollt über meine Wangen, wie die Wogen des Meeres.

  Oh, Herr des Weltalls! Führe uns zusammen in unserm Tode,

  und sei es auch nur einen einzigen Tag vorher.

  Wenn wir leben, werden wir zusammenkommen!

  Und wenn wir sterben, bleibt der Unsterbliche."

Kolonialismus - Ausverkauf auf dem Globus

Colonia Claudia Ära Agrippinensis: Diesen Namen erhielt vor 1931 Jahren eine römische Besitzung auf heutigem deutschem Boden zu Ehren der Kaiserin Agrippina. Der Kürze wegen sagte man bald Colonia Agrippinensis und schließlich nur noch Colonia. Noch kürzer sagt man heute „Köln". Der „colonus" ist im Lateinischen der Feldbauer oder Ansiedler und die „colonia", die Kolonie, eine außerhalb der Heimat gegründete Niederlassung. Phönizier, Griechen, Römer, Chinesen, Araber und Türken: Sie alle verfolgten bereits im Altertum eine Politik kolonialer Ausdehnung, sei es aus wirtschaftlichen, sei es aus militärischen Gründen. Unterdrückung und Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung und die Plünderung der Rohstoffe ihrer angestammten Gebiete sind mit dieser „Ausdehnung" zumeist untrennbar verbunden.

Die große Zeit Europas in diesem traurigen Spiel von Gewalt und Ausbeutung brach an, als Portugiesen und Spanier damit begannen, die Welt zu erkunden: Amerika wurde entdeckt und eine direkte Seeroute nach Ostasien ausfindig gemacht.

Entdeckung, Eroberung, Handelsbeziehung: Nach diesem Muster vollzog sich Schritt für Schritt die Herrschaft Europas über die Welt. Jede neue Kolonie, jeder Handelsstützpunkt brachte die Wirtschaft des alten Erdteils in Schwung. Die Gold- und Silberschätze Amerikas steigerten den Geldumlauf und beschleunigten wirtschaftliche und soziale Entwicklungen. Asiatische Gewürze und amerikanische landwirtschaftliche Produkte ließen den innereuropäischen Handel wachsen. Auch die Gewinnchancen wuchsen. Der Fernhandel bewirkte einen ungeahnten Aufschwung von Handelsmarinen und Schiffswerften.

Portugiesen und Spanier hatten den europäischen Kolonialismus der Neuzeit begründet. Sie blieben nicht lange allein. Bald balgten sich Franzosen und Holländer, Engländer und Belgier, Spanier und Portugiesen um die besten Brocken auf dem Globus außerhalb des Abendlandes. Russland und die Vereinigten Staaten dürfen als Kolonialmächte nicht vergessen werden.

Die deutschen Kolonien

Auch die Deutschen spielten in der Kolonialgeschichte eine wenn auch kurze Rolle. Was sie als Nachzügler seit 1884 bekamen und bereits 1919 wieder verloren hatten, ist schnell aufgezählt.

In Afrika: Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo.

Im Pazifischen Ozean: Deutsch-Neuguinea mit Kaiser-Wilhelms-Land, Bismarckarchipel, Karolinen, Marianen, Palau- und Marshallinseln sowie Nauru, Opulu und Sawai im Archipel von Samoa. In China besaßen die Deutschen Kiautschou in Pacht.

Das gesamte deutsche Kolonialreich umfasste zweieinhalb Millionen Quadratkilometer mit einer Bevölkerung von etwa 15 Millionen Menschen. Die Bundesrepublik nimmt mit Berlin eine Fläche von rund 250.000 Quadratkilometern ein.

Für das Deutsche Reich war der wirtschaftliche Nutzen der Kolonien gering. Sie kosteten den Steuerzahler mehr, als sie einbrachten. Einzelne Gesellschaften verdienten sich allerdings goldene Nasen.

Noch 1871 war Bismarck nicht sehr angetan von dem Gedanken an deutsche Besitzungen in Übersee. „Ich will auch gar keine Kolonien", sagte er. „Die sind bloß für Versorgungsposten gut. - Für uns in Deutschland – diese Kolonialgeschichte wäre für uns genauso gut wie der seidene Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben."

Dennoch kam es zur Errichtung deutscher Protektorate in Afrika. Was Abenteurer und Geschäftemacher erwarben, indem sie Häuptlinge übers Ohr hauten, das glaubte das Reich schließlich schützen zu müssen. Die auf einen „Platz an der Sonne" - so hieß das damals - versessene deutsche Öffentlichkeit klatschte Beifall.

Als erstes erhielten die Erwerbungen des Kaufmanns Adolf Lüderitz an der Küste Südwestafrikas Unterstützung aus Berlin. Der Bremer Kaufmann hatte 1883 Verträge mit Eingeborenen abgeschlossen. Auf seine Bitten teilte Kanzler Bismarck 1884 mit, dass Lüderitz unter dem Schutz des Reiches stehe. Nach allgemeiner Ansicht hat sich Deutschland als Kolonialmacht nicht schlechter aufgeführt als andere Länder auch, doch das war schlimm genug: „Kolonialzweck war stets die rücksichtslose und entschlossene Bereicherung des eigenen Volkes auf anderer, schwächerer Völker Kosten“, zitiert Golo Mann in seinem Buch „Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" und fügt hinzu: „Das hätte ein Engländer nicht gesagt, oder doch viel hübscher, nicht mit so wenigen rauen Worten."

 



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