Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht: Tod am Landwehrkanal

Mittwoch, 15. Januar 2014

Vor 95 Jahren wurden die Sozialrevolutionäre in Berlin ermordet. Die Strafverfolgung der Täter war eine Farce.

 

Lenin nannte sie einen „Adler unter Hühnern", was sie nicht hinderte, seine blutige Abrechnung mit politischen Gegnern zu tadeln. Der SED-Staat reklamierte sie als Galionsfigur und reagierte mit geballter Aggressivität, als ihr berühmtestes Wort gegen ihn ins Feld geführt wurde, und die Umstände ihrer Ermordung blieben bis heute unaufgeklärt: Rosa Luxemburg beschäftigt ihre Nachwelt wie kaum eine andere Frau des Jahrhunderts.

Die nach amtlichen Unterlagen am 5. März 1870, nach eigenen Angaben aber erst 1871 im ostpolnischen Zamosc geborene Tochter wohlhabender jüdischer Kaufleute war eine Musterschülerin. Mit 19 Jahren studierte sie als eine der ersten Akademikerinnen in Zürich. Sie wurde Doktor der Nationalökonomie. Brillante Beiträge in der sozialistischen Presse machten sie bald bekannt. Die großen Sozialdemokraten August Bebel und Karl Kautsky förderten sie.

Seit 1898 lebte Rasa Luxemburg in Berlin. 1905 beteiligte sie sich an der ersten russischen Revolution. Nach deren Scheitern strebte sie eine Führungsfunktion in der SPD an. Als Publizistin, Rednerin und Dozentin an der Parteischule versuchte sie die polnisch-russische Revolutionsstrategie nach Westeuropa zu übertragen. Als ihr das nicht gelang, verbündete sie sich mit Karl Liebknecht auf dem äußersten linken Flügel der SPD.

Ihre politischen Gegner fürchteten vor allem die große Faszination der Revolutionärin. Der damalige 1. Generalstabsoffizier der Gardekavallerie-Schützen-Division in Berlin, Oberst Waldemar Pabst, erklärte nach dem Besuch (in Zivil) einer ihrer Versammlungen: „Sie ist gefährlicher als alle anderen, auch die mit der Waffe."

Die Garde-Schützen-Division war die militärische Hauptstütze der SPD-Regierung Friedrich Eberts und Philipp Scheidemanns gegen die von der SPD abgespaltenen USPD-Kräfte und Spartakisten, die eine Räte-Republik nach sowjetischem Vorbild anstrebten - obwohl gerade Rosa Luxemburg das grausame Vorgehen Lenins heftig kritisiert hatte. Nach Massenexekutionen linker Sozialrevolutionäre, die Lenins Allmachtsanspruch im Wege standen, hatte Rosa Luxemburg bemerkt: „Der Eindruck von der letzten Wendung der Dinge ist im allgemeinen hundsmäßig." Mehr verbot ihr wohl die sozialistische Solidarität. „Man möchte die Beki" - gemeint waren die Bolschewiki - „mächtig beschimpfen", schrieb sie, „aber natürlich, die Rücksichten erlauben das nicht."

Als ein als Polizeipräsident Berlins eingesetztes USPD-Mitglied aus dem Amt entfernt worden war, kam es zum bewaffneten Aufstand der Kommunisten und Sozialisten. Militär, Freikorps und Bürgerwehren verteidigten die junge Weimarer Demokratie. Pabst leitete einige ihrer Aktionen. Am Abend des 15. Januar nahmen Mitglieder der Wilmersdorfer Bürgerwehr Rosa Luxemburg, Liebknecht und den späteren DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck fest und brachten sie zu dem Oberst. Pabst verhörte die Gefangenen und beschloss, sie zu beseitigen. Als Helfer standen Freikorpsleute und junge Marineoffiziere bereit, die in den Sozialisten Vaterlandsverräter sahen.

Zuerst wurde Karl Liebknecht abgeführt und, wie später bekanntgemacht wurde, „auf der Flucht erschossen". Seinen Leichnam lieferten die Täter bei einer Rettungswache am Zoo ab. Dann, gegen 23.40 Uhr, wurde Rosa Luxemburg aus dem Stabsquartier im Hotel Eden herausgeführt. Auf dem Bürgersteig trafen sie zwei Hiebe mit einem Gewehrkolben. Die Mörder warfen die Verletzte in ein Auto und rasten davon. Schon 40 Meter weiter fiel der tödliche Schuss. Der Leichnam wurde in den Landwehrkanal geworfen.

Vor Gericht wurde der Ex-Fliegeroffizier Freikorps-Oberleutnant Kurt Vogel verurteilt – aber nur „wegen Beiseiteschaffens einer Leiche", zu zwei Jahren und vier Monaten Haft. Er floh nach Holland und wurde dort interniert. Die Nazis amnestierten ihn 1934 und bezahlten ihm sogar eine Kur. Er starb 1967 im Alter von 78 Jahren.

Wirklicher Täter sollte der Marineleutnant Wilhelm Souchon gewesen sein, der diesen Vorwurf jedoch stets bestritt. Er wurde zwar ebenfalls vor das Kriegsgericht geladen, aber sein Prozess wurde so gesteuert, dass es nicht  zu einer Verurteilung kam. 1920 floh Souchon 1920 nach Finnland und arbeitete dort als Bankkaufmann. 1935 kehrte er zurück, trat in die Luftwaffe ein und stieg zum Oberst auf. Nach dem Krieg lebte er unbehelligt in Bad Godesberg. Er starb 1982 mit 86 Jahren.

Von den Mördern Karl Liebknechts kamen nur Otto Runge und Horst von Pflugk-Harttung vor Gericht. Sie wurden zu geringen Gefängnisstrafen verurteilt, die sie nicht einmal antreten mussten. Bei der Berufungsverhandlung sprach ein preußisches Militärgericht sie frei. Von den Nazis erhielten sie später Haftentschädigungen. Otto Runge wurde im Mai 1945 von KPD-Mitgliedern in Berlin aufgespürt und in der sowjetischen Kommandantur in der Prenzlauer Allee erschossen.

Horst von Pflugk-Harttung baute später in de Dänemark ein Agentennetz auf und wurde nach seiner Enttarnung 1939 nach Deutschland abgeschoben. Als Marineoffizier geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wurde später britischen Stellen übergeben und 1947 aus dem Internierungslager Eselheide entlassen. Er lebte von 1950 bis zu seinem Tod 1967 als Kaufmann in Hamburg.

Die SED reklamierte Rosa Luxemburg als eine ihrer Vorkämpferinnen. Im Jahre 1989 aber, zum Jahrestag der Ermordung, skandierten DDR-Oppositionelle das Luxemburg-Wort „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden". Die Urheberin hatte damit allerdings wohl immer nur Andersdenkende unter prinzipiell Gleichgesinnten auf dem gemeinsamen Marsch zur kommunistischen Weltrevolution gemeint; erst heute wird das Zitat von interessierter Seite so ausgelegt, als sei Rosa Luxemburg eine Anhängerin pluralistischer Demokratie gewesen. Gleichwohl wussten sich die SED-Bonzen gegen die Proteste, die schließlich zum Fall der Mauer führten, nur mit einer armseligen Spitzfindigkeit zu verteidigen. Das Zitat, so DDR-Chefagitator Karl-Eduard von Schnitzler, finde sich in den Luxemburg-Schriften lediglich als Randnotiz, aber „nicht als Programm oder gar als Bekenntnis".

 



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