Karl Dall: Der Talkmaster, bei dem die Gäste baden gehen

Mittwoch, 15. Januar 2014

Vor 25 Jahren setzte der populäre Entertainer mit einer ungewöhnlich frechen Samstagabend-Plauderei neue Massstäbe. Die Reportage vom 13.Januar 1989 erklärt, warum. Eine Hommage.

Karl Dall blickt mit gespielter Bangigkeit zur Decke. "Hoffentlich werden unsere Scheinwerfer nicht zu heiß", unkt er, "bei 70 Grad geht hier die Sprinkler-Anlage los – und dann haben wir eine völlig verwässerte Show…"

Die Sendung, diesmal aus dem Ballsaal des neuerbauten Hotels "Interkontinental" in Stuttgart, heißt "Dall-As", ging diesen Monat zum 100. Mal über die Bühne und ist der kurzweiligste Talk-Treff deutscher, wenn auch mitunter leicht beschwerter Zunge.

Alle 14 Tage von RTL-plus ausgestrahlt, schafft "Dall-As" selbst gegen Einschaltquoten-Eminenzen wie Gottschalk &  Carrell mit zwei Millionen Zuschauern verblüffende 15 Prozent Sehbeteiligung – mehr als jede andere Eigenproduktion des deutschen Privatfernsehens.

Den Erfolg verdankt die Show der besonderen Fähigkeit ihres Masters, sich dumm und andere bloßzustellen: Jede noch so ernstgemeinte Bemerkung mit einem Kalauer konternd, führt Taktlos-Talker Dall seinem Publikum Gäste vor, die sich in witzige Wortwechsel mit ihrem vorgeblich vertrottelten Gastgeber einlassen und dabei unter allgemeinem Jubel baden gehen.

"Warum habe ich denn nur so ein Killer-Image?" heuchelt Dall mittags vor einer Maultaschen-Suppe, "also mir ist das ein ,Brezel'!"

Die Karten des ebenso unfairen wie unterhaltsamen Spiels werden bei der Regiebesprechung um 14 Uhr sorgfältig gemischt – diesmal bei Kaffee und Kanapees auf dem grünen Filz des "Hölderlin-Zimmers". Produzent Horst Tempel, 45, über Eisprinzessin Tina Riegel: "Da bieten sich wunderbare Wortspiele an: doppelter Rittberger, eingesprungene Sitzpirouette…" – Dall: "Wir werden Tina den Riegel vorschieben." – Produktionsassistentin Marilyn Jacoby über Fußballer Jürgen Klinsmann: "Der trainiert noch auf dem Feld." – Dall: "Also ein Feldversuch?"

Stärken und Schwächen der Geladenen entscheiden über Art und Abfolge ihrer Auftritte. Dall über Chor-Chef Gotthilf Fischer: "Der muss als erster, der trägt die Show. Der plappert drauflos, den brauchst du nur anzutippen." Dall über die Schauspielerin Annemarie Wendl ("Lindenstrasse"): "Da muss ich natürlich so tun, als ob ich ihre Sendung kenn', jetzt mit den ganzen Aids-Kranken und Schwulen." Dall über Schlagersängerin Nicole ("Ein bisschen Frieden"): "Wenn die nur ihre neue Platte vorsingen und nicht mit mir reden will, gehört sie rausgeschmissen."

Musik ab 19 Uhr, Maske um 20 Uhr, vor dem Saal warten 270 Zuschauer, geködert auch mit kostenlosen Karten und Freibier einer Bremer Brauerei. Karl Dall erzählt Anekdoten: "Tony Marshall wollte unbedingt Champagner, da haben die hinten schnell Weißwein und Selters in eine Flasche ,Veuve Clicquot' gekippt, hat keiner gemerkt." Und der Hund des Schauspielers Gert Haucke hätte die ganze Zeit jagdlustig knurrend auf die Ohren der Münchner Schauspielerin Sabine Mucha gestarrt, die alle Gäste als "Bunny" in einem Häschenkostüm bewirtet.

Regisseur Manfred Weber, 37, murrt unterdessen über die eingeladenen Sänger: "Also bei denen würde ich als Zuschauer abschalten und ganz viele Leute, die ich kenne, auch. Die Titel sind so schwach, können wir die nicht gleichzeitig abspielen? Ist dann schneller vorbei."

Geschminkt begrüßt der Talkmaster erste Gäste. Rennfahrer Huschke von Hanstein erscheint mit Ehefrau – Dall offeriert Alkoholisches: "Wein oder nicht Wein, das ist hier die Frage. Kann Ihre Frau Sie auch betrunken ertragen? Meine kennt mich gar nicht mehr anders." Dall bei Bier zu den Olympiaschwimmern Jens-Peter Berndt und Stefan Pfeiffer, die als "Poolboys" singen: "Heißt ihr so, weil ihr immer Krabben pult?"

Ehe die Gäste an die Reihe kommen, verfolgen sie auf einem Monitor hinter der Bühne, wie es ihren Kollegen ergeht – draußen kommt es ganz dicke. Dall zu Huschke von Hanstein: "Sie haben einen Preis gewonnen – in Bayern sagt man ,Saupreis' dazu. Rallye räumt den Magen auf. Wie kommt das denn, hinten haben Sie Bier getrunken und hier auf einmal Wasser. Herr Suffke von Nierstein… Tuschke von Blechstein, Lutschke von Leckstein …  Knirschke von Kantstein…" Nahm's der Ex-Rennfahrer etwa krumm? "Nein, ich bin daran gewöhnt, dass mit meinem Namen Witze gemacht werden."

Dall zu Annemarie Wendl: "Ich kenn' Sie nur von der Treppe – von der Wendeltreppe…" Dall zu Gotthilf Fischer: "Ich weiß, dass manche, die nicht gut singen können, deinen Chor als Kontakthof benutzen."

Wer es sich zutraut, keilt zurück. Schauspieler Walter Schultheiß, Alt-Pastor aus der ARD-Serie "O Gott, Herr Pfarrer", spottet mit Blick auf Dalls stark ausgedünnte Frisur: "Man kann die Haare nur beglückwünschen, wenn sie diesen Kopf verlassen dürfen." Damit ist er, der Beifall beweist es, als Top-Talker ausgewiesen und für ein weiteres "Dall-As"-Gastspiel qualifiziert.

Auch Howard Carpendale, von Dall hartnäckig "Hau ab du Chippendale" genannt, Heinz Schenk, Mike Krüger, Liesel Christ und Lia Öhr dürfen gerne wiederkommen. Nicht mehr sehen will Dall dagegen den Sänger Roland Kaiser, der im Zorn vorzeitig von der Talk-Bühne stürmte. Politiker sind wegen Proporz außen vor: "Blüm und Möllemann ließen anfragen", berichtete Dall, "aber dann müsste ich ja auch einen Sozius nehmen."

Dalls Traumgast bleibt Loriot. Und seine Traum-Sendung? Bei einem Schlummertrunk um 3 Uhr früh an der Bar gesteht der Nimmermüde: "In Las Vegas ließen sich Dean Martin und Sammy Davis jr. einen Planwagen voll Whisky auf die Bühne rollen. Da haben sie sich dann jeden Abend vor Publikum volllaufen lassen und nur schweinische Witze erzählt. So was würde ich auch gern mal machen. Mit Mike Krüger und Jürgen von der Lippe. Dann könnte die Nation mal zuschauen, wie drei gestandene Männer unter Alkohol ganz stark abbauen. Wär' das nicht was?" Ja, das wär' dall.

 



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