Berlins Gedächtniskirche als Drogenversteck

Freitag, 17. Januar 2014

Immer mehr Sozialbetrüger, Grüne fordern höhere Benzinsteuern, Vorwürfe gegen PDS-Politiker: In DIE WOCHE RETRO zeigen Ausgaben der Kolumne „Von Tag zu Tag“, welche Nachrichten vor 15 Jahren berichtens- und bedenkenswert waren. Heute: Die Ausgabe vom 17. Januar 1999.

SONNTAG

Die Berliner Gedächtniskirche wird immer häufiger als Drogenversteck missbraucht: Unter den Sitzen verbergen Dealer Heroin und Kokain. Paula Modersohn-Becker: „Kirchen sehe ich hier genug. Aber fromme Augen sehe ich so wenig."

MONTAG

Hamburgs Sozialsenatorin ließ die 82.000 sozialhilfeabhängigen Haushalte der Hansestadt überprüfen. In 36.500 Fällen besteht Verdacht des Betruges, 10.000 Sozialhilfeempfänger werden vorgeladen. Ein 57jähriger verschwieg ein Anwesen in der Karibik. Wert: 950.000 Mark. Joana Maria Gorvin: „Früher hat man aus der Not eine Tugend gemacht. Heute macht man aus der Tugend eine Not."

DIENSTAG

Die Sprecherin der „Grünen", Gunda Röstel, fordert noch höhere Benzinsteuern. Umweltministeriums-Sprecher Michael Schroeren kündigt an, dass eventuell auch Autos mit Katalysator bei Ozon-Alarm einem Fahrverbot unterliegen werden. Wilhelm Busch: „Die Freude flieht auf allen Wegen, /Der Ärger kommt uns gern entgegen."

MITTWOCH

In Schwerin ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen eine PDS-Abgeordnete wegen Steuerhinterziehung. Die Landtags-Vizepräsidentin (PDS) und ein weiterer PDS-Abgeordneter geben Stasi-Dienste zu. Die PDS-Fraktionsvorsitzende tritt zurück, nachdem sie in einer Drogerie Wimperntusche stahl. Arthur Schnitzler:Du kannst einen Menschen daran hindern, zu stehlen, aber nicht daran, ein Dieb zu sein."

DONNERSTAG

Aus Protest gegen Sparmaßnahmen des Hamburger Senats ruft der Deutsche Lehrerverband zu einer Aktion „Ich kündige die Mehrarbeit" auf. Unter anderem sollen Pädagogen nicht mehr an Elternsprechtagen oder Klassenreisen teilnehmen und nur noch „korrekturfreundliche Arbeiten" schreiben lassen. Erich Kästner: „Lasst euch auf den Sofas treiben! / Gut geträumt ist halb gelacht. Hände sind zum Händereiben. / Sprecht schon morgens ,Gute Nacht!'"

FREITAG

Der Deutsche Anwaltverein schlägt vor, dass sich verurteilte Straftäter künftig nur zwei- bis dreimal täglich bei der nächsten Polizeidienststelle melden sollen - das sei diskreter als ein Hausarrest, der die Täter bei den Nachbarn an den Pranger stelle. Stanislaw Jerzy Lec: „Ob der Mensch jemals ein solches Niveau der Moral erreichen wird, dass er für Nomaden mobile Gefängnisse schafft?"

SAMSTAG

Nach der Premiere des Stückes „Der Würgeengel" in Dresden urteilt der Rezensent der „Süddeutschen Zeitung" enttäuscht: „Auf der Bühne wird gewichst, gelutscht, gekotzt und in die Hosen gepisst - das kennt man alles schon und noch viel härter in Action und Ton.“ Nietzsche: „Wir gehören einer Kultur an, deren Kultur in Gefahr ist, an den Mitteln der Kultur zugrunde zu gehen."

Anmerkungen

Die SPD-Politikerin Karin Roth 1998-2001 Senatorin für Arbeit, Gesundheit und Soziales der Freien und Hansestadt Hamburg. Seit 1994 ist sie Vorsitzende des DGB-Landesbezirks Nordmark.

Gunda Röstel war 1996 bis März 2000 Sprecherin des Bundesvorstandes von Bündnis 90/Die Grünen war. Im Oktober 2000 wechselte sie Managerin für Projektentwicklung und Unternehmensstrategie zur Gelsenwasser AG, damals Tochterunternehmen des Energieversorgers E.ON. Seit 2010 ist sie Vorsitzende des Hochschulrates der Technischen Universität Dresden.

Die PDS Mecklenburg-Vorpommern geriet 1999 nach elf Wochen Regierungsbeteiligung in einer Koalition mit der SPD in eine schwere Krise. Die Betroffenen gingen allerdings unbeschadet daraus hervor. Die Fraktionsvorsitzende Caterina Muth stahl in einem Neubrandenburger Drogeriemarkt einen Eyeliner für 8,95 DM und Wimperntusche für 13,95 DM. 2004-2009 war sie Ratsfrau in Neubrandenburg und dort Finanzausschussvorsitzende. Sie ist heute selbständige Grafikdesignerin. Gabriele Schulz trat wegen ihrer Stasi-Kontakte als Landtags-Vizepräsidentin zurück. 2002-2009 war sie Parlamentarische Geschäftsführerin der PDS-Landtagsfraktion, Sprecherin der Fraktion Die Linke für Kommunalpolitik und stellvertretende Vorsitzende der Enquetekommission des Landtages „Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung“. Der Abgeordnete Torsten Koplin wurde als Stasi-Spitzel enttarnt. Er blieb im Landtag und ist dort seit 2011 Vorsitzender des Finanzausschusses. Gegen die PDS-Abgeordnete Kerstin Kassner wurde wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt. Seit 2001 ist sie Landrätin des Landkreises Rügen. Im Fall des parteilosen PDS-Fraktionsmitglieds Monty Schädel beantragte das Oberlandesgericht Rostock die Aufhebung der Immunität: Gegen ihn lief ein Revisionsverfahren wegen Fahnenflucht. Der Totalverweigerer hatte sich 1995 von der Bundeswehr entfernt und war in erster Instanz zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Er ist seit 2007 Politischer Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK).

 

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