New Age: Die neuen Heilmethoden - Chance oder Schwindel?

Freitag, 17. Januar 2014

Kräuter gegen Kreislaufstörungen, Meditieren gegen Verdauungsbeschwerden: Vor 25 Jahren erreichte einer Bewegung ihren Höhepunkt, die auch in Deutschland besonders den Gesundheitssektor durchdrang. Unsere Anfang 1989 erstmals erschienene Serie blickte hinter die oft abenteuerlichen Heilungs- und Heilsversprechen. In der ersten Folge ging es um Ayurveda.

Zwanzig Jahre lang litt die Besitzerin einer Reinigungsfirma aus Freiburg unter einer Schuppenflechte. Kein Arzt konnte ihr helfen. Dann machte die 48jährige drei Wochen lang „Panchakarma" - kurz darauf war die quälende Hautentzündung verschwunden. Unglaublich, aber wahr? Die Geschichte der glücklichen Genesung zählt zum Reklame-Repertoire eines Hauses, in dem sich schon Tausende einer ungewöhnlichen Heilmethode anvertrauten: des „Maharishi Ayurveda Gesundheitszentrums" in Schledehausen bei Osnabrück.

„Ayur" heißt in der altindischen Schriftsprache Sanskrit „Leben", und „veda" bedeutet „Wissen". Die ältesten Aufzeichnungen dieser Naturheillehre entstanden schon vor über 2000 Jahren. Im Westen wurde sie jetzt mit der „New Age"-Bewegung populär – vor allem durch Maharishi Mahesh Yogi, 77, dem auch als Guru der Beatles bekannt gewordenen Begründer der umstrittenen Heilslehre „Transzendentale Meditation" (TM).

Nach Ayurveda werden alle Körperfunktionen von drei Lebenssäften bestimmt: Wind, Galle und Schleim. Krankheiten entstehen, wenn diese drei „Doshas" ins Missverhältnis geraten. Besserung bewirken können, so die Ayurveda-Heiler, fein aufeinander abgestimmte Reinigungs- und Verjüngungsverfahren („Panchakarma"). Sie ziehen angeblich Gifte und Stoffwechselschlacken heraus, regen die Selbstheilungskräfte an und bringen die „Doshas" wieder in Einklang.

In Schiedehausen behandeln Dr. Karin Pirc, 37, und Dr. Hans Schäffler, 37, seit 1985 in 35 Betten Patienten vor allem mit Verdauungs-, Kreislauf- und Stoffwechselstörungen bis zu drei Wochen lang. Die Therapie besteht aus Ölmassagen, Kräuterdampfbädern, Kräuterpackungen und Einläufen. Den Puls fühlen Ayurveda-Ärzte mit allen Fingern - sie glauben, so den Zustand innerer Organe ertasten zu können.

Die Patienten schlucken Kräutermischungen, hören altindische Musik und meditieren - vielleicht auch über die Preise: pro Tag sind 220 DM fällig. Eine „Stressreduktionswoche" kostet 1580 DM, ein dreiwöchiges „Seniorenprogramm" 3546 DM. Und die Krankenkasse hat noch nie einen Pfennig dazu bezahlt...

Bundesweit wenden bisher zwei Dutzend Ärzte in Naturheilpraxen die indische Gesundheitslehre an. Für die Ayurveda-Therapie im eigenen Heim verschickt der studierte Elektriker Dr. Ing. Bernhard Wenzel aus Dahlheim bei Koblenz über seinen „Amrita-Versand" ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel - eigentlich, meint er, seien es Medikamente, doch ist ihm diese Bezeichnung durch das deutsche Arzneimittelgesetz verboten. Das Kilo aus Indien importierter Kräuterpaste mit Stachelbeergeschmack sowie 60 Tabletten aus seltenen Himalaja-Kräutern reichen für einen Monat und kosten zusammen 150 DM.

Seit 1985 erschienen in der Bundesrepublik bereits elf Bücher über Ayurveda. Und Brigitte Bertrand, 54, Inhaberin eines „Natur-Schlaf-Versands“ in Berg am Starnberger See, organisiert schon „Ayurveda-Ferienreisen“ nach Sri Lanka: ins Hotel Kalavati in Ratnapura mit Flug und „Ayurveda-Diät“ für 2345 DM (14 Tage).

Seriöse Wissenschaftler warnen davor, Ayurveda-Ärzten zu viel Vertrauen zu schenken. Der Tübinger Mediziner Prof. Hermann Ammon, der diese Naturheilkunde seit 1979 im Auftrag der baden-württembergischen Landesregierung auf mehreren Indien-Reisen studierte, urteilt: „Die Erwartungen, die viele an diese Medizin knüpfen, können nicht erfüllt werden. Der Ayurveda ist zwar ein in vielen Jahrhunderten gewachsenes Kulturgut, aber unserer modernen wissenschaftlichen Medizin hoffnungslos unterlegen. Außerdem: 70 Prozent der Inder werden bis heute nach Ayurveda-Regeln behandelt - ihre durchschnittliche Lebenserwartung liegt immer noch bei 45 Jahren, unsere dagegen inzwischen bei 75 Jahren."

Über „Ayurveda"-Kräutermischungen sagt der Pharmakologie-Professor Erwin F. Jenny vom Baseler Arzneimittelhersteller Ciba-Geigy: „Wir unterhalten seit 1963 ein Ayurveda-Forschungszentrum in Indien. In einer Ayurveda-Klinik in Bombay testen wir jedes Jahr sechs Präparate. Wir haben aber noch nie eine Heilwirkung gefunden." Dagegen orteten die Schweizer in der angeblichen Medizin zum Beispiel Quecksilberoxyd - ein Gift, das in der Bundesrepublik Farben beigemischt wird, um Algen von Schiffsrümpfen fernzuhalten.

Viele New-Age-Heiler sind bis heute am Werk, neue kamen hinzu. Ihre Methoden haben sich kaum verändert. Die Zweifel der Schulmediziner sind bis heute nicht geringer geworden.



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