Bio-Feedback: Licht und Töne für Herz und Magen

Sonntag, 19. Januar 2014

Gelb-Oranges Licht, Meeresrauschen und Orgel-Dreiklang lindern Hirn-Stress: Vor 25 Jahren erreichte einer Bewegung ihren Höhepunkt, die auch in Deutschland besonders den Gesundheitssektor durchdrang. Unsere Anfang 1989 erstmals erschienene Serie blickte hinter die oft abenteuerlichen Heilungs- und Heilsversprechen. In der dritten Folge ging es um Bio-Feedback.

Jahrzehntelang belächelten westliche  Wissenschaftler Berichte über indische Fakire, die angeblich ihren Blutdruck herabsetzen, ihren Herzschlag verlangsamen oder das Atmen einstellen konnten. Inzwischen aber steht fest: Auch normal Sterbliche können scheinbar vegetative, vom Willen unabhängige Körperfunktionen wie Durchblutung oder Verdauung beeinflussen – durch Bio-Feedback.

Der 1961 von dem US-Mathematiker Norbert Wiener geprägte Begriff bedeutet "Rückmeldung" und bezeichnet eine neue Therapie, die jetzt auch bei uns immer häufiger eingesetzt wird: Der Patient erhält durch moderne elektronische Messgeräte Informationen über Vorgänge in seinem Körper, die er mit seinen natürlichen Sinnesorganen nicht beobachten kann. Diese Informationen befähigen ihn, die internen Vorgänge teils bewusst, teils unbewusst in einer für seine Gesundheit günstigen Weise zu beeinflussen.

Erfolgreichstes unter verschiedenen Bio-Feedback-Verfahren ist das Respiratorische Feedback, das Atem-Feedback von Prof. Dr. med. Hanscarl Leuner, ehemals Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik an der Uni Göttingen. Der Patient setzt dabei ein Gerät auf, das einer Skibrille mit Ohrenschützern ähnelt. 30 Zentimeter über seinem Zwerchfell hängt ein Sensor, der die Atembewegung abtastet. Bei jedem Atemzug sieht der Kranke ein warmes, gelb-oranges Licht, das beim Einatmen immer heller wird und beim Ausatmen schwindet.  Gleichzeitig hört er einen anschwellenden und dann wieder abklingenden Laut – "entweder Meeresrauschen", erklärt der Erfinder, "oder einen Dreiklang-Orgelton in Moll."

Licht und Laut wirken auf die Substantia reticularis, ein wichtiges Steuerungszentrum im Gehirn. Sie setzen die Hirntätigkeit herab und rufen einen tiefen Entspannungszustand des ganzen Körpers hervor. Er wirkt heilsam - bei Schlaflosigkeit und Migräne, Bluthochdruck oder Angstgefühlen, Erkrankungen des Magen- und Darmtrakts, Stressanfälligkeit und manchen Unterleibsbeschwerden. Beispiele:

Eine 44jährige Raumpflegerin klagte über Herzklopfen, Angstzustände, Übelkeit, Nervosität. Seit der Behandlung ist sie viel ruhiger: „Ich fühle mich wie neugeboren."

Eine 27jährige Geschäftsfrau litt seit zwei Jahren unter Atembeschwerden und Herumflattern, war nervlich überanstrengt, leicht reizbar. Nach der Behandlung sagte sie: "Mein Herz merke ich gar nicht mehr, meine Atembeklemmung tritt so gut wie gar nicht mehr auf."

Jede der etwa 45 Minuten dauernden Sitzung mit psychotherapeutischem Gespräch kostet 30 DM. Ob's die Kassen zahlen, ist noch ungeklärt.

Professor Leuner behandelt jährlich 500 Patienten. Die von ihm entwickelten Geräte stellt die Gesellschaft für medizinische Feedback-Geräte GmbH (MFG) in Göttingen her. Preis: 1700 bis 5000 DM. Geschäftsführer Horst Manshausen: "Sie stehen bereits in 3000 Arztpraxen in der Bundesrepublik, der Schweiz, Österreich und jetzt auch in den USA." Inzwischen ließen sich schon mehr als 100 000 Menschen nach der Methode des Göttinger Professors behandeln.

Geräte für andere Bio-Feedback-Verfahren wie das Muskel-Bio-Feedback gegen Kopfschmerzen, das Bio-Feedback der Hauttemperatur gegen Migräne oder das Bio-Feedback der galvanischen Hautspannung kosten bei MFG und anderen seriösen Unternehmen 400 bis 2000 DM. Geschäftemacher locken mit nutzlosen Billigprodukten um 20 DM. Unbewiesen blieben auch die behaupteten segensreichen Wirkungen des „Bendig"-Betts für 2000 DM und "Bio-Swing"-Stuhls (800 DM), deren Liege- und Sitzflächen im Herzrhythmus des Benutzers schwingen. Viele Heilpraktiker bieten Bio-Feedback in ganz eigenen Versionen an.

Professor Leuner: „Mit New Age hat sich eine Psycho-Szene gebildet, in der Leute ohne wissenschaftliche Qualifikation schnell viel Geld verdienen wollen. Mein Verfahren gehört in die Hand des Arztes sowie des klinisch tätigen Psychologen. Nur dort sollten sich Patienten mit Atem-Feedback behandeln lassen."

Viele New-Age-Heiler sind bis heute am Werk, neue kamen hinzu. Ihre Methoden haben sich kaum verändert. Die Zweifel der Schulmediziner sind bis heute nicht geringer geworden.



Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt