Schamanismus: Heilung mit Tanz und Rauch

Dienstag, 21. Januar 2014

Indianer-Magie gegen Straßenräuber, Geistheilung per Telefon: Vor 25 Jahren erreichte einer Bewegung ihren Höhepunkt, die auch in Deutschland besonders den Gesundheitssektor durchdrang. Unsere Anfang 1989 erstmals erschienene Serie blickte hinter die oft abenteuerlichen Heilungs- und Heilsversprechen. In der fünften und letzten Folge ging es um Schamanen.

Der Raum ist in mythisches Dunkel getaucht. Duftschwaden steigen aus einer Räucherpfanne. Vor dem Kranken tanzt eine maskierte Gestalt zum Takt einer Trommel. An ihrem bodenlangen Fellgewand baumeln Klappern und Glöckchen. Schwungvoll schwenkt sie Fahnen, Fetische und Amulette aus Glasstückchen, Federn und Knochen.

Die urtümliche Therapie vollzieht sich nicht mehr nur in indianischen Tipis oder sibirischen Jurten, sondern zunehmend auch in den Behandlungsräumen bundesdeutscher Heilpraktiker. Denn mit der „New Age"-Bewegung wenden sich in den westlichen Industrieländern immer mehr Enttäuschte von der angeblich an ihre Grenzen gestoßenen Schulmedizin ab und vermeintlich wirkungsvolleren magischen Naturheilmethoden zu.

Die primitivste, zugleich aber eindrucksvollste davon ist der Schamanismus, jener noch aus der Steinzeit stammende Glaube, dass Krankheiten von bösen Geistern verursacht würden und durch ekstatische Tänze geheilt werden könnten. Mit „New Age" wird die Urzeit-Medizin jetzt modernisiert: Für die Schamanen von heute sind nicht mehr Dämonen an Beschwerden aller Art schuld, sondern „krankmachende Phänomene der wissenschaftlich-technischen Zivilisation" wie Atom-Angst, Arbeitslosigkeit, Kriegsfurcht oder Umweltverschmutzung.

Übernatürliche Fähigkeiten wollen jedoch auch die neuen Schamanen besitzen, die heute per Jet aus Übersee zum Lehren und Heilen vor allem nach Süddeutschland und in die Alpenländer einfliegen:

Der Cherokee-Indianer „Rolling Thunder" zum Beispiel berichtet, kraft seiner Magie seien einmal zwei New Yorker Straßenräuber an ihm „wie an einer Betonwand" abgeprallt.

Der Huichol-Indianer Don José aus Mexikos Sierra Madre gibt sein Alter mit sage und schreibe 103 Jahren an und behauptet, auch Regen machen zu können.

Die Inderin Sree Chakravart erklärt, mit ihren Fingerspitzen Krankheiten im Körper auf spüren und heilen zu können.

Die Philippinin Letty Guirnalda kann angeblich durch geistheilerische Fähigkeiten selbst schwerste orthopädische Fehler wie unterschiedlich lange Beine korrigieren.

Westliche Heilpraktiker studieren die Medizin sibirischer Völker etwa im Schamanismus-Museum von Ulan-Ude, Hauptstadt der Sowjetrepublik Burjätien in Mittelasien.

Manche sogenannte „weiße Schamanen" wie der Österreicher „Meister Martin Gregory" aus Stockerau bei Wien, der seine Kunst vor zehn Jahren bei den kanadischen Kiowa erlernte, glauben, sogar durchs Telefon heilen zu können. Der einstige Schüler ostasiatischer Taekwondo-Lehrer und Shaolin-Mönche, der bei den Indianern den Namen „Matschlialuta" („Weiße Wolke“) erhielt, will einer Frau in Salzburg durch schamanistische Therapie ein Loch im Herzen geschlossen haben: „Es war plötzlich wieder zu - wie genäht!"

Meister Gregory" hilft aber auch bei weniger gefährlichen Gesundheitsschäden und sogar bei Tieren, zum Beispiel aggressiven Katzen oder gelähmten Dackeln. „Geld nehme ich nicht", sagt er, „aber natürlich muss man mir meine Spesen ersetzen. Die Räucherungen zum Beispiel sind sehr teuer, 1500 bis 2000 DM. Die Kräuter wachsen ja nicht bei mir im Garten, die muss ich mir aus Kanada schicken lassen."

In der Bundesrepublik behandeln zurzeit etwa zwei Dutzend Schamanen für Honorare um 200 DM. Ihre Heilerfolge, sofern echt, beruhen auf den psychischen Wirkungen, die ihre Therapien bei den Kranken auslösen. „Neurosen oder hysterische Lähmungen können durchaus auch von einem Schamanen geheilt werden", meint Professor Dr. Hans Schadewald vom Medizinhistorischen Institut der Universität Düsseldorf, „wenn der Patient nur fest genug an die Wirkung der Zeremonie glaubt."

„Beim Schamanen treten ähnliche Effekte auf wie beim Geistheiler", urteilt der Wiener Psychologe und Psychotherapeut Dr. Heinrich Wallnöfer. „Der Patient, der felsenfest von der Heilwirkung überzeugt ist, löst sie dadurch selbst aus. Wir wissen ja heute, dass veränderte Bewusstseinszustände viele biologische Prozesse wie Blutgerinnung oder Cholesterinspiegel beeinflussen können."

„Von mir aus", sagt Wallnöfer, „kann jeder zum Schamanen gehen - schon allein deshalb, damit er nicht denkt, dass er etwas versäumt. Er sollte aber unbedingt gleichzeitig in fachärztlicher Behandlung bleiben." Denn: „Wenn ein Magengeschwür, das man mit Schamanismus nicht weggekriegt hat, am Ende durchbricht, ist es vorbei."

Viele New-Age-Heiler sind bis heute am Werk, neue kamen hinzu. Ihre Methoden haben sich kaum verändert. Die Zweifel der Schulmediziner sind bis heute nicht geringer geworden.



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