Papst Johannes Paul II. als okkulter Meister der Geomantie

Mittwoch, 22. Januar 2014

New Age im Ostblock: Russen lassen sich von Schamanen heilen, Polen bauen Kirchen mit der Wünschelrute. Vor 25 Jahren gewinnt die „New Age"-Bewegung auch im Ostblock immer mehr Anhänger: Vor allem junge Leute in der Sowjetunion und in Polen entdecken die populäre Pseudo-Philosophie aus orientalischen Heils- und alternativen Gesundheitslehren, okkulten Praktiken und modernen Psycho-Techniken. Unser Report vom Januar 1989 schildert Hintergründe.

Unter dem Schlagwort „New Age" vereinen sich uralter Aberglaube und moderne Esoterik. Der Theologe Hans-Jürgen Ruppert von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZWJ in Stuttgart nennt die Stichworte Okkultismus, Spiritismus, Alchemie, Chirologie, Tarot, Astrologie, Parapsychologie, Hexenglaube, Schamanismus, Geomantik, Runenmagie und Pyramidenenergielehre.

Russische „New Age"-Anhänger lassen sich von sibirischen Schamanen behandeln und reisen in Scharen zum einzigen sowjetischen Schamanismus-Museum in Ulan Ude (Sowjetrepublik Burjätien), das nach einer Mitteilung der sowjetischen „Moscow News" seit Anfang 1989 auch westlichen Besuchern zugänglich ist.

Intellektuelle aus Moskau, Leningrad und anderen Großstädten suchen nach einem Bericht der Münchner „New Age“-Zeitschrift „Connections“ Lebenssinn und -inhalt in der Beschäftigung mit orientalischen Geheimlehren, vor allem bei buddhistischen Mönchen und Angehörigen des islamischen Sufi-Ordens in Mittelasien. Die Meditationspraktiken der Mönche wurden Gegenstand eines neuen Forschungsprojekts der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften.

Westliche „New Age“-Weise fördern den Boom: die von Seelenwanderung, Ufos und den Vorzügen der Unterwassergeburt überzeugte Reinkarnations-Therapeutin Chris Griscom, 46, aus dem US-Staat Arizona besuchte jetzt in Moskau Gleichgesinnte. Schon mehr als 700 russische Frauen legten sich, oft von ihren Ehemännern begleitet, nach Angaben der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik" zur Entbindung in flache Ufergewässer des Schwarzen Meeres.

Außerdem traf sich die Amerikanerin mit der durch die Behandlung des Parteichefs Leonid Breschnew (+1982) auch im Westen bekannt gewordene „Wunderheilerin" Dschuna Dawitschawila und schrieb über Michail Gorbatschow: „Ein Wesen, das aus der Zukunft kommt. Er hat einen holographischen Verstand."

Aus Polen wird über esoterische Vereinigungen berichtet. Anhänger der „Gesellschaft für spirituelles Leben und ganzheitliche Gesundheit Athanor“ zum Beispiel betrachten den Dom der alten Hauptstadt Krakau, so die Frankfurter „New Age“-Zeitschrift “Wege", als „bedeutendes geomantisches Kraftzentrum". Geomantie heißt eine Geheimwissenschaft, die sich mit angeblichen kosmischen Kräften an gewissen Orten oder Bauwerken befasst.

Krakau, so die polnischen Esoteriker, sei ein „Welt-Chakra": Chakren sind in der indischen Naturheillehre Ayurveda sieben Punkte an Scheitel, Stirn, Hals, Brust, Bauch, Steiß- und Schambein des Menschen, durch die angeblich kosmische Energie in den Körper dringt. In einer „Athanor"-Schrift" ist zu lesen, Papst Johannes Paul II. habe als Bischof von Krakau 20 Jahre lang „im energetischen Feld dieses Kraftplatzes" gestanden und sei „ein der Geomantie kundiger Meister". Das zeige sich auch durch die Freundschaft des Papstes zu dem „Seher" Wladyslaw Biernacki, der von polnischen Esoterikern als „Nostradamus des 20. Jahrhunderts verehrt wird. Im 16. Jahrhundert hatte der französische Arzt Michel de Notre-Dame, genannt Nostradamus, verworrene Prophezeiungen bis in das Jahr 3000 niedergeschrieben, die noch heute in astrologischen oder „New Age"-Zeitschriften ausgebeutet werden.

Nach einem Bericht der im bayerischen Pöcking verlegten esoterischen Zeitschrift „2000" sollen zehn Prozent der polnischen Wünschelrutentrager Geistliche sein und ihre Kenntnisse in der sogenannten Radiästhesie dazu benutzen, neue Kirchen nach geomantischen Prinzipien zu bauen. Auf einer vom esoterischen„Frankfurter Ring" organisierten „Woche der Heilung und Ganzheit" in Krakau stellten sich im April 1988 westliche „New Age"-Lehrer ihren polnischen Anhängern vor.

Die starke Zunahme okkulter Praktiken versetzt die katholische Kirche Polens in Sorge. Nach einem Bericht des Warschauer Bistumsblatts fühlen sich immer mehr Jugendliche zum Satanskult hingezogen: Manche Schüler trügen ein nach unten stehendes Kreuz als „Satansseichen" auf der Stirn und gingen in imitierten Priestergewändern zu schwarzen Messen. Zwei Jugendliche wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie auf einem Friedhof Särge geöffnet und einen Hund zerstückelt hatten.

In der „DDR" wurde bereits in den 70er Jahren eine Gruppe junger Thüringer für die Menschenrechtsforderungen amerikanischer Indianer aktiv. Das politische Engagement fand prompt die Unterstützung der „DDR"-Behörden. Als die jungen Leute aber auch die von vielen modernen Indianerführern propagierten „New Age"-Anschauungen übernahmen, den Materialismus kritisierten und ein Leben „im Einklang mit Natur und Umwelt" forderten, wurden sie nach Angaben der Zeitschrift „Connections" als „Reaktionäre" zur Ausreise in die Bundesrepublik gezwungen.

In Ungarn wird eine alte Hexen-Tradition wieder lebendig, angeregt offenbar durch die mit Büchern über „neue Hexen" erfolgreichen Autorinnen Zsuzsanna E. Budapest und Miriam Simos. Die Werke der beiden in Kalifornien lebenden Ungarinnen wurden auch in der Bundesrepublik Bestseller. Als meistbeschäftigter ungarischer „Hexenmeister"' gilt derzeit Joschka Soo, 67, der angeblich vor Jahrzehnten durch einen alten Dorfschmied in schamanistische Geheimnisse eingeführt wurde.

Heute ist in den Länden des ehemaligen Ostblicks nicht mehr viel von New Age zu spüren: Seit sich der Eiserne Vorgang öffnete, interessieren sich die Menschen zwischen Ostsee und Schwarzen Meer mehr für die Realitäten ihrer wiedergewonnenen Freiheit als für die kruden Phantasien einer übersättigten Zivilisation.



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