Liechtenstein: Kleines Vaterland vom stillen (Finanz-)Glück

Freitag, 17. Januar 2014

Vor 295 Jahren wurde das Fürstentum gegründet. Das Ländchen am Oberrhein erlebte eine abenteuerliche Geschichte.

Der Vorgang war eigentlich nur ein Verwaltungsakt, mit dem ein Monarch einem Höfling treue Dienste lohnte: Vor 295 Jahren, am 23. Januar 1719, stellte Kaiser Karl VI. dem Fürsten Anton Florian von Liechtenstein ein Diplom aus, durch das die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg vereinigt und zum Reichsfürstentum erhoben wurden.

Heute bildet das Dokument die Grundlage für die Souveränität der einzigen überlebenden Monarchie deutscher Sprache und des einzigen von den 343 Hoheitsgebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das bis in die Gegenwart überdauerte.

Vor Einzug des Liechtensteiners hatte das kleine Land am Oberrhein oft den Besitzer gewechselt: Seit dem Jahr 15 n. Chr. römisch, seit dem 5. Jahrhundert von Alemannen besiedelt, erst unter ostgotischer, dann unter fränkischer Vorherrschaft, war das Gebiet zwischen Feldkirch und Chur unter Karl dem Großen den Grafen von Bregenz zugesprochen worden. Im Mittelalter gehörte es immer neuen Adelsherren, die es auspressten und dann verschacherten.

Ende des 17. Jahrhunderts besaß Jakob Hannibal II. Graf von Hohenems das Ländchen. Unter dem barocken Potentaten quälten Plünderungen, Brandschatzungen und Hexenverfolgungen die verzweifelten Einwohner, bis sie den Kaiser um Hilfe baten. Karl VI. setzte den Fürstabt von Kempten als Kommissar ein. Der Kirchenmann riet, das verschuldete Land durch Verkauf zu sanieren.

Zuerst wurde 1699 die Herrschaft Schellenberg, das heutige „Unterland", versteigert. Gegen fünf Mitinteressenten, von denen der Bischof von Chur der hartnäckigste war, erhielt Johann Adam von Liechtenstein für 115.000 Gulden den Zuschlag. 1712 kam auch die Grafschaft Vaduz, das heutige „Oberland", unter den Hammer; für 290.000 Gulden fiel es an denselben Käufer.

Zu der Investition bewogen den Chef des niederösterreichischen Herrengeschlechts, das um 1136 erstmals belegt und nach seiner Stammburg bei Mödling südlich von Wien benannt ist, nicht etwa die landschaftliche Schönheit des Rheintals und noch weniger etwa humanitäre Gründe, sondern politische Erwägungen: Schon des längeren hatte er Ausschau nach einem reichsunmittelbaren Land gehalten, dessen Erwerb ihm Sitz und Stimme im Reichstag verschaffen konnte.

Der Plan funktionierte. Im Jahr 1608 wurde Johann Adams Geschlecht in den erblichen Fürstenstand erhoben, und seit dem Diplom von 1619 gehörten die Liechtensteiner dem Reichsfürstenrat an. Das dazu nötige kaiserliche Wohlwollen hatte vor allem Johann Adams Vetter Anton Florian von Liechtenstein (1656-1721) erworben: Er war der Erzieher des jungen Erzherzogs Karl und der Vertraute des späteren Kaisers, hatte Karl VI. durch die Schlachten des Spanischen Erbfolgekrieges (1701 bis 1713/14) der Habsburger gegen Frankreich begleitet und diente ihm als Obersthofmeister bis zum Tod.

In ihrem neuen Ländchen ließen sich die neuen Herren selten sehen. Als Johann Adam sich 1699 seinen Schellenbergern vorstellte, erhoben die verarmten, misstrauischen Bauern erst nach siebenstündigen Verhandlungen die Finger zum Treueschwur. 1712 verlangten auch die Vaduzer, von Versprechungen anderer Adelsherren oft enttäuscht, zunächst die Regelung verschiedener finanzieller Angelegenheiten mit Brief und Siegel.

Es half zunächst wenig: Auch danach residierten die Liechtensteiner lieber in Wien und Prag und ließen das ferne, nur um ihrer politischen Pläne willen gekaufte Gebiet „oben am jungen Rhein" von Landvögten drangsalieren. Erst mit dem Zerfall der k.u.k.-Monarchie nach dem Ersten Weltkrieg bekam das Ländchen einen neuen Stellenwert für seine Fürsten: Die Liechtensteiner nabelten sich von den untergehenden Habsburgern ab und richteten sich nun auf Dauer am Oberrhein ein.

In kluger Voraussicht kehrten sie auch gleich der neuen österreichischen Republik den Rücken und verbandelten sich stattdessen in einer Zollunion mit der neutralen Schweiz. So entgingen sie großdeutschen Gelüsten und blieben auch von den Kämpfen des Zweiten Weltkriegs verschont.

Die Stabilität der Monarchie lockte das Geld Europas an, und das einst so arme Bauernland gedieh zu einem der größten Finanzplätze der Welt, besungen von seinen Bürgern in der Nationalhymne (nach der Melodie von „Heil Dir im Siegerkranz") mit den selbstzufriedenen Versen: „Von grünen Felsenhöh 'n / freundlich ist es zu seh'n/mit einem Blick: / Wie des Rheins Silberband / säumet das schöne Land, / ein kleines Vaterland / vom stillen Glück."

 



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