Euripides: Der Dichter, den riesige Hunde zerrissen

Freitag, 17. Januar 2014

Vor 2420 Jahren starb der große griechische Dichter und Denker. Auf öffentliche Ämter verzichtete er gern

Bei der berühmten Seeschlacht des Jahres 480 v. Chr. vor Salamis, in der die Athener ihre Freiheit gegen die Perser verteidigten, waren auch die drei berühmtesten Dichter der klassischen Antike zugegen: Der älteste, der 50jährige Aischylos, kämpfte mit. Der Zweitälteste, Sophokles, nahm als 17jähriger am Siegesreigen und Festgesang der athenischen Jünglinge teil. Der dritte aber, Euripides, wurde an diesem Tag, dem 5. Oktober, geboren: Seine Eltern waren vor den Persern aus Athen auf die Insel Salamis geflüchtet, sodass sich das Schreien des Säuglings mit dem Schlachtgebrüll der Zehntausenden vermischte.

Sein Vater Mnesarchos war ein Krämer, der außerdem wohl eine kleine Schenke betrieb, seine Mutter Kleito handelte mit Gemüse. Die elterlichen Geschäfte waren einträglich genug, dem Sohn eine sorgfältige Erziehung zu sichern: Der junge Euripides wurde in allen gymnastischen Künsten wie Laufen, Ringen, aber auch Philosophie und Rhetorik so gut geübt, dass er einmal sogar bei den Panatheneien, den alle drei Jahre veranstalteten Wettkämpfen der Athener zu Ehren der Stadtgöttin, siegte.

Ein anderes Mal zählte Euripides zu den Auserwählten aus angesehenen Familien, die den Wettkämpfern bei den Thargelien, den Spielen zu Ehren Apolls, Wein reichen durften - eine Ehre, die sich mit dem Prestigegewinn eines Balljungen in Wimbledon vergleichen lässt.

Der junge Mann entwickelte eine Vielzahl von Talenten. Zuerst als Maler erfolgreich, schloss er sich bald dem Naturphilosophen Anaxagoras an, der als einer der ersten lehrte, dass die Sonne und die anderen Himmelskörper keine Götter, sondern glühende Gesteinsmassen seien.

Auch von den Philosophen Prodikos und Protagoras wurde Euripides beeinflusst. Der eine wurde durch die religionsgeschichtliche Erkenntnis berühmt, dass die Menschen alles zu Göttern ernannten, was ihnen nützlich war - Sonne, Flüsse, Quellen. Der andere formulierte den subjektivistischen Satz, dass „der Mensch der Maßstab aller Dinge" sei. Mit dem um zehn Jahre jüngeren Sokrates schloss Euripides eine lebenslange Freundschaft.

Den hochentwickelten Geist des Dichters ergänzte ein grüblerisches Gemüt: Ohne jedes Interesse an öffentlichen Ämtern beschäftigte sich Euripides in der Zurückgezogenheit einer abgesicherten Existenz jahrelang ausschließlich mit den Wissenschaften und legte eine bedeutende Büchersammlung an.

Mit 25 Jahren brachte er sein erstes Stück auf die Bühne; es hieß „Die Peliaden" und ist heute verloren. Danach widmete er seine ganze Kraft der Dichtung. Insgesamt werden ihm 92 Dramen zugeschrieben, darunter acht Satyrspiele, die damals populären burlesken Nachspiele zur Tragödie.

Die offizielle Anerkennung blieb blass: Bei den Dichter-Wettkämpfen der Epoche siegte Euripides nur viermal, Aischylos dagegen 28mal und Sophokles 24mal. Beim Publikum aber waren seine Stücke sehr beliebt. Als athenische Kriegsgefangene auf Sizilien daraus rezitierten, zeigten sich ihre Bewacher so angetan, dass sie das drückende Los der Besiegten erheblich linderten. Erhalten blieben nur 18 Tragödien und ein Satyrstück. Die bekanntesten Werke sind „Alkestis" (438 v. Chr.), „Medea" (431), „Herakliden" (um 430), „Andromache" (wohl um 429), „Elektra" (nach 423, vor 412), die„Troerinnen" (415) und „Iphigenie bei den Taurern" (um 412 v. Chr.).

Zeitgenossen schildern Euripides als mürrisch, finster und wenig zugänglich - Eigenschaften, die mal Ursache, mal Folgen privater Misshelligkeiten gewesen sein dürften: Seine erste Ehefrau Choirille, Mutter seiner drei Söhne, betrog ihn und wurde deshalb von ihm verstoßen; seine zweite Ehefrau Melitto wurde ihm ebenfalls untreu und verließ ihn von selbst.

Mehr Freude konnte der Dichter an seinen Söhnen finden: Mnesiarchides wurde Kaufmann, Mnesilochos Schauspieler; der jüngste hieß ebenfalls Euripides und trat als Dichter in die Fußstapfen des Vaters.

Im hohen Alter verließ Euripides seine Heimatstadt, wahrscheinlich, um dem Spott der Komiker über seine häuslichen Verhältnisse zu entgehen. Er lebte zunächst in Magnesia und dann als hochgeehrter Gast am Hof des Makedonenkönigs Archelaos in Pella. Dort starb er, vermutlich 406 v. Chr., also vor jetzt 2420 Jahren, nach der Überlieferung durch einen schrecklichen Unfall: Er wurde von riesigen Jagdhunden angefallen und zerrissen.

 





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