Hochzeit mit Lenin auf Anordnung der Polizei

Freitag, 17. Januar 2014

Vor 145 Jahren wurde Nadeschda Krupskaja geboren. Ihretwegen schrieb der Revolutionär einen bitterbösen Brief an Stalin.

Die beiden jungen Leute, die einander bei einer geheimen Zusammenkunft junger Revolutionäre in einer Petersburger Privatwohnung zum ersten Mal begegneten, hätten unterschiedlicher nicht sein können: Der Mann wirkte mit seinen tatarisch schräggestellten Augen und dem dünnen, fuchsroten Ziegenbart eher hässlich; trotz seiner erst 24 Jahre schon fast völlig kahl, wurde er von seinen Freunden bereits „der Alte" genannt. Die um ein Jahr ältere Frau dagegen war mit ihrem aschblonden Haar und den großen, graugrünen Augen eine blühende Schönheit.

Die äußerlichen Unterschiede konnten den schicksalhaften Verlauf des Zusammentreffens nicht verhindern, schon kurz darauf waren die beiden ein Paar: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, Sohn eines ultra-orthodoxen und zarentreuen Schulinspektors aus Simbirsk an der Wolga, und Nadja Krupskaja, genannt Nadeschda, Tochter eines ehemaligen zaristischen Richters aus verarmtem Kleinadel, geboren vor 145 Jahren, am 27. Februar 1869.

Die Liebe in Zeiten der Revolution war gefährlich, opferreich und völlig unbürgerlich: Der von der Staatsmacht verfolgte Untergrundkämpfer lebte viele Jahre in Verbannung und Exil. Trotz der hingebungsvollen Treue seiner Gefährtin unterhielt er auch Beziehungen zu anderen Frauen.

1897 musste Lenin den Weg nach Sibirien antreten. Im folgenden Jahr wurde auch die Krupskaja zur Verbannung verurteilt. Sie erbat die Erlaubnis, diese Zeit mit ihrem Verlobten in dem Dorf Schuschenskoje verbringen zu dürfen. Die Polizei genehmigte die Bitte unter der Bedingung, dass das Paar sofort heiratete. Am 22. Juli 1898 erklärte ein Pope die beiden zu Mann und Frau.

Fortan teilte die Richterstochter den Lebensweg des Revolutionärs: in Sibirien, im Exil, während der ersten russischen Revolution 1905/6 wieder in St. Petersburg und 1917 abermals im Exil. Am angenehmsten blieben ihr die Jahre 1901/2 in Erinnerung, die sie in München verbrachten. „Bei meiner Ankunft zogen wir zu einer deutschen Arbeiterfamilie", schrieb sie später. „Die Familie war recht groß, sie bestand aus sechs Personen. Sie hatten nur eine Küche und eine kleine Kammer, aber es herrschte überall peinliche Sauberkeit, die Kinder waren sehr sauber und gut erzogen."

Einige Forscher halten die Ehe für eine reine Zweckverbindung, doch immerhin passten die beiden sehr gut zueinander: Nadeschda Krupskaja war glücklich, der Revolution dienen zu dürfen, die Lenin verkörperte, und er hatte in ihr eine sich freiwillig unterordnende Genossin, die gleichzeitig seine Sekretärin, Köchin und Haushaltshilfe war.

„Ich beschloss, Wladimir Iljitsch mit häuslicher Kost zu versorgen", schilderte sie die Münchner Jahre, „und begann selber zu kochen. Ich kochte in der Küche der Wirtsleute, musste aber alles in unserem Zimmer zubereiten. Ich bemühte mich, dabei so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen, denn Wladimir Iljitsch schrieb damals schon an seinem Buch ,Was tun ...?' Wenn er schrieb, redete ich nicht mit ihm und stellte ihm keinerlei Fragen."

Ähnliche Zurückhaltung zeigte sie auch in privaten Angelegenheiten: Ab 1905 besuchte Lenin regelmäßig eine kluge, vermögende und abenteuerlustige Dame in deren St. Petersburger Wohnung. 1910 verliebte er sich in die Pariserin Elisabeth d'Herbenville Armand und führte mit ihr bis zu ihrem Cholera-Tod 1920 eine Ehe zu dritt.

Nach der Oktoberrevolution wurde Nadeschda Krupskaja Leiterin des Kommissariats für Volksbildung. Ihr Ziel war die konsequente Erziehung aller Kinder zum Marxismus-Leninismus. Bibel, Koran, Plato und Kant verschwanden aus den Schulbüchereien. „Ich habe es immer bedauert, keine Kinder zu haben", schrieb sie. „Jetzt bedauere ich es nicht, jetzt habe ich ihrer viele - die Komsomolzen und die jungen Pioniere. Sie alle sind Leninisten oder wollen Leninisten werden."

Nach Lenins Tod 1924 geriet die Krupskaja in scharfen Gegensatz zu Stalin. Die Feindschaft war erbittert: Erst im Jahr zuvor hatte sich Lenin dem späteren Nachfolger einen geharnischten Brief geschrieben: „Werter Gen. Stalin! Sie besaßen die Grobheit, meine Frau ans Telefon zu rufen und sie zu beschimpfen. Obwohl sie sich Ihnen gegenüber bereit erklärt hat, das Gesagte zu vergessen, haben Zinov'ev und Kamenev diese Tatsache durch sie selbst erfahren. Ich habe nicht die Absicht, so leicht zu vergessen, was man mir angetan hat, und selbstverständlich betrachte ich das, was man meiner Frau angetan hat, als etwas, das auch mir angetan wurde. Deshalb bitte ich Sie zu erwägen, ob Sie bereit sind, das Gesagte zurückzunehmen und sich zu entschuldigen, oder ob Sie es vorziehen, die Beziehungen zwischen uns abzubrechen. Hochachtungsvoll Lenin.“

Der Diktator wagte es nicht, die Witwe einfach verschwinden zu lassen wie viele ihrer Freunde. Er entmachtete sie jedoch, ließ sie zweimal verhaften und bis zu ihrem Tod in ihrer Vier-Zimmer-Wohnung im Kreml unter Hausarrest stellen. Sie starb 1939 unmittelbar nach ihrem 70. Geburtstag. Stalin und seine engsten Gefolgsleute, die Mörder ihrer besten Freunde, geleiteten ihre Urne zum Grab an der Kremlmauer.

 

 

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