Neuseeland: Das schönste Ende der Welt

Freitag, 17. Januar 2014

Strände wie am Atlantik, Fjorde wie in Norwegen, Gletscher wie in den Alpen, Dschungel wie in Malaysia – und die Menschen sind einfach nett: Der Inselstaat im Pazifik wird als Reiseziel AUCH bei den Deutschen immer beliebter.

Die Kirschblüte setzt im Oktober ein, zu Weihnachten werden die Erdbeeren reif, die Weinlese beginnt im März, und im Juli toben Schneestürme über das Land. Die Einwohner haben sich einen Vogel zum Wappentier ausgesucht, der nicht fliegen kann und dessen Eier von den Hähnen ausgebrütet werden. Der Große Bär steht kopfunter am Sternenhimmel, die Sonne am Mittag im Norden, und auch der Mond hält sich nicht an die Regeln, sondern nimmt beharrlich auf der falschen Seite ab oder zu. In dieses sonderbare Land wäre der Kasseler Kunstbohrer Walther de Maria vorgestoßen, hätte er auf der Kasseler „Documenta“ 1977 sein berühmtes vertikales Licht nicht nur 1000 Meter, sondern 12742,08 Kilometer tief in den Friedrichsplatz getrieben. Denn Neuseeland liegt genau gegenüber auf der anderen Seite der Welt – dort, wo eine phantasievollere Wissenschaft einst die Gegenfüßer vermutete, die sich mit Leim an den Zehen vor dem Absturz ins Weltall bewahrten.

Europäer erreichen dieses entfernteste aller Urlaubsziele nach etwa 33 Stunden reiner Flugzeit. Da das knappe „Down under“ („Ganz unten“) bereits von den australischen Nachbarn als einprägsamer Werbespruch requiriert wurde, witzeln die Neuseeländer: „Wenn man bei uns ankommt, ist man schon auf dem Rückweg.“

Das Understatement vermag nicht zu vernebeln, dass sich der Tourismus der pazifischen Doppelinsel seit Jahren ständig steigender Zuwachsraten erfreut. Inzwischen reisen jedes Jahr auch viele tausend Bundesbürger reisten auf die Antipoden. Die meisten, so urteilten neuseeländische Fremdenverkehrsmanager, treibt eine zu Hause offenbar unstillbar gewordene Sehnsucht nach unbeschädigter Mitmenschlichkeit und unversehrter Natur. Beides bieten die bergigen Inseln und ihre zu 92 Prozent britischen, zu acht Prozent polynesischen Bürger in Fülle: Neuseeland ist etwa so groß wie die Bundesrepublik, aber 20 Mal dünner besiedelt. Da fast jeder Insulaner im eigenen Haus wohnt, breitet sich Auckland mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern über eine größere Fläche aus als New York City mit seinen 8,3 Millionen. Und da zwei Drittel der Neuseeländer in Städten wohnen, bleiben auf dem Land kaum noch genügend Leute übrig, die noch immer 40 Millionen Schafe zu hüten. Die Nordinsel, auf eine Karte Mitteleuropas projiziert, reicht immerhin von Sylt bis Salzburg, ihre südliche Schwester füllt den Raum von Rosenheim bis Rom. Da fährt man leicht 100 Meilen im Stück ohne Gegenverkehr.

Die Seltenheit der Begegnungen fördert ihre Intensität: In den meisten Gegenden Neuseelands genießen Fremde Gastfreundschaft nicht nur auf die in Reiseprospekten geschilderte abstrakte Art. Farmer tränken dürstende Wanderer, einheimische Angler teilen Fang und Freude mit erfolglosen ausländischen Amateuren, Pannenhelfer packen nicht nur Werkzeug aus, sondern auch selbst mit an. Wegkundige weisen die weitere Strecke zuverlässig und ohne eigennützigen Hintersinn. Freundlich sind auch die Preise: Essen und Schlafen kosten durchweg 30 bis 50 Prozent weniger als in Kampen oder am Königsee.

Der von Besuchern aus der Bundesrepublik bevorzugte Reisestil im rollenden Motorhome verhilft zwar nicht zum Blick auf die Welt durch Gottes Augen, doch auch auf Rädern erkennt man, wie gut die Meinung der Neuseeländer begründet ist, dass sich der Schöpfer mit ihrer Heimat besondere Mühe gegeben habe: Auf den knapp 270.000 Quadratkilometern (Bundesrepublik 357.000) ihres Staatsgebiets sind mehr und unterschiedlichere Naturschönheiten vereint als in irgendeinem anderen Land der Erde. An Neuseelands 10.000 Kilometern Küste liegen Sandstrände wie an der Algarve, darunter der weltberühmte Ninety-Miles-Beach an der Nordspitze, über den vollbesetzte Touristenbusse mit Höchstgeschwindigkeit heizen. Fjorde schneiden wie in Norwegen tief in die Ufer, dahinter erheben sich Hochmoore wie in Schottland. Die 360 Gletscher und 20 Dreitausender der Südinsel stehen den Schweizer Alpen nicht nach, und in den Vulkanlandschaften des Nordens zischt und brodelt es wie auf Island. Von den Skigebieten am Mount Egmont oder Mount Cook blickt der Abfahrer auf blaues Meer, und der Franz-Josef-Gletscher grenzt an immergrünen Regenwald. Die nächsten Verwandten der neuseeländischen Bergbäume fanden Botaniker in den chilenischen Anden. Darunter wuchert Dschungel wie made in Malaysia mit 20 Meter hohen Farnen. Palmen wachsen neben ewigem Eis, und zu Mangrovensümpfen wie an den Küsten indonesischer Inseln ragen über 600 kleinere Eilande aus den Fluten des Ozeans.

Ähnlich vielfältig auch das Wetter: Die vorherrschenden Westwinde treiben abwechselnd Hoch- und Tiefdruckgebiete vor sich her und lassen Temperaturen manchmal binnen Viertelstunden um 15 Grad steigen oder sinken. Aber nicht nur Barometer fallen in Neuseeland schneller als anderswo, sondern leider auch Schornsteine, denn das Land liegt auf wackeliger Scholle: 1855 zum Beispiel hob ein Erdbeben die Kais des größten Hafens Wellingtons minutenschnell um eineinhalb Meter.

Vulkanische Eruptionen wiesen wohl auch den ersten Bewohnern den Weg: Nach einer Fahrt von 2000 Kilometern über die offene See erblickten polynesische Maoris von ihren Doppelrumpfbooten aus ein seltsam geformtes Himmelsgebilde. Die neue Heimat, die sie darunter fanden, nannten sie Aotearoa - „Land der langen weißen Wolke". Darauf verspeisten sie erst einmal sämtliche Exemplare des größten Vogels der Welt, des drei Meter hohen, fünf Zentner schweren und deshalb leider flugunfähigen Moa, und bauten dann ihre mitgebrachten Süßkartoffeln an.

Am 16. August 1642 tauchte vor ihrer Inseln als erster Europäer der Holländer Abel Janzoon Tasman auf. Die Maoris ließen sich nicht auf Diskussionen ein, sondern ruderten mit sieben Kriegskanus auf die beiden niederländischen Schiffe los und erschlugen vier Matrosen. Eilends verließ Tasman die ungastliche Bucht. Die Sieger nannten die verhinderten Eroberer respektlos „Pakeha" - „langes weißes Schweinefleisch". 1769 kam der Engländer James Cook und schoss zurück. Robbenjäger folgten seinen Spuren, Walfangschiffe liefen die Inseln an. Sie brachten Grippe und Geschlechtskrankheiten mit. 1840 mussten die dezimierten Maoris einen Vertrag der britischen Besatzungsmacht akzeptieren. „Das Land bleibt unser, nur sein Schatten geht zur Königin", hoffte einer der tätowierten Häuptlinge, aber die Weißen brachten auch hier die rechtmäßigen Besitzer bald mit faulen Tricks um Grund und Boden.

Später entwickelte sich die abgeschiedene Kolonie jedoch zum Testplatz moderner sozialer Ideen: 1893 führte Neuseeland als erster Staat der Welt das Wahlrecht für Frauen ein, dazu kam gleich noch eine staatliche Grundrente, und auch die Rechte der Gewerkschaften wurden erweitert. 1936 folgte die Fünftagewoche, erst 1971 allerdings ein Gesetz gegen Rassendiskriminierung. Der progressiven Tradition seiner Partei verpflichtet, erklärte Labour-Premier David Russell Lange 1984 seine Heimat als erstes Land der Erde zur atomwaffenfreien Zone - sehr zum Verdruss der US-Navy, die dort nun nicht mehr auf nukleargetriebenen Schiffen anlegen darf.

Die Besucher von der anderen Seite des Pazifik kommen trotzdem, schließlich huldigt Neuseeland in seinen touristisch entwickelten Teilen durchaus auch dem American Way of Life: Auf dem wildschäumenden Shotover bei Queenstown, einst nach Alaskas Klondyke goldreichster Fluß der Welt, donnern vor den inzwischen längst verfallenen Hütten der Schatzsucher zwölfsitzige Motorboote mit 7,5-Liter-Oldsmobile-Motoren durch die Gischt. Der Ritt auf den Stromschnellen gleicht der spektakulären Wildwasserreise durch Colorados Grand Canyon, seit 1970 riskierten ihn drei Millionen Speefans. Die Spritztour am schönsten Ende der Welt findet beschaulichere Konkurrenz in Ausflugsfahrten zu den Glühwürmchengrotten von Waitomo auf der Nordinsel, in deren Gewölbe Millionen leuchtender Larven der Art Arachnocampaluminosa hängen - zu betrachten nur während wohltuenden Schweigens, denn bei jedem lauten Wort machen die lebenden Lampen ängstlich das Licht aus.

Eilige Esser finden überall ein „Take-away", vorzugsweise ausgestattet mit den Früchten der Fluten und Felder: Fisch mit Kartoffelchips, auf der Nordinsel „Fushunships", auf der Südinsel gar „Shark 'n' tattie" genannt. Ungewöhnlich gut schmeckt das Fleisch der überall blökenden Wolllieferanten, aber auch das der zehn Millionen neuseeländischen Rinder und der Rothirsche, die zartfühlende Touristen mit Narkosegewehren jagen und im Erfolgsfall auf einer der zahlreichen Wildfarmen unblutig loswerden können. Auch Kaninchen, die hier wie in Australien mangels natürlicher Feinde zur Landplage wurden, landen oft im Topf. Außerdem stehen Austern, Langusten und Muscheln auf den Speisekarten. Schon das Frühstücksbuffet quillt über von frischen Früchten. Mit ihnen pflegten die alten Maoris ihre Gefangenen zu mästen, ehe sie auf den Tisch kamen. Der englische Five-o'clock-tea konnte seinen Rang behaupten. Luxus lockt in Herbergen von Hilton-bis Hyatt-Niveau. Selbstversorger grillen in einem der vielen Motor-Camps und können sich in den thermalwarmen Wildbächen des Naturschutzgebiets Rotorua die Reisesocken waschen.

Zweiflern offenbart sich die Besonderheit des Urlaubsziels Neuseeland schon bei der Einreise: Kurzbehoste Grenzschützer stürmen mit Spraydosen in den Jumbo und nebeln alle Passagiere antiseptisch ein. Aus Europa mitgereiste Fliegen werden gefangengenommen und gnadenlos liquidiert. Neuseeland duldet keine illegalen Einwanderer, auch und erst recht nicht solche in Bakteriengröße.

Die beste Reisezeit dauert von November bis April mit Höhepunkt im März: Dann gehen die neuseeländischen Sommerferien zu Ende, und man gelangt in den Urlaubsgebieten auch ohne spitze Ellenbogen wieder in einen Sessel am Lift oder ein Grün auf dem Golfplatz und sieht unter vielen Surfbrettern ein Stückchen See. Wenn die Einheimischen wieder an ihre Arbeit gegangen sind, gewinnen auch ihre Städte an Reiz. Auckland ist längst nicht mehr „die letzte, einsamste, lieblichste, eleganteste Stadt", wie Rudyard Kipling sie einst nannte, besitzt längst seine brodelnde Business-Meile wie jede andere Handelsmetropole der Welt. Touristische Hauptattraktion ist das „War Memorial Museum" mit der größten pazifischen Sammlung poly- und melanesischer Segelfahrzeuge. Die Kanus sind reich mit Schnitzereien verziert, nebenan stellen fingerfertige Maoris Kunsthandwerkliches nach Art der Ahnen her, kein Talmi und auch nicht billig.

Die Hauptstadt Neuseelands, Wellington, genannt „Windy City“, hat nicht nur meteorologisch stürmische Zeiten erlebt: Mit den Werften, Eisengießereien und Konservenfabriken in der Halbmillionenstadt ging es immer auf und ab. In Christchurch, mit 400.000 Einwohnern Hauptort der Südinsel, residiert der fürs Seelenheil der meisten Neuseeländer zuständige anglikanische Erzbischof.

Die weitaus meisten Besucher verziehen sich jedoch, gleich nachdem sie ihre Uhren wegen des Zeitunterschieds zwölf Stunden vorgestellt haben, zivilisationsmüde in die Weite des Landes, dessen Durchquerung auch eine Reise in die Vergangenheit ist: Die neuseeländische Brückenechse Tuatara zum Beispiel gilt als letzter lebender Nachkomme 100 Millionen Jahre alter Dinosaurier. Auf vielen Farmen lebt man noch wie in der guten alten Zeit, auch wenn Neuseelands Hirten ihren Schafen inzwischen nicht mehr nur zu Pferde, sondern im Sattel eines Motorrads nachsetzen. Das Wappentier Kiwi bekommen die meisten Besucher nur noch in den abgedunkelten Käfigen einiger Zoos zu Gesicht: Der halbblinde, schwanzlose Hühnervogel pickt seine Würmer nur nachts. Wildlebenden Exemplaren begegnet man noch am ehesten in den 40 Meter hohen, harzduftenden Kauri-Wäldern der Halbinsel Coromandel, auf der junge Künstler einst eine Kolonie gründeten. In der Nähe besass der Maler Friedensreich Hundertwasser ein 400 Hektar großes Tal.

An Coromandels Küste ging schon manche Karriere in Konkurs, wenn gestresste Geschäftsleute aus der Großstadt ihr Weekend unversehens auf eine unbestimmte Anzahl von Jahren verlängerten und fortan lieber Passionsfruchtbäume begossen, statt weiter Bilanzen zu frisieren. Wir sind am Ende dieses Planeten“ meinten Neuseeländer vor dreißig Jahren, als in Europa die Angst vor sowjetischen Atomraketen umging: Damals sahen sie sich als letzte Hoffnung für das Überleben der Menschheit." Experten hatten erklärt, die warmen tropischen Strömungen vor der Coromandel-Küste könnten womöglich selbst im Fall eines atomaren Holocaust das Überleben einer kleineren Gruppe ermöglichen.

Die Urväter der Neuseeländer haben allerdings auch schon mal versagt: Im 19. Jahrhundert schlugen Holzfäller einen großen Teil der paradiesischen Halbinsel kahl, gruben das wertvolle Kauri-Harz sogar in fossiler Form aus dem Boden und destillierten daraus Terpentin, bis der grüne Wald zu langweiligem Weideland verödet war. Der Rest der Halbinsel wurde unter Naturschutz gestellt. Heute sind die Neuseeländer eisern entschlossen, ihre Fauna und Flora zu erhalten, und sei es als Endstation Sehnsucht.

 



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