Stress: Der große Muntermacher

Freitag, 17. Januar 2014

Früher hieß es, Stress sei eine Krankheit, die auf Herz und Magen schlägt. Heute weiß man: Wer den Stress im Griff hat, kann nur gewinnen.

„Schon als ich aufstand, fühlte ich mich nicht wohl“, klagt die junge Chemielaborantin aus Düsseldorf. „Magenschmerzen! Ich fuhr ohne Frühstück ins Büro und sah dauernd nervös auf die Uhr. Der Termin um zehn. Ich hatte mir fest vorgenommen, dem Chef zu sagen: Also wenn ich jetzt nicht zweihundert Mark mehr kriege (…) Ich stand ganz schön unter Strom, als ich zu ihm reinging. Er las Zeitung und sah mich gar nicht an. Ich konnte kaum Luft holen."

Alarmstufe eins! Der Adrenalinspiegel ist gefährlich hoch. Eine typische Situation für Gefahr und Gewinn durch Stress. Die Laborantin hatte zwei Möglichkeiten: Aufgeben und den Mund halten, oder reden und sich durchsetzen. Das eine hätte sie vielleicht krank gemacht, das andere aber erst richtig in Form gebracht - wie es in diesem Fall auch war. Denn Untersuchungen beweisen inzwischen schon seit fast vier Jahrzehnten, dass Stress auch positive Seiten hat. Er sichert seit Urzeiten das Überleben, stärkt unseren Willen, fördert Intelligenz und Ausdauer, hält Geist und Körper länger frisch, ist Tag für Tag für Millionen Hilfsmotor beim Kampf um Karriere und Rekorde. Und er kann straffer, schöner und sexuell attraktiver machen.

Ein weiterer Fall: „Eines Tages erklärte mir der Arzt, es gebe da ‚ein kleines Problem mit Ihren Nebennieren.' Erschrocken bat ich um Näheres. Der Arzt beruhigte mich: ,Ihre Nebennieren sind einfach nur doppelt so groß wie normal. Das bedeutet, sie schütten auch doppelt so viel Adrenalin aus.' Ich ahnte: Genau das ist der Grund, warum ich ständig unter Hochspannung stehe. Ich muss dieses überschüssige Adrenalin also irgendwie verbrauchen, sonst werde ich krank." Die Absicht des Patienten, seinen Hormonspiegel durch immer mehr Arbeit zu regulieren, machte ihn in zehn Jahren zum Besitzer von 44 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 1.76 Milliarden Mark. Der Mann heißt Bernard Tapie und wurde in den 1980er Jahren als „Monsieur superactiv"  einer der erfolgreichsten und bekanntesten Industriellen Frankreichs.

Adrenalin aktivierte schon bei unseren urzeitlichen Vorfahren wichtige Körperfunktionen für Angriff, Verteidigung oder Flucht, etwa wen die Steinzeitjäger plötzlich Raubtieren gegenüberstanden. Die Nerven standen unter Hochspannung, das Herz schlug schneller, und was das Wichtigste war: die Muskeln funktionierten besser, weil sie mit mehr Sauerstoff versorgt wurden. Nach dieser Alarmreaktion fällt der Organismus allerdings kurzzeitig in einen Zustand völliger Erschöpfung, so wie ein überdrehter Motor an Leistung verliert. Wird der Körper allzuoft derart gefordert, können die Organe Schaden nehmen.

Die Lehre vom Stress wurde 1950 von dem in Wien geborenen kanadischen Mediziner Hans Selye entwickelt. Auch er unterschied zwischen dem natürlichen, heilsamen Stress, den er „Eustress" (griechisch „eu" = „gut") nannte, und dem schädlichen „Distress". Selye glaubte, dass ein durch positive Ereignisse ausgelöster Stress positive Auswirkungen auf den Organismus habe: Der rasende Pulsschlag eines Lottogewinners wird sich in seiner Wirkung erheblich von dem eines Wahlverlierers unterscheiden, der in Panik die ersten Hochrechnungen sieht. Später fanden Forscher indes heraus: Freude und Schmerz wirken zwar sehr unterschiedlich auf die Seele ein, den Körper aber strapazieren sie gleichermaßen: Schon manchem Glückspilz traf im Siegesrausch der Schlag. Nach Untersuchungen des Psychologieprofessors Michael Myrtek von der Uni Freiburg aus dem späten 1980er Jahren gibt es Anhaltspunkte dafür, dass Menschen, die höchsten Stress bestehen müssen, auch die höchste Lebenserwartung haben. Bei einem Experiment in den USA wurden damals Freiwillige für Wochen ins Bett geschickt und dort bestens gepflegt. Stressfaktoren wie Lärm, unangenehme Besuche, schlechte Nachrichten wurden konsequent von ihnen ferngehalten. „Das ist ja nicht zum Aushalten", beklagten sich einige Teilnehmer schon nach wenigen Tagen. Nach einer Woche wurden die ersten krank, und nach 14 Tagen konnten sich manche kaum noch auf den Beinen halten: Der Kreislauf brach zusammen.

Der Sportmediziner Dr. Dieter Findeisen von der Pädagogischen Hochschule Potsdam erklärte dazu: „Niemand sollte Angst vor Stress haben. Denn er beflügelt und ist Motor für die Leistung. Wichtig ist nur, ihn zu beherrschen. Wenn das gelingt, kann man ihn sogar genießen."

„Ein vom Stress verschonter Organismus", sagte Dr. Hermann Geesing, Chefarzt am Schwarzwald-Sanatorium in Baiersbronn-Obertal, „verliert seine Fähigkeit, sich ständig neuen Situationen anzupassen. Wer jede Erschütterung von seiner Seele fernzuhalten sucht, verfällt bald in Stumpfsinn und Gefühllosigkeit." Die Psychologin Dr. Hannelore Weber bestätigte: „Es ist ganz besonders wichtig, dass man sich Belastungen aussetzt. Wer Stress meidet, klappt schneller zusammen, wenn es mal hart auf hart kommt." Einschränkung: wenn man ständig selbst Stresssituationen sucht, wie es Manager eine Zeitlang bei extremen Uberlebenskursen taten, ging es schief: „Was im täglichen Leben passiert, das reicht." Die Psychologin vom Bamberger Stressforschungszentrum arbeitete Ende der 1980er Jahre auch mit Kindern und Jugendlichen. Ihre Warnung: „Wer seine Kinder vor allen Problemen bewahren will, hindert sie daran, ein ausreichendes Bewältigungs-Repertoire für bedrohliche Situationen zu entwickeln. Ohne ein solches Repertoire ist das Leben aber nicht zu meistern."

Kinder, die Stress kaum kennen, sind als Erwachsene Belastungen gegenüber nahezu hilflos, geraten schon bei Kleinigkeiten in helle Aufregung. Ihre Nerven leben praktisch in einem dauernden Belagerungszustand, der die Lebenszeit des Organismus erheblich verkürzen kann. „Auch deshalb", lehrte die Expertin schon früh, „hatten die alten Psychologen wie Adler recht, wenn sie verlangten: Legt euren Kindern Schwierigkeiten in den Weg." Alfred Adler (1870-1937) ist der wohl berühmteste österreichische Nervenarzt aus der Schule Sigmund Freuds.

Auch die körperlichen Folgen von Stress wie Magengeschwüre oder Herzerkrankungen wurden früher fast immer ausschließlich negativ gesehen. Aber auch können sich durchaus positiv auswirken. Bei einer Untersuchung über die Häufigkeit von Kreislaufkrankheiten fanden Psychologen heraus: Stress kann Infarkte nicht nur verursachen, sondern auch verhindern.

Den Forscher hatte vor allem die Tatsache verblüfft, dass die von einem sehr hohen Arbeitstempo, aber auch von Überbevölkerung und Umweltproblemen geplagten Japaner eigentlich die Herztod-Kandidaten Nr. 1 sein müssten, stattdessen aber weitaus seltener vom Infarkt dahingerafft werden als alle anderen Weltbewohner. Die höchste Herztodgefahr herrscht im eher beschaulichen Finnland. Und: In Deutschland gehörte der Herzinfarkt in den 30er und 40er Jahren zu den selteneren Todesursachen - am niedrigsten war er in den Notzeiten während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst mit dem Wirtschaftswunder in den 60er Jahren stieg die Quote stark an.

 



Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt