Die Welt vor 500 Jahren

Samstag, 18. Januar 2014

In Paris wird die rollende Kanone erfunden. In Rom die Drehbank. Und in Berlin macht die erste Apotheke auf. Es gibtHexenverbrennungen, die Fugger und den ersten Globus.

Die Zeit um fünf Jahrhunderte zurückgedreht. Dramatische Veränderungen zeichnen sich ab. Nicht nur, weil der Genueser Christoph Kolumbus Indien gesucht und Amerika gefunden hat.  Nach dunklen Jahrhunderten mit vielen Kriegen und wenig Kultur schickt sich das christliche Europa an, seine führende Position vom islamischen Orient zurückzuerobern.

1487 umsegelt der Portugiese Bartholomeo Diaz die Südspitze Afrikas und macht den Seeweg zu den Gewürzen und Edelsteinen Indiens, der Seide und dem Tee Chinas frei. Das nach exotischen Genüssen gierende Abendland ist nicht mehr auf den teuren arabischen Zwischenhandel angewiesen. Zehn Monate vor der Entdeckung Amerikas, am 12.Oktober 1492, hat der Islam zudem mit Granada den letzten Stützpunkt auf europäischem Boden verloren.

In Florenz konstruiert das Universalgenie Leonardo da Vinci Drehbänke, Druckpumpe, Brennspiegel, Fallschirm und Taucherglocke. Wasserräder liefern Energie für die ersten Fabriken. Verbesserte Spinnräder bringen eine frühe Textilindustrie in Schwung. In Berlin wird die erste Apotheke eröffnet.

Besonders wichtig ist der Fortschritt in der Militärtechnik - er macht den Europäer zum Herrscher der Welt. Französische Ingenieure verbessern die Zielgenauigkeit ihrer Geschütze durch Visiere und entwickeln die erste mobile Feldartillerie.

Die politische Ordnung ist im Umbruch. Kaiser Maximilian wird „der letzte Ritter" genannt – die Zeit von Heldentum und edler Minne ist abgelaufen. Neue Imperien entstehen. Sie werden von Managern wie den Florentiner Bankern aus der Familie Medici oder den Augsburger Herren aus dem Familien-Handelshaus Fugger gegründet.

Unter Hamburger Handwerkern brechen revolutionäre Unruhen aus. In Florenz geißelt der Dominikaner Savonarola die Sittenlosigkeit der reichen Patrizier, bis er auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird.

Die mächtigsten Herrscher auf der iberischen Halbinsel sind Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien. Die Königin zählt zu den außergewöhnlichsten Frauen der Weltgeschichte. Sie ist mutig bis zur Verwegenheit und fromm bis zum Fanatismus. Mit 17 Jahren kämpft sie gegen ihren Halbbruder um den Thron. 1478 führt sie die Inquisition ein. 1492 befiehlt sie den Juden, entweder zum katholischen Glauben überzutreten oder Spanien für immer zu verlassen.

Kurz darauf setzt Kolumbus die Segel. Der Sohn eines armen Webers sucht kein neues Land, sondern einen neuen Seeweg an die reichen Küsten Asiens. Deshalb sind Briefe an den Kaiser von China und ein Dolmetscher für Persisch an Bord. Der Ort, an dem der Entdecker zum ersten Mal den Fuß auf amerikanischen Boden setzt, liegt vermutlich auf dem Bahamas-Eiland Guanahani. Aber noch acht weitere Karibik-Inseln bewerben sich um die Ehre. Der Kampf gegen Zweifler, Neider und Intriganten zerrüttet die geistige Gesundheit des Entdeckers. Auf seinem Totenbett schreibt er im April 1506 einen wirren Brief, in dem er „noch größere Dienste als bisher“ verspricht.

Da hat die Welt sich längst in schier unglaublichem Maße gewandelt. Spanische und portugiesische Schiffe haben nicht nur eine feste Verbindung zwischen Europa und Amerika, sondern quer über den dichtbevölkerten und zivilisierten Gürtel der Welt geschaffen. Was bis dahin ein Planet der getrennten Völker war, wächst dank Kolumbus zu der durch kulturelle Einflüsse, Bevölkerungsbewegungen und Handel verbundenen Welt zusammen, in der wir leben: Erste Phase der Globalisierung.

Die Folgen sind vielfältig. Da sich das Klima um diese Zeit in ganz Europa drastisch verschlechtert und Hungerkatastrophen ausbrechen, denken immer mehr Menschen an Auswanderung. Amerika, der neue Erdteil, bietet ihren Sehnsüchten ein Ziel. Mit den Neubürgern kommen Schafe, Schweine, Pferde in die Neue Welt. In die Gegenrichtung flattert nur der Truthahn. Aber auch gefährliche Kleinstlebewesen, gegen die kein Indianer Abwehrstoffe besitzt: Masern- und Grippeviren raffen Millionen der Ureinwohner dahin.

Umgekehrt wird aus Amerika die Syphilis nach Europa eingeschleppt. Ihr erstes Opfer ist Martin Alonzo Pinzon, Kapitän der Pinta, eines der drei Schiffe unter Kolumbus. 1495 erreicht die Seuche Paris. 1497 London, dann dringt sie unaufhaltsam nach Osten vor. Die Deutschen nennen sie die „französische Krankheit", die Polen die „deutsche Krankheit", die Russen die „polnische Krankheit".

Ihren medizinischen Namen prägt der Arzt Girolamo Fracastoro aus Verona. Er hat in einem Sagenbuch von dem griechischen Hirten Syphilus gelesen, der durch eine katastrophale Dürre alle Rinder verliert. Als der Unglückliche darauf die Sonne schmäht und ihr das Opfer verweigert, schlagen die Götter ihn zur Strafe mit entstellenden Wunden am ganzen Leib. Der berühmteste deutsche Arzt aller Zeiten, Paracelsus, empfiehlt seinen Patienten, gegen die Lustseuche Quecksilber zu schlucken, und viele sterben an dem Gift.

Das Gold und Silber Amerikas macht Europa mit seinen 60 Millionen Einwohnern (15 Millionen davon sind Franzosen) reich. Die Handelsströme verlagern sich vom Ostseeraum an die Atlantikküste, die Hanse geht unter. Die Städte des Südens, wie Augsburg und Nürnberg, blühen auf.

Paris zählt 225.000 Einwohner und 100 Tennisplätze. In Rom leben 100.000 Menschen; es gibt schon eine Fußballmannschaft, der 27 Spieler angehören - fünf Stürmer, sieben Mittelfeldspieler, sieben Läufer. Ihre Aktionen werden von sechs Schiedsrichtern überwacht. Die Deutschen ziehen den Schießsport vor. Die Damen tragen Reifröcke und so tiefe Ausschnitte, dass ein Prediger in Anspielung auf das Metzgerhandwerk wettert, bei der Weiblichkeit sei „die obere Fleischbank allezeit offen".

Kolumbus ist bald vergessen. Heute kennt man nicht einmal mehr sein Grab. Ende des 18. Jahrhunderts retten patriotische Spanier den Bleisarg vor den Franzosen Napoleons nach Havanna. 100 Jahre später, als Kuba unabhängig wird, fordert Spanien die Heimkehr des Entdeckers, und Kolumbus kehrt nach Sevilla zurück. Dabei ist möglicherweise der falsche Sarg verladen worden. Jedenfalls behaupten heute sowohl die kubanische Metropole Havanna als auch das andalusische Sevilla, dass der Entdecker in ihrer Erde ruhe. Sie sind sich bis heute nicht einig.

Das „Ei des Kolumbus" ist ein uralter Trick

Über kaum eine andere historische Persönlichkeit sind so viele Irrtümer verbreitet wie über den Amerika-Entdecker. Der bekannteste: Er soll Neider mit der Wette verblüfft haben, er könne ein Ei auf die Spitze stellen. Dann nahm er ein Ei und knallte es auf den Tisch – halb zerdrückt, aber standfest. Beschwerten sich die anderen dann, so hätten sie es auch gekonnt, antwortete Kolumbus: „Ihr hättet - aber ich habe." In Wirklichkeit stammt die Anekdote aus einem alten orientalischen Märchen. Vor Kolumbus wurde der Trick schon dem Architekten Filippo Brunelleschi aus Florenz zugeschrieben.

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