Die „DDR“ als Umweltkatastrophe

Samstag, 18. Januar 2014

Der Stasi-Staat war das vermutlich das meisten durch Industrie verschmutzte Land der Welt. Eine Reportage, die erstmals im Februar 1987 erschien, erinnert die schlimmsten Missstände.

In Mölbis bei Leipzig schalten Autofahrer wegen der verschmutzten Luft oft tagsüber ihre Scheinwerfer ein. Säuglinge leiden dort spätestens mit sechs Monaten an chronischem Bronchialasthma. Trinkwasser muss aus anderen Gegenden geliefert werden. Die „DDR" ist der wohl am meisten durch Industrie verschmutzte Staat der Welt. Und in keinem zweiten Staat der Erde steht es so schlecht um den Wald.

In ihren technisch völlig veralteten Braunkohlekraftwerken produziert die „DDR" jährlich sechs Millionen Tonnen Schwefeldioxyd - doppelt so viel wie die Bundesrepublik. Durch den Abbau der Braunkohle werden in den nächsten Jahren 50.000 Menschen in der „DDR" ihre Heimat verlieren. Ganze Flüsse wie die Spree wurden verlegt. Grundwasser-Absenkungen vernichten weithin die Vegetation.

Die sächsische Saale nimmt auf ihrem Weg zur Elbe die Abwässer der Kali-Industrie, des Industrie-Kombinats Mansfeld sowie der Chemischen Werke Buna und Leuna auf. Die Pleiße gilt längst als dreckigster Fluss Europas. Auch Mulde und Schwarze Elster sind nur noch Kloaken. Die Elbe kommt fast als toter Strom im Westen an, bis zum Rand gefüllt mit Ammonium, Phenol, Quecksilber, Cadmium, Blei. Angaben über mögliche Einleiter verweigert die „DDR“-Regierung.

Die Werra schwemmt Schwermetalle, vor allem Brom und Salz, aus dem „DDR"-Kalibergbau nach Westen: seit 20 Jahren täglich 35.000 Tonnen - als würden jede Stunde 80 Güterwaggons voller Schadstoffe in den Fluss geleert. So weist die Werra einen höheren Salzgehalt auf als die Nordsee.

Noch immer versprühen „DDR"-Flugzeuge DDT, bieten Berliner „Gartenfreund"-Geschäfte Lindan-haltige Schädlingsbekämpfungsmittel an, bepinseln nichtsahnende „DDR"-Bürger ihre Balken mit pentachlorphenol-haltigen, dioxin-giftigen und krebsauslösenden Holzschutzmitteln der Leunawerke. Rhabarbersäfte für Kleinkinder enthalten bedenkliche Mengen von bis zu 220 Milligramm Nitrat, und im Mehl findet sich Quecksilber.

Die Folgen der SED-Umweltpolitik für die Bevölkerung sind katastrophal: Einwohner des stark industrialisierten „DDR"-Südens tragen ein zehnmal so hohes Krebs-Risiko wie die Bürger im „DDR"-Norden. Ihre Frauen bringen dreimal so oft missgebildete Kinder zur Welt. Die Schäden für die Natur verteilen sich gleichmäßig über das ganze Land: In Brandenburg starben bereits 50 Prozent der gefährdeten Pflanzenarten aus. Nirgendwo sonst leiden die Wälder so stark. Von den 2,6 Millionen Hektar Wald in der „DDR" sind schon 90 Prozent krank. Auf 500.000 Hektar ist der Wald bereits todkrank oder abgestorben. Wie Telegraphenmästen ragen tote Bäume in den Himmel.

Besonders betroffen ist der Wald im Erzgebirg. Dort ist kein Baum mehr gesund. Der „DDR"-Forstwissenschaftler Professor Horst Kurth: „Ein ernstes Problem." Auch in an deren Ostblockstaaten blieb es im Umweltschutz weitgehend bei Lippenbekenntnissen. Überall zwischen Elbe und Ural verschlechtert sich die Situation rapide:

CSSR-Kraftwerke emittieren jährlich 3,3 Millionen Tonnen Schwefeldioxyd - am meisten in Nordböhmen, wo 80 Prozent der Wälder abgestorben sind. 50 Prozent der Schadstoffe weht der Wind über die Grenze nach Westen. Das Gift aus dem Osten macht Menschen im Westen krank. So haben in der bundesdeutschen Grenzstadt Hof viele Kinder chronische Bronchial-Erkrankungen. Von 25.000 tschechoslowakischen Flusskilometern sind 7000

hochgradig verunreinigt. 30 Prozent des Leitungswassers und 80 Prozent der Quellwasserproben sind verseucht. Krebserkrankungen von CSSR-Bürgern stiegen in 25 Jahren um 50 Prozent. Nordböhmen sterben im Durchschnitt zehn Jahre früher als Mähren oder Slowaken. Geisteskrankheiten treten in stark industrialisierten Gebieten 120mal häufiger auf.

In Polen fehlen 7000 Kläranlagen - 80 Prozent der Abwässer werden ungereinigt abgeleitet. Allein die Arzneimittelfabrik „Polfa" bei Warschau lässt täglich 11.000 Kubikmeter Chemikalien in die Weichsel fließen. In Böden polnischer Gärten liegt die Schadstoffbelastung um bis zu 70 Prozent über den zulässigen Werten der Weltgesundheitsorganisation WHO. An der Ostseeküste wurden 19 Bäder wegen Seuchengefahr geschlossen.

Die UdSSR produziert jährlich fünf Milliarden Tonnen Abfälle. Jahr für Jahr blasen die Schornsteine sowjetischer Kraftwerke 25 Millionen Tonnen Schwefeldioxyd und ebenso viel Kohlenmonoxyd in die Luft. In der Sowjet-Republik Moldau wird jeder Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche mit der Rekordmenge von 150 Kilogramm Stickstoff gedüngt. Der riesige Ladogasee wurde durch Industrieabwässer, Abfälle aus der Viehzucht und Pflanzenschutzmittel zur größten Sickergrube des blauen Planeten. Jeder Liter Wolga-Wasser wird eineinhalbmal durch Anrainer-Fabriken gepumpt. In Kalinin und Kaluga sind 90 Prozent der Bäume verschwunden.

Statt die Übel im eigenen Land zu bekämpfen, wiesen Ostblock-Führer lieber auf Wunden im Westen. Ein Test ergab, dass der Zweitaktmotor des „DDR"-Volkswagen „Trabant" 50mal soviel krebserregende Kohlenwasserstoffe durch den Auspuff treibt wie ein westlicher Viertakt-Benziner. Doch Ost-Berlins Umweltminister Hans Reichert erklärte, auf „DDR"-Autobahnen sei die Luft rein - „denn bei uns gilt Tempo 100".

 

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