Brasilien, Land der Menschenfresser

Samstag, 18. Januar 2014

Er wollte nach Indien und landete bei den Indianern: Hans Staden, der erste Deutsche, der ein Buch über Südamerika schrieb. Vor 30 Jahren warben Brasiliens Fremdenverkehrsmanager mit ihm um Touristen aus der Bundesrepublik. Heute haben sie das nicht mehr nötig, doch der Büchsenschütze aus Hessen bleibt trotzdem unvergessen.

„Das Exotische und die natürlichen Schönheiten ließen die Deutschen bereits vor beinahe 500 Jahren auf der Suche nach Abenteuer den Ozean überqueren“, lockte das brasilianische Fremdenverkehrsamt vor 30 Jahren auf großformatigen Anzeigen in deutschen Zeitungen. „Der erste war Hans Staden, der 1548 mit einem Handelsschiff anlegte. Er lebte acht Monate mit den Indios. Heute bietet Ihnen ein fröhliches, liebenswürdiges  Volk eine typisch exotische Kochkunst und viel Lebensfreude."

Mit Hans Staden wählten die brasilianischen Tourismus-Manager zum Kronzeugen für Spaß und Speisen einen Mann, der um ein Haar selbst in brasilianischen Kochtöpfen zubereitet worden wäre. Denn die acht Monate, die Staden „mit den Indios" lebte, waren Monate der Todesangst, in der Gewalt von Wilden, die Menschenfleisch als besondere Delikatesse schätzten.

Ihr kulinarisches Interesse galt in diese Falle einem frühneuzeitlichen Entdeckungsreisenden aus den nordhessischen Bergen, der wie kaum ein anderer die damaligen deutschen Grundtugenden Mut, Treue, Fleiß und Gottesfurcht verkörperte: Suchten die Spanier und Portugiesen des 16. Jahrhunderts jenseits des Atlantiks vor allem Ruhm und Reichtum, trieb den Deutschen, wie der Staden-Biograph Karl Fouquet meint, „ein faustischer Drang" nach Wissen in die Ferne.

Aus Stadens Bericht „Warhaftig Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen / Grimmigen Menschfressen Leuthen" spricht nicht Renommiersucht, sondern Redlichkeit, nicht Angeberei, sondern die Akkuratesse eines Mannes, der seine Erlebnisse, so Fouquet, „aus innerem Drang und aus seelischer Notwendigkeit" weiterreichte. Aus Dankbarkeit für seine Rettung schrieb Staden nicht nur das erste deutsche Buch über Südamerika, sondern zugleich ein Standardwerk, das Ethnologen über Brasiliens Ureinwohner bis heute exakter und glaubwürdiger informiert als alle späteren Werke.

Die Familie des frommen Forschungsreisenden stammte vermutlich aus dem Dorf Staden in der Wetterau zwischen Taunus und Vogelsberg. Um 1525 erwarb Stadens Vater Gernand in Homberg das Bürgerrecht. In der Schule des Städtchens hörte Sohn Hans beim Rektor Crispinus („Kraushaar"), der mit dem Luther-Mitarbeiter Philipp Melanchthon (1497-1560) korrespondierte, erstmals etwas von den Gefahren der Welt.

Danach erlernte Hans Staden vermutlich in dem 25 Kilometer entfernten Erzbau- und Gießereiort Fischbach ein Handwerk, das den 21jährigen befähigte, als Kanonier am Schmalkaldischen Krieg (1546/47) zwischen kaiserlichen Katholiken und lutheranischen Landesfürsten teilzunehmen. Im Heer der Reformierten traf der Richtschütze Staden einen Landsmann, durch den er später an Brasiliens Küste in indianische Gefangenschaft geriet: Helidorus Hessus, Sohn des Marburger Humanisten und Poeten Eobanus Hessus.

Nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes wurden in Hessen Festungen geschleift, Reparationen eingetrieben und lutheranische Landeskinder mit Gewalt zur katholischen Konfession konvertiert. Viele Hessen zogen es vor, die Heimat zu verlassen - unter ihnen auch der entlassene Kanonier, der sein Buch später mit dem Satz begann: „Ich, Hans Staden von Homberg in Hessen, name mir vor, wens Gott gefeilig were, Indiam zu besehen."

Anfang 1548 reiste Staden über Bremen und Holland nach Lissabon, doch er erreichte die portugiesische Hauptstadt zu spät: Die königlichen Indienschiffe waren für dieses Jahr bereits ausgelaufen. Stattdessen heuerte Staden mit zwei anderen Deutschen als Büchsenschütze auf einem Brasilienfahrer an. Der Segler lief im Juni 1548 aus und steuerte erst Madeira, dann die marokkanische Küste an, wo der Deutsche den Portugiesen erstmals seine Zielsicherheit bewies: Der Kapitän besaß königliche Erlaubnis, vor Afrika Schiffe zu kapern, die mit den Mauren Handel trieben.

Beim heutigen Agadir enterten die Portugiesen einen spanischen Kauffahrer. „Die Mauren kamen stark angeritten, aber sie konnten vor unserm Geschütz nit darzukommen", schrieb der deutsche Kanonier später bescheiden. Die Portugiesen deponierten ihre Beute auf Madeira und überquerten danach in 84 Tagen den Atlantik. Bei Pernambuco (heute Recife) zog Staden zum zweiten Mal für seine neuen Arbeitgeber ins Gefecht: Indios vom Stamm der Caetes hatten das Dorf Igaracu 70 Kilometer nördlich vom Hafen angegriffen. „Es mochten unser Christen 90 zur Wehr sein, darneben dreißig Moren und prasilianische Sklaven; die wilden Leut, so uns belegerten, wurden geachtet uff achttausend", schilderte Staden das Kräfteverhältnis. Doch die Feuerwaffen der Eingeschlossenen trieben die Angreifer immer wieder zurück. Nach einem Monat zogen die Caetes ab. Danach lud das Schiff Brasilholz und kehrte nach 16-monatiger Reise im Oktober 1549 nach Lissabon zurück.

Am 10. April 1550 startete Staden, diesmal an Bord eines spanischen Seglers, zur zweiten Amerika-Fahrt, vom Hafen Sanlúcar de Barrameda bei Sevilla. Stadens Karavelle bildete mit zwei anderen Schiffen das Vorauskommando für einen spanischen Vorstoß zum Rio de la Plata und in das sagenhafte goldreiche Land Peru. Es wurde eine der abenteuerlichsten Entdeckungsreisen aller Zeiten: Stürme verschlugen den kleinen Konvoi vor Afrikas Küste ostwärts in den Golf von Guinea. Dabei verloren sich die Schiffe. Erst im November erreichte Stadens Karavelle den vereinbarten Treffpunkt, die Insel Santa Catarina an der südbrasilianischen Küste. Drei Wochen später traf dort, schwer beschädigt, auch das Hauptschiff der Expedition ein, die „San Miguel". Es war im Golf von Guinea von französischen Korsaren ausgeplündert worden. Kurz nach seiner Ankunft sank es. Das dritte Schiff blieb für immer verschollen.

Zwischen der brasilianischen Wildnis und der rettenden Zivilisation gab es damals kaum bessere Verbindungen als heute zwischen Mond und Erde. Dennoch hofften die Spanier zwei Jahre lang, der Zufall würde weitere Schiffe aus Spanien an ihrer Insel vorüberführen - vergeblich. Der 25jährige Staden: „Wir lieden großen Hunger, musten Eydexen und Feldratten essen und andere seltsame Getier."

Anfangs konnten die Überlebenden bei indianischen Küstenbewohnern noch Lebensmittel eintauschen. Doch als die misstrauischen Rothäute nach einiger Zeit im Dschungel untertauchten, drohte den Spaniern der Hungertod. Daraufhin zog ein Offizier mit fünf indianischen Begleitern 1200 Kilometer über Land nach Asunción, heute Hauptstadt von Paraguay, und stellte dort eine Hilfsexpedition auf die Beine. Doch als die Retter nach Santa Catarina kamen, trafen sie die Schiffbrüchigen nicht mehr an: Ein Teil der Gestrandeten, darunter auch Frauen und Kinder, hatte die Geduld verloren und war auf eigene Faust nach Asunción gezogen. Nur 50 überlebten den Marsch. Die anderen fuhren nach Norden, um den 700 Kilometer entfernten portugiesischen Stützpunkt Sao Vicente, heute Santos, zu erreichen. Dort warf sie ein Sturm auf die Klippen.

Nun sah Staden die Expedition endgültig als gescheitert an und suchte sich eine neue Stellung. Er fand sie bei den Portugiesen in Sao Vicente, die sich gegen ständige Überfälle der Tupinamba-Indianer zu wehren hatten: Die Indios stießen in Rindenbooten von Norden durch einen Meeresarm auf die Siedlung vor. Die Portugiesen sperrten den Wasserweg durch eine Festung und übertrugen Staden das Kommando. Staden unterschrieb für zwei Jahre. Dann wollte er in die hessische Heimat zurück.

Um die Jahreswende 1553/54 erhielt der deutsche Burghauptmann Besuch von seinem Ex-Kriegskameraden und Landsmann Helidorus Hessus, der in spanischen Diensten nach Südamerika gekommen war. Um Wild für ein Festessen herbeizuschaffen, machte sich Staden im Urwald auf die Pirsch - und wurde von Tupinamba-Kriegern gefangen: „Wie ich nun so durch den Waldt gieng, erhub sich uff beyden Seiten des Wegs ein groß Geschrey auf der wilden Leut Gebrauch, und kamen zu mir in gelaufen", erinnerte sich der Deutsche später, „und sie hatten ihr Bogen uff mich mit Pfeilen gehalten, schossen zu mir ein. Da ruft ich: ,Nun helf Gott meiner Seelen!' Ich hatte das Wort kaum so bald ausgesagt, sie schlugen mich zu Erden, schossen und stochen uff mich."

Die Indios schleppten den Verwundeten zu ihren Gefährten, die am Strand bei ihren Booten warteten. „Wie mich dieselbigen sahen", erzählte Staden, „liefen sie mir alle entgegen, waren geziert mit Feddern und bissen in ire Arme und dräuten mir, sie wollten mich essen." Ein Befreiungsversuch der Portugiesen schlug fehl: Die Tupinamba entführten Staden von der Insel, auf der heute die 400.000 Einwohner der Großstadtleben, in ihr 150 Kilometer nordöstlich gelegenes Küstendorf Ubatuba.

Dort wartete Staden auf seine letzte Stunde: Die Tupinamba, deren Sprache er in Sao Vicente erlernt hatte, wollten ihn verspeisen - „aus Rache für ihre vielen Brüder, die von den Portugiesen getötet worden sind". Der Deutsche verteidigte sich mit einer List: Er sei kein Portugiese, sondern ein Franzose.  Er wusste, dass die Tupinamba mit Seeleuten französischer Schiffe handelten. Daraufhin schleppten die Indios ihren Gefangenen zu einem französischen Kaufmann, der bei Ubatuba eine kleine Handelsstation unterhielt. Der Franzose sprach ein paar Minuten zu Staden, der kein Wort Französisch verstand. Der Franzose danach zornig zu den Indianern: „Tötet und freßt ihn, den Bösewicht, er ist ein richtiger Portugiese, euer und mein Feind!"

Im Dorf der Tupinamba erlebte der Deutsche alle Demütigungen eines kriegsgefangenen Sklaven: Die Indios führten ihn nackt den Frauen vor und zwangen ihn, dabei in der Tupi-Sprache zu rufen: „Hier kommt euer Essen!" Die Indiofrauen schlugen den Gefangenen, rissen ihn am Bart, legten ihm einen Strick um den Hals, zerrten ihn auf den Dorfplatz, schoren ihm Augenbrauen und Bart, banden dem Verwundeten Rasseln an die Beine und zwangen ihn, zu tanzen. Dann brachten die Tupinamba den Gefangenen zu ihrem Häuptling Cunhambebe, der wegen seiner vielen Kriegszüge von den Portugiesen besonders gefürchtet war. Staden half sich durch diplomatisches Geschick und seine Kenntnis indianischer Sitten: Cunhambebe, so wusste er, „solte ein großer Man sein, auch ein großer Tyran". Zielsicher fand der Deutsche den mächtigen Häuptling unter den am Lagerfeuer sitzenden Indios heraus: „Und es war eyner unter inen, der, deuchte mich, were es; und ich gieng hin und sagte: ,Ich hab vil von dir gehört.' Da stund er auf und gieng vor mir her mit großem Hochmuth."

Der geschmeichelte Häuptling fragte den Gefangenen nach militärischen Aktionen der Portugiesen, was Staden Gelegenheit zu manchem anderen Kompliment an den stolzen Indianerherrscher gab. Daraufhin befahl Cunhambebe Stadens Häschern, sie sollten „gut auf ihn achtgeben" – der Deutsche konnte wieder hoffen.

Durch geschicktes Verarzten von Wunden und glückliche Wettervorhersagen erwarb sich Staden bei den Tupinamba allmählich Respekt und sogar Sympathie. Sie hielten ihn für einen mächtigen Mann. Die Indios gaben ihre Absicht auf, Staden zu verspeisen - der scheinbar zauberkundige Fremde schien zu schade für den Kochtopf.

Die entstandene Wertschätzung rettete dem Deutschen das Leben, erschwerte allerdings zugleich auch seine Befreiung. Denn jetzt schien den Indios keine Tauschware mehr attraktiv genug, ihren Gefangenen dafür ziehen zu lassen. Das zeigte sich fünf Monate nach Stadens Gefangennahme, als vor dem Tupinamba-Dorf ein portugiesischer Kauffahrer ankerte, der beauftragt war, nach dem Deutschen zu suchen. Die Indianer schleppten ihren Gefangenen in Rufweite an den Strand. An Bord entdeckte der Deutsche einen portugiesischen Offizier, den er kannte und der ihm Mut machen wollte: „Lieber Bruder, euerthalben sein wir herkommen mit dem Schiffe und haben nicht gewußt, ob ir lebend odder todt seid. Nun hat uns der Hauptmann zu Sao Vicente befohlen, zu forschen, ob die Indianer euch verkeuffen. Wo nicht, solten wir sehen, ob wir etliche fangen konnten, die euch quittierten."

Doch Staden warnte davor, auf diese Weise zu versuchen, mit den Tupinamba quitt zu werden. Er wusste, dass die Indianer ihn noch nicht einmal gegen gefangene Verwandte austauschen würden. Stattdessen bat er die Portugiesen: „Gebt mir etliche War, Messer und Angelhacken." Als er die Gegenstände erhalten hatte, erzählte Staden den Freunden noch von einem bevorstehenden Angriff der Tupinamba und tröstete sie und sich selbst mit dem Gedanken an die ewige Seligkeit: „Dieweil es meine Sünde also verdienet, ist es besser, dass mich Gott hie straffe denn dort im jenem Leben."

Nach sechs Monaten aber schien es dem frommen Hessen genug der Buße. Als ein französischer Segler in der Bucht vor Anker ging, plante Staden die Flucht. „Da dacht ich: O du gütiger Gott, wan das Schiff nu auch hinweg feret und mich nit mit nimpt, werde ich doch unter jenen umbkomen. Mit dem gedancken gieng ich zu den hütten hinaus, nach dem Wasser zu."

Als die Indianer seine Flucht merkten, rannten sie dem Deutschen in Scharen nach. „Ich lieff vor ihnen her, und sie wolten mich greiffen", schilderte Staden, „den ersten, so bei mich kam, schlug ich vor mir. Es war das ganze Dorff hinder mir, doch entkam ich inen und schwamm bei das Bott."

Die Franzosen, die in einem Ruderboot Tauschwaren zum Schiff zurück transportierten, hatten jedoch kein Mitleid mit dem Flüchtling: „Wie ich nun in das Bott steigen wolt, stissen mich die Frantzosen wider hinwegk und meynten, wenn sie mich wider der Wilden Willen mitnehmen, möchten sie auch ire Feind werden. Da schwamm ich betrübt wider dem Land zu."

Um die Indianer zu besänftigen, schwindelte Staden, er habe keineswegs fliehen, sondern nur seinen französischen Landsleuten sagen wollen, sie sollten beim nächsten Mal aus seinem Vermögen viele Geschenke für den Stamm mitbringen. Die Indianer glaubten ihm: „Solches behagte inen wohl."

Ganze acht Monate lang zog Staden mit den Tupinamba auf Jagd und in den Krieg, lebte und aß mit ihnen. Beim Essen verzichtete er jedoch oft: Einmal, so berichtete der Hesse hinterher, hatte Häuptling Cunhambebe „eynen großen Korb vol Menschenfleysch vor sich, aß von eynem Beyne, hielt es mir vor den Mundt, fragte, ob ich auch essen wölte. Ich sagte: ,Eyn unvernünftig Thier frisset kaum das ander, sollte dann eyn Mensch den andern fressen?' Er aber byß darein und sagte: ,Ich bin eyn Tigerthier, es schmeckt mir wol!' Damit gieng ich von ihm."

Als die Krieger von Ubatuba auf einem anderen Raubzug nach Sao Vicente fünf neue Gefangene gemacht hatten, verkauften sie Staden an ihre Nachbarn im Norden - in das Dorf Tacquaratu-Tiba, das heute am Rand einer anderen brasilianischen Großstadt liegt: Rio de Janeiro. Dort sah der Deutsche schon zwei Wochen später eine neue Chance freizukommen - durch ein französisches Handelsschiff, dessen Kapitän Stadens Flucht listig unterstützte. Der Schiffer erzählte dem Tupinamba-Häuptling, er sei Stadens Bruder und gekommen, um den Gefangenen mit Handelswaren zu versorgen. Die Wilden begleiteten Staden mehrere Male an Bord ihrer Handelspartner, wo ihnen Kisten mit Tauschwaren gezeigt wurden. Als das Misstrauen der Indianer gewichen war, ließ der französische Kapitän eines Tages den überraschten Häuptling von bewaffneten Matrosen umzingeln.

„Da ließ der Kapitän sagen, er were der oberste im Schiff und hätte gern, daß ich mit ihm zöge." Der getäuschte Indianerhäuptling „fing an zu schreien", beruhigte sich aber, als sich vor ihm ein stattliches Lösegeld häufte „in Messern, Exten, Spiegeln und Kemmen".

Kurz vor der Abreise des Schiffes wurde Hans Staden durch eine Gewehrkugel schwer verletzt, als die Franzosen versuchten, ein portugiesisches Schiff zu kapern. Er schrieb später darüber: „Ich wurde durch ein Geschoß fast getötet ... In meiner Angst rief ich den Herren an, denn ich fühlte nichts anderes als Todesnot. Ich bat den gütigen Vater, er möchte mich, da er mir aus der Gewalt der grausem Heiden geholfen hätte, doch am Leben erhalten, damit ich in das Land der Christen zurückkommen und seine an mir erzeigten Wohltaten auch anderen Leuten verkündigen könne."

Im Februar 1555 erreichte das Schiff seinen Hafen Honfleur an der Seine-Mündung. Im Sommer desselben Jahres traf Staden in der Heimat ein. Er siedelte sich in Wolfhagen an, wo er sogleich seine Erlebnisse niederschrieb. Das Buch erschien Anfang März 1557 in Marburg - „zu Mapurg im Kleeblatt bei Andres Kolben uff Fasnacht." Es ist das erste Buch im deutschen Sprachraum, das über den neu entdeckten südamerikanischen Kontinent berichtet. Danach erlernte der weitgereiste Soldat bei einem Marburger Pulvermacher das Salpetersieden, eröffnete eine Seifenproduktion, heiratete, wurde Vater mehrerer Kinder und starb 1576 mit nur 51 Jahren an der Pest.

Stadens Buch wurde ein Bestseller: In vier Jahrhunderten wurde es in neun Ländern, acht Sprachen und 83 Auflagen gedruckt - 1961 sogar in Japan. Staden-Forscher Fouquet: „Die wahrhaftige Historia ist eine der unmittelbarsten und verlässlichsten Quellen aus der Zeit der Landnahme durch die Portugiesen; sie ist das Muster einer gedrängten, alles Wesentliche wiedergebenden Völkerschilderung und gehört als Reisebericht zu dem Ergreifendsten, das die deutsche Literatur bietet."

Mit dem Buchtitel wollte Staden von vornherein den Verdacht ausschalten, Sensationen, wie sie damals auf den Jahrmärkten erfunden wurden, anzubieten. In einem Vorwort bestätigte sein väterlicher Freund, der Marburger Professor der Anatomie und Mathematik Johannes Dryander (1500-1560), die Vertrauenswürdigkeit des Buchschreibers. Das Buch, dem Landgrafen Philipp gewidmet, sollte nach Stadens Vorstellungen weniger über die unbekannten südamerikanischen Völker berichten: Er verstand es vielmehr als Dank eines Christen für die Rettung aus der Gefangenschaft der kannibalischen Indianer. So heißt es am Anfang auch folgerichtig: „Das alles wurde Gott zu Ehren und zum Dank für seine Freigibigkeit und Barmherzigkeit in Druck gegeben."

Das Land Hessen hat sich seines großen Sohnes liebevoll angenommen. 1981 zeigte eine Hans-Staden-Ausstellung in Homberg und im Kreismuseum Wolfhagen Urkunden aus dem Leben des frommen Abenteurers, Holzschnitte aus seinem Buch und zeitgenössische Stadtbilder von Homberg und Wolfhagen. Danach reisten 400 Kilo Exponate in zwölf Kisten per Luftfracht nach Brasilien. Unter dem Patronat des 1938 gegründeten „Institute Hans Staden", dessen Mitglieder sich der Geschichte und Pflege deutsch-brasilianischer Beziehungen widmen, wurde die Ausstellung im Museo de Arte von Säo Paulo und in dem von besonders vielen deutschen Einwanderern besiedelten Distrikt um Porto Alegre präsentiert.

Feldbauern, Küstenfischer und Krieger – Die Tupinamba

Die Dörfer der Tupinamba bestanden aus mehreren Großhäusern (Gemeinschaftshäusern). Sie waren um einen Dorfplatz angeordnet. In den Dörfern, die durch eine doppelte Palisadenwand geschützt waren, lebten jeweils bis zu 200 Menschen mit etwa 30 bis 40 Familien. Jede Familie besaß ihren Feuer- und Hängemattenplatz an den Längsseiten des durchschnittlich 90 Meter langen, zwölf Meter breiten und drei Meter hohen Gemeinschaftshauses. Das wichtigste häusliche Inventar war die Hängematte aus Palmfasern oder Baumwolle. Der Mittelteil des Hauses diente als Wohn- und Zeremonienraum.

Textile Bekleidung kannten die Tupinamba nicht. Es existierten dagegen eine große Zahl von Schmucksachen wie etwa Ketten aus Muscheln, Schnecken, Tier- oder Menschenzähnen oder Knochen. Bereits in der Kindheit wurde die Unterlippe und oft auch das Ohrläppchen durchbohrt und in den folgenden Jahren langsam ausgeweitet, um immer größere Holzpflöcke oder konische Knochen oder Muschelstäbe einzustechen. Auch die Körpertätowierung und -bemalung waren gebräuchlich. Berühmt waren die Federarbeiten der Tupinamba, ihre halbkreisförmigen, capeartigen Mäntel aus Baumwollfäden, in die rote Flaumfedern des Flamingos eingearbeitet waren

Die Tupinamba waren Feldbauern und Küstenfischer. Zur Anlage der Pflanzungen mussten Bäume und Unterholz mit einfachen Steinbeilen umgeschlagen und das trockene Holz verbrannt werden, dessen Asche als Düngung diente. Die Aussaat beziehungsweise das Einsetzen von Stecklingen erfolgte zwischen den Baumstümpfen. Wichtigste Ernährungspflanze war der Maniokstrauch, von dem vor allem die giftige Art angebaut wurde. Sie hat einen hohen Anteil Blausäure, die sie für Menschen ungenießbar macht. Die unterirdischen, armdicken, stärkemehlhaltigen Wurzeln müssen deshalb zunächst entgiftet werden. Aus dem verbliebenen, gesiebten Mehl wurden Fladenbrot, Suppen und alkoholische Getränke bereitet. Außerdem wurden mehrere Maisarten, Süßkartoffeln, Bohnen, Kürbisse, Erdnüsse, Ananas, aber auch Pfeffer, Tabak und Baum wolle angebaut. Wildwachsende Samen und Früchte sowie Tiere des Meeres ergänzten die Nahrung. Zum Fang wurden Netze oder spezielle Fischpfeile verwendet und stehende Gewässer vergiftet. Dazu und für größere Reisen dienten Einbäume, Rindenkanus und Flöße.

In der Sozialstruktur war die väterliche Linie bestimmend. Es gab Häuptlinge, die wegen ihrer Persönlichkeit und ihres Kriegsglücks mehrere Dörfer oder große Gebiete beherrschten. Bei der Geburt eines Kindes bestand die Sitte des Männerkindbetts (Couvade); das heißt, der Vater gebärdete sich wie eine Wöchnerin, um böse Geister zu täuschen und auch die enge Beziehung Vater-Kind zu demonstrieren. Besondere Ereignisse waren die Namensgebung, das Fest der Lippen- und Ohrendurchbohrung sowie die Reifefeiern der Mädchen. Erst nachdem der junge Mann einen oder mehrere Gefangene getötet hatte, durfte er heiraten. Verstorbene erhielten ein Erdbegräbnis in Hockstellung in einem irdenen großen Biergefäß. Eine besondere Rolle spielten die Medizinmänner und ihre Kürbisrasseln bei Beschwörungen, Heilungen und Kontaktaufnahmen mit der Geisterwelt.

Als Angriffswaffe benutzten die Tupinamba Pfeil und Bogen und für den Nahkampf schwere Holzkeulen. Sie waren ausgesprochen kriegerisch und suchten auf zahlreichen Kriegszügen menschliche Opfer, die sie dann nach rituellen Vorschriften töteten und verspeisten.

Die Tupinamba sind praktisch ausgestorben. Durch von den Europäern eingeschleppte Krankheiten stark dezimiert, gingen die Reste des Volkes bald in der brasilianischen Mischlingsbevölkerung auf. Doch ihre Sprache, das Tupf, ist heute noch eine der brasilianischen Verkehrssprachen. Auch ihre Mythen und Bräuche, Kannibalismus natürlich ausgenommen, werden von anderen Stämmen bis heute bewahrt.

 



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