Documenta 1987: Mensch, Mercedes und moderne Kunst

Samstag, 18. Januar 2014

Vor fast 30 Jahren zeigten 150 Künstler auf der 8. „documenta“ in Kassel Werke im Wert von angeblich rund 30 Millionen Mark. Einige besonders ungewöhnliche lösten auch ungewöhnliche Reaktionen aus. Die Reportage vom 5.Juli 1987 zeigt: Auch damals fand die Avantgarde nicht bei jedem Betrachter kritiklosen Beifall.

Das 1779 fertiggestellte Fridericianum ist der älteste klassizistische Bau Deutschlands und das erste öffentliche Museum des europäischen Kontinents. An der Fassade fordern Spray-Graffiti: „Gorleben soll leben", „Stoppt Iso-Folter!" Der Eintritt kostet zehn DM pro Tag, der „documenta"-Katalog in Leinen 150 DM.

Hinter dem Verkaufsstand stehen junge Leute vor einem Werk des Kölners Hans Haacke. Er hat ein Signet der Deutschen Bank und einen Mercedes-Stern vergrößert und dahinter ein Farbfoto von südafrikanischen Rassenunruhen geklebt. Ein Führer sagt: „Eine brisante Dokumentation über die Verflechtung von Kunst, Kommerz und Krieg." Die Teilnehmer des Rundgangs, darunter zwei Zeichenlehrer aus dem Rheinland, bestaunen die Verflechtung. Eine japanische Besucherin hält auch die Herrentoilette für besichtigenswert; ein Wärter drängt die Irrende zurück.

Vor einer „Audiothek" kauert eine junge Frau. Sie warnt: „Es kostet viel Überwindung, da zuzuhören.“ Der Katalog verrät: Das Programm wurde von dem WDR-Mitarbeiter Klaus Schöning zusammengestellt. Titel einer der Kompositionen: „Natürliche Ansammlungen und die echte Krähe".

Vor mehreren großen Eisenringen des Aacheners Wolfgang Nestler liest eine Lehrerin ihren zwölfjährigen Schülern - sie hatten sich am Tag zuvor in der Malstunde das Haar grell gefärbt - aus dem Katalog vor: „Die einzelnen Schnittformen finden ihre Position durch ihr eigenes Schwergewicht."

„Wie heißt das Ding denn?", will einer der Jungen wissen. „Du kannst doch lesen", antwortet die Lehrerin, „bei jedem Kunstwerk hängt an der Wand eine Tafel. Was steht dort?" Der kleine Junge stellt sich auf die Zehenspitzen und liest vor: „Ohne Titel."

Das Hauptwerk der „documenta 8" befindet sich im ersten Stock. Es heißt „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch". Joseph Beuys hat es geschaffen. Der Katalog erklärt: „Ein paar Tiere, Hirsch und Ziege, Kreaturen, Archetypen spiritueller Sphären, von einem Blitz beleuchtet, der zugleich die Physis des Dunkels ist". Mit bloßem Auge ist von alledem wenig zu erkennen. Die Ziege etwa soll „durch einen flachen Eisenwagen und eine Hacke mit Lehmresten" dargestellt sein. „Eine extrem vereinfachte, lineare Tierandeutung", sagt der Führer. Einige Zuschauer lächeln.

An einem weißen Brett hängt ein Zettel: „Passt auf, ihr kosmischen Synapsen! Glyptofragile Durchblicker halten die Speerspitze besetzt. Irdische Sentenzen sind doppelbödig, denn wo alles Wasser tiefer wird, ist der Boden schon längst feucht." Gezeichnet: „Dr. Schwerelos". Daneben hat der Künstler eine Jalousie der Marke „Fihalux" angebracht und mit der Bezeichnung „Venezianische Jalousie" versehen.

Erhitzte Besucher schnappen an einem Fenster frische Luft. Unten macht sich ein bärtiger Herr im blauen Hemd Notizen. Eine Frau meint: „Das ist bestimmt auch ein Künstler". „Nein", sagt ihr Begleiter, „der ist von der Polizei. Der schreibt Parksünder auf."

Vor einem Bratwurst-Stand, an der Besucher eine Pause einlegen können, bettelte ein Betrunkener einen Japaner an. Der Japaner strahlt und hält ihm ein Tonband entgegen. Hält er den Lallenden für einen Aktionskünstler?

Aus dem Angebot des „documenta-Cafes" ragt das Glas „Perrier Jouet“ für 12.50 DM heraus. Nebenan Wandschriften: „Edel sei der Mensch, aidsfrei und gut" und „Erst Hiroshima, dann Gauweiler."

Größere Plastiken sind außerhalb der Ausstellungsräume an verschiedenen Plätzen der Stadt zu betrachten. Am Rathaus steht Richard Serras „Streetlevel". Mit diesem 20,50 Meter langen, 10,25 Meter breiten und 4,00 Meter hohen H aus Corten-Stahl ist eine Seitenstraße nahezu völlig blockiert. Passanten müssen sich an dem Werk vorbeizwängen. Das ist der Sinn der Sache. Der Künstler weiß: „Das Praktizieren neuer Wahrnehmungsweisen führt zu einem kritischen Hinterfragen der gewohnten Ortserfahrung."

Vor dem Werk stehen zwei junge Männer. Der eine: „Was willst Du jetzt sehen?" Der andere: „Ein Bier".

Vor Heinrich Brummacks Säulen-Segeldach-Konstruktion „Eine Skulptur, die heiratet" stehen vier vergnügte ältere Damen aus Bielefeld. Der Amerikaner Scott Burton hat auf einer Wiese einen Steinring verlegt. Titel: „Ottomane". Hundert Meter entfernt trampelt ein Sechsjähriger mit bloßen Füßen durch den Morast. „Pfui!", ruft der Vater: „Lauf mal rüber zur Ottomane, damit deine Füße wieder sauber werden." - „Wohin?" - „Na da drüben, zu dem ollen Rondeel."

Auf der Wiese vor der Orangerie sonnen sich bärtige Freunde der Kunst in Unterhosen. Hinter ihnen drohen Wandparolen einer Fraueninitiative: „Vergewaltiger - wir kriegen euch!"

In der Orangerie sitzen die Aufpasser auf „Wärterstühlen“ des Magdeburgers Stefan Wewerka. Der Katalog: „Eine funktionale Skulptur, die dem Wachmann die Autorität eines ägyptischen Pharao gibt".

Im ersten Stock dreht sich ein blauer Mercedes CE 300 auf einem blauen Podest – ein Kunstwerk des Korsen Ange Leccia, gefertigt in und geliefert aus Stuttgart. Titel: „La Seduction". Der Katalog: „Fetischisiertes Ambiente und fetischisierte Inszenierung machen die Präsenz einer Präsentation aus." Ein Zuschauer äußert den Verdacht: „Ich glaube, die wollen uns hier hochnehmen." - „Banause" murmelt ein Wärter. Für Freunde der Kunst gibt es in Kassel außerdem auch noch eine staatliche Gemäldegalerie. Da hängen 17 Rembrandts. Der Saal ist leer.

 




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