Eine schrecklich nette Familie

Sonntag, 19. Januar 2014

Vor 20 Jahren war die US-Serie auch in Deutschland ein Hit. Unser Bericht von 1994 erklärte damals die Gründe. Hauptdarstellerin Katey Segal feiert heute ihren 60. Geburtstag.

Seine ersten Worte nach dem Aufstehen sind: „O Gott, ist die Welt hässlich!“ Und die Bilanz seines aufregenden Lebens lautet: „Ich habe verlernt, auf vieles zu verzichten: eine Yacht, ein Sommerhaus, Liebe, Respekt, Essen...“

Der ewige Verlierer, der sich alle Tage wieder hoffnungslos einer katastrophalen Form von Häuslichkeit ausliefert, ist der neue TV-Liebling der Nation: Al Bundy aus der RTL-Serie „Eine schrecklich nette Familie“ zieht selbst weit nach Mitternacht mühelos eine runde Million Fans vor die Glotze.

Der Sensationserfolg hat gute Gründe: Anders als die klischeehaften Konstruktionen der üblichen TV-Serien, in denen Eltern liebevoll, Kinder brav und Haustiere possierlich sind, kommen Al Bundys Abenteuer der Realität modernen Familienlebens verblüffend nahe.

Mutter Peggy – Darstellerin Katey Segal wird heute 60 Jahre alt - ist schlampig, faul und konsumfreudig bis zum äußersten Kulanzrahmen ihrer Kreditkartenfirma. Ihr Tagesablauf besteht aus Fernsehen, Naschen und Shopping. Ihre Gegenleistung an den armen Al reduziert sich auf erkennbar widerwilliges Ertragen seiner Annäherungsversuche. Sie enden meist durch irgendein Desaster, was die Ehefrau stets mit Erleichterung quittiert – und er mit der häufig wiederholten Erkenntnis: „Du bist das Unkraut meines Lebensweges.“

Tochter Kelly (16) ist frühreif wie eine Märztomate, betrachtet die Schule als Partnerschaftsvermittlung und beschränkt ihre familiären Kontakte darauf, Papa die Dollars aus der Tasche zu zaubern. Der nennt sie zärtlich, aber realistisch „Dumpfbacke“ und dankt Gott für jeden Tag, der ohne positiven Schwangerschaftstest verstreicht.

Nur Sohn Bud (12), ein pubertierender Klugscheißer, zeigt gelegentlich Reste von Sympathie für seinen vom Leben gestraften Erzeuger, dem er allerdings in keiner Weise nachzueifern gedenkt. Stattdessen konzentriert sich das Interesse des Juniors auf kurzberockte Teenies.

Hund Buck, eine undefinierbare Langhaar-Mischung von beachtlicher Größe und Unsauberkeit, besitzt insofern menschliche Züge, als er sich ebenso wie der Rest der Familie für Vaters Geldbeutel interessiert und bei Hundedamen ungefähr so selten Gegenliebe erfährt wie Herrchen bei Frauchen.

Am Ende der Hackordnung steht Al, der den Beruf eines Schuhverkäufers ausübt, weil Drehbuchautor Ron Leavitt sich „nichts Deprimierenderes für einen Mann vorstellen“ konnte. Deshalb presst der Familienvater tagein, tagaus „fette, fleischige“ Gehwerkzeuge in viel zu kleine Lederprodukte und seufzt abends zu Hause: „Füße und dass wir warmes Wetter haben, ist eine tödliche Kombination.“

Selbst das in US-Serien stets geförderte nachbarschaftliche Verhältnis liegt im Argen. Wenn Bundy die anderen Bewohner der Chicagoer Vorortsiedlung zu Hause vorfindet und fragt: „Warum treffen wir uns eigentlich immer bei mir?“, kommt wie selbstverständlich die Antwort: „Weil unsere Frauen dich nicht in unseren Häusern haben wollen.“

Als „Eine schrecklich nette Familie“ (Originaltitel: Married... with Children“) 1987 im US-Sender Fox anlief, hagelte es dann auch gleich herbe Kritik. Die „New York Times“ erkannte „Meilensteine der Vulgarität“, als Peggy den geschlauchten Gatten höhnisch fragte: „Hast du mal eine Minute Zeit? Dann könntest du mit mir schlafen – viermal!“

Die Werbekundschaft boykottierte gar die Serie wegen „zu viel verbaler Gewalt“. Doch rasch wurden die Bundys zum Renner – und blieben es bis heute. Es gibt auch schon in Deutschland Bundy-Feten, wie in der St.-Pauli-Kneipe „Komet“, wo Videos von brausendem Beifall begleitet werden. T-Shirts mit dem zerknautschten Gesicht des Hauptdarstellers Ed O’Neill finden reißenden Absatz. Selbst bei Computerspielen bezeichnet inzwischen „ein Bundy“ den untersten Schwierigkeitsgrad.

Schon widmen sich Soziologen dem TV-Phänomen. „Bundy ist der moderne Sisyphus“, ließ sich der „Spiegel“ von dem Hamburger Doktoranden Fred Reibe erklären, „von einer sinnlosen Welt umgeben, vom öden Schicksal geprügelt, aber trotzdem nie verzagt.“ Die „taz“ nutzte dankbar die unverhoffte Gelegenheit zur Systemkritik und verkündete, hier werde das „porentief verlogene Phantombild harmonischer Familienverhältnisse“ sowie der „Fortpflanzungsimperativ mit frohgemutem Zynismus lächerlich gemacht“. Die „Zeit“ wollte dem Jux sogar noch eine effektvolle Eigenleistung drauf setzen und bat den Bundeskanzler im Scherz: „Herr Kohl, Sie versprachen, ,Schaden vom deutschen Volke abzuwenden’ – bitte sprechen Sie ein Machtwort!“

RTL setzte die vorgebliche Komödie, die ehrlicherweise besser unter „Reality-TV“ einzuordnen wäre, wohl eher ahnungslos durch. Seit allerdings der Chefetage klargeworden ist, dass der noch nicht einmal sonderlich gut synchronisierte Schnellkauf noch zu nachtschlafender Zeit mehr Zuschauer zieht als manche teure Eigenleistung, wird jede Folge um 17.30 Uhr wiederholt.

Und getreu der Devise deutscher TV-Macher, dass gut geklaut besser sei als schlecht erfunden, lässt der Kölner „Tutti“-Sender jetzt sogar eine deutsche Version der US-Sitcom drehen: In Berlin entstehen derzeit 26 Folgen unter dem Arbeitstitel „Stunk bei Strunks“. Das darin vorgeführte Kölsche Familienleben mit Vater Jupp, Mutter Roswitha, Tochter Biggi und Sohn Tim soll, so versprechen die Macher, nicht etwa eine Art rheinischer Komödienstadl, sondern „witzig, wild und ausgeflippt“ werden.

Al Bundy selbst würde sich vor solchen Experimenten wohlweislich hüten: Als er z.B. am Hochzeitstag einen Schlagbohrer bekam und Peggy auf sein Gegengeschenk wartete, seufzte er nach realistischer Einschätzung der Lage: „Das wird schwer zu überbieten sein – ich versuch’s erst gar nicht.“

 



Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt