Der Balkan-Krieg (1): Das Attentat von Sarajevo

Dienstag, 21. Januar 2014

Wie es zum Ersten Weltkrieg kam: Vor 15 Jahren erschütterte der Balkan-Krieg Europa. Die Folgen sind bis heute spürbar. Unsere Serie schilderte damals die historischen Hintergründe. Schon immer war die südosteuropäische Halbinsel ein gefährlicher Unruheherd. In der ersten Folge vom 25. März 1999 ging es um das Attentat von Sarajevo.

Balkan - die von Bergen und Strömen, von Völker- und Religionshass zerrissene Halbinsel zwischen Donau und Dardanellen bleibt bis heute Europas ewig klaffende Wunde. Dort begannen auch die Verwicklungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Ersten Weltkrieg führten, dem bis dahin größte Völkergemetzel der Menschheit.

Das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 war das folgenschwerste der Weltgeschichte - und das mit den seltsamsten Begleitumständen: Getroffen wurde der falsche Mann. Das Opfer wusste, was es erwartete. Und der Mörder, der Millionen Kriegstote auf dem Gewissen hatte, wurde hoch geehrt.

Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand, 38, sympathisierte mit den Kroaten, Slowenen und Serben seines Reichs, wollte sie sogar zur gleichberechtigten dritten Stütze eines österreichisch-ungarisch-südslawischen Kaisertums machen. Doch seit Kaiser Franz Joseph II. 1908 Bosnien-Herzegowina annektiert hatte, hetzten serbische Nationalisten in Sarajevo mit der Parole "Los von Wien!" gegen die Habsburger. Der Thronfolger stand den Fanatikern im Weg.

Der Erzherzog war mit Gemahlin Sophie, 46, damals zu Sommermanövern unterwegs. Er wusste, dass in der bosnisehen Hauptstadt serbische Terroristen in Kompaniestärke lauerten: Studenten, Arbeiter, Berufsverschwörer mit Schusswaffen und Bomben. Drahtzieher war der Chef des Belgrader Geheimdienstes, Oberstleutnant Dimitrowitsch, genannt "Apis". Er hatte 1903 die Revolte betrunkener Offiziers angeführt, die den österreichfreundlichen Serbenkönig Alexander I. und dessen Ehefrau Draga im Schlafzimmer des Palastes mit Pistolen und Säbeln niedermetzelten.

Als der Auto-Konvoi am Vormittag des 28. Juni 1914 vom Bahnhof zum Rathaus rollte, standen sechs Attentäter mit Bomben bereit. Zwei wagten den Wurf nicht, sagen hinterher, sie wollten keine Frau töten. Der dritte zielte schlecht: Seine Handgranate explodierte erst unter dem folgenden Fahrzeug. Der Erzherzog ließ zwei Verletzte versorgen, fuhr weiter zum Rathaus und sagte zum Bürgermeister: „Das ist ja recht hübsch! Da kommt man zu Besuch in diese Stadt und wird mit Bomben empfangen!“

Danach sollte sein Fahrer auf geänderter Route die Innenstadt ansteuern. Als ein Graf sich schützend aufs Trittbrett stellte, winkte der Erzherzog ab: „Aber lassen S‘ doch, das sind ja Dummheiten!“ Doch der Konvoi verfranzte sich, der Fahrer bremste, stieß zurück – da löste sich der serbische Student Gavrilo Princip, 19, aus dem Spalier der Menge und schoss zweimal auf das Paar.

Die Herzogin sank blutend in den Schoß ihres Mannes, der verzweifelt rief: „Sopherl, stirb nicht ... unsere Kinder ...“ Ein dünner Blutsfaden rann aus seinem Mund. „Es ist nichts“, wehrte er Helfer ab. Sekunden später war auch er tot.

Die gnadenlose Maschinerie des Krieges setzte sich in Gang. Kaiser Wilhelm II. versicherte den Österreichern unbedingte Treue, Zar Nikolaus versprach den Serben Russlands Beistand.

Am 23. Juli stellte Wien Belgrad ein Ultimatum: Es sollte alle Schuldigen an Umtrieben gegen Österreich bekämpfen und bestrafen. Die Serben taktierten wie jetzt der Serbenpräsident Milosevic und hielten die Österreicher hin. Gleichzeitig machten sie mobil. Fünf Tage später erklärte Wien Belgrad den Krieg. Er erfasste die ganze Welt: Das britische und das französische Kolonialreich, Russland, die USA und alle Meere. 8,5 Millionen Soldaten fielen, 21 Millionen wurden verwundet, 7,8 Millionen gefangen oder vermisst. Die Leiden der hungernden, flüchtenden und vertriebenen Zivilbevölkerung waren unermesslich.

1918 lagen Deutsche und Österreicher am Boden. Die Sieger teilten die Beute. Serbien verleibte sich Kroatien, Slowenien und Südungarn ein, stieg zur Führungsmacht auf dem Balkan auf.

Attentäter Princip wurde im Oktober 1914 vor einem Militärgericht in Sarajewo verurteilt – zu 20 Jahren Zuchthaus, weil er noch nicht volljährig war. Er litt an Knochentuberkulose und starb am 14. April 1918, den Sieg Serbiens vor Augen. 1920 wurden seine Gebeine exhumiert und feierlich nach Sarajewo überführt. Sein Grab war ein Nationaldenkmal – bis 1992 wieder Bomben in Sarajewo explodierte: Granaten aus den Geschützen der serbischen Belagerer.

 



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