Der Balkan-Krieg (2): Selbst die Römer fürchteten die Krieger vom Balkan

Mittwoch, 22. Januar 2014

Alexander der Große, Alarich, Dietrich von Bern: Vor 15 Jahren erschütterte der Balkan-Krieg Europa. Die Folgen sind bis heute spürbar. Unsere Serie schilderte damals die historischen Hintergründe. Schon immer war die südosteuropäische Halbinsel ein gefährlicher Unruheherd. In der ersten Folge vom 26. März 1999 ging es um die Kriege der Antike.

Der Balkan – ein von Strömen zerfurchter Klumpen Land. Eine Halbinsel zwischen Adria und Schwarzem Meer, seit Jahrhunderten zerrissen von Religionshass und Völkergemetzeln. Der Balkan - Europas klaffende Wunde. Kein Flecken Erde, der härter und grausamer umkämpft war. Und dies seit grauer Vorzeit. Selbst die alten Römer, unumschränkte Meister der Kriegskunst, zögerten lange, bevor sie ihre Legionen in den Balkan schickten. Ihr Blutzoll war hoch.

Dass nun auch ein dritter Weltkrieg auf dem Balkan auszubrechen droht, ist kein Zufall: Die Halbinsel zwischen Donau und Dardanellen ist seit Jahrtausenden der Ort unaufhörlicher Konflikte. Schon in der Steinzeit schlugen dort Europas erste moderne Waffen blutige Wunden. Und kein anderer Teil Europas zog so viele kriegerische Horden bis von den Grenzen Chinas an. Die Zerrissenheit der Landschaft mit ihren schroffen Bergen, reißenden Strömen und dichten Urwäldern machte es jedem Eroberer schwer. Das harte Klima mit glühenden Sommern und mörderischen Wintern förderte eine Auslese zäher, wehrhafter Bewohner.

Die ersten Balkanbauern kamen aus dem Nahen Osten. Vor 10.000 Jahren brachten sie frühe Errungenschaften der Agrokultur aus dem Orient nach Europa: Lehmziegelhaus, Stall, Scheune, Töpfe aus Ton. Später aber auch Kupferklingen, die Hightech-Waffen der ersten Hochkulturen in Nahost. Im Dunkel der Urgeschichte schimmern nur schwache Spuren, doch fest steht: Seit 3000 Jahren exportiert der Balkan die härtesten Krieger der Welt: Die Achäer zerstörten das schimmernde Troja, die Dorer drangen in Griechenland ein, die Philister eroberten Palästina und schlugen mit den berühmten Seevölkern am Nil die erste Vielvölkerschlacht zu Land und See.

Der Ruf der Kämpfer vom Balkan hallte so laut durch die Antike, dass der griechische Historiker Herodot (ca.485-425 v. Chr.) urteilte:  "Wenn sie einen Herrn hätten oder einträchtig zusammenhielten, wären sie unbesiegbar." 100 Jahre später schuf Alexander der Große mit seinen Makedonen ein Weltreich auf drei Kontinenten. Und selbst die gewiss wenig furchtsamen Römer zögerten lange, ehe sie sich mit den Nachbarn auf der anderen Seite der Adria anlegten: Immerhin kam von dort, aus dem heutigen Albanien, im Jahr 280 v. Chr., König Pyrrhus mit seinen Kriegselefanten und siegte drei Mal, bis er wegen zu großer Verluste Italien freiwillig wieder verließ. Nur weil Balkan­Piraten der Handelsschifffahrt gefährlich wurden, griffen die Römer dann ihrerseits an. Die Folge: "Über ein Jahrhundert lang", schreibt der Münchner Historiker und Südosteuropa-Spezialist Edgar Hosen, "wurde die römische Macht in einen erbitterten Kleinkrieg verwickelt."

Erst gezielte Vorstöße des ersten Kaisers Augustus und seines besten Feldherrn Agrippa ins Landesinnere brachten die wilden Stämme 30 v. Chr. einigermaßen unter Kontrolle. Kein Wunder, dass es erst der eisenharte Imperator Trajan (53-117 n. Chr.), ein gebürtiger Spanier, wagte, den nördlichsten Teil Südosteuropas zu erobern. Das Land um die Donau, das er die Provinz "Dacia" (Dakien) nannte, das heutige Rumänien mit Teilen des Serbiens, war der letzte Territorialgewinn Roms. Aus diesem Dakien quoll ein unendlicher Goldstrom, der die Wirtschaft des Imperiums stabilisierte und das oströmische Reich nach dem Untergang Westroms noch fast 1000 Jahre lang am Leben erhielt.

Das grausame Kriegsgeschehen ließ Trajan in einer Triumphsäule festhalten. Darauf sind Balkan-Krieger zu sehen, die selbst stärkste Festungen der Weltmacht Rom unerschrocken angriffen. Die Römer bauten Straßen und Badehäuser, hoben Bodenschätze, schlossen das karge Gebirgsland an ihre blühende We1twirtschaft an und schenkten ihm Kultur: Mark Aurel, der Philosoph auf dem Kaiserthron, schrieb auf dem Balkan seine Bücher, der Dichter Ovid reimte dort seine brillanten Verse von Liebeslust und -leid.

Doch der Frieden blieb ein seltener Gast. Im Jahr 293 reformierte Kaiser Diokletian die Verwaltung des riesigen Reiches. Der Westbalkan kam zu Rom, der Osten zu Byzanz. Zugleich wurde die Halbinsel Rückzugslinie und Aufmarschgebiet im Kampf gegen die wilden Reiter aus den Steppen nördlich der Donau. Im Jahr 376 brachen die Westgoten auf der Flucht vor den Hunnen über den Strom und zogen unter dem berühmten König Alarich sengend bis nach Athen. Kurz darauf folgten die Ostgoten unter Theoderich, dem sagenhaften Dietrich von Bern.

Im Jahr 395 wurde aus Diokletians Verwaltungs­ die politische Grenze zwischen West- und Ostrom. Sie zog sich von Albanien schnurgerade nordwärts nach Belgrad - eine Naht, die eher trennte als verband. Wenig später trafen die Vorfahren jener Völker ein, die heute dort leben. Sie hatten weite Wege hinter sich: Die Kroaten wohnten ursprünglich den Waldgebieten Weißrusslands, die Serben siedelten in der Ukraine. Die Gesetze politischer Taktik lernten die Neuankömmlinge schnell:  War Ostrom stark, schworen sie ihm Treue. War es schwach, versuchten sie es zu plündern, mit awarischen Horden, die von Chinas Grenzen kamen, oder bulgarischen Reiterheeren von der Wolga.

Zu Beginn des Mittelalters bekriegten sich zwischen Adria und Schwarzem Meer Dutzende Kleinkönige in ständig wechselnden Koalitionen. Das explosive ethnische Durcheinander auf dem Balkan ist auch ein Erbe dieser Zeit.

 



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