Reform für das Sprichwort

Sonntag, 3. November 2013

In Satire RETRO erinnern Beiträge aus der in mehreren Tageszeitungen publizierten Kolumne „Mein Freund, der Kanzlerberater“, welche politischen Entwicklungen vor zehn Jahren besonders bemerkenswert erschienen. Heute: 3.November 2003. Ähnlichkeiten mit aktuellen Ereignissen sind rein zufällig.

Mein Freund, der Kanzlerberater, stürzte mit leuchtenden Augen auf mich zu. „Endlich geht es voran!“

„Aber eure neuen Arbeitsmarkt- und Steuergesetze sind doch gerade im Bundesrat gestoppt worden“, wandte ich zaghaft ein.

„Die meinte ich doch gar nicht“, sagte er. „Ich rede von unserer Sprichwortreform!“

„Was?“

„Ja! Nach dem großen Erfolg mit der Rechtschreibreform machen wir jetzt eine Sprichwortreform“, erläuterte er. „Eine Anti-Mief-Kommission bringt Volksweisheiten auf den neuesten Stand.“

„Zum Beispiel?“

„Früher galt: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Künftig heißt es: Was du heute schon kannst borgen, das verprasse nicht erst morgen!“

Ich war beeindruckt.

„Früher hieß es: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“, fuhr er in freudiger Erregung fort. „Künftig sagen wir: Lass dir mit dem Sparen Zeit, denn du hast’s nicht nötig. Bisher sagt man: Alte Schulden rosten nicht. Heute: Neue Schulden kosten nichts. Früher: Einem Schuldenmacher ist nichts zu teuer. Jetzt: Ein Schuldenloser ist nicht geheuer.“

„Da hätte ich auch eine Idee“, sagte ich, „zum Beispiel: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Nach fünf Jahren Eichel könnte man sagen: Wenn Hänschen schon pumpt, fällt’s Hans auch nicht schwer!“

„Sei doch nicht immer so parteiisch“, sagte er. „Wie gefällt dir das? Früher: Viele Köche verderben den Brei. Heute sagen wir, und durchaus nicht nur in der Union: Ein Koch nervt für drei!“

„Und da machen wirklich alle mit?“ fragte ich erschüttert.

„Klar“, strahlte er. „Quer durch alle Parteien. Schließlich sitzen wir alle im selben Boot. Früher: Wer wagt, gewinnt. Heute: Wer wagt, der spinnt. Früher: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Künftig: Sprich nicht so viel von Qualen, denn bald sind wieder Wahlen. Früher: Der Ehrliche ist immer der Dumme. Künftig: Nur der Dumme ist immer ehrlich. Früher: Wer immer lügt, wird nicht mehr rot. Heute: Wer niemals lügt, ist bald in Not.“

Aber an dieser Stelle hatte ich schon die Flucht ergriffen. Da schreibe ich doch lieber ab sofort „Schifffahrt“ mit 3 „f“!

 



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