Sofortness – Wie die Schnellsucht unser Leben verändert

Mittwoch, 21. Mai 2014

Abwarten? Geduld haben? Ausharren? Vorbei. Das neue Motto lautet „Jetzt, sofort, alles, immer und überall“.

Ein Elektronikhersteller gibt bekannt, dass sein neuester Multifunktionsdrucker bereits zwei Sekunde nach dem Start kopieren könne. Amerikaner und Japaner entwickeln einen Computer, der sich wie eine Lampe anknipsen lässt: Pling, los geht‘s. Eine Fotoagentur wirbt für „Sofortness-Bilder zum Herunterladen“. Ein Whirlpool-Hersteller verspricht „Sofortness-Entspannung“. Ein Computerspiel verliert Fans, „weil die Sofortness nicht gegeben ist“.

Aufwärmen?  Abwarten? Ausharren? Vorbei. Das neue Motto lautet „Jetzt, sofort, alles, immer und überall“. Das Schlagwort dieser neuen Schnellsucht heißt „Sofortness“. Die Technik macht Tempo, das Leben schaltet den Turbo ein, die Welt erhöht die Drehzahl, und der Mensch…

Ja, was macht er, kommt er überhaupt noch mit? Das kühle, knappe Kunstwort, das der Schriftsteller und Internetexperte Peter Glaser im August 2007 für die Fachzeitschrift „Technology Review“ nach Vorbildern wie „Fitness“, „Fairness“ oder „Cleverness“ dengelt, steht inzwischen für einen Zustand kurz vor der Überhitzung, denn es beschreibt die immer größere Hektik unserer Zeit.

Sofortness ist nicht nur, aber vor allem in der digitalen Welt Gesetz: „Für das Netzpublikum stellt ‚sofort‘ den einzigen akzeptablen Zeitrahmen beim Finden von gewünschten Informationen dar“, sagt der Marketingexperte Andreas Klug vom Softwarehaus ITyX, „der vernetzte Verbraucher möchte sofort bedient werden, ohne Friktionen, ohne Bürokratie und am besten auf Knopfdruck.“

Sein Kollege Scott Kolman vom New Yorker Technologieentwickler SpeechCycle spricht schon von der „Jederzeit-Intelligenz der App-Economy“: Ein Fingerdruck, und alle Frage findet sekundenschnell die jeweils aktuellste Antwort.

Mehr noch: Im „Internet der Dinge“, in dem nicht mehr nur Menschen, sondern auch Maschinen mitmachen, wird es möglich, per Smartphone alles von unterwegs ohne jeden Zeitverlust mit Haushaltsgeräten, der Heizungsanlage und auch mit dem Mountainbike zu regeln.

Sofortness macht das Leben leichter: Der Anruf beim Arzt etwa wird zum Auslaufmodell, in Zukunft klicken sich Patienten auf der Homepage gleich selbst in den Terminkalender des Doktors. Intelligente Stromzähler lesen den Energieverbrauch zeitgleich mit der Nutzung ab. Autos fordern nötige Ersatzteile selber an. Andreas Kamagaew vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) sieht uns bereits auf dem Weg zur „Ambient Intelligence“, einer technisierten Umgebung, die sich von selbst auf jeden Wunsch des Menschen einstellt.

„Ganze Märkte werden aus Sofortness entstehen“, prophezeit Internet-Experte Sascha Lobo. Die Entwicklung entspricht dem neuen Zeitgefühl des 21. Jahrhunderts. Sein Charaktermerkmal ist die Ungeduld. „Wir wollen nicht mehr warten, alles immer schneller haben“, sagt der Wiener Unternehmensberater Roman Wagner. „Die Menschen haben verlernt, dass bestimmte Dinge einfach eine bestimmte Zeit dauern“, meint Internet-Experte Andreas Maucher.

Doch: „Sofortness geht mit einer Verringerung von Lebensqualität, aber auch von Lebenszeit einher“, warnt der Psychologe und Psychoanalytiker Prof. Dr. Rolf Haubl vom Siegmund-Freud-Institut. Nach seinen Erfahrungen hat die fortschreitende Beschleunigung unserer Alltagsprozesse viele Schattenseiten, zum Beispiel die Zunahme der „Burn-outs“.

Auch der Wirtschaft drohen Probleme: „Unter Bedingungen der Beschleunigung bleibt immer häufiger keine Zeit, herauszufinden, was Beschäftigte besonders gut können, weshalb sie den Arbeitsanforderungen nur suboptimal gerecht werden“, sagt Prof. Haubl. „Langsame Beschäftigte können sich in beschleunigte Veränderungsprozesse nur schwer einbringen, was Kosten verursacht, weil schnelle Beschäftigte nicht unbedingt diejenigen mit den besten Arbeitsergebnissen sind.“

Inzwischen erkennen immer mehr Wissenschaftler: Geschwindigkeit ist keine Hexerei, eine Mozart-Oper in fünf  Minuten kein Kunstgenuss, ein Beatles-Song in fünf Sekunden kein Hit. Wichtigstes Motiv der Sofortness-Süchtigen ist denn auch nicht die Freude an besserer Qualität, sondern schlichte Ungeduld. Nicht erst lange sparen, wenn man etwas haben will, sondern kaufen – auf Pump. Alles schnell, alles billig. „Ich bin im Ruhestand und nicht auf der Flucht!“ wehrt sich im Witz ein Rentner, den Eilige schubsen. Pensionäre wissen die Zeit zu schätzen. Wer das nicht tut, hat das Leben schneller verpasst, als er denkt.

Sofortness in Zahlen

Die wachsende Ungeduld der „Generation Sofort“ lässt sich messen: Wenn eine Einkaufsseite im Internet nicht innerhalb von drei Sekunde geladen ist, klicken sich schon 40 Prozent der potentiellen Kunden wieder weg.

Branchenführer Amazon setzt jeden Tag umgerechnet 64 Millionen CHF um. Verzögert sich der Aufbau der Seite auf dem Bildschirm nur um eine einzige Sekunde, verlöre der Internethändler pro Jahr über 15 Milliarden CHF.

Die Suchmaschine Google beantwortet jeden Tag über drei Milliarden Anfragen, pro Sekunde 34.000. Würde die Antwortgeschwindigkeit nur um vier Zehntelsekunden gedrosselt, sänke die Zahl der täglichen Anfragen um acht Millionen.

6 x Sofortness

Fastfood. Den Schnellimbiss gibt es schon seit der Antike. Heute bemängeln Kritiker vor allem Qualität und Gesundheitsrisiken: zu viel Fett, zu viel Salz, zu viel Zucker. 

Coffee to go. Der Pausenquickie im Plastikbecher wird immer beliebter. Der Handel jubelt, aber für viele Kritiker sind Mobil-Mokka und andere Bohnen-Drinks Menetekel einer niedergehenden Kaffeekultur. 

Multitasking. Studien zeigen, dass der Mehrprozessbetrieb im Kopf oft zu Lasten der Qualität geht: Der IQ sinkt um 10 Punkte, die Produktivität um bis zu 40 Prozent, Stress und Fehlerquote steigen.

Google. Die Suchmaschine liefert in Millisekunden zu jedem Thema Millionen Informationen. Problem: Oft Kraut und Rüben, Unnützes und Unseriöses wird nicht ausgefiltert.

Twitter. Das elektronische Gezwitscher ist die digitale Echtzeit-Anwendung zum Mikroblogging, meist als öffentliches Online-Tagebuch definiert. Wer mitmacht, muss sich ständig sputen.

Powertournismus. Viele wollen möglichst viel in ihr Urlaubsprogramm packen, und alles möglichst sofort, ohne Wartezeiten: Sightseeing, Sport, Disco. Der Spass ist gross, der Erholungswert gering.

6 x Langsamness

Slowfood. Genussvolles, bewusstes und regionales Essen. Der „Slow Food“-Verein, 1989 in Paris gegründet, hat 100.000 Mitglieder. Logo ist die Weinbergschnecke als Symbol der Langsamkeit.

Coffee to sit. Ein Caffè machiato aus der vorgewärmten Porzellantasse schmeckt einfach besser, und Tassen sind auch viel umweltfreundlicher als die aufgeschäumten Polystyrol-Becher.

Achtsamkeit. Das Gegenteil von Multitasking: Wer sich täglich 30 Minuten auf eine bestimmte Sache konzentriert, hat nach acht Wochen messbar mehr Zellen in den fürs Lernen wichtigen Hirnregionen.

Lexikon. Das gute alte Lexikon ist oft nicht mehr aktuell, aber dafür zuverlässig. Das Blättern kostet Zeit, lässt aber auch Nachdenken zu und bringt den Leser dabei oft auf neue Idee.

Bar. Der klassische Treffpunkt der Kommunikativen ist auch eine beliebte Info-Börse. Die News kommen zwar mit Verzögerung, aber dafür meist nach Interesse gefiltert und oft auch schon kommentiert.

Slow Tourism. Prof. Dr. Christian Antz aus dem norddeutschen Heide gab der neuen Art, Urlaub zu machen, den Namen: Radler, Wanderer und Kanufahrer entdecken die Vorzüge der Langsamkeit.

Der Wortschöpfer

Der Österreicher Peter Glaser (57), der heute in Berlin lebt, schreibt seit 1980 über die Entwicklung der digitalen Welt. Das Kunstwort „Sofortness“ erfand er 2007 in einem Artikel für für die Zeitschrift „Technology Review“. Sein Blog „Glaserei“ schildert Stationen, Phänomene und Kuriosa. 2002 erhielt er für seine Erzählung „Geschichte von Nichts“ den Ingeborg-Bachmann-Preis. 

Das Internet der Dinge

Der britische Technologie-Pionier Kavin Ashton kreierte 1999 den Begriff „Internet of Things“. Er bezeichnet die Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte (Things) wie Auto, Handy, Kühlschrank, Waschmaschine oder Klimaanlage. Damit besteht das Internet künftig nicht mehr nur aus menschlichen Teilnehmern, sondern auch aus Dingen, vor allem aus Maschinen. Sie können künftig über den Computer in Echtzeit gesteuert werden, sich aber etwa mit intelligenten Logistikprogrammen auch selber an ihr Ziel steuern.

Sofort im Wort

"Sofortness ist das Krönchen der Beschleunigung: Es geht nicht mehr schneller als sofort." Internet-Blogger Sascha Lobo

"Das Schlimmste daran finde ich, dass wir so wie verzogene Kinder immer alles sofort haben wollen – und auch kriegen." Dokumentarfilmer Valentin Thurn

"Für mich als Logistiker ist Sofortness der Ausdruck dafür, dass wir keine Zeit zu jeder Zeit mehr haben." Prof. Michael ten Hompel, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Logistik

"Man könnte polemisch sagen, dass die Sofortness mit einer Verringerung von Lebensqualität, aber auch von Lebenszeit einhergeht." Prof. Rolf Haubl, Direktor des Sigmund-Freud-Instituts

 



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