Ungeduld – Fluch oder Segen?

Donnerstag, 22. Mai 2014

Die Kirche zählt die Ungeduld zu den sieben Todsünden. Die Psychologie definiert sie als Mangel an Impulskontrolle. Doch sie hat auch positive Seiten.

Der weltberühmte Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel versprach vierjährigen Kindern vor 40 Jahren in seinem berühmten „Marshmallow-Test“: Wer es schafft, den süßen „Mäusespeck“ eine Viertelstunde lang nicht anzurühren, bekommt zur Belohnung statt einem Stück deren zwei. Resultat: Je länger die Kleinen den Belohnungsaufschub durchhielten, desto besser schnitten sie später in Schule und High School ab.

Je besser die Impulskontrolle, desto wahrscheinlicher die Karriere, so Mischel damals. Heute aber breitet sich immer schneller eine Kultur der Ungeduld aus: „Die Kinder haben beim Konsum von schnellen Bildschirmmedien einen rasanten Ablauf von Hier- und Jetzt-Erlebnissen“, sagt der Psychologe Prof. Dr. Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut, „alles präsentiert sich ihnen zeitlich hoch komprimiert.“

Die Freude am schnellen Spiel färbt auf das Verhalten ab, allerdings durchaus nicht nur negativ: „Vielleicht ist durch die digitale Vernetzung die Zeit vorüber, in der Geduld ausschließlich positiv belegt war“, sagt Internet-Experte Sascha Lobo. Der Medientheoretiker Peter Weibel sieht die durch den Fortschritt befeuerte „Sofortness“ sogar als Ursache politischer Protestbewegungen wie etwa in der arabischen Welt: „Die Leute sind durch die Technik an ein extrem kurzes Reiz-Reaktionsverhältnis gewöhnt. In allen Lebensbereichen können sie auf den Knopf drücken, und es passiert was – nur nicht in der Politik.“

Das wollten die Demonstranten der Arabellion ändern. Wie sie empfinden auch die Bürger der digitalen Welt Ungeduld als positiv, wenn sie Untätigkeit bestraft und Fehlentwicklungen korrigiert. Lobo: „Im Internet bewirkt Geduld, dass man sich mühsam in unzureichende Produkte einarbeitet und an sie gewöhnt. Man lässt sich dann eine digitale Hornhaut wachsen, statt nach neuen, besseren Lösungen zu suchen.“

Forscher der Universität Toronto sprechen inzwischen sogar von einer „Kultur der Ungeduld“, gespeist vor allem durch Fast Food: „Die Ernährungsform der Neuzeit, geprägt vom Bedürfnis, Zeit und Aufwand zu sparen, könnte unsere Psyche verändern“, schreiben Chen-Bo Zhong und Sanford DeVoe im Fachmagazin "Psychological Science". Ihre Experimente hätten ergeben, dass Fast Food Ungeduld oder ein Gefühl von Zeitdruck auslöst. Demnach geht wie die Liebe auch die Sofortness durch den Magen.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt