Nur noch ein Jahr bis zum ersten künstlichen Gehirn?

Dienstag, 20. Mai 2014

Blue Brain, Blue Gene: Ein Schweizer Forscherteam ist den Geheimnissen des Gehirns auf der Spur. Das Projekt startete 2005 und war auf zehn Jahre angelegt.

Ein Roboter mit einem Gehirn so klug wie das menschliche bräuchte einen Kopf so groß wie das Pentagon: Ungeheuer winzig, zahlreich und dabei auf engstem Raum zusammengepresst sind unsere kleinen grauen Zellen. Wie sie funktionieren, untersuchen ein Schweizer Forscherteam und der US-Computerriese IBM mit dem weltweit vielbewunderten Pionier-Projekt „Blue Brain“.

„Unsere grauen Zellen, die Neuronen, sind klein wie Stecknadelköpfe, aber verzweigt wie riesige Bäume“, sagt Henry Markram vom Brain and Mind Institute der Ècole Polytechnique in Lausanne. „Über die Äste kommen die Informationen herein, über die Wurzeln gehen sie wieder hinaus. Das ist wie ein unheimlicher, sehr dichter Wald.“

Was aber löst die Impulse aus, die diese Informationen weiterleiten, und wo rufen sie welche Reaktionen hervor? Das „Blue Brain“ ist ein Modell, eine Simulation mit 10.000 komplex vernetzten Neuronen in dem Supercomputer „Blue Gene“, der mit 8000 Prozessoren pro Sekunde 22,8 Billionen Rechenvorgänge schafft. Das klingt nach viel, doch unser Gehirn hat 100 Milliarden Neuronen mit Trilliarden Schaltungen. Deshalb wird es noch Jahre dauern, bis „Blue Brain“ gelernt hat, zu denken – und seine Schöpfer, es zu verstehen.

Das Pionierprojekt läuft seit Mai 2005. Zwei Jahre später erreichte es ein wichtiges Zwischenziel: die vollständige Simulation einer neokortikalen Säule auf zellulärer Ebene. Solche Säulen sind zwar nur zwei Millimeter hoch und einen halben Millimeter dick, enthalten aber bereits rund 60.000 Neuronen.

Bis 2015 sollen Forscher weltweit eigene Modelle verschiedener Gehirnregionen bauen und in eine Internet-Datenbank hochladen. Die Blue-Brain-Software wird diese Module dann vernetzen. Erhofftes Resultat: Die erste Simulation eines vollständigen Gehirns. Nächstes Jahr könnte es so weit sein.

Seit der Mensch begonnen hat, über sich selbst nachzudenken, sucht er nach den Quellen seiner einzigartigen Intelligenz. Nach Priestern und Philosophen geben heute Wissenschaftler die erhofften Antworten: Jedes Jahr, so Markram, gibt es 35.000 neue Publikationen zum Thema.

Die Schweizer forschen keineswegs im Elfenbeinturm: Medizinischer Nutzen ihres Computergehirns könnten Therapien von Leiden wie der Alzheimer-Krankheit, aber auch Psychosen oder Autismus sein. Als Gewinn für den technischen Fortschritt winken ganz neue Computerchips mit bisher ungeahnten Rechenleistungen. Am Ende scheint das Rätsel Gehirn so wenig lösbar wie das Rätsel Weltall: Ob in oder über unseren Köpfen, die letzten Rätsel bleiben wohl auf ewig ungelöst.

 



Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt