Kapitel 21: Freunde in der Not

Mittwoch, 19. September 2012
„Die Menschen auf dem Brook sind ebenfalls Hamburger“: Blick vom Kehrwieder auf die Brooksbrücke 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

Am Montag saß der Erste Polizeiherr bereits vor Sonnenaufgang in seinem Büro und las die Protokolle der Ratzenjagd. Es war eine besorgniserregende Lektüre, denn obwohl die Verhafteten verbissen schwiegen, wurde klar: In der Massenschlägerei auf dem Brook waren tatsächlich nicht bloß mal wieder die üblichen Hassgefühle explodiert, es ging um mehr: Die Sache war gesteuert, und das war lebensgefährlich, denn Bismarck lauerte ja nur auf eine Gelegenheit, das widerborstige Hamburg zu ducken. Geradezu verheerend konnten sich die Fälle von Mädchenraub bei den Polen auswirken, denn die Wilhelmsburger Fabrikbesitzer pflegten beste Beziehungen nach Berlin. Und dann die diplomatischen Verwicklungen mit den Niederlanden, die drohten, wenn deutsche Schlägerbanden weiter auf Holländer eindroschen! Immerhin hatte es sich gelohnt, alle verfügbaren Constabler den Brook die halbe Nacht lang durchkämmen zu lassen. Das Untersuchungsgefängnis war überfüllt. Wir haben ihnen eine Lektion erteilt, dachte Ulzburg-Stegen grimmig.

  Es war früher Vormittag, als ihm ein Polizeidiener auf einem Silbertablett die Visitenkarte Konsul Averdars reichte.

  Der Polizeichef schickte den Barbier, der ihn jeden Morgen zu rasieren pflegte, hinaus und sagte: „Ich lasse bitten!“

  Der Konsul erschien in Börsenkluft, schwarzer Gehrock, schneeweiße Weste, steifer weißer Kragen, schwarze Krawatte, grauer Zylinder, hielt sich aber nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf. „Darf ich fragen, auf wessen Veranlassung gestern die Polizeikontrollen am Alsterufer unterblieben?“ Wütend funkelten die blauen Schweinsäuglein in dem fettigen Rotweingesicht.

  Bulldog schob den Unterkiefer vor. „Auf meine Veranlassung, Herr Konsul. Darf ich meinerseits erfahren, auf Grund welcher Umstände Sie sich zu einer solchen Frage berechtigt fühlen?“

  „Ha! Sie wissen es nicht einmal!“

  „Wenn Sie eine Mitteilung zu machen haben, so enthalten Sie sich aller Umschweife“, sagte Bulldog gallig. „Meine Zeit ist begrenzt!“

  „Man hat mich bestohlen! In meinem Kontorhaus wurde der Tresor aufgebrochen! Viertausend Mark, Herr!“

  Der Polizeichef, der sich wie ein Boxer vorgebeugt hatte, zügelte seine Angriffslust. „Das bedauere ich, Herr Konsul“, sagte er liebenswürdig wie ein Krokodil. „Ich werde das zuständige Kommissariat sofort anweisen, umgehend die Ermittlungen aufzunehmen.“

  „Mehr haben Sie mir nicht zu sagen?“ rief der Großkaufmann, Großspekulant und ehemalige Großblutegelsammler wütend. „Das genügt mir nicht! Ich verlange eine umfassende Erklärung. Und eine Entschuldigung, ebenfalls schriftlich!“

  Ulzburg-Stegen straffte die Generalsgestalt. „Die Erklärung können Sie haben, Herr Konsul. Mündlich. Schwere Unruhen auf dem Grasbrook. Einhunderteinundfünfzig Festnahmen. Wir benötigten jeden Mann, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Meine Leute haben die ganze Nacht nach den Rädelsführern gefahndet, Verhaftungen durchgeführt und Vernehmungen protokolliert.“ Er wies mit dem Kopf auf den Papierstapel auf seinem Schreibtisch.

  „Was?“ schrie der Konsul. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie wegen einer Schlägerei bei diesem Raub- und Diebsgesindel den Schutz anständiger Bürger vernachlässigt haben?“

  „Nein, das will ich damit nicht sagen!“ erwiderte Bulldog mühsam beherrscht. „Es war keine gewöhnliche Prügelei, es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände! Es war Gefahr im Verzuge! Gefahr für die öffentliche Sicherheit der Stadt! Es ging um Menschenleben, Herr!“

  „Dass ich nicht lache! Das Leben von ein paar solchen Strolchen ist doch keinen Pfifferling wert! Und schon gar nicht meine viertausend Mark! Lassen Sie dieses Geschmeiß sich doch gegenseitig die Köpfe einschlagen! Die Hamburger werden Ihnen dankbar sein!“

  Der Polizeichef hob sich auf die Zehenballen. Jetzt reichte es, jetzt setzte er sein gut geübtes Brüllorgan ein. „Himmelkreuzgranatendonnerwetter! Die Menschen auf dem Brook sind ebenfalls Hamburger! Nur, dass sie nicht so viel Geld haben wie Sie! Und das ist nicht ihre Schuld. Das ist die Schuld von Ausbeutern, Mietwucherern und gewissenlosen Spekulanten, Herr!“

  „Das wagen Sie mir zu sagen?“ kreischte der Konsul.

  „Fühlen Sie sich angesprochen?“ fragte Bulldog voller Verachtung.

  „Ich werde für Ihre Entlassung sorgen!“ schrie der Konsul.

  „Verschwinden Sie aus meinem Dienstgebäude!“ donnerte der Polizeichef. „Sofort! Raus!“

  Konsterniert starrte Hamburgs reichster Bürger den obersten Ordnungshüter an. „Das hat ein Nachspiel!“ Er drehte sich um und stapfte hinaus. Schwarze Rachegedanken qualmten durch die Windungen seines erregten Gehirns. Senator Hartestraat würde wissen, wie man solche Subjekte aus dem Dienst entfernte. Andernfalls mochten die Konservativen sehen, wie sie ohne die Parteispenden der Guyana-Company auskamen – in diese Richtung dürften Averdars Überlegungen geflogen sein. Aber erst einmal mussten die viertausend Mark wieder her. Auf besondere Anstrengungen der Polizei konnte der Konsul nun wohl kaum noch hoffen, aber es gab ja noch den lieben Jack. Der Boss der  größten Bande auf dem Brook würde über einen Coup dieser Größenordnung sicher bald Näheres wissen, und ich kann mir gut vorstellen, dass Konsul Averdar grimmig lächelte: Großer Gangster gegen kleinen Gangster, das würde nicht lange dauern.

  Auch noch an eine andere Bitte wollte er Jack erinnern – eine sehr ungewöhnliche, oder in des Konsuls verqueren Begriffen: eine sehr delikate.

  Während der alte Averdar zu seinem Kontorhaus eilte, nahm der Polizeichef neue Meldungen in Empfang. Eine stammte von Constabler Percy Godfroy und weckte sofort Ulzburg-Stegens besonderes Interesse: In der Gegend um die ehemalige Hieronymus-Bastion am Glockengießerwall verschwanden laufend Hunde und Katzen. Abergläubische Anwohner vermuteten bereits einen geheimen Zauber- oder Hexenkult, andere redeten von der Wiederkehr eines Uraltungeheuers namens „Grendel“. Solcher Unfug konnte leicht zu einer gefährlichen Hysterie ausarten, dachte der Polizeiherr und beschloss, den Rat des englischen Studienfreundes einzuholen. Er begab sich in den „Hamburger Hof“ am Jungfernstieg und setzte sich zu Minkus und Augustus an den Frühstückstisch.

  Der Professor interessierte sich schon lange für Hamburgs Sielsystem, und nicht nur, weil es eine sensationelle Neuerung war: Nie zuvor war so nachhaltig in jener Tiefenzone einer Großstadt herumgebohrt und -gebuddelt worden, für die der Professor den Fachbegriff „geologische Mythenschicht“ geprägt hatte. Denn dort, unter den Kellern, verbergen sich die letzten archäologisch noch fassbaren Strukturen jener grauen Vorzeit, in der so viele unbewusste Ängste ihren Ursprung finden. Deshalb hatte sich Minkus schon vor Jahresfrist Kopien der Pläne, Messungen und Arbeitsberichte nach London kommen lassen. Aufgrund gewisser Fakten, so teilte er jetzt dem verblüfften Polizeichef mit, könne man auf einen Hohlraum unter der ehemaligen Hieronymusbastion schließen – einen Hohlraum von einer Form, die durchaus der eines heidnischen Tempels ähnele.

   „Heidnischer Tempel?“ knurrte der Polizeichef. „Die ganze verdammte Stadt ist ein heidnischer Tempel!“

   Minkus lächelte. „Wenn Sie erlauben, schauen wir einmal nach“, sagte er.

  „Die alten Sagen sind noch immer ein Teil unserer Welt“, sagte Augustus.

  „Richtig, mein lieber Augustus“, bestätigte der Professor. „Dieses Hamburg zählt mit Recht zu den ersten und ältesten Hafenstädten der Erde, seine Geschichte ist voller Kämpfe um Macht und Handel auf Strom und See. Aber die meisten Bewohner haben gewiss keinen Schimmer, dass es da auch noch eine andere, ältere Geschichte gibt. Eine Geschichte von Kämpfen nicht gegen Feinde, Konkurrenten und Piraten, sondern gegen die Gewalten der Natur, gegen Stürme und Fluten, Sumpf und Moor, die der Aberglaube der Zeit als menschenfressende Ungeheuer betrachtete. Und der Grendel, der an der Nordsee nachts durch die Deiche schlich und die Schlafenden in Stücke riss, war sicher der grausigste aller Dämonen. Hier, irgendwo unter unseren Füßen, lag nach dem Glauben jener Zeit seine Höhle.“

  „Sie werden sie finden“, sagte Augustus überzeugt, „und das wird eine Weltsensation sein, wie Troja, oder Mykene.“

  „Die Gegend gilt seit jeher als unheimlich“, sagte der Polizeiherr. „In alter Zeit wurde dorthin alles verbannt, was die braven Bürger nicht gut entbehren konnten, aber nicht ständig vor Augen haben wollten: Schindanger, Pestfriedhof, Zuchthaus, das Spinnhaus für die verurteilten Frauen und der Galgen. Das Haus des Henkers steht noch heute, samt Restauration, genannt „Gasthaus zur Ruhigen Hand“, gut besucht, muss man sagen, Sie können sich vorstellen, von welcher Art Gäste, gewiss lässt sich dort allerhand erfahren.“

  Den Professor packte sogleich der Forschergeist, und zwar mit solcher Gewalt, dass er es Augustus überließ, nach Ausfertigung der nötigen Erlaubnis für archäologische Grabungen Arbeiter und Gerät aus dem städtischen Bauhof zu besorgen. Er selbst galoppierte gleich los.

  „Sagen Sie aber niemandem etwas von einem Tempel“, mahnte der Polizeichef. „Bei so was denken die Leute immer gleich an Gold und Edelsteine und fangen überall an zu buddeln. Die unterminieren uns womöglich die halbe Stadt!“

  Auch Onkel Johnny und ich saßen um diese Zeit beim Frühstück. Ich berichtete vom Gecko und von Volten-Walter. Als ich erzählte, dass ich Jack und Lando belauscht hatte, wurde mein Onkel nervös und sagte, so was solle ich in Zukunft lieber sein lassen, denn „Jack tut dir nichts, höchstens sperrt er dich irgendwo weg, bis alles vorbei ist, aber wenn Lando dich in die Finger kriegt, kann es sein, dass du plötzlich in Tanger aufwachst.“

  „Was ist denn das für eine Geschichte mit dem Messer?“ fragte ich.

  „Später“, sagte er, „dann brauch ich's nicht zweimal zu erzählen.“

  „Und was soll das mit der großen Schlacht?“

  „Da hat Jack sich wohl was vorgenommen. Nehme mal an, dass es gegen die Ausländer geht. Nationalismus und so. Was weiß ich!“ Es schien ihm erst mal ziemlich egal zu sein, er hatte anderes im Kopf.

  Wir gingen zum Kehrwiederkai, wo der eisgraue Ewerführer schon wartete. „Wat denn, Schonny, hast mien Eber doch versupen loten?“ rief er, als er uns zu Fuß andackeln sah.

  „Nee, bloß klauen“, sagte mein Onkel missmutig.

  „Wat, wer klaut denn'n Eber?“

  „Ik weet schon, wer's war. Morgen oder übermorgen seil ich dien Putt wieder her, kannst di dorop verloten, kriegst ok noch mal Plonnimonni.“

  Das wollte der Eisgraue aber nicht annehmen, sondern sogar die schon kassierten Golddollars zurückgeben: „Bist'n fixen Kerl bi de Klütenpann, Schonny, is' mi 'ne grote Ehre, dass du min Eber seilst!“

  „Och wat!“

  „Jo würklich! Nu lapp man nich de Snut, nimm ok, is nich von de arme Lüt!“

  „Nee, nee“, wehrte sich Onkel Johnny, „beter 'n Groschen mihr betoln als 'n Doler schüllig blieben!“

  So ging es eine Weile hin und her, einer wollte immer großzügiger sein als der andere, bis es mir zu bunt wurde und ich sagte: „Packt dat Geld doch in der Kathrinenkark in'n Gotteskasten, dann hebbt ihr'n Schatz im Heben!“

  „Jou“, sagte der Ewerführer verblüfft, „dat is woll wahr, dat mookt wi.“

  „Goot“, sagte mein Onkel. „Wenn du din Eber sühst, segg gliek im 'Tritonia' Bescheed!“

  Nell besaß einen seegehenden Jollenkreuzer, ein Tribut an ihren alten Freiheitshunger, frisch überholt, die Farbe war am Wochenende trocken geworden, ein Kajütboot, etwas über sechs Meter lang, flink und wendig wie eine Elbjolle, die Spantfüßchen so schlank wie die Beinchen der Mädels von der Oper, aber von denen, die tanzen, nicht von denen, die singen. Das Deck aus Pitchpine, Aufbauten Mahagoni, ein Schmuckstück, das es mit den besten Hartläufern auf der Unterelbe aufnahm, und das war genau der richtige Kahn für Onkel Johnny. Als wir ablegten, saß ich am Steven und sah den alten Hinkefuß, den Pelikan, aus einem Hauseingang schleichen.

  „Den müssen wir wohl selber mal loswerden, wenn Jack nix unternimmt“, knurrte mein Onkel.

  In Nullkommanichts waren wir am Hafentor, Onkel Johnny luvte lässigst an, wir vertäuten das gute Stück neben einem dänischen Kutter voller fröhlicher Wikinger mit Bärten in allen Schattierungen, gern auch mehrfarbig im gleichen Gesicht, außerdem langhaarig wie Horik der Alte, lauter fidele Oles und Helges und Knuts, die luden gerade kistenweise Whisky, aber bestimmt nicht, um ihn zu verzollen. Sie versprachen, auf die Jacht aufzupassen, und wir kletterten auf den Stintfang, über den damals noch kein Sandstein-Bismarck antibritische Blicke warf.

  Ein Stück über der Bastion, auf der damals noch Kanonen jeder Sturmflut Salut schossen, reckte sich eine riesige Rotbuche gebieterisch in die Silhouette der Stadt, und in ihre Äste hatte der Gecko sein Baumhaus genagelt, denn er arbeitete nicht nur, er hauste auch nach Eidechsenart. Wenn jemand kam, der nicht eingeladen war, musste er schon eine Leiter mitbringen, und bis er damit oben war, blieb allemal genügend Zeit, über einen der dicken Äste auf die Hausdächer davon zu turnen. Das winzige Bretterhäuschen klebte an dem dicken Stamm wie die Muschel am Pfahl. An der Tür stand groß „Birdwatch Station“, denn vor englischen Aufschriften hatten Hamburgs Ordnungshüter immer den größten Respekt.

  Darunter stand etwas kleiner die private Botschaft „Lot mi tofreden!“

  Als wir über die steilen Treppen einer engen Fachwerkschlucht heraufgetippelt kamen, guckte der Gecko aus dem Fenster und rief: „Klei' di an'n Mors! Ik dach, hüt kommt'n Deern, da hat se so'n olen Kirl im Sleup!” Er hatte sich original in Battist geworfen, weißes Hemd, blaues Marinezeug, Huler in der Stirn, aber der Finkenwerder Dialekt passte zu dem Krauskopf mit der Kamerunhaut wie die Speckscholle zur Kokosnuß.

  “Ik geb di gliek olen Kirl, du Pannkoken!” rief mein Onkel zurück.

  “Schonny!” rief der Gecko verblüfft. „Jo, bün ik denn bregenklöterig, du olen Spöker, wie komms du denn vor Scharnhörn bi, mit'm Klabautermann, ik dachte du bist lang versopen!” - Ja, ich merke schon, meine Lieben, da reicht euer bisschen Platt denn doch nicht mehr hin, also der Gecko hatte schon lange nicht mehr geglaubt, dass sich mein Onkel noch einmal am Scharnhörnriff vorbeizaubern könne, das als riesiger Schiffsfriedhof vor der Elbmündung liegt, er habe gedacht, sein Johnny sei längst abgesoffen.

  „Na, denn kommt man bi!” Er warf eine Jakobsleiter herunter, wir hakten sie am Boden ein und enterten auf.

  Der Gecko war ein echtes Kind der Liebe, ihm steckten ganze Generationen von Rahkletteren aus allen Winden der Welt in der Veranlagung. Er war klein, aber breitschultrig, mit muskelbepackten Armen, dafür ganz dünnen Beinen, er war eben zeitlebens lieber in der Lot- als in der Waagerechten unterwegs. Seine Vorfahren väterlicherseits turnten wohl in Afrikas Palmen gerade so gern herum wie in Ostasiens Bambuswäldern, und so sah er auch aus, bekanntlich sind Hamburgs beste Katzen dreeklörig. Der Gecko war schwarz wie das Herz von Afrika und hatte auch genauso schwarzes Haar, dazu ein Stirnband, eine große Klappe und einen Silberblick, trank literweise Tee, gähnte krampfhaft, wenn er nervös war, und galt als der beste Fassadenmax seiner Zeit. Seine Mutter, dank einer kleinen Erbschaft ehrbar geworden, zog ihn erst im heimatlichen Finkenwerder auf, wo er schon als kleiner Schietenpedder die Obstbäume abräumte, bis ein erziehungsfreudiger Volksschullehrer die beiden zu sich auf den Kehrwieder holte. Die anderen Kinder riefen ihm das zu unserer Zeit allgemein übliche „Neger, Neger, Schornsteinfeger!“ hinterher. Der pädagogische Wohltäter und Menschenfreund Gotthold Block entpuppte sich als rohrstocksüchtiger Steißtrommler, und der kleine Kuddl hatte viel zu leiden, wurde durch die stiefväterliche Strenge indes nicht gebessert, sondern entlief mit vierzehn als Moses auf einen englischen Kohlenfrachter und schipperte von Schottland in seine genetische Urheimat davon, die so gut wie überall zwischen Singapur und den Sargassowiesen lag, ist wohl auch ein paar Mal fast abgebuddelt, auf irgendwelchen Seelenverkäufern. Er war klein, aber kompakt, und wenn ihm einer quer kam, stieg er ihm bannig in die Wanten. Sein aufmüpfiges Temperament brachte ihn ständig auf Gegenkurs zu seinen Käptens, und so strich Kuddl schließlich die Segel, um sich, wie er sagte, an Land selbständig zu machen.

  Sein Lehrmeister wurde ein ehemaliger Zirkusartist, der, für die Manege zu alt, das Hochseil mit dem Dachfirst und das Trapez mit dem Regenrohr vertauscht hatte, ein Portugiese, er hieß Flogundo und wurde in der Branche prompt „Flughund“ genannt. „In meinem Beruf stürzt man nur einmal ab“, pflegte er zu sagen, bis er eines Nachts zwanzig Meter über dem Jungfernstieg zuviel Vertrauen in eine Dachrinne setzte. Kuddl wurde sein Nachfolger und war unter seinem Ehrennamen „Gecko“ bald der Alptraum der Hoteliers rund um die Alster, er verschmähte aber auch Villen und Landhäuser nicht. Seit seinem letzten Coup genoss er, was er ein „Sabbatjahr“ nannte, nur für seinen alten Kumpel Eddie hatte er eine Ausnahme gemacht. Die Beute, kostbare Colliers und Diamantringe aus der Schmuckschatulle einer Baronin, die inzwischen etwas ärmer als von den Erben erwartet verstorben war, hatte er nach Spinnenart in Portionen abgepackt, die er nach und nach verzehrte bzw. vertrank. Er musste auch vorsichtig sein, die Krimschen waren hinter ihm her wie die Nordlandknorren hinter dem Kabeljau.

  Das Eidechsenhäuschen hatte natürlich nur ein Zimmer, war aber gemütlich eingerichtet, mit den drei großen K nordischen Wohnkomforts: Kanapee, Kombüse, Kanonenofen. Während ich mich noch umschaute, sagte Johnny schon, er habe es eilig, und so kurvten sie nicht lange ums Thema, sie segelten schnell ein paar schnurgerade Furchen in das Krauswasser des Woher und Wohin, Warum und Wieso und kamen so ziemlich hurtig aufs Wesentliche, gerade noch, dass uns der Gecko den Kaffeemuck füllen konnte.

  Von Volten-Walter war eine Adresse nicht bekannt, und der sogenannte „Harpunen-Harry” hauste, nicht weniger stilsicher als der Gecko, in einer Hulk, einem alten Walfänger, den der Sturm bei Neumühlen auf den Strand geworfen hatte: “He hett's gern eensom, bi Meben und Kreien.”

  Onkel Johnny peilte aus dem Fenster, aber der Neubau der Deutschen Seewarte auf dem nächsten Hügel versperrte ihm den Blick, diese Kathedrale wilhelminischen Entdeckergeistes thront ja fast so malerisch über der Elbe wie der Potala-Palast über Lhasa.

  „Wer hat dir denn diesen Klotz vor die Aussicht gestellt?“ wollte Onkel Johnny wissen.

  „Der Kaiser“, sagte der Gecko, und zu mir, ich hochdeutsche es jetzt mal wieder ein bisschen ein: „Warum sagst du denn nicht, dass dein Onkel wieder da ist!“

  „Lass mal“, sagte Onkel Johnny, „du hättest bestimmt die ganze Nacht vor Wiedersehensfreude kein Auge zugekriegt.“

  „Nee, nich vor Freude, sondern vor lauter Angst, was da jetzt wohl raussauert, wenn du wieder da bist. Du und Jack, das ging ja schon damals nicht gut!“

  So ähnlich äußerte sich auch Harpunen-Harry, den wir eine Stunde später vor seiner Hulk antrafen. Er war gerade dabei, einen Aalkorb zu beuten, den rauchenden Knastertopf zwischen den Zähnen, darin Tabak der bekannten Marke „Extramuros“, nur im Freien zu rauchen, und, wie vorhergesagt, umwölkt von Möwen und Krähen. Als wir anlegten, rückte er unauffällig eine kurzschäftige Stahlharpune in bequemere Reichweite, entspannte sich aber, als er Kuddl erkannte, was auch aus der Entfernung nicht schwer war.

  „Moin, du olen Trankopp!“ sagte Kuddl und zeigte auf den Korb. „Langt woll blot noch vor de gans lütten Wals?“

  „Ahoi, alte Schneerabe“, sagte Harry in herzhafter Anspielung auf den markanten Gesichtserker des Geckos. Der alte Walfänger trug sich als Janmaat: blauweißer Buscherump, marineblaue Büx, norwegische Matrosenmütze, silberne Ohrringe und Segeltuchschuhe. „Is' noch zu kalt, der Aal will's warm. Wen schleppst du denn da an?“

  „Kennst di Deern nich mehr?“

  Harry visierte mich scharf an, dann sagte er: „Allreit, du bist doch die Helena, vom Kehrwieder! Was machst du denn bei uns im schönen Preußen?“ Altona war damals noch preußisch, damit sich der Schmuggel lohnte.

   „Ich zeig' meinem Onkel das Ausland“, sagte ich munter.

  „Was Onkel!“ Als Harry kapierte, fiel ihm fast die Pipe aus dem Mund. „Johnny! Da fliegt mir doch der Besan weg! Ich denke, du bist schon lange im Heaven!“

  „Ja, da hab' ich woll Pech gehabt“, sagte mein Onkel.

  Harry Schliephake war einer der letzten echten Hamburger Walfänger, einer der Verwogenen, wie man in Hamburg sagte, und zwar fuhr er als Harpunier. Damals war die Jagd auf den Leviathan noch gefährlich, auch wenn Harry die Lanze schon nicht mehr wie die Helden aus „Moby Dick“ von Hand aus schwankendem Boot warf, sondern bereits mit der frisch erfundenen Roysschen Raketenharpune abschoss. Er war der jüngste von acht Söhnen eines Ewerführers, den der bürgerliche Freiheitsdurst kurz nach der der 48er Revolution aus dem Lüneburgischen auf den Kehrwieder trieb, da er auch im Eissturm der feudalistischen Restauration nicht reffen noch beidrehen mochte. Harrys Brüder fuhren ebenfalls zur See, auf Finkenwerder Kuttern, und galten überall in der Nordsee für kroosche Kerls, an den Rändern vom Gat, der Großen Fischerbank, auf Fladen, auf Dogger-Nord oder den Gründen von Long-Forties und Halibut, Farn-Deeps und Devils-Hole. In den Polarkreis aber schipperte nur Harry, und zwar mit jedem Winde, zwei Dutzend Mal über die Linie. Er war mittelgroß, stämmig, trug den typischen gelben Walrossschnauzer der Nordmeerfahrer, aber auch den goldenen Ohrring des Freibeuters, band das Haar zu einem Zopf, schlürfte gern in vollem Zug und priemte wie ein Pottwal. Im Winter schmuggelte er Kaffee, Tabak und Branntwein, im Sommer fuhr er ins Packeis, am liebsten nach Spitzbergen; aus alten Zeiten gab es dort immer noch eine „Hamburger Bai“, wo die Elbsöhne ihren Tran auskochten. Harrys Ölzeug lag stets fertig verpackt in der Seekiste.

  Wenn andere windgebürstete Weitfahrer nach dem siebten Köm von Palmen, Gold und braunen Mädchen zwischen Tampico und Trincomalee, Maracaibo und den Molluken vertellten, und von der tödlichen Strömung in der Drachenmaul-Enge hinter Trinidad, ging es bei Harry um Walrosszähne an Grönlands Fjorden, Narwaljagd vor Spitzbergen oder das Nordlicht auf Nowaja Semlja, um Thule, Scoresby Sound, Smeerenborg, Nye Alesund, Longyearsbien oder No Mans Land, als südlichster Punkt die Kabeljauküste, und um die Tidenwirbel in den Lofoten, und um Nächte, so kalt, dass einem das Feuer in der Pipe gefror und man jedes Wort mit Robbenspeck in der Pfanne auftauen musste, bevor man es hören konnte. Und um die Mädchen auf der Langen Linie in Kopenhagen. Er sprach viel deutsch-englisches Kauderwelsch, sagte gern „reitireitireitireit“ oder kürzer „okee“ oder auch „mok we“ und „dot wi“. Wie viele Eisfahrer war er ein bisschen überspönig, und nicht nur, weil er tatsächlich in der Hulk eines Walfängers hauste, den die Neujahrsflut anno 1855 auf den Elbstrand geschleudert hatte: Er trug auch immer einen imaginären Papagei auf der Schulter, der „Coco“ hieß und nur in Harrys Phantasie existierte, das verflixte Biest klang denn auch ein bisschen wie sein Herr, aber kastratenhoch und vogelschrill, sein einziges Wort hieß „Rrrrrrruhe!“ Harry hatte den eingebildeten Flattermann von einer Eisscholle vor Jan Mayen mitgebracht, wo er zwei Jahre als einziger Überlebender der vom Packeis zerriebenen „Elmshorn“ festsaß. Der Papagei hatte ihm die Einsamkeit vertrieben, und nach der Rettung war er die kreischende Schimäre nicht mehr losgeworden. „Bin ja nicht ein Kerl, der Treue nicht lohnt“, erklärte er und konnte nicht mal protestieren, wenn jemand sagte, er habe einen Vogel.

  Berühmt war Harry aber für etwas ganz anderes, er hatte nämlich mit seiner Harpune auf der Großen Elbinsel einen ausgewachsenen Königstiger erlegt, aber dazu kommen wir später. Jetzt bewirtete er uns erst mal mit dänischem Kaffee und Holsteiner Bliesenwurst. Seine Kajüte war übrigens sehr komfortabel, mit Kachelofen, Badewanne und sogar Besucherkoje. Das traute Heim war mit einer schweren Stahltür verschlossen, und wenn Harry auf Walfang fuhr, passten Fischersleute aus der Nachbarschaft auf. An den Wänden prangten die Großtrophäen des hohen Nordens: Walrosshauer, Eisbärenfell und der Stoßzahn des Narwals, dazu Eskimolanzen, Paddel und eine Flinte mit Schaft aus nordischem Elfenbein.

  Harry freute sich wie ein Stint, meinen Onkel wiederzusehen. Als er das Nötigste erfahren hatte, sagte er aber: „Allreit, Old Butenschön könnt ihr alleine besuchen, setzt mich man egalweg schon bei Fietje ab.“

  „Ik hebb ok keen Jieper na'n Hammer op'n Dööz“, ließ sich der Gecko vernehmen.

  „Schiet' üch man nich in die Büx“, murrte mein Onkel.

  Harpunen-Harry steckte sich ein krummes Messer unter die Helgoländer Fischerjacke, und wir gingen zum Boot. Johnny setzte die beiden am „Verbrecherkeller“ ab und fuhr mit mir durch die Alsterschleuse auf den See. Vor der Lohmühle legten wir Tamp, dann gingen wir auf die Geest, und kurz darauf standen wir am Pulverteich vor dem sichtlich gutgeführten Bäckereigeschäft von Michel Butenschön, dem hochberühmten ehemaligen Eisenbahnräuber und nunmehrigen ehrbaren Teigkneter.

  Mein Onkel war die ganze Zeit ziemlich still, zum Schluss wurde er mit jedem Schritt langsamer, und vor der Ladentür meinte er, obwohl ich überhaupt nichts gesagt hatte: „Hast recht, Helena, ist vielleicht wirklich besser, du gehst erst mal alleine rein, Frauen und Kindern wird er nichts tun.“

  Ich zog die Tür auf. Der Laden war voller braver Hausfrauen. Als ich an die Reihe kam, peilte der Meister mich abwartend an. Er rechnete schon längst nicht mehr mit Besuch aus alten Tagen, hatte die einschlägigen Kreise auch rechtzeitig vor seiner Hochzeit, und zwar mit dem gebotenen Nachdruck, wissen lassen, dass ungebetene Besucher in seiner neuen Wirkungsstätte wenig Erfreuliches erwarte. Diese Warnung war bisher sorgfältig respektiert worden, denn Michel Butenschön pflegte nicht lange zu fackeln, und hatte auch nie ein Hehl daraus gemacht, dass mit ihm ein solider Zwei-Kilo-Schlosserhammer in Pension gegangen war, der nun zuverlässig unter der Verkaufstheke schlief, bereit, jederzeit ein paar Köpfe oder Kaldaunen weichzuklopfen.

  Schon fix über die fünfzig, zählte Butenschön längst zu den alten Herren der Hamburger Unterwelt, die anderen schweren Jungs seiner Jahrgänge waren fast alle tot, weggesperrt oder, wenn sie ganz viel Glück hatten, im Ruhestand, mit Gärtchen auf der Geest. In seiner Jugend hatte er die Klinkersteige und Muschelwege von Pellworm getreten, wo seine Sippe noch immer einen Ruf als würdige Nachfahren tüchtiger See- und Strandräuber genoss. Er war groß, dick und blond, ein Inselfriese wie aus dem Bilderbuch, Rauschebart, Hände wie Schaufeln, Kräfte wie ein Ochse. Schwere Geldschränke, die sich nicht kalt öffnen ließen, schleppte er mit Riemen fort und knackte sie in aller Ruhe in seinem Keller mit dem warmen Knabbergeschirr, dem Schneidbrenner. Er hatte Bäcker gelernt und hieß deshalb „Bäcker-Michel“, später einfach „der Bäcker“, auch als er schon längst auf Schlosser umgesattelt hatte, mit ähnlich nächtlichen Arbeitszeiten. Sein Glücksstern bewahrte ihn davor, auch nur einen einzigen Tag im Gefängnis verbringen zu müssen. Johnny hatte ihn zwanzig Jahre zuvor durch Volten-Walter kennengelernt, in dessen Kneipe der Riese gern Klabberjass spielte. 

  Nach langer, ertragreicher Laufbahn registrierte Butenschön verblüfft, dass sich bei einem Danz op de Deel am Mühlenkamp eine sehr ansehnliche, wenn auch höchst resolute Bäckerswitwe für ihn interessierte. Kurz entschlossen packte er die „Schangse“ beim Schopf, wickelte sein bisheriges Arbeitsgerät in Ölpapier, vergrub es in einem Wäldchen auf dem Hammerbrook und buk fortan kleinere, aber bekömmlichere, weil legale Brötchen. Einzige Erinnerung an wilde Zeiten war eine Axt auf dem Unterarm, tätowiert zum Gedenken an das noch etwas grobschlächtige Werkzeug, mit dem er einst seinen ersten Tresor aufgehauen hatte. Im Milieu war er eine Legende, denn er hatte am Eisenbahnraub des Jahres siebenundfünfzig teilgenommen, als der Wiener Silberzug ins bankrotte Hamburg rollte.

  Butenschön war ein gutes Stück größer als Johnny, wuchtig wie die Geldschränke, die er geknackt hatte, die blonden Haare noch so dicht wie die Zähne, allerdings mit reichlich Bordeuxteint auf Nase und Wangen. Auch war er schon zu lange ehrlich, um kleine Taschendiebinnen zu kennen. „Was darfs denn sein, mien Deern?“ fragte er mit seiner brunnentiefen Stimme.

  „Vier Rundstücke“, sagte ich. „Für meinen Onkel.“

  „Wohl. Für dein' Onkel.“ Er langte in einen der Körbe.

  „Ja, Onkel Johnny, der sagt, ihr macht hier die besten Rundstücke, hat mich extra hergeschickt, den ganzen weiten Weg vom Kehrwieder.“

 „Aha.“ Der große Mann im weißen Kittel verzog keine Miene, er kassierte sein Geld, bediente die beiden Frauen, die nach mir gekommen waren, und rief dann einen Gesellen aus der Backstube in den Laden: „Muss mal kurz weg.“ Den Hammer steckte er in den Kittel.

  „So“, sagte er draußen. „Vom Kehrwieder. Hat der liebe Onkel Johnny auch'n Nachnamen'?“ Er sprach so breit, wie Hamburg an der Elbe liegt.

  „Mott.“

  Er nickte. „Wohl. Und wer bist du?“

  „Helena. Auch Mott.“

  Er nickte wieder. „Und wo steckt nun der verflixte Dunderwäerskerl?“

  Ich führte ihn um die Ecke. Als er Onkel Johnny erblickte, blieb er wie angewurzelt stehen und schnaufte wie eine Lokomotive.

  „Moin, Michel“, sagte mein Onkel.

  „Deubel ok, ick dachte, du bist dod!“

  „Jo, das dachten Harpunen-Harry und der Gecko auch.“

  Der schwere Mann blickte sich suchend um. „Sind die etwa hier?“

  „Nee“, sagte Onkel Johnny, „die warten im Verbrecherkeller.“

  „Schscht!“ machte Butenschön und spähte an der Hauswand nach offenen Fenstern.

  „Volten-Walter kommt auch“, sagte ich.

  „Hab ich mir gedacht.“ Der schwere Mann sah meinen Onkel vorwurfsvoll an: „Sag bloß, du willst die Kleine mit auf Tour nehmen?“

  „Nee“, lachte mein Onkel, „die geht alleine.“

  „Doch nicht etwa nach die Kerls?“

  „Ne, Taschenkrebs“, beruhigte ich ihn.

  „Aha“, sagte der Riese dennoch missbilligend. „Auch schon auf der schiefen Bahn!“

  „Du hast's gerade nötig!“ sagte Onkel Johnny.

  „Was ist denn überhaupt los?“ wollte Butenschön wissen.

  „Erzähl ich dir unterwegs“, sagte mein Onkel.

  Der Bäcker warf wieder ein paar unruhige Blicke um sich und sagte vorsichtig: „Bei mir ist’s damit aber nicht mehr wie früher, meine Holde hat mir gedroht, wenn ich noch mal ins alte Leben will, ruppt sie meinen Kopf von der Stange.“

  „Wir werden ihr’s nicht verraten“, lächelte Onkel Johnny.

  „Wohl. Dann will ich mich mal bisschen landfein machen.“ Der Bäcker wendete und kam ein paar Minuten später wie ein Hamburger Arbeitsmann an, mit blauer Bluse und englischlederner Hose. Hurtig schoben wir zur Alster ab.

  Am Vorsetzen legten wir wieder neben den Wikingern an.  „Ich kauf' denen mal lieber 'ne Buddel, dann passen sie noch besser auf“, sagte mein Onkel. „Könnt schon mal vorgehen.“

  Als wir in den Verbrecherkeller kamen, saßen Harry, Volten-Walter und der Gecko in der besten Box, puppenlustig um eine Flasche Kognak und pokulierten, aber „nur so zum Angewöhnen“, wie der Walfänger entschuldigte.

  „Ihr müsst euch ja nicht gleich einen antüdeln“, sagte der Bäcker und goss sich auch gleich einen ein, bis das Glas einen Buckel hatte.

  „Ik kunn nix vör, ik hebb heel und deel 'n drögen Kehl“, verteidigte sich der Gecko, „vörhin wür so'n banniger Staubregen!“

  Der Bäcker deutete mit dem Kopf auf den Kleinen. „Der Mond blakt.“

  „Wir wollen uns keinen verlöten, wir machen nur man fofftein, okee?“ ließ sich Harry vernehmen. „Man ist immer so müde, wenn man die ganze Nacht gelegen hat.“

  Dann kam Onkel Johnny. Großes Hallo. „Ein Schmollis dem Heimkehrer“, rief Volten-Walter unter Inanspruchnahme seiner gesammelten Halbbildung und lieferte auch gleich die Antwort mit, die er zu Recht niemandem außer sich zutraute: „Fiducit!“

  „Wie schnell ist so ein Tag vorbei, und du hast noch gar nichts getrunken“, sorgte sich Harry und stopfte zur Feier des Tages honigblonden Navy Cut in seine Shagpfeife. „Ist auch heilsam gegen den Reißmichtüchtig, okee.“

  „Ja, sabbelt nur, ihr alten Paddies“, sagte Onkel Johnny. „Ausreden braucht ihr ja gaanich, wenn ihr euch einen brennen wollt.“ Er hatte Hunger und bestellte eine Bulette. Als Fietje sie brachte, sagte mein Onkel: „Und 'n Brötchen dazu.“

  „Ist schon drin“, sagte Fietje.

  „Dann eben noch 'n Extra-Brötchen.“

  „Ist auch schon drin!“

  Es dauerte ungefähr eine Stunde, bis sie einander Verklarung abgelegt und das Wichtigste beigepult hatten, und bei dem Palaver flossen noch schärfere Sachen, Teures von unter der Toonbank, wo die Flaschen bekanntlich am sichersten stehen, wenn die Stühle fliegen. Danach kam es so, wie ich es nicht anders erwartet hatte, die Freunde wollten Onkel Johnny nicht im Stich lassen, nur Michel Butenschön knatterte und knarrte und gnatzte in einem fort und blaffte: „Ihr kommt angerannt wie die Hühner, wenn’s Tucktuck ruft, habt auch gut schnacken, tragt ja keine Verantwortung, aber was meine Hausfrau ist, die ist büschen eigen, die sagt, wenn ich noch mal was Krummes mache, dann ruppt se mir den Kopp von der Stange. Und die ist ziemlich helle, passt auf wie'n Schießhund, der machste so leicht nix vor.“

  „Willst wull kneipen!“ spottete der Gecko.

  Der schwere Mann legte ihm einen schweren Arm auf die Schulter, dass der Kleine noch kleiner wurde, und sagte: „Du musst ja keine Angst haben, du Milchtopp, wenn meine Alte anrollt, kannst du dich ja unter die Kohlen verstecken!“

  Die anderen lachten.

  „Es ist nämlich so, dass sie aus mir unbedingt einen Engel machen will“, fügte der Bäcker erklärend hinzu.

  „Dann, mein Freund“, sagte Harry, „würde ich bei ihr keine Pilze essen.“

  Das mit dem Messer aber war so: Einige Zeit vor der Sache mit Lando hatte Johnny sich ein Dutzend Wurfklingen aus Sheffield bestellt, es waren aber dreizehn gekommen, eine als Zugabe, und diese hatte Jack Onkel Johnny abgeschnackt. In zwanzig Jahren in der Fremde kommt man auf allerlei Gedanken. Hatte nicht auch der fette Lando von einem Messer gesprochen?

  „Wie aber ließe dann die böse Tat sich an das Licht der Wahrheit bringen?“ rätselte Walter. „Falls Jack den alten Flint selber zu den Engeln sandte, schon vorher, mit dem Messer dein, und du den arglosen Gesetzesmann im Dunkeln gar nicht trafst, lag doch die zweite Klinge immer noch in jenem Schuppen, aus dem ihr euch in Hast entferntet. Jack, dieser Schlingel, brauchte es nur noch in die Tasche applizieren, und gezimmert war die Laube!“

  „Ich hab' meine Messer immer gezinkt“, sagte mein Onkel. „Auch damals, aber natürlich nur die zwölf, das dreizehnte nicht, das kriegte ja Jack.“

  „Dunnerknispel“, murmelte der Gecko. „Dat geiht na dusend Düwel.“

  Dann war erst mal Stille, die Männer dachten sich ihr Teil, und reichlich Honigdampf wallte aus Harrys Brösel.

  „Eigentlich brauchst du bloß in sein Büro zu gehen und dir sein Messer anzuschauen“, sagte Michel. „Er hat's dir doch angeboten.“

  „Entweder er versuchte es mit dem, was die gebildeten Schichten gemeinhin als einen Bluff bezeichnen“, sagte Walter, in diesem Punkt der Fachmann, „oder der Üble weiß gar nichts von dem Zinken.“

  „Reitireitireitteit“, stimmte Harry zu. „Trau ihm nicht, sonst geht's dir wie dem Hering, der mit der Katze Kippe machen wollte.“

  „Besitzt er denn nun Kenntnis von selbigem verräterischen Zeichen, oder blieb ihm dies kostbare Wissen vorenthalten?“ bohrte Volten-Walter weiter.

  „Jetzt weiß er natürlich, dass ich einen Verdacht gegen ihm habe“, sagte Onkel Johnny.

  „Allreit, und wie willst du nun rausfinden, was Trumpf ist?“ erkundigte sich Harry.

  „Mit dem Messer, das in Flints Leiche steckte. Wenn es nicht gezinkt ist, ist es nicht meins.“

  Wir anderen machten große Augen.

  „Du willst das Ding aus der Asservatenkammer mopsen?“ fragte der Bäcker.

  „Ich nicht“, sagte mein Onkel. „Der Fachmann für so was bist du.“

  Der Riese ließ Luft ab, dass sie wie aus einem Druckventil durch die Bude zischte.

  „Jetzt trillert dir wohl’s Hemd am Mors“, lachte der Gecko. „Jümmer noch beter, wie wennste Jacks Bau im Kaiserspeicher überholn sallst!“

  „Jetzt ist aber gleich der Bock fett!“ knurrte der Bäcker den Kleinen an. „Noch so’ne Bemerkung, und du kommst in die Backpfeifenmaschine! Überhaupt, das geht auf Kippe, wir machen es katameng, du olen Flachskopp!“

  Das Grinsen auf dem Ebenholzgesicht flackerte wie ein Teelicht bei Windstärke Zehn.

    „Tja“, lachte Harry, „das is nu mal Schicksal, aussuchen is' da nicht, wir sind nicht bei der Appelfrau.“

  „Traun fürwahr, eine Aufgabe für den Pik-Buben“, lachte Walter.

  „Du hest gut lachen, du oler Bedreger!“ schnappte der Gecko. „Karten baschen, pah!“

  „Der gelbe Neid ist das durchsichtige Eingeständnis der Unfähigkeit“, versetzte Walter hochmütig. „Warum auch sollte man von mir, rechtschaffen wie ich bin, so etwas wie Arbeit verlangen?“

  „Teuw, wat liggt denn överhaupt an dem ollen Kökenmesser?“ krekelte Kuddl. „Jack hett dem fetten Swien doch seggt, dass er Johnny ümlegen wüll, wenn er erst dat Opium hett, da is doch allens klur!“

  „Rrrrrrruhe!“ schrie der imaginäre Papagei auf Harrys Schulter.

  Onkel Johnny schüttelte den Kopf. „Gar nichts ist klar“, sagte er. „Ich muss schon was Handfestes haben, bevor ich auf Jack losgehe. Guckt euch das Messer aber nicht an! Ich will als erster wissen was los ist, verstanden? Und seht zu, dass Jack euch nicht zuvorkommt. Er hat einen Constabler auf der Lohnliste, einen Kerl namens Möller. Und dieser Sauhund hält auch noch ein Mädchen gefangen.“

  Er erzählte ihnen die Geschichte von der kleinen Agnes und ihrem Bruder, dem Husaren. Michel spie verachtungsvoll unter den Tisch.

  „Wo aber, hochedler Gefährte, willst du die Arme suchen?“ fragte Walter. „Er wird ja nicht derart vom Vers-tande abgekommen sein, sein Opfer auf dem Polizeireviere zu vers-tecken.“

  „Ik kunn mi all dinken, wo!“ sagte der Gecko und berichtete, dass sein Freund Eddie den schurkischem Constabler im Marschstammsiel beobachtet hatte.

  „Okee“, sagte Harpunen-Harry, „das Sielsystem is' aber ’n verdammtes Labyrinth, da kannst du nicht einfach drin rumspazieren.“

  „Mit Eddie schon“, sagte der Gecko, „de kennt de Gäng wie sien Büxentasch.“

  „Ich muss sowieso mit Eddie schnacken“, sagte ich hilfsbereit.

  „Du?“ sagten daraufhin so gut wie alle, und mein Onkel schüttelte den Kopf: „Dich pickt wohl der Käfer. Nee, mien Deern, daraus wird nichts, mir ist schon bloß mulmig, dass du überhaupt hier bist. Ich meine, die sollen uns hier ruhig sehen, schadet gar nichts, im Gegenteil, wir wollen sie ja ein bisschen aufstüren, und wenn's  kabbelig wird, fällt uns schon was ein, aber du – nee, das ist mir zu gefährlich.“

  „Was soll denn passieren? Möller kennt mich nicht, und wenn Eddie dabei ist…“

  „Die Deern hat aber recht, so isses am besten“, sagte Harpunen-Harry. „Ich kann ja'n büschen auf sie aufpassen.“

  Onkel Johnny überlegte eine ganze Weile, aber Michel urteilte mit der Autorität seiner Tiefbrunnenstimme: „Die Deern is' plietsch, un’ wenn Harry bei ist, kann nichts passieren.“

  „Reitireitireitireit“, sagte der unsichtbare Mund unter dem Walrossschnauzer, und mein Onkel gab nach: „Pass aber gut auf, du alter Eisbär.“

  „Mok we!“

  „Ich hab' mit der Familie schon genug Scherereien“, sagte mein Onkel und erzählte von meinem Papa und dem Opium. Die anderen erboten sich sofort, durch die einschlägigen Läden zu patrouillieren.

  „Okee, was aber meinte Jack mit dem Spruch über die Portugiesen, geht diese Schweinerei denn auf Landos Konto?“ wollte Harry dann wissen.

  „Ja, da würd' ich auch gern hinterkommen“, sagte mein Onkel. „Immerhin war Jack mein bester Freund.“

  „Lang, lang ist's her, sprach die Witwe am Grabe“, ließ sich Volten-Walter vernehmen.

  „Jack hätte so eine Lumperei nicht mitgemacht“, sagte Onkel Johnny überzeugt.

  Dann musste ich erzählen, was ich sonst noch gehört hatte.

  „Große Schlacht?“ staunte Walter. „Meiner Treu, hochedle Jungfer, was erlauschten deine zarten Ohren? Ist's eines Cäsars Plan, mögte dort ein Alexander Ruhm und Ehre mehren, formt Götterwille dort einen neuen Krieg, wie ihn einst nur die Zunge jenes blinden Sängers schildern konnte?“

  „Jack will die Ausländer aus der Stadt jagen“, erklärte men Onkel, und ich trug vor, was Nell vermutete.

  Die anderen wiegten die Köpfe.

  „Dies üble Treiben, das man Wahlen nennt, ist nur eine Fiole, mit der mich zu befassen mir gar mächtig widers-trebt“, sagte Walter. „Doch so Jack alle Macht erringt, kann hier kaum länger unsres Bleibens sein.“

  „Da möten we wat moken“, pflichtete ihm der Gecko bei, „und twars fix!“

  „Und was stellt ihr euch vor?“ fragte Onkel Johnny.

  „Meiner Treu! Ich mögte als Warner zu den S-tämmen eilen und die Mutigen zum S-treite laden“, sagte Walter.

  „Was für Stämme denn?“ staunte Onkel Johnny.

  „Wahrlich, mein Freund, viel zu lange weiltest du in der Fremde“ erwiderte Volten-Walter und zählte die ausländischen Banden auf, und zwar von A bis Z, von den Amerikanern im Petroleumhafen bis zu den Zigeunern vom Frachtwagenplatz, auch die „Itzigs und Iwans“, wie er sich ausdrückte. „Sie alle waren bisher wohlgelitten in unserer gastfreien S-tadt“, schloss er, „sie mögten sich die selbstgewählte Heimat so wenig rauben lassen wie wir die, in die wir hineingeboren sind.“

  „Dat seggst utklamüstert du, du olen Sandschieter!“ lachte der Gecko.

  „Ihr glaubt, die legen sich für die Mijnheers mit Jack an?“ fragte mein Onkel.

  „Ich will es schon in ihre Köpfe senken, dass sie nicht nur für die Söhne der Heimat haltbarer Milchprodukte fechten, sondern vor allem für sich selbst“, sagte Walter. „Denn selbst der hohlste Kopf wird nicht verkennen, dass er sonst als nächster rollt.“

  „Ja, dann mach mal“, sagte Onkel Johnny.

  „Und welche kühnen Pläne bewegst du jetzt im edlen Busen?“ wollte Walter wissen.

  „Ich werd' jetzt doch mal die Elbe absegeln“, antwortete mein Onkel. „Vielleicht kommt  Freddy irgendwo wieder zum Vorschein.“

  Rumms! flog plötzlich die Türe auf, und die Horiksöhne stürmten die Hammaburg, oder was sie dafür halten mochten. Sie waren plötzlich genau so wild, wie sie aussahen, und der erste packte mich gleich und riss mich zu sich hoch und schmatzte mir einen schnapsnassen Seuten mitten in die Schönheit. Das hätte mir nicht viel ausgemacht, bei solchen Beglimpsten geht es für uns Mädels nun mal nicht immer ganz ohne Spucke ab, genauso wie bei Oma und Opa, und ich wollte auch keinen überflüssigen Ärger, aber mein Onkel zeigte sich plötzlich höchst gnatzig und verstand überhaupt keinen Humor mehr und mochte dieses Benehmen nun aber auch gar nicht angehen lassen, sondern er stand auf und pfefferte meinem nordischen Kavalier gleich eins hinter den roten Bart, dass der Wikinger durch die Gaststube schoss wie ein abgebrochener Besanmast bei Windstärke dreizehn. Er landete am nächsten Tisch in einem Haufen ziemlicher Lumpen aus der Neustadt, die wie Straßenräuber aussahen, einen kannte ich sogar, und der war auch einer, ein Straßenräuber, meine ich, er hauste in einem alten Militärzelt im Eichholz über dem Dampferanlegeplatz. Die Buschklepper waren natürlich sauer und fluchten wie die Kutscher, weil ihre Humpen umgefallen waren, aber der Däne scherte sich nicht um sie, er hieß übrigens Thoralf, und tobackte sofort zurück, rannte meinem Onkel wie ein wilder Stier den Schädel in den Bauch, ich wunderte mich nur, warum Onkel Johnny nicht auswich, wozu er reichlich Zeit gehabt hätte, war er etwa alt und langsam geworden? Jedenfalls krachten sie beide hinter uns in den nächsten Tisch, wiederum sehr unangenehmes Publikum, Geldeintreiber und Rausschmeißer von der Reeperbahn, ein paar Louis waren auch dabei.

  Die anderen Wikinger stürzten hinzu, aber Onkel Johnnys Freunde kamen gleichfalls flott auf die Stelzen, als erster der Gecko, er sprang einem der Odinsenkel wie ein Affe auf den Rücken und setzte einen Doppelnelson an, denn er war ein guter Ringer und kannte die besten Griffe. Der Däne drehte sich aber wie ein Brummkreisel und zerrte so lange, bis der Gecko die Haftung verlor und mit dem Hilferuf „Fall Anker!“ pardauz wie eine Kanonenkugel in die Straßenräuber sauste, die sich gerade einigermaßen wieder sortiert hatten.

  Harpunen-Harry und Volten-Walter teilten tüchtig Knüffe und Püffe aus, die mächtigsten Backpfeifen aber ließ Michel Butenschön vom Stapel, er heizte allein drei Nordmannen ein, sie hingen an ihm wie Mäuse an einer Speckseite.      

  Ich hockte da schon längst sicher unter dem Tisch, wo ich immerhin so viel erkennen konnte, dass mein Onkel komischerweise irgendwie halbherzig bei der Sache schien, sein Gegner aber auch. Als ich mich darüber gerade wundern wollte, zog Fietje das gefüllte Bleirohr unter seiner Toonbank hervor, da schrillte ein Pfiff. Die  Wikinger ließen die Unseren los und standen wie die Zinnsoldaten.

  Onkel Johnny nahm die Finger aus dem Mund. „Nu hört man wieder auf“, sagte er. „Das war doch nur Spaß.“

  Die Horiksöhne grinsten sich eins, knufften sich gegenseitig in die Seite und rieben sich Knöchel und Kiefer.

  Es stellte sich heraus: die ganze Sache war abgekartet! Mein Onkel hatte herausfinden wollen, ob die Kumpane noch munter genug für die bevorstehenden bösen Tage wären, und die Dänen heimlich als Probiergegner angeheuert. Großes Erstaunen bei den unseren, aber keine Vorwürfe, sondern zufriedener Stolz, geäußert durch zustimmendes Grunzen und Nicken, denn sie waren ja mit dem wilden Haufen muskelstarker Burschen ganz gut fertiggeworden. Als Onkel Johnny zum Versöhnungstrunk lud, sagte keiner Nein, am wenigsten die Dänen, denen Johnny ein Fässchen Genever versprochen hatte. Fietje legte sein Bleirohr zurück, musste es aber gleich wieder hervorziehen, denn die anderen Gäste zeigten kein Verständnis für solche Marotten in ihrem Lieblingslokal und schnappten sich Stühle, und nun ging die Prügelei richtig los, Johnny und seine Freunde Seite an Seite mit den Wikingern gegen das verbrecherische Stammpublikum. Ich verschwand gleich wieder unter dem Tisch.

  Zahlenmäßig stand es zwei gegen einen, aber unsere Dänen prügelten jetzt noch viel doller als zuvor, und auch Michel und die anderen zeigten sich keineswegs ermattet. Fietje tat zwar so, als würde er seine Bleirohrhiebe gerecht verteilen, traf aber immer nur die Louis, die er von Hause aus nicht leiden konnte und die auch prompt als erste aus der Bude flogen. Aber auch die anderen Stammgäste durften nach und nach ihre Knochen auf der Straße aufsammeln. Die unseren blieben als Sieger zurück und fingen im Triumph gleich fürchterlich zu saufen an.

  „Wieso hilfst du uns und nicht deinen Stammgästen?“ fragte ich Fietje.

  „Na, weil das eben Stammgäste sind“, erklärte der Zweimeterwirt treuherzig. „Auf die kann ich mich verlassen, die kommen wieder. Bei euch bin ich mir nicht so sicher.“

  „Bleibt ihr vor Anker?“ fragte mein Onkel die Dänen. „Solche wie euch können wir brauchen.“

  Wir segeln heute Nachmittag nach Tönning, lachten die Wikinger, aber übermorgen sind wir wieder da, dann können wir uns ja gern wieder prügeln, anschließend Schädelfluten bis zur Gesichtslähmung!

  Nach einer halben Stunde bemerkte Onkel Johnny, dass er mit Kowalski für neun Uhr im „Reuigen Schächer“ verabredet sei, und dass wir auch dorthin kommen sollten, um das weitere zu bekatern. Dann seilte er los, um Vaddern zu suchen. Die Horiksöhne jachterten eine Weile mit bewimpelten Masten hinter ihm her. 

  Der Bäcker und der Gecko machten sich auf den Weg zum Stadthaus, um die Asservatenkammer aufzutun. Ich habe nie wieder ein so auffälliges Diebespaar gesehen, aber eben darauf beruhte, so Michel, ihr Plan: „Kein anständiger Polizist kann sich vorstellen, dass Ganoven sich so schlecht tarnen!“ Volten-Walter wollte die Treffpunkte der englischen und anderen ausländischen Banden abklabastern, und ich marschierte mit Harpunen-Harry zu Eddie, um den schurkischen Constabler Möller unter die Lupe zu nehmen. Es kam aber dann etwas anders.

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