Kapitel 22: Die Sage vom Grendel

Donnerstag, 20. September 2012
„Jenseits des alten Festungswalls“: Blick in die Spitalerstraße mit dem Hospital St. Hiob auf die Petrikirche. © Museum für Hamburgische Geschichte

  In der „Ruhigen Hand“ weckte Professor Minkus inzwischen mit seiner Fragerei die Neu- und Geldgier der Zecher. Sie berichteten sogleich mit nimmermüdem Eifer von riesigen Ungeheuern, die nachts auf den alten, aufgelassenen Friedhöfen jenseits des alten Festungswalls heulten, oder einem löwenköpfigen Dämon, der beim ersten Tageslicht mit einem kleinen Kind im blutigen Maul in die Elbe gesprungen sei. Der Henker saß am „Köpfman’s Table“, guckte angelegentlich in seine Standardlektüre, die Halsgerichtsapologie „Von der Notwendigkeit, Menschenblut auf Erden zu vergießen“ von Joseph de Maistre, und lauschte amüsiert den vom Schnaps beflügelten Erzählern. Eine dicke Wahrsagerin mit roter Säuferfratze und knotigen Gichtfingern sagte, tags zuvor sei ihre Katze verschwunden: „Ich denk', die is bestimmt in die Kanalisation, und geb’n Buttje 'n Sechser, dass er mal in' Schacht klettert, und der hört da unten was wimmern, aber da kommt die ole Missy plötzlich oben neben mir aus dem Ascheimer - nu möcht' ich bloß mal wissen, was da unten so gewimmert hat!“

  „Der Grindel ist nichts anderes als eine sagenhafte Personifizierung der Flut“, lächelte der Professor, „seine Stimme müsste sich daher nicht als Wimmern, sondern vielmehr als dumpfes Grollen beschreiben lassen.“

  „Genau das habe ich gestern gehört!“ behauptete ein junger Fingerhutspieler mit bleichem Tuberkulosegesicht. „Wie ich von der Rennbahn nach Hause ging, kam aus der Alster so’n Ungeheuer mit glühenden Augen groß wie Wagenräder. Wenn Sie wollen, kann ich Sie zu der Stelle bringen.“

  Der Professor schüttelte lächelnd den Kopf und dozierte weiter: „In dem Helden Beowulf lebt die Erinnerung an die ersten Deichbauer fort, die den Grendel und seine noch grausamere Mutter, die Sturmflut, besiegten. Er wurde so zu einem rettenden Heros der dunklen Heidenzeit.“

  „Mit Heiden wollen wir hier nichts zu tun haben!“ rief ein alter Hoppenmarktleu, ein Hopfenmarktlöwe, so hießen die Kerle damals, heute würde man Stadtstreicher sagen, mit struppigem Bart und nervösen Gesichtszuckungen. „Wir Hamburger sind brave Christen!“

  „Warum sucht ihr das Vieh nicht drüben am Grendelberg?“ fragte die rote Gerda, die sich in einer Bar am Michel als Animiermädchen durchschlug. Da ihr dort der Eigenverzehr teuer vom Verdienst abgezogen wurde, tankte sie beim Henker billig vor.

  „Das liegt viel zu weit von den Deichen entfernt und hat nichts mit unserem Grendel zu tun“, antwortete der Professor. „Grend oder Grind ist nichts weiter als ein alter Name für Moor und kommt hierzulande in Hunderten Orts- und Flurnamen vor.“

  „Wozu der Aufwand?“ fragte der schnauzbärtige Drechsler und Autor proletarischer Gelegenheitspoesie Leo Wuttke, der in kurzen Nüchternheitsphasen für das fortschrittliche „Hamburger Fremden-Blatt“ schrieb, und zwar pflegte er als „Thedje Puttfarken“ mit den erfundenen Skatfreunden „Hundertmärk“und „Tausendschön“ die politischen Ereignisse der Woche zu glossieren. „Menschenfresser gibt’s in Hamburg genug“, dröhnte er, „geht nur mal ins Rathaus oder in die Börse, oder die Kontore, da sitzen sie dick und fett und saugen den Armen das Blut aus!“

  Der Professor ließ sich nicht ablenken. „Das sogenannte Wasserhaus des Grendel ist natürlich eine Höhle und kann also unmöglich in einem Sumpf liegen, sondern muss in einem Berg...“

  „Da kommt Leichen-Fritz!“ rief der bleiche Fingerhutspieler. Die anderen drehten sich nach einem alten Friedhofswärter um, der eben in die Gaststube trat, worauf ihm sofort der übliche Spott entgegentönte: „Levt denn de ohle Kuhlengräber noch?“ - „Wer andern eine Kuhle gräbt, muss selber 'rein!“

  „He, Fritz!“ schrie der alte Säufer. „Der Professor hier sagt, dass der Grendel deine Leichen fressen will!“

 „Pass auf!“ schrie der Säufer, „er steht schon hinter dir!“

  Der alte Mann zuckte zusammen, aber es war nur der junge Augustus. Der Professor zahlte seinen Tee, streute ein paar Münzen in begehrlich ausgestreckte Hände und folgte seinem Assistenten auf die alte Hieronymus-Bastion, ungefähr dort, wo heute der Hauptbahnhof steht. Auf einem Stück Ödland hinter dichtem Gesträuch trieben zwei städtische Arbeiter eine Sonde in die Tiefe. Sie arbeiteten bis zum Abend, ohne auf einen Hohlraum zu stoßen.

  Fünfzehn Meter unter ihnen kauerte die kleine Agnes in ihrem Käfig, den Kopf des Grendel im Schoß, und sang dem Ungeheuer mit zitternder Stimme ein polnisches Kinderlied vor.

  „Wir machen morgen früh weiter“, entschied der Professor, zahlte die Arbeiter aus und kehrte mit Augustus in sein Hotel zurück.  

   Während die Arbeiter das Bohrgestänge abbauten, trabte Constabler Godfroy mit einem großen Blumenstrauß vorbei. In der „Weißen Möwe“ am Baumwall, wo immer viele englische und amerikanische Seeleute einkehrten, über der Tür stand „Welcome My Sailor!“, schritt der Rotschopf wacker auf die hübsche junge Frau hinter der Theke zu. „Für dich, Marie!“ sagte er und musste sich erst mal ausgiebig räuspern.

  „Danke.“ Gleichgültig legte sie die Blumen hinter sich auf das Büfett.

  Ein Schifferklavier spielte. Godfroy bestellte ein Bier und noch eins, konnte aber nie mehr als drei Worte an seine Angebetete richten und kaum einmal einen Blick in die dunklen Augen hinter den dichten braunen Locken tun.

  Als er nach einer Stunde enttäuscht, aber keineswegs entmutigt gegangen war, eilte Marie in das Hinterzimmer. „Puh, endlich ist er weg.“

  „Wurde auch Zeit“, sagte der breitschultrige junge Mann missmutig. Es war Eddie der Schränker.

  Ein herzhafter Kuss tröstete ihn. Marie würde sich niemals mit einem Constabler einlassen. Sie zog Eddie hinter sich her und legte ihm die Arme um den Hals. Endlich! Es war das ganz große Ding, von dem sie immer geträumt hatten. Der alte Knabe im Schankraum spielte auf seinem Akkordeon:

  „Tomorrow we’ll dance,

  Tomorrow we'll dance.

  Tomorrow we'll dance, my love,

  Tomorrow we’ll dance…”

  Aber wir tanzen heute schon, dachte Marie glücklich. Und sie waren reich, auch wenn das niemand wissen durfte. Die Welt war voller Gefahren, aber sie und Eddie, sie würden immer zusammen sein.

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