Kapitel 20: Volten-Walter und die „neue Fahrt“

Dienstag, 18. September 2012
„Kneipen und Lasterhöhlen“: Am Dovelfleet 1883. © Museum für Hamburgische Geschichte

Die Figuren, mit denen ich in den Kneipen und Lasterhöhlen um den Schaarmarkt zu tun bekam, wirken nicht weniger furchteinflößend als der Grendel aus dem Siel, aber das machte mir gar nichts aus, ich war's ja gewöhnt, und so richtig gefährlich war's für mich auch gar nicht. Nicht mal im berüchtigten „Verbrecherkeller“, und das war wirklich die übelste Kaschemme in der ganzen Stadt, ein richtiges Schmierloch. Das Hauptgericht war Lohengrinsuppe, Inhalt „Nie sollst du mich befragen“, und als Wein gab’s Petrustränen, „Er ging hinaus und weinte bitterlich“.

  Mir geht es so wie vielen Alten, ich staune selber, was ich mich damals alles getraut habe, aber als ich jung war, habe ich gar nicht an Gefahr gedacht, für mich war das alles normal, die Totschläger, die Zuchthäusler, die bier- und rauchgeschwängerte Atmosphäre finster lauernder Gewalt, denn ich gehörte ja dazu. Es war eher so, dass andere Angst vor mir hatten, zum Beispiel brave Bürgersöhne und ihre Bräute aus Hamburg und anderswo, die sich aus Neugier in die Unterwelt wagten und sich in eine der Boxen für Verliebte setzten, oder Billard spielten, und sich nicht trauten, mit mir die Blicke zu kreuzen, weil sie Angst hatten, mich zu provozieren, sie hielten mich ja für das, was unser geistreicher Hans Leip eine „Hummel-Hummel-Hetäre“ nennt. Manchmal machte ich mir einen Spaß daraus, locker zu tun wie Semiramis und den jungen Herren zuzuzwinkern, bis sie rot anliefen und ihre Mädels sie nach draußen zerrten. Auch ein gutes Herz kriegt manchmal so ein kleines böses Jucken! Oder wie Büchner seinen gelangweilten Leonce sagen lässt: „Es steckt nun aber doch einmal ein gewisser Genuss in einer Gemeinheit.“

  Ich ging erst in die „Weiße Möwe“, wo ich von Marie erfuhr, Eddie sei nicht da, käme diese Nacht auch nicht mehr, also versuchte ich es im „Verbrecherkeller“. Der hieß wirklich so, ganz offiziell, in Buchstaben über der Tür. Der Wirt Fietje war schon über sechzig und hatte eine Figur wie eine Litfasssäule; wenn er sich aufrichtete, dachte man immer, jetzt macht er gleich ein Loch in die Decke. Hinter ihm lagen zwölf Jahre Zuchthaus wegen Totschlags. Seiner verantwortungsvollen Aufgabe war er jederzeit gewachsen, er hielt den Schinken an der Kette und unter der Toonbank ein gefülltes Bleirohr bereit, holl di fuchtig, gleich hinter den kleinen braunlackierten Fässchen, in die es von den Zapfhähnen dauernd hineintropfte; was sich nachts ansammelte, wurde frühmorgens als „Lecksprit“ an die ärmsten Säufer ausgeschenkt.

  Fietje hörte sich meine Fragen freundlich an und zählte mir erst mal die neuesten Spielsalons auf, in denen die Chance am größten sei, Volten-Walter zu finden. Von Harpunen-Harry und Michel Butenschön wisse er nichts, denn Altona und St. Georg seien bei ihm nur schwach vertreten, wohl aber vom Gecko. Er  schickte vorsichtshalber erst mal seinen Jungen los, der hieß Heinzi und war so alt wie die Stunde, die Standuhr schlug gerade zehn Mal. Ich bestellte erst mal eine „scheune Tass Tee“, und Fietje wies mich auf zwei gutgekleidete ältere Herren hin, „de Ös“, die Ochsen, seien gestopft. Mehr aus alter Gewohnheit plinkerte ich den beiden ein paar Blicke zu, und sie bliesen sich natürlich sofort auf, aber ich hatte Onkel Johnnys Mahnung im Kopf und ließ die Finger von den beiden.

  Während ich mir so die Zeit vertrieb, sah ich aus den Augenwinkeln, wie in kleiner, dicker Herr an der anderen Seite der Bude etwas Merkwürdiges tat. Er zog einen kleinen Handbohrer aus der Tasche und machte doch tatsächlich ein Loch in die Holzverschalung zur Nachbarnische, so ganz vorsichtig. Angezogen war er wie ein Raubmörder auf der Flucht, zerknautschter Hut tief in der Stirn, abgetragener Mantel, hochgeschlagener Kragen – aber ein Zuchthaus hatte er sicher noch nie von innen gesehen, außer wenn er einen Gefangenen zur Vernehmung holte.  

  Ich saß gerade so, dass ich die einzige war, die ihn sehen konnte, und deshalb behielt er mich scharf im Auge, aber ich tat natürlich, als sei ich ganz mit den beiden ollen Pupern beschäftigt, und dann stand ich auch mal auf und ging mir die Nase pudern, und dabei sah ich in der Nische zwei in der Branche gut bekannte Langfinger aus dem Bäckerbreitergang gewaltig am Tuscheln und Flüstern. Als ich zurückkam, ruckte der stille Zuhörer schnell ein Stück von der Wand ab, aber ich griente wieder fleißig den beiden ahnungslosen Alten zu, die erfreut an ihren Krawatten zupften, und bald presste der verkleidete Inspektor wieder die Horchmuschel auf das offensichtlich ergiebig sprudelnde Bohrloch. Ein paar Tage später hörte ich, dass die beiden Jungs verhaftet worden waren, weil sie am Großen Burstah einen Juwelier ausgeraubt hatten. Ein feines Beispiel dafür, dass auch Dünnbrettbohrer zum Ziel kommen!

  Um halb elf trabte der kleine Kaschemmen-Ganymed, der Heinzi, wieder an und flüsterte seinem Papi was ins Ohr. Darauf sagte Fietje: „Allens klur“ und raunte mir aus unbewegten Lippen zu, der Gecko habe ein Baumhaus am Stintfang und gegen meinen Besuch nichts einzuwenden, morgen pünktlich um zehn Uhr. 

  Als nächstes klapperte ich die Bars am Vorsetzen, am Pilatuspool und am Pinnasberg ab, wo in den Hinterzimmern gespielt wurde, mit Karten, Würfeln oder Fingerhut. Hamburg war schon immer das ideale Pflaster für Hasardeure, Zocker, Freischupper (weil sie die geköderten Fische von ihren Schuppen befreiten) und Ratscher (Iltisse), denn es war reich, lustig und buntbevölkert, bot genug leichtsinnige Beute und außerdem gute Tarnung für Glückshaie bis aus Übersee. In den Kaschemmen an der Wasserkante nahmen sie den Seeleuten beim Skat oder Klabberjass die Heuer ab, in den Kneipen hinter dem alten Festungswall wurden Handwerksburschen beim 17 + 4 die Löhnung los, und in den Clubs von St. Pauli bluteten Kaufleute und Fabrikbesitzer bei Blackjack, Baccarat und Ecarté.

  Da ich mich bei Türstehern, Koberern, Spannern und Horchposten nicht erst vorstellen musste, enterte ich die schummrigen Fortunatempel ohne Mühe, und kurz nach ein Uhr früh stieß ich tatsächlich auf Volten-Walter, im „Roten Raben“ am Spielbudenplatz, einem lärmenden Tingeltangel mit verschwiegenem Keller-Casino – allerdings nicht in einer Situation, in der ich ihn gleich hätte ansprechen können, denn er befand sich gerade mitten in einer heftigen Abwehrschlacht gegen einen Schwarm Berliner Zocker, die Hamburg schon seit ein paar Tagen heimsuchten.

  Der Bankhalter dieser Bande war der Spandauer Franz, ein längst pensionsreifer Berufsganove mit grauen Haaren, stechenden schwarzen Augen und den scharfen Nasenfalten des Magenkranken. Er hatte angeblich schon in Monte Carlo gezogen und trat als preußischer Offizier auf, indem er sich ein Affenglas in die Visage klemmte und zackige Sprüche schnarrte. Sein Premier, also der Hauptspieler, war der junge, aber auch schon lange gerichtsnotorische Hans Baludschi aus Stettin, ein kräftiger blonder Pommer mit Stupsnase und unschuldig blauen Augen. Sie spielten Van John, heute heißt es Black Jack. Soweit ich sehen konnte, waren noch weitere drei Eintreiber mit von der Partie, die gerade mit großem Hallo andauernd gewannen und triumphierende Blicke um sich warfen, um die ahnungslosen Gäste zum Mitspielen zu animieren. Man nannte das „die neue Fahrt“. Sie hatten es schon eine halbe Stunde lang so getrieben, bis sich einer der Spanner, der Karo-Buttje, ein kleiner mausgesichtiger Mecklenburger, auf die Ringelsocken machte und seinen Chef ein paar Häuser weiter an einem illegalen Roulettetisch unter dem „Museum für Kolonie und Heimat“ des legendären Käpt’n Haase aus den Armen einer spielsüchtigen vollreifen Lady zog. Und der Chef, das war Volten-Walter, der für den Fall eines Besuchs aus Berlin bereits präzise Anweisungen hinterlassen hatte.

  Volten-Walter war der gebildete, aber gleichwohl missratene Sohn eines Ingenieurs der Lokomotivenfabrik Borsig in Berlin, intelligent, aber unstet, wissensdurstig in den ganz falschen Fächern, eine echte Großstadtpflanze aus dem Mondscheingarten mit hoher Sumpftoleranz, absoluter Religionsresistenz und weitgehender Immunität gegen die gesetzliche Moral. Die ungeschriebene der Menschlichkeit galt ihm dafür umso mehr. Ein Philosoph jener Kategorie, die, wie Wieland so schön sagt, „wenn die Flasche blinkt, wie Zeno spricht und wie Silenus trinkt.“ Sein Gedächtnis war phänomenal, übrigens auch was seine Verpflichtungen gegenüber der Damenwelt betraf, seine amourösen Volten gelangen nicht schlechter als seine Kunststücke beim Kartenspiel. Schon mit Vierzehn hatte er sich am liebsten in Wirtshäusern herumgetrieben. Als die besorgten Eltern ihn ins Internat stecken wollten, empfahl sich der höhere Schüler auf Polnisch und tippelte nach Hamburg, wo es freilich anders zuging, hier fragte kein Wirt nach dem Alter, wenn er einen Schankburschen brauchte, schon gar nicht auf dem Kehrwieder, und bald war der kneipophile Knabe nicht nur mit allen Wässerchen des Affenkönigs Alkohol gewaschen und mit allen Kniffen der treulosen Glücksgöttin wohlvertraut, sondern auch ein höchst angesehenes Mitglied in Jack und Johnnys junger Bande.

  Später dehnte Volten-Walter seinen Wirkungskreis bis zu den Skatkneipen der mecklenburgischen Fuhrknechte am Lübecker Tor und den Mahjong-Buden der Kulis am Kohlenschiffhafen aus, drehte Glücksrad und Lostrommel bei jeder legalen oder illegalen Lotterie, schulte zwischendurch seine Kartenkunst in Londons berühmtesten Spielclub Crockfords und machte ab und an sogar ein eignes Casino auf, allerdings nie für lange, weil er ständig seine Croupiers feuerte, vor allem deshalb erzürnt, weil sie nie merkten, wenn er sie zur Kontrolle betrog. „Dem Edlen und dem Schönen, dem war ich immer hold, drum hat mich die Herzdame als Ehemann gewollt“, pflegte er zu sagen.

  Volten-Walter war groß, aber so hager, dass er einen Bock zwischen die Hörner küssen konnte, und außerdem ein bisschen instabil, mal mit, mal ohne Grund, „schwipp“ sagte man damals dazu. Außerdem potthässlich, und ein großer Schluckspecht vor dem Herrn, deshalb die bleiche, schlaffe Haut. Dazu strähniges pechschwarzes Haar, ungleiche Augen mit einem leichten Basedow und eine Nase wie ein Geierschnabel, an der er ständig rieb, weil er glaubte, das bringe Glück. Vom Gymnasium hatte er neben einer soliden Halbbildung den fatalen Hang zu einer fürchterlich geschraubten Ausdrucksweise mitgebracht, die ihn zwang, fortlaufend Sätze von sich zu geben wie „Selbiges ist von Übel“ oder „Da ruht kein Segen drauf“ oder „Dieses ist das meinige nicht!“ Außerdem sagte er immer „mögte“ statt „möchte“, wie’s bei den alten Dichtern steht. Obwohl er gar kein Hamburger war, pflegte er mit Hingabe das waterkantliche s-t. Und er liebte Silbenverdrehungen, sagte etwa „Im Grinderhunde einer Grabbelpuppe“ statt „Im Hintergrunde einer Pappelgruppe“. Im Übrigen hatte er eiserne Nerven und die geschicktesten Gaunerfinger, seit Jakob sich Felle an die Hände band, um an Stelle des behaarten Bruders vom blinden Vater den Erstgeburtssegen zu ergattern. Als der Karo-Buttje auftauchte und ihm was ins Ohr tusterte, ließ Walter die Lady solo weitergambeln und kam gleich mit.

  Die „neue Fahrt“ segelte schon unter vollen Lappen, bald würde die Ernte eingefahren werden. Walter guckte sich die Sache ein paar Minuten an, spazierte dann hinaus, um dem Spanner was zu sagen, kam wieder herein und spielte ein bisschen mit. Als der Bankhalter eine Drei und Walter ein As kriegte, setzte er einen Dusender. Der alte Spandauer Franz gönnte sich prompt noch eine Sieben und eine As, schenkte Walter zwei Sechser ein und angelte nach den Piepen, da nagelte vor seinen krummen Fingern ein Messer den Schein an die Platte. Der Berliner langte in seinen Ärmel, aber Walter war schon über den Tisch und piekste ihm das Klappmesser in die Gurgel.

  Der Stettiner Hans und die drei Fallmacher wollten Vertuß anfangen, sahen sich aber gleich von einem Dutzend handfester Hamburger Jungs umringt, bei denen man nicht wusste, hatten sie mehr Narben oder mehr Tätowierungen? Humor jedenfalls hatten sie weniger, das war gleich klar.

  „Mach keen' Feez, kannste nich verliern?“ fragte da der Spandauer Franz.

  „Verderbter Mensch, verruchte Tat“, sprach Volten-Walter. „Wie nur gelangt dies Unkraut unter meinen Weizen? Wer mögte dies klaglos ertragen? Ich bin gar höchlich unerfreut.“

  Der Alte guckte ganz verblüfft, solche Redensarten hatte er in dieser Bude nicht erwartet. Und jetzt fieselte ihn Walter in aller Seelenruhe ab: Erst holte er ihm das Klappmesser aus dem Ärmel, dann das Geld aus der Börse, die gezinkten Karten und zum Schluss das Säckchen mit dem Bimssteinpulver aus der Tasche, der Spandauer Franz arbeitete nach altbewährter Methode, er zeichnete die Karten mit fünf, sechs feinen Nadelstichen in der rechten oberen Ecke, bestäubte sie mit dem Pülverchen und konnte so die Stichnarben leicht fühlen, besonders weil er sich wie viele Falschspieler mit einem Federmesser am Daumen die Epidermis abgezogen hatte.

  Walter gab kein Pardon. „Nun denn, ans Werk“, erklärte er. „Nur ungern mögte ich darauf verzichten, die Freveltat mit eigner Hand zu s-trafen.“

  Als der Spanner ein Beil brachte, schnaufte der Spandauer Franz ängstlich wie ein Kälbchen beim Schlachter und wollte sich losreißen, aber zwei Rausschmeißer hielten den Zappelnden eisern fest. Walter packte die rechte Hand seines Opfers, zwang sie auf den Tisch und hieb die Daumenspitze ab, so wie ein Metzger Rippchen zerhaut.

  Der alte Gauner heulte wie ein junger Seehund.

  „Und jetzt hau ab mit deiner Kabrusche, du Kalkeimer!“ sagte Volten-Walter munter. „Dass ihr Preußen immer meint, ihr könnt uns wegfoppen mit euren billigen Wippchen.“

  Ein Handtuch kam geflogen. Der Karo-Buttje knotete es um die blutende Faust des Berliners, dann transportierten die Aufpasser die Kerls nach draußen.

  „Das war dieses, s-prach Kambyses“, sagte Walter sehr zufrieden mit sich. „An den Wassern von Babylon weinten sie, doch zu s-pät, du rettest den Freund nicht mehr.“

  Ich nutzte die Gelegenheit, ihm unauffällig in den Weg zu spazieren.

  „Sieh da, sieh da, die schöne Helena“, murmelte er verblüfft und fingerte sicherheitshalber nach seiner Börse, obwohl er sich doch denken konnte, dass ein Taschenkrebs grundsätzlich keine Freunde beklaut. Aber so war er eben, immer misstrauisch wie ein Hirtenhund, wenn das nächste Waldstück „Hungriger Wolf“ heißt. „Was lenkt denn deinen wohlgeformten Fuß an diesen Ort, du liebreizendes Menschenkind?“

  Ich sah ihn möglichst bedeutungsvoll an und sagte ebenso leise: „Schön' Gruß von mei'm Onkel.“

  Er hatte sich wie immer fabelhaft unter Kontrolle, über sein Gesicht lief nur ein ganz kurzes Zucken, wie alle Edelganoven beherrschte er ein riesiges Repertoire an stummen Zeichen mit Augen, Mund oder Fingern, vielfältig wie die Taubstummensprache und für Eingeweihte so klar und deutlich wie die Flaggensignale der britischen Kriegsmarine. Ich verstand sofort, ging gehorsam vor die Tür, und da kam er auch schon hinterher, blickte sich nach allen Seite um und sagte: „Was dringt an mein ers-tauntes Trommelfell, o Tochter mein? War's Scherz, war's meiner Hoffnung endlicher Triumph?“ Es klang immer so, als wolle jemand, der nur Schundromane las, unbedingt Klassiker zitieren. 

  Die geschlagenen Berliner schleiften gerade ihren taumelnden Anführer unter wüsten Drohungen in Richtung Spielbudenplatz davon.

  „Er ist wieder da“, sagte ich.

  Walter ließ die Schellfischaugen wandern. „Kolossiv! Ich mögte es kaum glauben. So war es wahrhaftig der edle Gefährte, der die Bark im Brande ritt?“

  Ich nickte.

  „Jedoch aus welchem guten Grunde wählte er ein S-pektakulum, gar so gewaltig?“

  Vorsichtshalber zuckte ich erst mal die Achseln, aber sein Spielerblick durchschaute mich sofort: „Die Antwort gibt so gut wie nie die wissenschaftliche Psychologie.“

  „Kann schon sein“, erwiderte ich. „Jedenfalls will er dich sehen.“

  „Salem aleikum, wann i vorbeikumm. Ich bin erbaut. Wohin gehend aber, schönes Kind, äußert sich deshalben unser Freund Jack?“

  „Der möchte Onkel Johnny am liebsten gleich wieder loswerden.“

  „So, mögte er? Das deuchte mir. Wann und wo sollen sich nun unsre Wege kreuzen?“

  „Verbrecherkeller, morgen Mittag zwölf Uhr.“

  „Nun denn, das dächt' ich wohl, zwölf Uhr ist immer Mittag, meinst du nicht, o holdes Kind?“ sprach Walter, der zuweilen etwas pedantisch war.

  „Also kommst du?“

  „Soll ich zaudern, wo andere eilen?“ Das musste mir als Zustimmung genügen.

  „Weißt du, wo die anderen sind?“

  „Wen, holdes Mägdelein, sucht denn dein forschender Geist?“ Er beäugte mich abwartend.

  „Einen Michel Butenschön, einen Harpunen-Harry und den Gecko, von dem weiß ich aber schon, wo er wohnt.“

  „Sieh an, die hehren Recken der Vorzeit. Nun denn: Es geht die Rede, Gevatter Michel habe sich in den Brötchenadel emporgeschwungen, anlässlich der Einheirat in eine Backs-tube gehobener Provenienz“, schwafelte Volten-Walter, „im nahen, volkreichen St. Georg. Von dem trefflichen Harpunenschützen und dem flinken Fassadenturner aber habe ich seit Ewigkeiten nichts vernommen. Was geruht Freund Johnny denn von den alten Gefährten zu wünschen?“

  „Das sagt er euch selber.“ 

  „Mir bebt die Brust! Ein solch Geheimnis soll gefasst und s-tille ich erwarten!“

  „Ich weiß es wirklich nicht. Wo hat denn diese Schrippenqueen ihr Schloss aus Mehl?“

  „Brülliant! Welch köstlich Scherzwort zwingt meinem Munde ein Lächeln ab! An einem Teiche hausen sie, die s-päten Turteltauben, an jenem stillen Wasser, da vor Zeiten eine Pulvermühle s-tand.“

  „Am Pulverteich? Ja, wenn du das auch weißt, kannst du ja den Michel Butenschön morgen gleich mitbringen.“

  „Ach, richte nicht dies Ansinnen an mich!“ wehrte er ab. „Seit unser Simson für Delila ehrlich ward, mag er von alter Freundschaft nichts mehr hören, verbirgt wohl gar ein Schlosserhämmerchen unter der Theke sein, das er wohl auch gern schwingen mögte, und nichts drängt mich, dem Hiebe mit dem Haupte zu begegnen. Frischauf, mein Mägdelein, da schreite nur schön selber hin!

  Das konnte ich verstehen. „Jetzt muss ich aber. Tschüs!“

  „Sag an, Kind, blieben denn deine Hände auch rein?“ Er hielt mich am Arm fest und tastete nach seiner Brieftasche.

  „Was denkst du denn, Freunden mopse ich doch nichts. Außerdem hat Onkel Johnny mir das Klauen streng verboten.“

  Er lächelte. „Ach, Wunder über Wunder, jetzt fängt gar noch die fürnehme Erziehung an? Wohl dem, der sein Joch trägt in der Jugend!“ Er kniff mich in die Wange. „Braves Geschöpf! Künde dem Weitgefahrenen hurtig, ich könne es gar nicht erwarten, ihm ins Angesicht zu treten.“

  Auf dem Heimweg kam ich wieder am Verbrecherkeller vorbei, da überholte mich eine Kutsche, die ganz tief in den Achsen hing, hielt vor mir an, und in ihr saß der unglaublich fette Lando. Als er auf die Straße kletterte, richtete sich die arme Kutsche ächzend auf wie ein Schauermann, der eben einen Kolli Jute in die Schute gepfeffert hat. Der Dicke tapste in den Keller wie ein schwangerer Bär. Ich natürlich hinterher. Und wohin setzte er sich? Genau dorthin, wo ein paar Stunden zuvor die beiden Juwelendiebe gehockt hatten. In der Nische nebenan war gerade frei, ich klemmte mich hinter den Tisch, Fietje guckte ganz komisch, ich bestellte wieder eine „scheune Tass Tee“ und presste mein Ohr an das Bohrloch. 

  Anfangs hörte ich nur unverständliches Murmeln, Lando kaute die Worte immer hervor wie die Kuh das Heu aus dem Pansen, ächzte und stöhnte dabei, als ginge es ihm an den Kragen - da zuckte ich zusammen, denn die andere Stimme gehörte unverkennbar Jack, kalt und dunkel wie die Nacht hinter Umanak. So belauschte ich ihn nun zum zweiten Mal, und das war noch gefährlicher – im Garten an Konsul Averdars Palazzo hätte ich vielleicht noch durch die Rosenbüsche weglaufen können, aber wenn sie mich im Verbrecherkeller erwischt hätten, wäre ich wohl kaum davongekommen.

  Anfangs verstand ich nur einzelne Worte, aber mit der Zeit kam ich hinter den Sinn. Lando forderte Jack auf, er solle endlich „ein für alle Mal Schluss machen mit dem verdammten Gesindel“. Jack antwortete, übernächsten Sonntag sei es so weit, Lando solle die Leute aus St. Pauli zusammentrommeln, der Prophet Samuel von der Bruderschaft des heiligen Michel wisse schon Bescheid, ebenso die Schläger des Berliner Bullen aus Stormarn und den Vierlanden und die Straßenräuber des Herzogs von Boizenburg, die sich nach dem Wappentier Mecklenburgs die „Schwarzen Oxen“ nannten.

  Dann ging es um anderes.

  „Brauchst nur'n Wort sagen, und wir mach'n ihn kalt“, ächzte der widerliche Oberlouis.

  „Erst das Opium“, sagte Jack.

  „Und det Messer?“ röchelte es aus der Fassbrust.

  „Krieg' ich.“

  „Aus der Asservatenkammer?“

  „Kümmer dich man um dein' eigenen Schiet!“

  Der fette Lando lachte glucksend. „Det soll wohl der Constabler Möller für dich mopsen, die olle Sau.“

  „Was war denn das für eine Sache mit den Portugiesen?“

  „Du bist zu weich, Jack.“

  „Probier's lieber nicht aus.“

  „Gib deinem Feind nie 'ne zweite Chance.“

  „Dann hätte ich dich längst abmurksen sollen.“

  Lando lachte wieder, aber diesmal klang es nicht belustigt. „Ohne mich macht St. Pauli nich mit bei deiner Schlacht, du großer Feldherr, det weeßte jenau“, schnaufte er.

  „Treib's nur nicht zu weit. Was ist mit dem kleinen Polenmädel?“

  „Wenn ick die hätte, wär se schon tot. Frag mal dein' Kumpel Möller, der hat mit der Kleenen wohl noch wat vor. Da is viel zu viel Trubel auf'm Brook, erst kommt Johnny auf'm Brander rein wie die wilde Jagd, dann klaut sich so'n sauberer Constabler 'n Polenmädel, und die verfluchten Käsköppe mucken auch immer noch rum, zu meiner Zeit hat's so was nich gegeben.“

  „Warum hast du Johnny nicht selber umgelegt? Er war doch in deinem Laden! Aber so einfach ist das wohl nicht.“

  „Da hatte er den verdammten Polackensoldaten dabei, ick hab' keene Lust auf die ganze verdammte Armee!“

  So ungefähr war das, alles konnte ich natürlich nicht verstehen, dann gingen sie, und ich duckte mich über meinen Tee.

  Als ich zahlte, sagte Fietje, der Zwei-Meter-Wirt: „Lass dich man bloß nicht bi de Plünnen kriegen, min Deern, mit denen is nicht zu spaßen!“ Dann drückte er unauffällig Fensterkitt in das Loch. „Dass du mir dat aber nich gleich wieder rauspulst!“

  „Nee, gleich nicht“, sagte ich und war schon draußen. 

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