Jesus und die Frauen

Donnerstag, 20. September 2012
„Jesus sagte ‚meine Frau‘“: Maria Magdalena unter dem Kreuz auf einer Darstellung vom „Sacro Monte di Domodossola“. © Stefano Bistolfi / Wikimedia Commons

Die Harvard-Historikerin Karen Leigh King, Expertin für koptische Literatur, hat in Rom ein Papyrus-Fragment aus dem 4. Jahrhundert vorgestellt – und wieder fragen sich nicht nur Christen, ob der Gottessohn vielleicht doch verheiratet war.

Das Dokument, ein vergilbter Papyrus-Schnipsel von 3,8 mal 7,6 Zentimetern, stammt möglicherweise aus einem kürzlich entdeckten Evangelium über „die Frau Jesu“. Damit ist nach Ansicht der Forscherin Maria Magdalena gemeint. Jesus habe mit seinen Jüngern darüber diskutiert, ob die treue Anhängerin „würdig“ sei und gesagt, sie könne seine Jüngerin sein. Das neue Dokument, so King, belege nicht, dass Jesus verheiratet gewesen sei, gebe jedoch Hinweise auf das Verhältnis der frühen Christen zu Familie, Sexualität und Ehe.

Vor allem aber erneuert es eine Diskussion, die immer wieder Schlagzeilen macht und regelmäßig Bestseller zeugt: Lebte Jesus mit Maria Magdalena zusammen, hatte er mit ihr vielleicht sogar Kinder, und welche Rolle spielten Frauen überhaupt in seinem Leben?

Noch vor wenigen Jahrzehnten wirkte die Frage eher befremdlich. Über zwei Milliarden Christen feiern jedes Jahr Ostern als das große Fest der Auferstehung und des Lebens, doch das Zeichen dieses Wunders ist das Kreuz. Jeder kennt die Bilder: grausame Legionäre, höhnische Hohepriester, mitleidlose Gaffer – und ein kleines Häuflein, das sich auch in dieser Not und Gefahr zu dem Verurteilten bekennt.

Doch diese Treuesten der Treuen sind vor allem Frauen. Vier von ihnen wagen sich sogar bis direkt unter das Kreuz, nur ein einziger Mann hat ebenso viel Mut. Waren Frauen etwa auch die besseren Apostel? Moderne Forscher finden immer mehr Anzeichen dafür, dass das Christentum ursprünglich eine Religion der Emanzipation ist. Jesus will die Unterdrückten befreien, und die Frauen gehören damals dazu: Sie haben kaum Rechte, dürfen selten das Haus verlassen und zählen in der patriarchalischen Gesellschaft wenig mehr als das Herdenvieh.

Jesus will das ändern: Als er in dem Dorf Bethanien bei Lazarus wohnt, den er einst von den Toten auferweckte, trifft er auch auf die beiden Schwestern des Freundes. Die ältere, Martha, geht ganz in ihrer Hausfrauenrolle auf. Die jüngere aber, Maria Magdalena, setzt sich lieber dem Gast zu Füßen und hört ihm zu. Als Martha sich darüber beschwert, sagt Jesus: „Du machst dir viele Sorgen und Mühe, aber Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden“ – er möchte die Frau nicht als geschäftige Dienerin, sondern als gleichrangige Gesprächspartnerin.

Die übliche Männerherrschaft lehnt Jesus konsequent ab: „Er war auch darin ein Revolutionär“, sagt die US-Theologin Mary Seltzer. „Nirgends in den Evangelien sehen wir, dass er Frauen als minderwertige Wesen zweiter Klasse behandelt hätte. Sein Dienst richtete sich gegen die ungerechten sozialen Sitten der Zeit gleichermaßen an Mann und Frau, ob im Predigen, Heilen, Wunder tun oder Auferwecken von den Toten.“

Und: Jesus hat ein Herz für Frauen am Rand der bürgerlichen Moral, wohl auch aus persönlichen Gründen. Denn vier nicht nur für damalige Verhältnisse anrüchige Beispiele finden sich in seiner eigenen Ahnenreihe:

Zur Zeit der Patriarchen um 1500 v.Chr. verkleidet sich die kinderlose Witwe Tamar als Prostituierte, um von ihrem Schwiegervater Juda schwanger zu werden. Einer ihrer Nachkommen ist 500 Jahre später König David, aus dessen Geschlecht auch Jesus stammt.

Um 1100 v.Chr. hilft die Prostituierte Rahab aus Jericho den Israeliten bei der Eroberung der Stadt. Die Sieger lohnen den Verrat, Rahabs Sohn Boas wird ein reicher Grundbesitzer. Nachts schleicht sich die arme Magd Ruth auf sein Lager, und er wird durch sie zum Großvater König Davids.

David selbst verliebt sich in die schöne Bathseba, Ehefrau eines Offiziers. Sie lässt sich zu ihm in den Palast bringen, wird schwanger und willigt sogar ein, ihrem Mann vorzugaukeln, das Kind sei von ihm. Als der Betrogene den Betrug durchschaut, sorgt David dafür, dass er in der nächsten Schlacht fällt.

Auch Jesu Mutter bleibt nicht unangefochten, denn für Böswillige sieht die Ehe der ehemaligen Tempeljungfrau mit dem um vieles älteren Zimmermann Joseph gerade so aus, als solle eine illegitime Schwangerschaft verborgen bleiben. Dass Marias Sohn vom Heiligen Geist stamme, glaubt später außerhalb des Christentums kaum jemand. Die jüdische Propaganda nennt sogar einen biologischen Vater Jesu, den römischen Legionär Ben Panthera.

Doch Jesus hat nicht nur Erbarmen mit schwachen, unterdrückten Frauen, er nutzt auch ihre Stärken. Der Evangelist Markus nennt Jüngerinnen aus Galiläa, „die ihm nachgefolgt waren und ihm gedient hatten“. Der Evangelist Lukas berichtet von Frauen, „die ihm dienten mit ihrer Habe“. Viele reisen mit ihm durchs Land, obwohl das damals höchst anstößig und auch gefährlich ist.

Zudem beschreibt Jesus Gott erstmals auch in weiblichen Bildern, vergleicht ihn einmal mit einer Henne, dann wieder mit einer „Frau, die eine Münze verlor“ oder einer, „die Hefe unter Mehl mischte". In seinen Predigten bezieht er sich stets auf beide Geschlechter: „Väter und Mütter“, „Söhne und Töchter“, „Brüder und Schwestern“.

Jesus macht auch einmal eine Frau zur Glaubensbotin: Nach einem Bericht seines Lieblingsjüngers Johannes offenbart er sich an einem Brunnen einer Samaritanerin. Sie eilt sofort in die Stadt und erzählt dort von ihm. Das Volk strömte heraus, und Jesus lehrt es zwei Tage lang.

Auch nach seiner Auferstehung erscheint Jesus zuerst einer Frau, wiederum Maria Magdalena. Im Johannes-Evangelium sagt er zu ihr: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Die US-Theologin Lee Anna Starr sagt dazu: „Kein höherer Auftrag, das Evangelium zu predigen, wurde jemals gegeben.“

Zwar wählt Jesus nur Männer in den engsten Kreis, doch das ist der Moral seiner Zeit geschuldet: „Die Apostel begleiteten ihn Tag und Nacht“, erklärt Mary Seltzer. „Solche enge und ständige Assoziation eines Mitglieds des anderen Geschlechts hätten Anlass zu diffamierenden Gerüchten gegeben. Jesus mied selbst den kleinsten Anschein eines Übels. Und Frauen konnten ihn einfach nicht überall hin begleiten, wohin er ging. Zum Beispiel gab es Bereiche im Tempel, in die Frauen nicht hineingehen konnten.“

Auch bei Hinrichtungen waren Frauen nicht gern gesehen. Vier lassen sich davon nicht abschrecken. Maria ist ihrem Sohn schon auf dem Kreuzweg gefolgt. Jetzt vertraut Jesus sie dem einzigen Mann an, der sich in der Todesstunde zu ihm wagt: seinem Lieblingsjünger Johannes.

Maria Magdalena hat ihren Beinamen nach dem mondänen Badeort Magdala am See Genezareth, an dem sie eine Zeitlang wohl als eine Art Partygirl römischer Offiziere lebte, und spielt auch als bekehrte Sünderin eine herausragende Rolle in der Heilsgeschichte. Auch sie harrt bis zuletzt bei Jesus aus.

Salome ist eine Schwester der Gottesmutter, Ehefrau des wohlhabenden Fischhändlers Zebedäus vom See Genezareth und Mutter der Apostel Jakobus des Älteren und Johannes. Ihr Ehemann leitet eine Genossenschaft, die Fische in Fässern bis nach Jerusalem verkauft, und besitzt wohl sogar einen Liefervertrag mit dem Hohepriester.

Eine dritte Maria ist eine Schwägerin der Gottesmutter, mit Josephs Bruder Alphäus verheiratet und Mutter des Apostels Jakobus des Jüngeren. Sie wirkt wie die anderen drei später auch an der Einbalsamierung und Beisetzung mit.

Andere Frauen aus dem engsten Kreis um Jesus sind etwa Johanna, Ehefrau des Finanzbeamten Chusa vom Hof des Königs Herodes und ihre ebenfalls wohlhabende Freundin Susanna aus Galiläa, die wohl nur aus der Ferne zusehen durften.

Dass die katholische Kirche keine Priesterinnen weiht, war schon für den für Kardinal Ratzinger und bleibt auch für Papst Benedikt XVI. keine Diskriminierung, sondern ein Hinweis auf die besondere religiöse Aufgabe der Frau in der Kirche: Sie soll nicht in der Nachfolge der Apostel in der Mission und Leitung der Kirche stehen, sondern in der Nachfolge der Mutter Jesu als „Modell der Weiblichkeit“. Die Vorbilder dafür finden sich in den Frauen, die unter dem Kreuz mehr Mut, Treue und Tapferkeit zeigten als mancher Mann.

Dass Frauen im Umkreis Jesu unterwegs waren, sei „historisch völlig unstrittig“, sagt der Neutestamentler Peter Pilhofer von der Universität Erlangen, doch „dass Jesus verheiratet gewesen sein soll, gehört ins Reich der reinen Fantasie.“ Die Echtheit des Dokuments wird nicht bestritten: Der Text ist vermutlich die koptische Abschrift eines auf Griechisch verfassten Dokuments, das nicht viel jünger als die vier von den christlichen Kirchen anerkannten Evangelien ist. Über den Fundort wurde bisher nichts bekannt. Der private Eigentümer, der die US-Forscherin vor einiger Zeit um eine Übersetzung bat, will den Text 1997 von einem deutschen Sammler erworben haben.

Eine handschriftliche Notiz auf Deutsch weist unter Berufung auf einen inzwischen verstorbenen Berliner Ägyptologen darauf hin, dass es sich „um das einzige Beispiel“ eines Textes handele, in dem Jesus eine Frau als ‚seine‘ bezeichne. Wörtlich steht in dem Papyrus: „Jesus sagte zu ihnen ‚meine Frau‘.“ Dennoch bleibt offen, ob er damit Maria Magdalena wirklich als seine Ehefrau bezeichnen wollte und nicht nur als eine mögliche Jüngerin. Die Diskussion, ob Jesus verheiratet war, wird schon seit den ersten Tagen des Christentums immer wieder aufs Neue geführt.

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