Kapitel 23: Im Schietstrom

Freitag, 21. September 2012
„Es stanken die Fleete“: An der Hohen Brücke 1884. © Museum für Hamburgische Geschichte

Hamburg ist eine nordisch kühle Schöne, doch in der Hitze stank die Stadt wie eine Streunerin im faulen Stroh. Es stank der Müll in den Fässern, es stank der Dung auf dem Pflaster, es stanken die Kadaver im Rinnstein, auf denen nach dem Regen Myriaden Fliegen schwärmten, es stank die Luft in den stickigen Gassen, wo manche Leute Ferkel in den Badewannen aufzogen, und es stanken die Menschen, am schlimmsten die wild gelockten und gebarteten Vertreter jener Kreise, in denen man Seife für ein Vorurteil hält. Es stanken die Fleete, in denen das Wasser faulig blühte, und es stank sogar Frau Elbe, in deren Wohnzimmer Schiffsschrauben den Unrat der Siele quirlten. 

  Harry und ich kamen an der „Weißen Möwe“ an, als Constabler Godfroy soeben Leine gezogen hatte. Die Kneipe hockte voller englischer Sailors, die aus salzgebeizten Hälsen „Rolling Home“ röhrten. Eddie der Schränker saß immer noch im Hinterzimmer, Marie auf dem Schoß.

  „Ahoi!“ grinste Harry, als die beiden auseinander fuhren.

  „Du mich auch!“ sagte Eddie ungnädig. „Könnt ihr nicht anklopfen, ihr habt wohl zu Hause 'n Sack vor der Tür!“

  „Allreit. Was sucht denn die Plempe bei euch?“

  „Privat“, knurrte Eddie, bequemte sich dann aber doch zu einer Erklärung. „Der Kerl ist hinter Marie her. Immer gerade das, was man am wenigsten brauchen kann.“

  „Lass man, Eddie“, sagte Marie, „wer weiß, wofür der noch mal nütze ist.“

 „Wofür denn!“ murrte Eddie. Er war Anfang dreißig, untersetzt, aber sehr kräftig, mit breiten Schultern und einem Bizeps wie ein Schinken, in seinem Beruf musste er ja kräftig zupacken können. Für einen Ganoven sah er zivil aus, hatte hübsche braune Augen, eine gerade Nase und ein ausgeprägtes Kinn, trug das aschblonde Haar kurz und rasierte sich fast so sorgfältig wie Johnny. Er war der fünfte Sohn eines Schusters am Neuen Wandrahm, die Brüder ackerten alle mit der Ahle, aber Eddie hatte Schlosser gelernt, in einer der Werkstätten am Hafen, die feuerfeste Geldschränke reparierten, auch auf den Schiffen, und sie auch schon mal aufmachten, wenn dem Käpt’n der Schlüssel abhanden gekommen war. Oder dem Reeder der Käpt'n samt Schlüssel, soll ja vorkommen. Meistens war der Safe dann allerdings ziemlich leer.

  Marie, die wie Papst Clemens der Zweite aus Hornburg in Niedersachsen stammte, hatte Schlimmes hinter sich. Die Mutter starb, als sie vierzehn war. Der Vater ging nach Amerika, und böse Verwandte ließen sie hungern, bis sie mit ihrem letzten Geld in die Eisenbahn stieg, um in Hamburg als Dienstmädchen unterzukommen. Am Hannoverschen Bahnhof geriet sie in die Fänge eines kriminellen Droschkenkutschers, der ihr ein preiswertes Quartier versprach, ihr dann aber in seiner Bude mit Gewalt das Bare abnahm und sie hohnlachend rauswarf. Ohne die geringste Ahnung, was sie machen sollte, saß die kleine Marie die halbe Nacht auf einer Bank am Wallgraben und heulte sich die Augen aus dem Kopf. Der Zufall führte Eddie vorbei, auf dem Weg zu einem Bruch in St.Georg. Er nahm sich der Kleinen an, packte sie zu Hause in eine Kammer und setzte seiner Nächstenliebe das Tüpfelchen auf, indem er den Kutscher kräftig durchprügelte und mit Maries Geld wieder nach Hause kam.

  Später verschaffte er ihr eine Stelle als Kellnerin in der „Weißen Möwe“ Inzwischen war sie dort zur Wirtschafterin aufgestiegen.

  „Was treibst du dich denn hier 'rum?“ fragte der Schränker unseren Harry. „Sind die Blauen mal wieder hinter dir her?“

  „Is’ privat“, grinste der Schmuggler und Walfänger

  Marie ging in den Schankraum, schlängelte sich routiniert zwischen den klebrigen Pfoten der fröhlichen Sänger hindurch und kam mit Kaffee zurück. Inzwischen erzählte ich Eddie, was ich im Palazzo ausbaldowert hatte, aber er schien sich gar nicht besonders zu interessieren. Nicht mal für das unvergitterte Fenster über der Remise.

  „Lass man, Helena“, sagte Harry, „unser Eddie ist voll bis zur Luke, der will erst mal feiern.“

  „Was meinst du denn damit?“ erkundigte sich Eddie misstrauisch.

  „Rule Britannia!“ grölten die Gäste aus geölter Gurgel.

  Harry griente. „Dem ollen Konsul hast du ja erst mal ordentlich was weggehievt, kannst jetzt zweimal am Tag warm essen, okee?“

  „Hat der Gecko wieder getüdert? Hab' mir schon gedacht, dass der Aap nicht die Sabbel halten kann“, sagte Eddie ungehalten. „Aber das verstehst du nicht, Harry, das ist 'ne Sache der Ehre. Dieser Hund von einem Konsul hat meinen kleinen Bruder rutgesmitten, und jetzt wird er zur Ader gelassen, aber kräftig.“

  „Auch 'ne Form von Blutrache“, lachte Harry.

  „Was'n eigentlich los?“ knurrte Eddie. „Kommst du bloß für blöde Witze?“

  Wir sagten es ihm. Eddie war wie vor den Kopf geschlagen: „Ein Mädel? Da unten? Also deshalb kraucht dieser Lumpenhund von Constabler in den Sielen 'rum!“ Es war gleich klar, dass der brave Schränker um seine Beute bangte.

  Die Seelords in der Gaststube schwenkten ohne Stolpern auf den „Long Way to Tipperary“.

  „Rrrrrrruhe!“ schrie der imaginäre Coco.

  Es war Eddie anzusehen, dass er mit der Sache nichts zu tun haben wollte. Er war schon ein bisschen älter geworden und hatte gemerkt, dass er nicht jedem unglücklichen Mädchen helfen konnte, aber seine Marie dachte noch oft an den bösen Kutscher und fühlte Mitleid mit dem armen Polenkind, da konnte der Schränker nicht gegen an.  

  „Ich hab' da so'n Jaulen gehört“, gab er zögernd zu, „dachte erst, da is' vielleicht 'ne Katze am Katern.“

  Harry stellte den Kaffeemuck hart auf den Tisch. „Allreit. Holen wir sie raus!“ sagte er. „Das ist ja man wohl Ehrensäbel!“

  „Man langsam“, sagte Eddie, „ich kann nicht gleich wie 'n Rettungsdampfer lospesen.“

  „Potz Klüten mit Ei, soll die Kleine erst noch verrückt werden vor lauter Angst?“

  Eddie wurde immer nervöser. „Der Möller, dieser Himmelhund, geistert schon den ganzen Tag hier durch die Gegend, der hat mich wohl auf'm Kieker. Wenn der uns nachsteigt, ist die Messe gelesen. Ich hab' keine Lust, im Knast trocken Karo zu schieben! Wartet wenigstens bis heut’ Abend, da muss Möller als Zeuge zur Feme.“

  „Hab' gar nicht gewusst, dass die Feme tagt“, wunderte sich Harry.

  „Dann geh man auf’n Mond und pflück‘ Veilchen“, sagte Eddie.

  „Und worum geht's dann?“ fragte ich.

  Eddie glotzte mich an. „Ihr wollt mich wohl auf der Huke kitzeln! Um deinen Onkel doch, wegen dem roten Relf!“

  Jetzt guckten wir wohl genauso schöpsäugig wie zuvor Eddie.

  „Hat Johnny euch denn nichts gehustet?“ fragte er.

  „Nee“, sagte ich, erinnerte mich aber, dass Jack beim Henker etwas in der Art angekündigt hatte.

  „Mit der Feme ist nicht zu spaßen“, warnte Eddie.

  „Mach dir man nicht ins Hemd, du Passatmatrose“, sagte Harry. „Okee, los jetzt, man sieht da unten besser, solange Licht im Schacht ist.“

  „Denk doch an das arme Ding, Eddie“, bat die brave Marie.

  „Gut“, sagte der Schränker widerstrebend. „Aber wenn Möller dort auftaucht, bin ich verdunstet, das sag’ ich euch!“

  Leider las keiner von uns die Zeitung, sonst hätten wir uns einiges ersparen könmen. Im „Hamburger Fremden-Blatt“ stand an diesem Tag eine Meldung unter dem Titel: „Englischer Forscher sucht vorgeschichtliche Ungeheuer im Siel!“ Sie entstammte der phantasievollen Feder des schnauzbärtigen Drechslers und Autors proletarischer Gelegenheitspoesie Leo Wuttke und las sich so: „Ein englischer Mythenforscher und Universitätsprofessor weilte heute in unserer Heimatstadt, um dieselbe in Angst und Schrecken zu versetzen. Es handelt sich dabei um einen Unhold, der in heidnischen Teilen des Siels sein furchtbares Unwesen treiben soll. Der Unhold ist so groß, dass er kaum durch den Siel passt, man hört aber sein Keuchen und Fauchen. Angeblich hat er dort bereits zur Zeit der alten Germanen Menschenopfer dargebracht. Der Professor bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Besonders wer entlaufene oder verschwundene Hunde oder Katzen hat, möge das der Redaktion mitteilen. In den nächsten Tagen sollen Arbeiter in diesem Zusammenhang mit einer Bohrmaschine unter der Altstadt einen heidnischen Götzentempel suchen, in dem große Goldschätze liegen.“

  Wenn Straßen Arterien sind, die frisches Leben in die Stadt pumpen, sind Abwässerkanäle Venen, und in Hamburg sind sie besonders dick. Die ersten Siele des wackeren Ingenieurs und Englishmans Lindsay waren damals schon vierzig Jahre alt und doch für die meisten Hamburger noch immer so fern, fremdartig und unwahrscheinlich wie Signore Schiaparellis wundersame Kanäle auf dem Mars. Obwohl jedes Kind weiß, dass das Regenwasser durch die Trummen in den Rinnsteinen verschwindet, dass von den Trottoiren Einstiegsschächte in die Tiefe führen und aus den Luftschächten besonders in der Sommerhitze üble Gerüche quellen, hält sich bis heute kaum jemand mit dem Gedanken auf, dass gleich unter seinen Füßen ein exotischer Kosmos klafft, eine bizarre, finstere und gefährliche Unterstadt wie ein luziferischer Gegenentwurf zur Lichtwelt, schwarz wie die Sünde, stinkend wie ein Höllenpfuhl und so rätselhaft verzweigt wie die menschliche Psyche. So wenig ein Wandersmann im Schatten eines Baumes daran denkt, dass das Wurzelwerk unter seinen Füßen genauso groß ist wie die Krone über seinem Kopf, so selten macht sich der Städter klar, dass die Schattenwelt unter der Erde genau so lebendig, vielfältig und genauso dicht besiedelt ist wie die Oberstadt im Licht der Sonne. Die Bewohner des Hamburger Hades aber haben allesamt spitze Schnauzen, vier Pfoten und wurmförmige Schwänze.

  Vor Ratten und Mäusen hatte ich keine Angst, im Steetshof waren sie unsere unvermeidlichen Mitbewohner, und schon als kleines Kind sauste ich mit dem Stecken hinter ihnen her.

  Wir standen eine Weile auf der Reesendammbrücke, auf der um diese Zeit immer viel los ist. Die Leute kommen vom Rathaus oder aus der Börse und wollen zum Jungfernstieg, und auf der Alster kurvten damals ständig jede Menge Boote, Schuten und Barkassen herum. Eddie sah in seinem Schlosseranzug aus wie jemand, der im Dienst der Stadt nach dem Rechten sieht. Nach einem misstrauischen Rundblick stieg er ein paar Stufen hinab und fummelte mit seinem Dietrich aber flott das Eisengitter auf. Harry und ich warteten ein paar Sekunden, und als niemand guckte, waren auch wir ganz schnell verschwunden. Wie ich so hinter Eddie auf den schlüpfrigen Stufen in die Tiefe stieg, wurde es mir aber doch etwas eigenartig im Magen, denn uns empfing ein kalter Brodem, als kletterten wir einem riesigen Reptil direkt in die Zähne. Am Ende der Treppe gähnte ein ovaler Tunnel, durch den das Abwasser rauschte, schwarz, schäumend und stinkend wie der Styx, kann ich heute sagen, damals wusste ich ja noch nichts von griechischer Mythologie, auch nicht vom Minotaurus, dessen kretisches Labyrinth nicht komplizierter gewesen sein kann als unser perfekt ausgetüfteltes Schietstromsystem.

  Das Marschstammsiel war gut zwei Meter hoch, und da es nicht geregnet hatte, bedeckte das Abwasser kaum den Boden der Rinne, roch allerdings unverdünnt umso intensiver, es war kaum zum Aushalten. Alle zwanzig oder dreißig Schritt drang ein wenig Tageslicht durch eine der Trummen, alle fünfzig Schritt dazu etwas Sauerstoff durch einen Luftschacht. Eddie steckte drei Wachsfackeln an, und wir machten uns auf den Weg, immer mittenmang hinein ins Großstadtgedärm.

  Schietstromabwärts führt das Siel unter Jungfernstieg, Große Bleichen und Düstenstraße zur Pulverturmsbrücke und mündet in das Herrengrabenfleet, wofür sich die Anwohner gewiss herzlich bedanken. Wir gingen oder wateten in die entgegengesetzte Richtung. Unter der Bergstraße gabelt sich die finstere Fäkalienrutschbahn: Das Hauptsiel führt zum Ferdinandstor an die Außenalster, das Marschstammsiel aber unter den Hügel, auf dem, wie ich später lernte, vor zwölfhundert Jahre Hamburgs erste Häuser standen, und auch die ältesten Kirche, der Dom, der dann nach der Säkularisierung so schmählich schnell abgerissen worden ist. Wir stießen auch auf Spuren dieser städtebaulichen Schandtat, denn dort, wo der Siel nach Osten biegt, waren große Grabplatten aus dem alten Kreuzgang eingemauert. Die Hamburger nehmen das Baumaterial, wo sie es kriegen, und kümmern sich wenig um fromme Traditionen. Die braven Kirchenmänner, die sich einst im Dom bestatten ließen, dachten bestimmt nicht, dass ihre Epitaphe einmal dazu dienen würden, Exkremente einzusammeln.

  Eddie ging voran. Obwohl er es eilig hatte, blieb er alle paar Schritte stehen und lauschte, und wir mit ihm, es war aber nichts zu hören als das Plätschern und Gurgeln der fürchterlichen Flüssigkeit, und das wütende Quieken der flüchtenden Kanalforellen.

  Das Marschstammsiel führt unter den „Abruzzen“ zur alten Hieronymus-Bastion, auf deren Resten heute der Hauptbahnhof steht, aber so weit kamen wir nicht. Wir waren kaum länger als drei Minuten unterwegs, als Eddie uns plötzlich heranwinkte.

  „Das ist was nicht ganz koscher“, flüsterte er und deutete in den Tunnel vor uns. Wir strengten unsere Augen an, konnten aber nichts erkennen. Ein paar Meter vor uns fiel ein Lichtbündel  von der Straße herab, es war der Schopenstehl. Die Strahlen folgten einem Einstiegsschacht, die Steigeisen waren schon ziemlich verrostet, beizender Dunst stieg empor, die Lichtkaskade aber sah rein, feierlich, ja sogar irgendwie weihevoll aus, wie wenn auf Altarbildern Himmelsglanz durch die Wolken bricht. Aber das Wesen, das dort in den Strahlenkegel trat, kam unzweifelhaft aus der anderen Richtung, nämlich dem Tartarus.

  Zuerst bemerkten wir hinter dem hellen Schein nur einen Schatten, der sich langsam näherte. Dann hörten wir ein unheimliches Fauchen, Grollen und Knurren wie von einem riesigen Hund, aber die Gestalt ging aufrecht. Das Schreckliche war, dass dieses grausige Geschöpf, Mensch oder Dämon, mit den Armen schlenkerte, als habe es Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren, gleichzeitig aber so behende auf uns zueilte, als sei es in diesem Höllenpfuhl geboren.

  „Wahrschau!“ schrie Harry und stellte sich dem Schreckenswesen mit der Fackel in den Weg. „Reise reise!“ Eddie enterte wie ein Affe die eingemauerten Eisenklammern und stemmte mit seinem kräftigen Oberkörper den Kanaldeckel aus der Fassung. Ich sauste hinterher und sah gerade noch, wie Harry mit der Fackel nach etwas stieß, das wie ein Gargoyle aussah, aber vom Dach einer Kathedrale der Unterwelt. Dann hockte ich schon auf dem Straßenpflaster, keuchte wie eine Dampflokomotive im Harz und dachte, gleich fällt mir das Frühstück auf den Kopfstein. Hinter mir kam Harry, mit der Fackel nach unten stechend, wo zwei  blauschwarze Klauen unter ghoulischem Gejaule nach seinen Stiefeln angelten.

  Das, meine Lieben, war der Grendel. Es war nicht das letzte Mal, dass ich ihn sah.

  Hastig schoben Eddie und Harry den schweren Deckel auf den Schacht und stellten sich sicherheitshalber drauf. Die Leute auf der Straße staunten nicht schlecht, sie standen um uns herum, neugierig wie die Kühe.

  „Kanalinspektion!“ rief Harry in die Runde fragender Blicke. 

  Die Hamburger sind zwar genauso schaulustig wie alle anderen, geben das aber ungern zu, und so widmete sich unser Publikum bald wieder seinen Geschäften. Wir warteten noch ein paar Minuten, aber in dem Einstiegsschacht blieb es still.

  „Allreit“, sagte Harry nach einer Weile. „Dem ist’s hier oben zu sonnig.“

  „Was war das?“ fragte Eddie, sichtlich geschafft, weil er nun wusste, was ihm blühte, wenn er versuchte, seine Beute zu bergen.

  „Tja“, sagte Harry und wischte sich den Schmodder ab wie Jonas die Walspucke. „Beim nächsten Mal nehmen wir besser 'n Piekhaken mit.“

  Und ich? Ich hatte mich auf einen Prellstein gesetzt und versuchte, meinen Atem wieder ins Lot zu kriegen.

  Eddie sagte, er habe die Schnauze voll, und wollte sich Richtung Möwe davonmachen, aber Harry ließ ihn nicht gehen. „Erst holen wir das Mädel raus, du olen Schietinnebüx!“

  „Du willst mich wohl auf die Nudel schieben!“ protestiert der Schränker. „Da kriegen mich keine zehn Pferde mehr rein!“

 „Potzspeigat und Klüverbaum!“ erboste sich Harry. „Stell dir bloß mal vor, das ist deine Marie, die da unten im Dunkeln gefangen sitzt, wo so’n irres Biest herumrast. Willst du dann auch einfach nach Hause geh’n? Du bist ja ein tapferer Kavalier, das muss ich schon sagen!“

  „Kavalier, Kavalier!“ wiederholte Eddie missmutig. „Geh doch zur Polizei, die wissen schon, was zu tun ist!“

  „Dumm bist du auch noch“ sagte Harry. „Was wird denn aus deiner Sore, wenn die Blauen in deinem Eintippel rumstöbern?“

  „Nu’ hör mal auf zu bramsen! Was willst du denn machen?“

  „Allreit, ich hole uns eine von meinen Harpunen, mit der werden wir uns diesen Schietstromspök schon vom Leibe halten, okee? Mit denen steche ich Pottwale ab, da werden wir wohl mit so 'm wildgewordenen Kelleraffen fertig werden!“

  „Das is’n Dämon aus der Höll’, ein zähnefletschender, hast du das Geheul nicht gehört, ich hab mir vor Schreck fast in die Büx gemacht!“

  „Außerdem nehmen wir noch ein paar handfeste Kerle mit“, sagte Harry.

  „Und an wen hast du da gedacht?“

  „Zum Beispiel am unseren alten Michel Butenschön.“

  „Du willst mich wohl betimpeln, der will mit uns doch nichts mehr zu tun haben!“

  „Das ändert sich gerade“, sagte Harry etwas geheimnisvoll.

  „Ach ja?“ Sofort wurde Eddie viel ruhiger. „Ja dann!“

  Ab ging‘s zu Harrys Hulk und dann gleich in die Pferdebahn. Auf dem Weg zum „Reuigen Schächer“ fragte der Schaffner, was wir in der Stadt mit der Harpune jagen wollten, und Harry antwortete: „Spatzen. Die sollen besonders fett sein, seit ihr sie überall mit Pferdeäpfeln füttert.“

  Als wir ankamen, fing es schon an zu dunkeln. In seinem Käfig im Eingang der Köminsel hockte auf seiner Stange der Papagei „Lore“, der sich mit Harrys „Coco“ wie immer ein derbes Wortgefecht lieferte. Der Bäcker, der Gecko und Volten-Walter waren dabei, ein paar Flaschen zu enttanken, und es ging ziemlich laut zu. Der pensionierte Schränker und der Fassadenmax im vorläufigen Ruhestand waren in Hochstimmung. Sie hatten es tatsächlich geschafft, die Asservatenkammer zu knacken, und der Gecko war gerade dabei, dem alten Zocker die Ruhmestat ausgiebigst und in allen Einzelheiten zu schildern, während der Bäcker dem wortreichen Vortrag durch lenkendes Gebrumm immer wieder Fahrt und Richtung gab. Ich fasse es hier kurz zusammen:

  Während Harry und ich uns zu Eddie in die „Weiße Möwe“ aufmachten, und Onkel Johnny wieder losschippert, um meinen Papa zu suchen, und Volten-Walter schon mal ein paar ausländische Gangs abklabastert, besorgen sich Michel Butenschön und Kuddl Block Malerklamotten, Farbtöpfe und eine Leiter, marschieren ins Polizeipalais, fragen sich zur Asservatenkammer durch und fangen an, den Flur zu streichen. Dabei fummelt der Bäcker das Schloss auf, und der Gecko schlüpft hinein. Der Bäcker hält die Stellung, falls jemand kommt. Es kommt auch jemand, und das ist kein anderer als Constabler Möller, und der steuert schnurstracks auf die Asservatenkammer zu.

  Also macht sich der Bäcker vor der Tür so breit wie er nur kann, und er kann ziemlich breit, und fängt an, auf dem Holz herumzupinseln.

  Möller wartet, dass der Maler ihm Platz macht, aber der denkt überhaupt nicht daran.

  Möller räuspert sich, aber der Maler stellt sich taub.

  Also ist Möller genötigt, den Mund aufzutun. Er sagt: „Mach dich man weg hier, Dicker, ich muss da rein.“

  „Wohl“, sagt der malende Bäcker über die Schulter. „Geht jetzt aber nicht.“ Und pinselt angestrengt weiter.

  „Was geht nicht!“ sagt Möller sauer, „hau ab hier, du Schmieraffe, sonst gibt's was auf die Kokosnuss!“

  „Die Farbe muss erst trocken werden“, brummt der Malerbäcker und dreht dem Constabler weiter stur den Rücken zu.

  Jetzt wird Möller aber stinkig. „Hau ab hier, du Döselack!“ ruft er noch mal und packt Michel an der Schulter. Der kann natürlich nicht einfach zuschlagen, dafür fällt ihm etwas anderes ein: Er tut so, als würde er durch Möllers Griff das Gleichgewicht verlieren, fuchtelt hektisch mit dem Pinsel herum und zieht dem Constabler einen breiten weißen Farbstreifen mitten über die schöne blaue Uniformbrust.

  Der Constabler ist konsterniert, er glotzt erst den Farbstreifen und dann den vermeintlichen Handwerksmann an. Er weiß nicht, ob der Kerl impertinent oder nur tolpatschig ist, und sagt erst mal: „Wohl verrückt geworden?“ 

  „'Tschulligung!“ sagt unser Michel, dreht Möller wieder den Rücken zu und pinselt weiter, als wäre nichts geschehen.

  Jetzt brennt Möller die Sicherung durch, die's damals noch gar nicht gibt, und er fängt an zu brüllen: „Was fällt dir ein, du Blödrian! Frechheit! Ich steck dich in’n Knast!“

  Der Gecko hat schon alles gehört, aber das Messer leider noch nicht gefunden, darf auch nicht einfach drauflos wühlen, denn nach Möglichkeit soll keiner merken, dass jemand unbefugt in der Asservatenkammer war. Um den Kumpel zu beruhigen, sagt der Bäcker laut: „Die Tür darf jetzt nicht aufgemacht werden, Herr Constabler, sonst muss ich noch mal von vorn anfangen.“

  „Ist mir doch egal“ brüllt Möller. „Weg, sonst mache ich dir Beine!“ Er will den Bäcker packen, aber der hat schon die Leiter in der linken Hand und hält sich den Constabler damit vom Leibe. Möller rast vor Wut, kommt aber nicht an Michel heran, und als er es wieder versucht, schnappt sich der Bäcker den Eimer und schüttet dem Constabler die Farbe mitten ins Gesicht.

  Jetzt brüllt Möller wie am Spieß, und wen lockt das Geschrei auf den Flur? Den Ersten Polizeiherrn Ritter von Ulzburg-Stegen. Hinter ihm erscheinen ein alter Engländer im typischen Tweed und ein junger Student; es sind natürlich Professor Minkus und unser Augustus.

  „Was ist denn hier los?“ ruft der Polizeichef, durchaus nicht glücklich darüber, dass seine Besucher Zeugen solcher Disziplinlosigkeiten direkt vor seiner Tür werden. „Hier geht’s ja zu wie bei den Botokuden!“

  „Ich hatte den Eimer auf der Leiter abgestellt, damit ihn niemand versehentlich umwirft, aber plötzlich ist der Herr Constabler dagegen gelaufen“, lügt der Malerbäcker. Es ist eine wirklich blödsinnige Erklärung, aber vielleicht gerade deshalb funktioniert sie.

  „Sauerei!“ schallt es unter der Farbe hervor, die Müller sich dummerweise aus dem Gesicht wischt; er hätte lieber verschwinden sollen, ehe ihn Ulzburg-Stegen erkennt.

  Ulzburg-Stegen starrt in die Visage, die unter der Farbe hervorkommt. Ist das nicht der Constabler mit der hohlen Hand? „Sie!“ schreit der Polizeiherr. „Habe ich Sie einbestellt?“

  Der Constabler merkt, dass er einen Fehler gemacht hat, und kommt ins Stammeln. „Ich ... äh...“

  „Raus hier!“ brüllt der Polizeichef. „Verschwinden Sie! Wie kommen Sie überhaupt daher? Bringen Sie sich erst einmal wieder in einen beamtenmäßigen Zustand! Wagen Sie es nicht, mir noch einmal so unter die Augen zu treten, Sie! Sie sind eine Schande für die ganze Polizei!“

  Möller nimmt gewohnheitsmäßig Haltung an. „Jawoll, Sir!“

  Das kommt nun bei Ulzburg-Stegen noch schlechter an als zuvor, er fühlt sich vor seinem englischen Freund lächerlich gemacht: „Lassen Sie das!“

  „Jawoll, Sir!“ Möller ist nun vollends durcheinander.

  Der Polizeichef wird in seiner Wut immer lauter, Möller in seiner Panik ebenfalls.

  „Sie sollen mich nicht 'Sir' nennen!“

  „Jawoll, Sir!“

  „Ich verbiete es Ihnen!“

  „Jawoll, Sir!“

  „Das ist ein Befehl!“

  „Jawoll, Sir!“

  „Wegtreten!“

  „Jawoll, Sir!“

  „Wegtreten, habe ich gesagt!“

  „Jawoll, Sir!“

  Endlich hat Möller kapiert, dass es das Beste ist, sich schnellstens aus dem Staub zu machen. Von einem geordneten Rückzug kann keine Rede sein. Er dreht sich um, galoppiert zur Treppe und saut dabei den Flur tüchtig mit Farbe ein.

  Der Polizeichef starrt ihm grimmig nach. Dann baut er sich vor dem Bäcker auf, legt das hochrote Gesicht in seine menschenfreundlichsten Falten und sagt so bürgernah wie nur möglich: „Ich muss mich entschuldigen, Herr...“

  „Piepenbrink“, sagt Michel Butenschön.

  „Ich muss mich entschuldigen, Herr Piepenbrink“, wiederholt der Polizeichef ohne den geringsten Argwohn und deutet auf die weiße Bescherung auf dem Flur. „Könnten Sie das bitte in Ordnung bringen?“

  „Wohl“, sagt der Bäcker.

  Ulzburg-Stegen legt ihm vertraulich die Hand auf den Arm. „Und wenn ich bitten dürfte – kein Wort über diese Sache.“ Er fingert eine Münze aus der Weste und drückt sie dem Bäcker in die Hand. „Trinken Sie eins mit Ihren Kollegen, aber bitte kein Wort über diesen leidigen Vorfall!“

  „Wohl. Ich schweige wie ein Grab.“ 

  Der Polizeichef findet die Angelegenheit angemessen geregelt. Um die letzten Zweifel an seiner Gelassenheit zu zerstreuen, setzt er das zuvor unterbrochene Gespräch mit seinen Gästen noch auf dem Flur fort, und auf diese Weise erfährt Michel etwas, was er zunächst nicht recht einordnen kann, wir dann später aber um so besser, denn Ulzburg-Stegen schiebt seine Gäste mit den Worten in sein Dienstzimmer zurück. „Jetzt aber wieder zu unserem Ungeheuer. Wo genau wollen Sie die Bohrungen nach diesem Tempel ansetzen? Und wie reagieren wir auf diesen Zeitungsschmierer?“ Klapp, geht die Tür zu.

  Das erzählte der Gecko nun, vom Bäcker immer wieder zurechtgebrummt, bis Walter merkte, dass wir nicht mitlachen. „Was ficht euch an, ihr Sauertöpfe?“ fragt er. „Welche Laus kroch euch über die empfindsame Leber?“

  „Allreit, habt ihr nun das Messer oder nicht?“ fragte Harry humorlos.

  Michel klopfte auf seine Brust.

  „Und?“ forschte Harry weiter. „Gezinkt oder nicht gezinkt? Lass dir die Würmer doch nicht einzeln aus der Nase ziehen!“

  „Haste nicht gehört, Johnny hat gesagt, wir sollen nicht nachschauen“, wehrt der Bäcker ab

  „Reitireitireit“, seufzte Harry. „Dann wollen wir uns mal gedulden, bis der große Boss uns aufklärt.“

  „Ein höchst löblicher Entschluss“, ließ Walter sich vernehmen. „Das Wissen edler Fürsten ziemet nicht dem gemeinen Mann. Und wenn man nicht weiß, wie, was oder wo, s-pielt man am besten?“

  „Karo!“ antworteten die anderen im Chor.

  „Sehr wohl“, nickte Walter zufrieden. „Doch nun, ihr wackeren S-treiter, saget an: Wie ist es euch ergangen?“

  Als Harry kurz und knapp berichtete, was wir im Siel erlebt hatten, wurden die anderen still.

  “Lasset dieses auf keinen Fall unseren Freund aus den schönen Landen an der Weichsel wissen“, riet Walter besorgt, „er mögte sonst seinen Zigarrenschneider zücken und sich vor lauter Zorn in unserer Unterwelt verlaufen.“ 

  „Still!“ warnte Harry, „da ist er schon.“

  Kowalski kam wie ein Racheengel in die Kneipe geschritten. „Wo ist Johnny?“ herrschte er uns an. Seit er vom Schicksal seiner Schwester wusste, hatte er kein Auge zugetan.

  „Noch nicht da“, sagte Harry.

  Der Pole schaute auf seine Uhr und setzte sich. Ich tat, als müsse ich aufs Klo, und stellte mich vor die Tür, da kam mein Onkel auch schon, mit einem Gesicht wie ein Soldat vor der letzten Schlacht. Hastig berichtete ich ihm von dem Ungeheuer im Siel, von Kowalski und auch von der Feme.

  „Und der Ewer ist auch wieder da“, sagte Onkel Johnny nervös. Er hatte das Boot erst ein paar Minuten zuvor am Vorsetzen entdeckt, an der Stelle, wo der dänische Kutter gelegen hatte: „Die Wikinger sind raus, Freddy ist rein, und ich Trottel gucke mir auf der Elbe die Klüsen blind!“

  „Und wo suchen wir ihn jetzt?“

  „Na, in St. Liederlich!“

  „Und Kowalski? Der lässt sich jetzt nicht mehr vertrösten.“

  Mein Onkel seufzte. „Dann nehm’ ich nur Walter mit, und die anderen kommen nach.“

  „Ich mit dir“, sagte ich.

  „Nein“, wehrte er ab, „geh lieber zur Feme und pass auf, dass Jack wirklich macht, was er gesagt hat.“

  Zum Diskutieren blieb keine Zeit, denn eben kam höchst ungeduldig Kowalski aus der Tür, also fügte ich mich ohne Widerspruch.

  „Wir gehen!“ sagte Kowalski zu Onkel Johnny.

  „Der Ewer ist wieder da“, sagte mein Onkel. „Wenn ich Freddy jetzt nicht finde, ist er morgen tot.“

  Kowalski richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. „Es ist meine Schwester.“

  „Es ist mein Bruder“, sagte Onkel Johnny.

  „Dann gehe ich allein!“.

  „Mach doch nicht immer soviel Himhamp“, sagte mein Onkel. „Ich nehme nur Walter mit, die anderen gehen mit dir.“

  „Und wohin?“

  „Das werden sie dir gleich sagen“, sagte mein Onkel – er selber traute sich nicht.

  Als die anderen herauskamen, schnappte er sich Michel. Der Riese zog das Messer aus der Tasche. Die Klinge war mit roter Pappe umwickelt. Onkel Johnny steckte die Mordwaffe ein, ohne ein Wort zu sagen.

  „Doch Aeneas verbarg seine tiefen Gedanken selbst vor den erprobten Gefährten“, deklamierte Walter. Mein Onkel hörte gar nicht hin, sondern sagte nur zu den anderen, sie sollten nach Möglichkeit keine Wellen machen, was prompt einige Bemerkungen über brennende Segelschiffe provozierte. Da gab er mir noch einen befehlenden Wink und zog mit Walter ab. Er wusste schon, warum. Als Harry dem Polen schonend beizubringen versuchte, wo sie seine kleine Schwester zu suchen haben würden, bekam Kowalski einen mittleren Tobsuchtsanfall.

  „Verfluchte Peronje! In dem Nachttopf von der ganzen vermaletrackten Stadt?“

  „In der Kanalisation“, wiederholte Harry. „Da fließt vor allem Regenwasser durch, okee?“ Von dem Ungeheuer sagte er vorsichtshalber nichts, mahnte aber: „Bleib immer schön hinter uns, sonst verläufst du dich noch.“ Das war nun wirklich absoluter Quaddelkram, aber Kowalski zuckte nur wütend mit den Achseln.

  Harry drehte um und kam mit der Harpune wieder.

  „Da sind Walfische drin?“ staunte Kowalski. So groß hatte er sich die Siele nicht vorgestellt.

  Harry gab einige höchst fadenscheinige Antworten und sagte dann: „Allreit, denn man tou, aber unauffällig, unauffällig!“ Und so marschierten sie auch los, unauffällig wie eine Blaskapelle. Ich ging mit bis zum Jungfernstieg. Es war eine ziemlich merkwürdige Truppe, die da zur Befreiung eines entführten Mädchen auszog: Harry in seinem blauweißen Buscherump und der marineblauen Büx, die norwegische Matrosenmütze auf dem Kopf und die Harpunen auf der Schulter. Michel in seiner Arbeiterkluft mit der blauer Bluse und der englischledernen Hose. Der Gecko in seinem niegelnagelneuen Marinezeug, Modell Landgang vollfein. Eddie der Schränker in seiner Schlossermontur, und dazu unser Soldat in der Uniform der Wandsbeker Husaren, alle schön in Blau, es sah aus wie ein Umzug des Vereins zur Erhaltung der Trachten des Nordens, einfach zum Schießen, und alle mit Wachsfackeln in den Händen. Es fiel aber nicht weiter auf, denn die Hamburger haben schon Verrückteres gesehen als einen Walfängertrupp zu Fuß mit militärischer Eskorte.

  Am Jungfernstieg bog ich ab und stiefelte auf die Bergstraße, unter deren Pflaster die anderen den Grendel jagen wollten. Ich fand meine Aufgabe angenehmer.

  Auf der Reesendammbrücke hatte sich ein Dutzend junger Constabler getroffen, um nach Dienst zu überprüfen, ob die Straße den charmanten Namen verdiene. Sie hatten wohl die „Memoiren“ des „Herrn Schnabelewopski“ allzu ernst genommen, der bürgerlich Heinrich Heine heißt und behauptet, dass daselbst „Priesterinnen der schaumentstiegenen Göttin“ wandelten, „hanseatische Vestalinnen, Dianen, die auf die Jagd gehen“, auch „Najaden, Dryaden, Hamadryaden und sonstige Predigerstöchter“. Unsere fünf mussten deshalb lange warten, ehe sie sich auf die Treppe schleichen konnten. Als Eddie eben am Eisengitter fummelte, hörte er plötzlich Schritte, aber nicht von hinten, sondern von vorn, und dann tritt eine Gestalt aus dem Siel, und das ist Möller, wie Zieten aus dem Busch, nur bedeutend unangenehmer.

  Der Constabler fährt zurück, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand geprallt, aber dann brüllt er gleich: „Polizei!“ Und während die anderen noch überlegen, ob sie Fersengeld geben oder sich auf den Schreier stürzen sollten, poltern die zwölf Officianten schon die Treppe herunter.

  „Sieh mal einer an!“ sagt Möller zu Eddie. „Was suchst du denn hier?“

  Dann fällt sein Blick auf den Bäcker und den Gecko. „Ihr Hunde!“ flucht er. „Ihr seid alle verhaftet!“

  Die beiden Ex-Maler grinsen nur. Den Bäcker nehmen gleich vier Mann in die Zange, dass er sich kaum rühren kann, außerdem denkt er an Johnnys Mahnung, keine Wellen zu machen, was Michel jetzt schade findet, denn er ist ein sehr guter Schwimmer, worüber später noch etwas erzählt wird.

  Kowalski stößt die Constabler heftig von sich. „Verfluchte Peronje, Pfoten weg von preußische Husar!“

  „Wir überprüfen nur die Personalien“, erklärt Möller seinen Kollegen. Dagegen ist nun mal nichts zu sagen, aber der Pole will sich trotzdem nicht fügen und fängt ein Gerangel an. Michel, Harry und der Gecko machen sofort mit, und plötzlich geht Eddie grußlos koppheister, es macht Platsch, und weg ist er, hatte ja auch den aktuellsten Grund, sich dünne zu machen.  

  Möller tobt. Leider sind die jungen Constabler nicht doof und machen nun nicht wie erhofft alle Mann Jagd nach dem Flüchtling, sondern halten lieber die anderen umso fester. Zwei Polizisten klettern ein paar Minuten planlos unter der Brücke herum, aber Eddie kommt erst außer halb des Laternenlichts wieder hoch und schwimmt dann fein stille auf die inzwischen stockdunkle Alster hinaus.

  „Euch werd' ich's zeigen!“ giftet Möller und lässt die anderen abführen. Die Constabler bringen unsere Freunde zur Polizeiwache am Gänsemarkt und filzen sie. Der Wachhabende weiß nicht recht, was er mit den Verhafteten anfangen soll.

  „Sie wollten in den Siel“, sagt Möller.

  „Das wäre nur eine Ordnungswidrigkeit“, sagt der Wachhabende. Er ist ein schon etwas älterer Familienvater und hört auf den schönen Namen Seehase. Sein Hobby bescherte ihm eine ausgezeichnete Bibliothek über die Schwächen großer Männer. Später habe ich selber mit ihm gesprochen; er konnte sich an diesen sonderbaren Polizeieinsatz noch gut erinnern. Er habe natürlich keine Ahnung gehabt, was wirklich dahintersteckte, aber Möller habe Stein und Bein geschworen, dass es sich um eine gefährliche Verbrecherbande handele.

  Die Festgenommen behaupten steif und fest, sie hätten an der Brücke auf ein Boot zum Hafen warten wolle. Seehase will es gern glauben, aber Möller lässt nicht locker: „Sie waren mit Eddie dem Schränker zu Gange, ich wette, die planten einen Bruch!“

  Die Beschuldigten verwahren sich energisch gegen diese Unterstellung. Sie seien anständige Bürger und Steuerzahler und hätten sich nichts zuschulden kommen lassen. Wenn aber ein Dieb etwas stehlen wolle, dann wohl kaum den Schiet aus dem Siel.

  „Widerstand gegen die Staatsgewalt!“ wütet Möller. „Dem Hauptverdächtigen wurde die Flucht ermöglicht!“

  Entschiedener Widerspruch seitens der Beklagten. Nur der Pole bleibt stumm und blickte nur immer wild um sich.

  Nach langem Hin und Her ordnet der Wachhabenden an, den Husar sofort in die Kaserne nach Wandsbek zu überstellen. Sechs Mann genügen kaum, Kowalski zu bändigen. In Wandsbek sperrt der diensthabende Offizier den Unglücklichen ein. Unser armer Freund macht eine furchtbare Nacht durch. Am nächsten Vormittag schlägt er einen Feldwebel nieder und desertiert. 

  Die anderen werden am Morgen dem Haftrichter vorgeführt. Sie lügen so gekonnt, dass sie gehen dürfen. Kaum in Freiheit, wollen sie gleich wieder in den Siel, nun aber nicht mehr an der Reesendammbrücke, sondern am anderen Ende, im Gängeviertel. Hinter dem Haus des Henkers geraten sie einen Menschenauflauf, und was sie dort erfahren, ich werde es gleich berichten, bringt sie von ihrem Vorhaben gründlich ab. Der Bäcker macht sich eiligst zu seiner Bäckerin. Harry und der Gecko aber rasen zur Reesendammbrücke und kommen gerade noch rechtzeitig, den desertierten Polen aufzuhalten, der sich mit einer geklauten Stahlklammer Zutritt in den Siel verschaffen will. 

  Aber jetzt muss ich erst einmal erzählen, was bei der Feme passierte.

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