ARD-Wickert über einen Kardinal als „Hurenbock“

Donnerstag, 15. Juni 2017

Kirchentag in Leipzig, Streit um Steuerreform: In „TELE-RETRO“ zeigen Ausgaben der Kolumne „Teletäglich“, welche Themen dem Fernsehen vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert schienen. Heute: Die Ausgabe vom 15. Juni 1997.

In „Tagesthemen" sagte ARD-Moderator Wickert

am Montag: "Man würde gerne wissen, was nun in Bonn passiert. Kippt die Koalition? Nein, sagen alle Beteiligten. Fragt man also weiter: Werden denn die Probleme des Haushalts gelöst? Ja, sagen viele Beteiligte. Und wie? Das weiß man nicht, aber irgendwie wird's schon gehen, man muss nur abwarten. Naja, und in der Zwischenzeit schwirren dann wieder so viele Gerüchte durch Bonn, dass die erste Frage wieder heißt: Kippt die Koalition?"

Am Dienstag: "Na gut. heute hatte man weniger den Eindruck, die Koalition werde auseinanderbrechen."

Solon: "Eben deshalb weine ich, weil ich nichts erreiche."

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In "Kennzeichen D" am Mittwoch sagten zum Leipziger Kirchentag ZDF-Moderator Buhl: "Ihr Protest ist friedlich, auch wenn viele in lila vermummt erscheinen. Ihre Botschaft soll einen."

ZDF-Reporter Möller: "Zukunftsängste, Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Ellenbogengesellschaft... dem Westen droht heute, was der Osten schon hinter sich hat: Umsturz vertrauter Verhältnisse, schmerzhafte Eingriffe in die Lebensplanung."

Pastor Schorlemmer (SPD), Mitunterzeichner der Erfurter Erklärung für einen Regierungswechsel in Bonn: "Wir haben die Freiheit - wo bleibt jetzt die Gerechtigkeit?"

Der ehemalige Leipziger 1. SED-Sekretär Wötzel: "Der Herr Gauck nennt mich das Aas eines regierenden Kommunisten, als Mitglied des Präsidium des Kirchentages, der mich eingeladen hat - stellen Sie sich mal vor!"

Möller:  "Auf Drängen der Bürgerrechtler wurde für Wötzel statt der Bibelarbeit ein Podium geschaffen, das über den rechten Umgang mit der Vergangenheit debattieren soll."

Bürgerrechtlerin Hollitzer: "Ich kann es eben nicht so ganz verstehen, dass die alle wieder da sind, und wieder da sein dürfen, und dass ein Kirchentag das so mitträgt."

Buhl: "Versöhnen statt spalten!"

Kennzeichen SED.

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In „Tagesthemen" am Donnerstag sagten über ein umstrittenes Denkmal in Halle, das einen nackten Kardinal beim Geschlechtsverkehr zeigt.

ARD-Moderator Wickert: "Früher, da war das Leben wirklich besser. Nehmen wir als Beispiel mal den Kardinal Albrecht, der vor 415 Jahren die Bistümer Mainz, Magdeburg und Halberstadt besaß. Besonders gern hielt er sich in seiner Residenz in Halle an der Saale auf. Und dort liebte er eine italienische Sängerin. Martin Luther nannte den Kardinal, mit dem er verfeindet war, ganz grob einen Hurenbock. Diese Geschichte nahm der Bildhauer Bernd Göbel zum Anlass für die Gestaltung eines Brunnens.

ARD-Reporter Knoch: "In Bronze gegossen macht sich der Kirchenfürst über seine Mätresse her... öffentliches Lotterleben... Christen beider Konfessionen treten auf den Plan: Ein nackter Kardinal, das ist nicht gut für das Image. Der Schöpfer der Figuren... hat nur an Kunst gedacht."

Jedenfalls nach den Maßstäben der ARD.

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In "Bericht aus Bonn" am Freitag sagte ARD-Moderator Krause: "Es war wohl vor allem die Sehnsucht nach Harmonie und Einstimmigkeit, die in der vergangenen Nacht die Koalitionsfraktionen dazu veranlasste, einige Änderungen an ihrem Steuerreformkonzept vorzunehmen. Die Reform als Ganzes hat damit zwar auch noch keine Chance, aber immerhin konnte man so mal wieder Einigkeit demonstrieren."

ARD-Reporter Feldhoff: "...wird immer öfter die Frage gestellt, ob der Finanzminister seine Zahlen noch im Griff hat... Mit Reformen hat das nur noch wenig zu tun."

Und mit Berichterstattung überhaupt nichts mehr.

Anmerkungen

Der frühere SPD-Journalist Ulrich Wickert moderierte 1991-2006 die ARD-„Tagesthemen“.

Olaf Buhl moderierte die ZDF-Politmagazine „Studio 1“ und (1995-2001) „Kennzeichen D“. Heute ist er ZDF-Chefreporter.

Rolf-Dieter Krause ging 1982 zum WDR-Landesstudio Düsseldorf, wurde 1985 ARD-Korrespondent in Bonn, 1990 ARD-Korrespondent in Brüssel und 2000 Programmchef des WDR-Fernsehens. Seit 2001-2016 leitete er das ARD-Studio Brüssel.

Der TV-Journalist Dieter Möller war 1982 bis 1986 Fernseh- und Hörfunkkorrespondent im ARD-Studio Prag und danach Börsenberichterstatter in Frankfurt.

Über den Pfarrer und SPD-Politiker Friedrich Schorlemmer schreibt „Wikipedia“: „Seine politischen Prioritäten liegen weniger in der Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern mehr darin, auf die Gefahren der Globalisierung hinzuweisen. Er sprach sich gegen eine Ausgrenzung der PDS aus dem politischen Diskurs aus und unterzeichnete 1997 die Erfurter Erklärung, die zu einem breiten Bündnis linker Parteien und Organisationen aufrief … Seit März 2009 ist Schorlemmer Mitglied im globalisierungskritischen Netzwerk attac.“

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