Die Kleine Eiszeit und der Große Hunger

Mittwoch, 23. August 2017

Alle schimpfen über den verregneten Sommer, doch früher waren Folgen noch viel schlimmer: Es gab Tote, Seuchen und Hexenverbrennungen.

Das Paradies blüht 300 Jahre lang: Ein mildes Klima mit viel Sonne lässt im Hochmittelalter ganz Europa grünen, die Einwohnerzahl steigt von 18 Millionen auf über 70 Millionen.

Doch dann kommt die Sintflut: Seit 1315 fallen ungeheure Wassermassen vom Himmel, vernichten die Ernten, überschwemmen die Felder.

Die Katastrophe dauert sieben Jahre und entvölkert das ganze Land. „Allenthalben in Teutschland ist ein groß Sterben gwest“, meldet die Chronik, „also dass man dafür gehalten, es wäre der dritt Teil aller Menschen gestorben.“

Missernten drohen auch heute wieder. Damals aber gibt es keine staatlichen Katastrophendienste, keine Hilfsorganisationen, keine Getreideimporte.

Die „Kleine Eiszeit“, die drei besonders nassen Sommer bis 1317, setzt eine tödliche Kettenreaktion in Gang: Millionen Menschen verhungern. Unterernährung schwächt das Immunsystem vor allem der Kinder. Pest und Fleckfieber breiten sich aus.

Verzweifelte verzehren verfaulte Früchte und verseuchte Tiere. Manche, schreibt die „Windsberger Chronik“ schon 1315, „haben Hund, Pferd und Diebe vom Galgen gefreßen“.

Banden von Kannibalen ziehen auf der Jagd nach Opfern durch die Wälder. Bauern zapfen dem Vieh Blut ab und halten sich so am Leben. Andere kauen Baumrunde, Wurzeln und Gras.

Viele fliehen in die Städte. Die Friedhöfe können die vielen Leichen nicht mehr unterbringen, und zu ersten Mal werden Tote außerhalb der Stadtmauern beerdigt.

Der Hunger löst eine Massenhysterie aus, überall werden Schuldige gesucht und umgebracht: Frauen als „Hexen“, Juden als „Gottesmörder“.

Aus Hungerfantasien formen sich fromme Legenden: Steine werden zu Brot, aus winzigen Mengen Wundermehl backt der Ofen riesige Fladen, Wucherer werden zur Strafe in Kröten oder Schweine verwandelt.

Der Todesregen kommt wie heute vom Atlantik und zieht weiter bis ans Schwarze Meer. Nach dem „Großen Hunger“ kommt 1343, noch schlimmer, der Schwarze Tod, die große Pestepidemie. Erst nach 250 Jahren, um 1560, haben sich die Bevölkerungszahlen wieder erholt.

Auch noch später führt Dauerregen immer wieder zu Hungerkatastrophen. 1771/72 etwa vernichten Nässe, Kälte und Überschwemmungen die Ernte in Sachsen und in der Lausitz. Erst der moderne Staat kann Lebensmittel kurzfristig und in großen Mengen bereitstellen. Heute muss selbst bei massivsten Ernteschäden niemand mehr verhungern.

 

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