Hart aber Fair: Wie Plasberg ins Fettnäpfchen trat

Dienstag, 10. Oktober 2017

„Hart aber Fair: „Notruf aus dem Pflegealltag: Was muss die nächste Regierung tun?“

ARD-Talkmaster Frank Plasberg ist in einem Interview mit dem querschnittsgelähmten Schauspieler Samuel Koch in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag kräftig ins Fettnäpfchen getreten.

Koch, durch seinem Unfall im Dezember 2010 in der ZDF-Sendung „Wetten, daß…?“ Millionen TV-Zuschauern bekannt, hatte in der Talkshow zum Thema „Pflegenotstand“ über seine Probleme berichtet, geeignete Betreuer zu finden. Zuletzt habe er sogar über Facebook gesucht, mit einer originellen Stellenbeschreibung, in der es etwa hieß, die Bewerber sollten u.a. „abenteuerlustig“, „nachtaktiv“ und „Gentlemen“ sein.

„Wer hat sich denn da gemeldet?“ wollte Plasberg daraufhin wissen. „Sind das examinierte Pflegekräfte, oder ist es ein bunter Querschnitt?“

„Bunter Querschnitt, haha!“ wiederholte der Gelähmte spöttisch in das betretene Schweigen hinein. Einige Zuschauer, die schon zu lachen begonnen hatten, verstummten peinlich berührt.

„Das ist mir sehr peinlich“, sagte Plasberg schnell und wollte sich herausreden: „Aber ich finde, das zeigt den normalen Umgang, oder?“

Koch überlegte nur kurz und ließ den schnelllippigen Talkmaster dann generös vom Haken, sagt nur noch ein ironisches „Guter Witz…“

Zu Beginn der Sendung hatte der Pflege-Azubi Alexander Jorde, der eingeladen war, weil er Angela Merkel in der ARD-„Wahlarena“ mächtig auf die Pelle gerückt war, seine Kritik wiederholt: „Die Kanzlerin regiert seit zwölf Jahren, sie hätte schon längst reagieren müssen!“

Später wollte er, durch den Beifall der Zuschauer sichtlich ermuntert, auch den FDP-Chef anpatzen: Christian Lindner habe  doch tatsächlich gewagt, zu sagen, die Pflege müsse „effektiver“ werden. Und das, obwohl die Pflegekräfte schon jetzt heillos überfordert seien! Doch Jochen Pimpertz, Gesundheitsökonom vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, klärte das Missverständnis rasch auf: „Effektiver“ bedeute nicht etwa, dass die Pflegekräfte sich jetzt noch mehr anstrengen sollten, sondern dass es in der Pflege künftig mehr Ärzte geben müsse. 

Die neu gewählte SPD-Abgeordnete Claudia Moll, die bisher als Altenpflegerin in dem Wahlkreis arbeitete, in dem auch Martin Schulz zu Hause ist, nutzte die Gelegenheit, der Konkurrenz ans Schienbein zu treten: „Ich habe schon vor 20 Jahren gegen den Pflegenotstand demonstriert“, berichtete sie, „und jetzt auch unseren Gesundheitsminister, den Herrn Gröhe, zu uns eingeladen, aber er hatte keine Zeit!“

Besser punktete die Expertin mit launigen Anekdoten aus der Praxis, etwa wie sie vergeblich versucht habe, auf einer Station mit Demenzkranken einen älteren Herrn bettfertig zu machen, der sich dagegen energisch sträubte: Er war gar kein Patient, sondern der Putzmann.

Die TV-Moderatorin Andrea Kaiser schilderte ihre Probleme mit ihrem demenzkranken Vater, der auf keinen Fall ins Heim wolle, und ihrer Mutter, die mit der Pflege heillos überfordert sei.

Wett-Opfer Koch kannte die Probleme schon lange vor seinem Unfall: „Ich habe mit 16 oder 17 Jahren ein Schülerpraktikum in einem Behindertenheim gemacht“, berichtete er. „Da hat mir die Augen geöffnet. Die Deutschen versichern ihre Autos mit Vollkasko, sogar auch noch die Felgen, aber sie kümmern sich nicht um ihre Gesundheit“, sprich: finanzielle Vorsorge.

Stephan Baumann, Verbandschef der deutschen Altenpfleger, forderte „höhere Beiträge, mehr Personal und bessre Bezahlung“: In deutschen Krankenhäusern versorgt eine Pflegefachkraft im Durchschnitt 13 Patienten, mehr als doppelt so viele wie etwa in Norwegen oder den USA. Noch schlimmer: Nachts sind es 19, oft sogar 26 Patienten, und in Pflegeheimen 52.

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