Wie die ARD auf Europol schimpfte

Donnerstag, 9. November 2017

Goethe und der „Scheibenwischer“, Umfragen und Wirklichkeit: In „TELE-RETRO“ zeigen Ausgaben der Kolumne „Teletäglich“, welche Themen dem Fernsehen vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert schienen. Heute: Die Ausgabe vom 9. November 1997.

In "Scheibenwischer" am Sonntag sagte ARD-Kabarettist Hildebrandt: "Ich glaube auch Goethe nicht, dass der in diesen Vers ausgebrochen sein soll: Ach kämen doch die Zeiten wieder. - wo geschmeidig noch die Glieder, bis auf eins. Ach, die Zeiten kommen nicht mehr wieder und steif sind alle meine Glieder, bis auf eins. Aber ich will nicht drauf rumreiten, was natürlich auch ein falsches Bild wäre. Überhaupt, da gibt's sprachliche Empfindlichkeiten bei mir. Wenn zum Beispiel ein Politiker sagt, wenn meine Partei es von mir verlangt, trete ich ins Glied - das sagen die einfach so, ohne zu wissen, was da für Bilder ablaufen."

Goethe: "Mit wenig Witz und viel Behagen/Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz.“  

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In „Switch" am Montag sagte PRO 7-Komödiantin Nadolny in einem Sketch, in dem sie in Unterwäsche auftrat: „Herzlich willkommen zum erotischen Quiz. Unsere heutige Frage lautet Was ist eigentlich der Lange Eugen? Ist es A: 483 nach Christus? Oder ist es B: der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Juden? Oder ist es C: Das Gehänge von Eugen? Die Antwort erfahren Sie gleich - bitte bleiben Sie drin!"

Henri de Montherlant: „Die menschliche Dummheit besteht nicht darin, dass man keine Ideen hat, sondern dass man dumme Ideen hat.

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In "Tagesthemen" am Mittwoch sagte ARD-Kommentator Monheim zur Rede des Bundespräsidenten: "Es scheint so, als ziele der Trompetenstoß auf Schüler und Lehrer, Studenten und Professoren, bestenfalls noch auf Bürokraten und Bildungsplaner - so, als läge die Verantwortung in erster Linie bei ihnen." .

Bismarck: "Die Scheu vor Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit."

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In "Monitor“ am Donnerstag sagten über Europol

ARD-Moderator Bednarz: „Neue Super-Behörde. Riesige Daten-Sammelstelle, weltweit einmalige Polizeibehörde, die zumindest in Rechtsstaaten ohne Beispiel ist.“

ARD-Reporter Restle/Wagener: „Eurocops im Einsatz. Rasante Action-Szenen. Abgeschirmt wie in einer Festung. Öffentlichkeit nicht erwünscht. Eine Polizei quasi im rechtsfreien Raum. Straftäter in Uniform. Polizeibehörde außer Kontrolle. Zuviele Krimis geschaut. Eine starke Truppe, für die es keine Grenzen gibt.

So wenig wie für die Dummheit.

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In „Bericht aus Bonn" am Freitag sagte ARD-Moderator Schulze: „Zwei Drittel aller deutschen Wahlberechtigten bewerten die allgemeine Lage als mies, als schlecht. Aber in völligem Kontrast dazu steht die Bewertung der eigenen Situation. Denn mehr als zwei Drittel finden, dass sie wirtschaftlich gut bis sehr gut dastehen. Der Befund also: Uns in der Bundesrepublik geht‘s schlecht, aber mir geht's gut.

Das ist auch der Unterschied zwischen Fernsehen und Wirklichkeit.

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In „Privat-Fernsehen" am Freitag sagte ARD-Moderator Küppersbusch vor einer Fotomontage des Bundespräsidenten mit Narrenkappe: "Mit gleich drei Reden über Alkohol, Arbeitslosigkeit und Bildung eröffnete Bundesvortragskünstler Roman Herzog diese Woche die närrische Saison. Zur Zeit arbeitet Herzog an Grundsatzreden gegen schlechtes Wetter, Blähungen und eingewachsene Zehennägel.“

Schiller: "Der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu sein."

Anmerkungen

Die Satire-Sendung „Scheibenwischer“ startete 1980 unter der Leitung des SPD-nahen Kabarettisten Dieter Hildebrand (1927-2013), der 2003 aus Altersgründen zurücktrat. 2009 untersagte er aus Unzufriedenheit mit den Inhalten die weitere Verwendung des Titels. Nachfolger Mathias Richling bezeichnete Hildebrandt daraufhin als „SPD-Wahlkämpfer“ und hielt ihm vor, in erster Linie parteipolitisch motivierte Satire betrieben zu haben: „Das Problem ist auch, dass Altgenosse Dieter Hildebrandt kein politisches Kabarett kann, sondern immer nur parteipolitisches. Sein Scheibenwischer wurde von der SPD immer angesehen als parteieigene Sendung. Deshalb geht Hildebrandt leider jede Form von Objektivität ab, auch in der Beurteilung von Kollegen.“

Der TV-Journalist Klaus Bednarz (1942-2015) trat als Moderator der ARD-„Tagesthemen“ (1983) und des ARD-Magazins „Monitor“ (1983-2001) nachhaltig für die politischen Ziele der SPD ein, der er als 68er nahestand. Nach seiner Pensionierung drehte er für die ARD Reportagen aus aller Welt.

Der SPD-nahe Journalist Martin Schulze wurde 1989 ARD-Chefredakteur und 1993 Vize-Studioleiter sowie ARD-Sonderkorrespondent in Bonn, das er 1995-1999 leitete.

Friedrich Küppersbusch moderierte 1993-96 die ARD-Sendung „ZAK“ und 1996-1997 die Nachfolgesendung „Privatfernsehen“. Heute verfasst Küppersbusch wöchentliche Kolumnen für das Nordwestradio und die „taz“. Im Wahlkampf 2013 moderierte er auf „Einsfestival“ die Satiresendung „Tagesschaum“.

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