Gaus und seine Schwurbel-Frage an den DDR-Poeten Kant

Donnerstag, 30. November 2017

ARD-Kommentare über Bundeskanzler Helmut Kohl, ARD-Witze über Bundespräsident Roman Herzog: In „TELE-RETRO“ zeigen Ausgaben der Kolumne „Teletäglich“, welche Themen dem Fernsehen vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert schienen. Heute: Die Ausgabe vom 30. November 1997.

In „News & Stories" (SAT.1) am Montag sprach Talkmaster Gaus mit dem früheren SED-Vorzeigepoeten Kant. Kostprobe:

Gaus: „Sie gehören ... zu einer... Sie haben...  nein, nicht Sie haben. Sie hängen an einer Ideologie, sage ich jetzt, deren Parteibild sagt: Disziplin. Parteidisziplin tut not, ist notwendig, anders geht es nicht. Und Sie haben, das haben Sie eben wieder für mich, für mein Verständnis, aus Ihren Antworten so gesagt, könnte es sein, dass diese Art von Parteidisziplin, die Sie geübt haben, praktiziert haben, der Sache, für die Sie es taten, weniger bekömmlich war, als es eine Disziplinlosigkeit, ein Widerspruch, mehr als Sie ihn geleistet haben, ein öffentlicher Widerspruch, ein Rücktritt, ein von mir aus dramatischer Rücktritt, getan hätten. Haben Sie der Sache mit der Überzeugung und vielleicht auch mit dem Sich-selbst-einreden, ich muss Disziplin üben, eher geschadet. als Sie mit Disziplinlosigkeit ihr genützt hätten."

Kant: „Es geht Ihnen, wie ich verstanden habe, darum, ob es nicht wirklich sachlich richtiger gewesen wäre, meiner Sache, die ich verfochten habe, dienlicher gewesen wäre.“

Gaus: „Danach habe ich gefragt."

Aha.

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In „Tagesthemen" am Montag sagte ARD-Kommentator Bednarz zur FDP: „Stellen Sie sich vor, Sie als normaler Bundesbürger stellen bei einer Behörde einen Antrag, missverständlich formuliert und vielleicht auch noch verspätet. Die Antwort lautet so sicher wie das Amen in der Kirche: Antrag abgelehnt. Da gibt es für den normalen Bundesbürger bei den Behörden keine Gnade."

Wilhelm Busch: „Da wundert sich wohl mancher sehr, Wie's möglich sei, dass ein Malör/ So schleunige Verbreitung finde. Der Weise schweigt - er kennt die Gründe."

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In „Tagesthemen" am Mittwoch sagten

ARD-Reporter Schmidt über Kohl: "…der für den Stillstand Verantwortliche... "

ARD-Kommentatorin von Haaren: „Bleibt die Frage, was ist ein Kanzlersessel wert, wenn er auf einem Scherbenhaufen steht?"

ARD-Moderator Wickert „Anlässlich der Bundestagsdebatte stellt sich die Frage: Was kann eine Regierung tun, die nicht regieren kann?"

Marie von Ebner-Eschenbach: "Der Ignorant weiß nichts, der Parteimann will nichts wissen."

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Talkshow-Themen dieser Woche bei SAT.1:

Montag, „Sonja": „Ich kann mich nicht entscheiden - ich liebe zwei Männer". „Kerner": „Igitt! Mein Mann pinkelt im Stehen!" - „Sonja": „Ich wurde missbraucht".

Mittwoch, „Kerner": „Er liebt mich, aber er lebt mit einer anderen“. – „Sonja": „Ich will nicht, dass du unser Kind abtreibst".

Donnerstag, „Vera am Mittag": "Typisch Mann".

Typisch SAT.1.

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Am Freitag sagten in der ARD

um 22.51 Uhr Moderator Schulze in „Bericht aus Bonn": "Seit seinem Amtsantritt ist es dem Bundespräsidenten immer wieder gelungen, mit eindrucksvollen Reden, die stets ein großes Echo fanden, wichtige Themen unserer Republik auf die Tagesordnung zu bringen. Diese Reden wurden jedes Mal in der Öffentlichkeit gut vorbereitet … Perfektes Management, perfekte Pressearbeit, perfektes Timing."

Um 23.05 Uhr Moderator Küppersbusch in „Privat-Fernsehen“   über den Besuch dreier Schlagersängerinnen und -sänger beim Bundespräsidenten: „Jazzy, Nena und Peter Maffay wollten sich diese Woche über die Popszene informieren und trafen dazu Talking Head Roman Herzog in seiner Bonner Drogenhöhle Villa Hammershit. Herzog, der Luis Trenker des Sprechgesangs. teilte sich mit Peter Maffay einen Seniorenteller. Dann diskutierte Rocking Roman seine aktuellen Tourpläne mit einer Stehlampe, der er zu ihrem sexy Kostüm gratulierte. Anschließend bedauerte Nena, dass der andere Dicke von den Wildecker Herzbuben nicht dagewesen sei."

Sic transit...

Anmerkungen

Günter Gaus (1929-2004) wurde 1969 „Spiegel“-Chefredakteur, 1973 Staatssekretär im Bundeskanzleramt, 1974-1981 Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin und 1976 SPD-Mitglied. Als Journalist und Politiker versuchte er unermüdlich, die Unterschiede zwischen dem Stasi-Staat und der Bundesrepublik zu relativieren. Auch nach der Wende, der Wiedervereinigung und der Aufarbeitung der Stasi-Akten konnte er sich zumindest öffentlich nicht zu der Einsicht durchringen, dass die „DDR“ ein Unrechtsstaat war, sondern blieb seiner Linie der Gleichmacherei und Beschönigung treu.

Der Journalist Klaus Bednarz (1942-2015) war ARD-Auslandskorrespondent in Polen (1971–1977) und in der Sowjetunion (1977–1982). 1983 moderierte er die ARD-„Tagesthemen“, 1983-2001 war er als Redaktionsleiter und Moderator der WDR-Sendung „Monitor“ ein besonders profilierter Propagandist der SPD-Ostpolitik. Franz Josef Strauß nannte das Bednarz-Magazin „Rote Reichsfernsehkammer“.

Der frühere SPD-Journalist Ulrich Wickert moderierte 1991-2006 die ARD-„Tagesthemen“.

 

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