Wenn bei Wickert „harte Pornos über den Bildschirm zucken“

Mittwoch, 10. Januar 2018

Der Absturz einer "Condor"-Maschine bei Izmir, SAT.1 startet das erste bundesdeutsche TV-Vollprogramm: In „TELE-RETRO“ zeigen Ausgaben der Kolumne „Teletäglich“, welche Themen dem Fernsehen vor 30 Jahren berichtens- und bedenkenswert schienen. Heute: Die Ausgabe vom 10. Januar 1988.

Am Montag strahlte die ARD die erste Folge ihrer neuen Humor-Reihe "Quak-Show" aus. Kostproben:

Taxifahrer: "Wowowowohin wowowollen Sie?" - Fahrgast: "Chachachamps-Elysees. " - Taxifahrer: "Mamamachen wir" - und auch sein Taxi fährt stotternd los.

Friseur poliert Kahlkopf und hält dann neben dem Kopf des Kunden statt eines Spiegels das Bild eines entblößten Gesäßes hoch.

Trauergast vor einem Sarg, aus dem vier Füße ragen: „Er war ein Frauenheld bis zum Schluß."

Koch quetscht Geburtstagstorte in Schreibmaschine: "Ich schreibe ,Herzlichen Glückwunsch' darauf!"

Öffentlich-rechtlicher Humor.

*

In einem "Tagesthemen"-Bericht über den Absturz einer "Condor"-Maschine bei Izmir sagte ARD-Reporter Ament am Montag über freiwillige türkische Helfer: "Mit Flugzeugen können diese Bauern nicht viel anfangen - mit abgestürzten noch weniger."

So wenig wie der Zuschauer mit solchen Kommentaren.

*

Am Dienstag berichtete der ARD-Korrespondent in Paris Wickert über pornographische TV-Filme französischer Privat-Sender: "Die Programme sind häufig äußerst langweilig hergestellt - wenn es nicht gerade um die Sexfilme des allerdings nur mit Decoder zu empfangenden Senders ,Canal plus' geht, wo wirklich harte Pornos über den Bildschirm zucken."

ARD plus.

*

Am Freitag vergangene Woche strahlte das ZDF eine Reportage über eine besonders entlegene Gegend aus: "Tschukotka" schilderte das Leben der Tschuktschen im äußersten Nordosten Sibiriens. Diesen Mittwoch zog die ARD nach. Titel ihrer Tschuktschen-Dokumentation: „Tschuchotka - im fernen Osten."            

Programm-Koordination auf höchstem Niveau.

*

Nach 35 Jahren ARD-Fernsehen und nach 25 Jahren ZDF gibt es seit vergangenem Freitag endlich das erste bundesdeutsche TV- Vollprogramm. Es wird vom Privat-Sender SAT 1 ausgestrahlt, von sechs Uhr früh bis nach Mitternacht, täglich 20 Stunden nonstop.

Gut Ding will Weile haben.

*

NDR 3 zeigte am Freitag Höhepunkte aus acht Jahren der ARD-Kabarettsendung "Scheibenwischer". Motto: "Scheibenwischer reagieren für gewöhnlich auf Knopfdruck, wir hingegen eher unversöhnlich auf Kopfdruck." Kostprobe: "Es soll ein neues Gesetz herauskommen, so eine Art Hosentüren-Verordnung täglich geschlossen, außer sonntags! Aber dann unter erzbischöflicher Bewachung - mit der letzten Forderung: Zuwiderhandelnde werden verflixt und zugenäht."

Flachdruck.

Anmerkungen

Der spätere „Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert übernahm 1978 eine Stelle im Frankreich-Studio der ARD und leitete 1984-1991 das Pariser ARD-Studio. 

Die Satire-Sendung „Scheibenwischer“ startete 1980 unter der Leitung des SPD-nahen Kabarettisten Dieter Hildebrand (1927-2013), der 2003 aus Altersgründen zurücktrat. 2009 untersagte er aus Unzufriedenheit mit den Inhalten die weitere Verwendung des Titels. Nachfolger Mathias Richling bezeichnete Hildebrandt daraufhin als „SPD-Wahlkämpfer“ und hielt ihm vor, in erster Linie parteipolitisch motivierte Satire betrieben zu haben: „Das Problem ist auch, dass Altgenosse Dieter Hildebrandt kein politisches Kabarett kann, sondern immer nur parteipolitisches. Sein Scheibenwischer wurde von der SPD immer angesehen als parteieigene Sendung. Deshalb geht Hildebrandt leider jede Form von Objektivität ab, auch in der Beurteilung von Kollegen.“

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt