Das ZDF will erst mal keine Filme von Dieter Wedel mehr senden

Freitag, 2. Februar 2018

„Maybrit Illner: „Macht, Sex, Gewalt – der späte Aufschrei“ ZDF, Donnerstag, 1.Februar 2018, 22.15 Uhr.

ZDF-Intendant Thomas Bellut hat in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag  angekündigt, dass sein Sender in nächster Zeit keine Wiederholungen von Filmen und Mehrteilern des umstrittenen Filmregisseurs Dieter Wedel ausstrahlen werde. Für die spätere Zukunft wolle er das aber nicht ausschließen.

Wörtlich sagte der TV-Manager auf eine entsprechende Frage der Talkmasterin Maybrit Illner: „In den nächsten Monaten sicher nicht!“ Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „Zeit“, die den Skandal aufgedeckt hatte, spottete: „Also keine Wedel-Retrospektive!“

Das scheint gar nicht so selbstverständlich, wie es klang. „Ein künstlerisches Werk überhaupt nicht mehr zu zeigen, das würde ich mir sehr überlegen“, sagte Bellut. Denn an den Wedel-Produktionen hätten ja auch viele andere Künstler mitgewirkt.

Man muss die Kunst auch vor einzelnen Künstlern schützen“, assistierte di Lorenzo.

Wie viele Kunstwerke wurden von Mördern und Vergewaltigern geschaffen!“ sagte auch die Philosophin und Publizistin Svenja Flaßpöhler („Philosophie Magazin“) und warnte vor Vorverurteilung: Die Vorwürfe gegen Dieter Wedel basierten nur auf „Anklagen von wenigen“. Jetzt die Galerien leerzuräumen und Ausstellungen zu zensieren, das gehe zu weit. Sie bange inzwischen sogar schon um die „Freiheit der Gesellschaft“.

Die Ministerin kritisiert, das ZDF reagiert

Frauen- und Familienministerin Katarina Barley (SPD) hatte den Eindruck wiedergegeben, beim Thema Sexismus und Gewalt gegen Frauen gebe es auch bei den öffentlich-rechtlichen Medien ein „Schweigekartell“. Diesen Vorwurf wollte das ZDF nicht auf sich sitzen lassen. Also talkte Maybrit Illner über „Macht, Sex, Gewalt – der späte Aufschrei“ und lud gleich auch noch ihren Chef ein. Ganz schön schlau!

Was ist der aktuelle Stand?

„Wir haben Kenntnis von 22 Fällen und davon sieben Fälle dokumentiert“, berichtete di Lorenzo. „Weitere 160 Menschen haben mit Vorwürfen aus dieser Zeit etwas zu tun.“ Die Recherchen hätten „Wochen und Monate“ gedauert.

 Illner erinnerte vorsichtshalber daran, dass Wedel alle Vorwürfe zurückweise, auch mit Anwalt, und fragte: „Ist eine solche Verdachtsberichterstattung nicht ein großes Risiko?“

Doch die viel wichtigere Frage ist eine andere: „Warum konnte er, obwohl so viele davon gewusst haben, so lange gedeckt und geschützt werden?“ wunderte sich der Zeit“-Chef.

Shitstorm gegen die „Zeit“

Nach der Story fand er sich und sein Schiff in schwerer See: „Wir haben viel Gegenwind bekommen“, berichtete er. „Shitstorm auf Facebook, Kritik in den Medien.“ Doch: „Das zeigte, dass diese Debatte jetzt endlich geführt werden musste!“

Auch in der Illner-Runde gab es Kritik. „Wie exemplarisch sind solche Fälle für unsere Gesellschaft?“ fragt Philosophin Flaßpöhler. Das Bild, das durch den Fall Wedel entstehe, sei „nicht nur falsch, sondern auch gefährlich“.

Kritik an „MeToo“

Denn: Frauen würden durch den Skandal „in eine infantile Rolle gedrängt“, meinte Flaßpöhler, und die „MeToo“-Debatte sei eine „wahnsinnige Verallgemeinerung“. Denn sie werfe, vom dummen Spruch bis zur Vergewaltigung, alles in einen Topf.

ZDF-Chef Bellut hatte Wedel vor 16 Jahren kennengelernt, als er noch Programmdirektor war. „Er war charismatisch, intelligent, galt als begnadeter Regisseur!“

Und wenn Wedel unschuldig ist? 

Noch immer melden sich vor allem solche Zeugen zu Wort, die entweder nichts bemerkt haben oder meinen, der umschwärmte Starregisseur habe so etwas wie Gewalt gar nicht nötig gehabt.

Doch in dieser Runde glaubte niemand mehr daran, dass sich jemals klare Beweise für oder gegen Wedel finden lassen: Interne Papiere etwa bei Sendern, die Wedels Produktionen finanzierten, sind, so di Lorenzo, schon vor Jahren im Shredder gelandet.

Das ehrlichste Geständnis

Auch Bellut hat bisher nichts gefunden, lässt aber weiter suchen.

„Wäre sowas heute noch möglich?“ fragte Illner ihren Chef. Der Intendant ganz ehrlich: „Ich wollte, ich könnte das verneinen, aber ich weiß es nicht.“

Die Talkmasterin servierte ihrem Intendanten die Kritik der Frauenministerin als Steilvorlage, und Bellut wusste sie zu nutzen: „Ich halte die Kritik nicht für berechtigt“, sagte er, gab aber immerhin zu: „Wir hatten da einen blinden Fleck auf der Landkarte.“

Klarste Kante des Abends

Wedel-Opfer Patricia Thielemann, heute als Yoga-Lehrerin auf der Erfolgswelle, hob die Debatte wieder aufs Gleis: „Jeder Mann, der noch bei Verstand ist, kennt die Grenze, an der die sexuelle Gewalt beginnt“, sagte sie klipp und klar.

Diese Grenze habe auch Wedel gekannt, glaubt di Lorenzo: „Er hatte ein erstaunlich feines Gespür dafür, mit wem er das machen kann“, sagte er. Bei arrivierten Schauspielerinnen habe er es gar nicht erst versucht. Seine Opfer seien meist Berufsanfängerinnen gewesen, vor allem wenn sie etwas labil waren.

„Die meisten Menschen lernen sich am Arbeitsplatz kennen, und das ist auch völlig o.k.“, sagte di Lorenzo. „Jeder darf sich in jeden verlieben. Die rote Linie ist, wenn Machtmissbrauch da ist, wenn jemand seine Vormachtstellung dazu ausnutzt, eine Frau zu nötigen, zu schikanieren, sie zu demütigen, wenn sie sich nicht darauf einlässt.“

 

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