Wo Rudi Carrell seine Ideen klaute

Dienstag, 6. März 2018

Olympischen Winterspiele in Calgary, Kabarettwitze über Helmut Kohl: In „TELE-RETRO“ zeigen Ausgaben der Kolumne „Teletäglich“, welche Themen dem Fernsehen vor 30 Jahren berichtens- und bedenkenswert schienen. Heute: Die Ausgabe vom 6. März 1988.

Vergangenen Sonntag wollte Moderator Schmidt-Holtz im ARD-"Presseclub" über die Bilanz der Olympischen Winterspiele in Calgary diskutieren. Es sagten:

Der ARD-Korrespondent in New York Pleitgen: "Es war eine sehr merkwürdige Veranstaltung. Nach der Halbzeit hatte ich den Eindruck, es wäre ganz gut, wenn diese Veranstaltungen ein baldiges Ende fänden."

Der Sportchef der westdeutschen Regionalzeitung „WAZ“ Justen: "Ich fand die Spiele nicht so interessant."

Pech.

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Am Sonntag zeigte das ZDF die Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 1987 an den Kabarettisten Richling und dazu einen Kurzauftritt des Geehrten. Kostproben:

"Nach Tschernobyl ergab die gesammelte Regierung auch bei größter Aktivität nur einen Messwert von spürbarer Bequemereligkeit. "

"Bei Kohl lösen die Affären keine Reaktionen aus, sondern  höchstens Reaktoren."

"Ein Kohl sind etwa drei Skandale pro Viertelamtszeit. Zum Kohl des ganzen Volkes, zu unser aller Kohl … was manchmal zur Kohlik führt, in einer Kohlstandswelle."

Wie der Markt, so der Preis (deutsches Sprichwort).

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ARD-Showmasterin Schreinemakers am Schluss ihrer Sendung „Wortschätzchen" am Dienstag, 1.März: „Ich darf mich für heute empfehlen. Wenn Sie wollen, sehen wir uns in Bälde wieder. Entnehmen Sie der Programmzeitschrift, wann die nächste Sendung kommt. Das heißt, genau, jetzt weiß ich's: Am 1. März sind wir im Bilde."

Offenbar doch nicht so ganz.

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Am Mittwoch nach der Tagesschau zeigte die ARD erst die Ankündigung einer TV-Show und dann die Übertragung des Fußballspiels München-Madrid. Sportmoderator Luchtenberg leitete über: "Eben sahen Sie den Tanz der Ute Lemper, und jetzt begrüße ich Sie zum heißen Tanz um den Europapokal."

Die Wortgewalt läßt keinen kalt.

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1974 startete ARD-Showmaster Carrell das Quiz "Am laufenden Band". Vorbild: "Een van de acht", das vorher schon zwei Jahre lang im niederländischen Fernsehen lief. 1981 folgte "Rudis Tagesshow". Vorbild: die BBC-Sendung "Not the nine o'cnews" (seit 1979). 1984 begann Carrells "Verflixte Sieben". Vorbild: Spaniens "Un, Dos, Tres" - es läuft seit 1973. 1987 präsentierte Carrell in Bayern III "Herzblatt". Vorbild: "Blind Date", seit 1985 im britischen TV. Diesen Samstag zeigte die ARD die erste Ausgabe der neuen „Rudi Carrell Show". Das Vorbild "Surprise, Surprise" läuft seit 1984 im britischen TV.

Besser gut gefunden als schlecht erfunden.

Anmerkungen

Rolf Schmidt-Holtz begann 1977 im Bundespresseamt, wurde TV-Reporter und WDR-Chefredakteur, moderierte 1987 den ersten ARD-„Presseclub“ und übernahm 1988 als Herausgeber und Chefredakteur das nach dem Skandal um die Hitler-Tagebücher angeschlagene Magazin „Stern“. 1994 wechselte er ins Management der Bertelsmann-Fernsehsparte Ufa. 2000 wurde er „Chief Creative Officer“ (CCO) im Vorstand des Bertelsmann-Konzerns. 

SPD-Mitglied Fritz Pleitgen war 1970-1977 ARD-Auslandskorrespondent in Moskau. 1977 ging er nach Ostberlin, nachdem ARD-Korrespondent Lothar Loewe wegen seiner unverblümt kritischen Berichterstattung am SED-Regime des Landes verwiesen worden war. Bei Pleitgen hatte die ARD Ähnliches nicht zu befürchten, er blieb fünf Jahre auf diesem Posten. 1982 wechselte Pleitgen nach Washington, wo er ganz im Sinne seiner Partei die Politik US-Präsident Ronald Reagans scharf kritisierte. 1987 kehrte er zum WDR nach Köln zurück. 1988 wurde er Chefredakteur des WDR-Fernsehprogrammbereichs „Politik und Zeitgeschehen“. Besonders seine ARD-Kommentare gefielen den Genossen, und 1995 wurde er zum WDR-Intendanten gewählt. Später entzweite er sich mit seiner Partei und näherte sich den Positionen der CDU an, was ihn prompt die Wiederwahl kostete. Seitdem ist er wieder stramm auf Parteilinie.

Margarethe Schreinemakers startete ihre Karriere 1985 mit der Musik- und Comedysendung „Extratour“ (Radio Bremen). Danach moderierte sie ab 1989 den ARD-Quiz „Wortschätzchen“. Für ihre Talkshow „Schreinemakers live“ (1992-97) erhielt sie wichtige Fernsehpreise.

Wilfried Luchtenberg wurde 1978 WDR-Sportreporter, war bei sechs Fußball-Weltmeisterschaften im Einsatz, moderierte die ARD-„Sportschau“, kommentierte 800 Fußball Bundesligaspiele und ging 2007 in den Ruhestand.

Rudi Carrell (1934-2006) trat seit 1966 im deutschen Fernsehen auf. Aus „Wikipedia“: „In den folgenden 35 Jahren war er mit zahlreichen selbst entwickelten und adaptierten Formaten einer der erfolgreichsten und prägendsten Köpfe der deutschen Fernsehunterhaltung.“

 

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