IG Medien: Viel Verständnis fürs Blaumachen

Mittwoch, 11. April 2018

Ost-Kabarett auf West-Niveau, der „Scheibenwischer“ über Hinterteile: In „TELE-RETRO“ zeigen Ausgaben der Kolumne „Teletäglich“, welche Themen dem Fernsehen vor 20 Jahren berichtens- und bedenkenswert schienen. Heute: Die Ausgabe vom 11. April 1993.

In der SAT.l-Show "Talk im Turm" am Sonntag diskutierten die Frankfurter CDU-Politikerin Roth und IG-Medien-Chef Hensche zum Thema Sozialschmarotzer". Auszug:

Roth: "Wir haben einen hohen Anteil an Missbrauch. Das Freitagsfieber - freitags und montags werden 30 und 38 Prozent der Arbeitnehmer krank."

Hensche: „Manche tun das ganz bewusst. In diesem Land arbeiten 30 Millionen Menschen als Arbeiter, Angestellte und Beamte, ihnen wird Monat für Monat die Lohnsteuer abgezogen. Die haben überhaupt keine Gelegenheit, Geld über die Grenze zu bringen. Aber der Krankenstand geht zurück Jahr um Jahr..."

Roth: „Ganz neue Zahlen vom 1.Februar."

Hensche: "Da kann man hinterher darüber reden, worauf das zurückzuführen ist, wenn einige innerlich kündigen oder Absentismus in Mode kommt, weil die Arbeitsbedingungen so beschissen sind. "

Kant: „Gewissenlosigkeit ist nicht Mangel des Gewissens,  sondern der Hang, sich an dessen Urteil nicht zu kehren."

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In der RTL-Sendung "Spiegel TV" am Sonntag berichtete Reporter Enger über Berliner Autonome, die durch eine Sitzblockade auf Bahngleisen Züge mit Wehrpflichtigen aufhielten. Kostprobe: "Zunächst werden Musterungs- und Einberufungsbescheide fachgerecht im Reißwolf präpariert. Schließlich werden die Militärpapiere vollständig entsorgt - mit Feuer und Flamme. Beliebtes Gleispicknick. Polizeiliche Anweisungen zur Änderung der Tischordnung zeigen keine Wirkung. Noch immer ist Lichtenberg in Händen der Revolutionäre - natürlich hat niemand eine Bahnsteigkarte. Nach fünf Stunden ist das Happening zu Ende...“

Narrenwerk, Narrengeist (deutsches Sprichwort).

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Aus der ARD-Sendung "Nachschlag!“ am Mittwoch mit den Dresdner Kabarettisten Lange und Böhnke:

"Ich finde das überhaupt ein bisschen pervers, dass der Kohl einmal im Jahr so lebt wie die meisten in der Dritten Welt das ganze Jahr."

"Der Krause ist ein echter West-Profi geworden. Der hat in der kurzen Zeit schon mehr Affären als Strauß und Streibl zusammen."

"Wir reden hier schon eine ganze Weile, in dieser Zeit ist bei Hoechst nichts in die Luft geflogen." - "Wirklich? Das ist ja höchst erfreulich."

Ost-Kabarett auf West-Niveau.

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In "Scheibenwischer“ am Donnerstag sagte ARD-Kabarettist Hildebrandt: „Es ist ja schon toll: Früher haben ja die Öffentlich-Rechtlichen sich in dieser Weise des Anwanzens geübt. Aber so schamlos wie die Privaten hat's noch keiner versucht. Doch das ist ja gut, weil sie haben ja alle, also versucht, bei den Mächtigen, also dort hinten reinzukriechen, wo die Mächtigen besonders offen sind. Ich will das jetzt nicht weiter ausführen. Ich stelle mir da nur ein Riesen … ein Portal vor, da sind so viele Leute drin. Das ist ganz voll. Und der ist auch da drin, der das Fernsehen dahin gebracht hat - ich würde sagen, also, ein Riesenarsch.

Satire-Kultur in der ARD.

Anmerkungen

SPD-Mitglied Dieter Hildebrandt perfektionierte in „Scheibenwischer“ (1980-2003) das bundesdeutsche Gesinnungskabarett, bis sinkende Quoten die ARD bewogen, die Sendung an Mathias Richling zu übergeben. Da Hildebrandt später Namensrechte reklamierte, heißt die Sendung seit 2009 „Satire-Gipfel“. Richling sagte darüber: „Das Problem ist auch, dass Altgenosse Dieter Hildebrandt kein politisches Kabarett kann, sondern immer nur parteipolitisches. Sein Scheibenwischer wurde von der SPD immer angesehen als parteieigene Sendung. Deshalb geht Hildebrandt leider jede Form von Objektivität ab, auch in der Beurteilung von Kollegen.“

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