Der Dreißigjährige Krieg in 30 verblüffenden Fakten

Mittwoch, 23. Mai 2018

Vor 400 Jahren, am 23.Mail 1618, beginnt in Prag ein Völkermorden, das selbst die Opferzahlen der beiden Weltkriege in den Schatten stellt. Bis heute gilt der Dreißigjährige Krieg als Glaubenskrieg fanatischer Katholiken und Protestanten, doch neue Forschungen zeigen: In Wirklichkeit ging es um eiskaltes politisches Kalkül europäischer Groß- und Mittelmächte. Was können unsere Politiker aus den Fehlern von damals lernen?

Die Ouvertüre ähnelt einer Operettenszene: Aufständische stoßen kaiserliche Beamte aus dem Fenster, die Opfer klammern sich vergeblich an Simse und Mauervorsprünge, rutschen an den schrägen Wänden in die Tiefe. Ein Misthaufen rettet ihnen das Leben. Sie landen weich, rappeln sich auf und entkommen, während ihnen Musketenkugeln um die Ohren pfeifen.

Doch mit den eher burlesken Bildern vom Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 beginnt die schlimmste Tragödie der europäischen Geschichte: Im Dreißigjährige Krieg kommen acht der damals 21 Millionen deutschen Männer, Frauen und Kinder durch Kampfhandlungen, Massenmorde, Hunger und Seuchen um.

Große Städte werden niedergebrannt, viele Dörfer für immer ausgelöscht, weite Landstriche entvölkert. Mit 30, oft 40, in manchen Regionen sogar 70 Prozent der Bevölkerung übertreffen die Opferzahlen sogar die furchtbare Bilanz der beiden Weltkriege.  

Bis heute hat sich das grausame Gemetzel als besonders fürchterliche Folge von Glaubenshass und Fanatismus in die Erinnerung der Deutschen eingebrannt. Doch die moderne Geschichtsforschung findet jetzt immer neue Belege dafür, dass der Streit um die richtige Religion nur Mittel zum Zweck war: In Wirklichkeit geht es um Macht und Beute in der Mitte Europas. Spanien, Frankreich und die Habsburger, bald auch Dänen und Schweden kämpfen um deutsche Städte, Häfen und Provinzen. Sogar der Papst mischt mit.

Berühmte Feldherrn begegnen einander in großen Schlachten: Tilly und Christian IV. von Dänemark bei Lutter am Barenberge, Wallenstein und Gustav II. Adolf von Schweden bei Lützen. Die Kriegszüge liefern bis heute Stoff für Filme, Dramen und Romane.

Mit dem Pathos ist es längst vorbei. Der nüchterne Blick der Wissenschaft richtet sich auf die wahren Ursachen und Folgen.

Die mittelalterliche Weltordnung zerbricht. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation überlebt nur als schwache Klammer um widerstrebende Fürstentümer, die nun wie das Königreich Preußen selbst zu Großmächten aufsteigen.

Deutschland ist danach, so der Historiker Julius von Pflugk-Harttung, „nur noch ein geographischer Begriff, ohnmächtig, zerrissen, verarmt im Inneren, im äußeren Bestand eingeengt und beraubt, verspottet, verachtet bei seinen Nachbarn“.

Bis heute sind nicht alle Wunden geheilt. Doch es gibt auch positiven Auswirkungen: Mit dem Westfälischen Frieden gelingt zum ersten Mal in der Geschichte ein Interessenkompromiss. Damit gilt das Jahr 1648 als Geburtsstunde modernen Rechtsdenkens und moderner Rechtsstaatlichkeit. Manche Parallelen zur Gegenwart sind so verblüffend, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Friedensvertrag von damals jetzt womöglich als eine Art Blaupause für Verhandlungen im großen Religionskrieg unserer Zeit nutzen will: den Konflikt in der islamischen Welt.

1 Der Prager Fenstersturz

Seit der Reformation kämpfen wie überall im Reich auch in Prag Katholiken und Protestanten um Kirchen und Klöster. König Ferdinand II. von Böhmen will die Rechte der Protestanten beschneiden. Ihr Anführer Heinrich Matthias von Thun stürmt deshalb am 23.Mai 1618 mit 200 Männern die Hofkanzlei auf der Prager Burg. Die Eindringlinge führen einen kurzen Schauprozess gegen zwei katholischen Statthalter und ihren Sekretär durch. Nach dem Todesurteil werden die drei zu einem Fenster geschleppt und hinausgestoßen.

Die Urteilsvollstreckung ist keine wilde Rachetat, sondern entspricht einem alten böhmischen Rechtsbrauch. Die Opfer überleben den Sturz aus 17 Metern Höhe dank der schrägen Wände, ihrer dicken Mäntel und der Landung auf einem Misthaufen. Die katholische Propaganda führt ihre Rettung auf die wundersame Hilfe der Gottesmutter Maria zurück.

Der Kaiser sieht sich herausgefordert und erklärt den Protestanten den Krieg. Die Geschichte kennt aber noch zwei andere Prager Fensterstürze: Im Jahr 1419 werfen Anhänger des als Ketzer verbrannten Reformators Jan Hus zehn Männer aus dem Rathaus am Karlsplatz. Sie sterben ebenso wie der tschechoslowakische Ministerpräsident Jan Masaryk, den Stalins Agenten 1948 aus dem Außenministerium in den Tod stoßen.

2 Der Komet

Für die Geschichtsforschung ist der Prager Fenstersturz als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges unbestritten. Die Menschen jener Zeit aber glauben an eine andere Ursache: Im November 1618 erscheint am Himmel der Komet „C/1618 W1“. Er ist außerordentlich hell und zieht einen langen Schweif hinter sich her. „Die Menschen sahen in ihm eine Botschaft Gottes“, sagt Andreas Bär, Dozent für Neuere Geschichte an der FU Berlin, „und die Prophezeiung eines schrecklichen Krieges.“

3 Die wirklichen Ursachen

Seit 1560 herrscht in Europa die „Kleine Eiszeit“: Die Winter sind zu kalt, die Sommer zu nass, die Ernten oft verhagelt. Das schlechte Wetter führt zu Missernten, hohen Brotpreisen und Hunger. Viele Menschen, vor allem kleine Handwerker, sinken zu Bettlern herab. „Sie bevölkern nun in wahren Heeren Mitteleuropa“, sagt der Historiker Heinz Duchhardt („Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges“). „Diese Heere hatten außerdem eine besonders Anfälligkeit für Krankheiten jeder Art.“

4 Aus kleinen Kriegen zum großen Krieg  

Das „Kriegshandwerk“ ernährt schon lange seinen Mann: Die Niederlande kämpfen gegen die Spanier, die Österreicher gegen die Türken, die Franzosen in Italien, die Schweden in Polen, die Dänen gegen die Schweden. In Deutschland brechen nach der Reformation die Bauernkriege aus. Am schlimmsten wüten sie in Thüringen, Franken und Tirol. Durch die vielen Feldzüge mit ihren Gräueln verrohen die Menschen. Zugleich werden die Waffen immer wirksamer. Letzter politischer Schritt in den Dreißigjährigen Krieg ist die Gründung der Katholischen Liga und der Protestantischen Union. Nur scheinbar schließen sich Fürsten nach ihrer Konfession zusammen: In Wirklichkeit einen sie pure Machtinteressen.

5 Die Angst vor der Apokalypse

Aus Krieg, Hunger und Seuchen wächst die Furcht, dass das  Weltende nahe. „Die Menschen der damaligen Zeit sind in hohem Maße von der Bibel abhängig“, sagt Historiker Duchhardt. „Diese Mentalität wird unterstützt durch eine ganze Flut von Flugschriften, die genau berechnen, wann das Weltende eintreten werde, und dass die verschiedenen europäischen Konflikte sich verdichten zu einem großen europäischen Krieg.“ Der Aberglaube sieht eine ganze Reihe von Vorzeichen, wie sie in der „Apokalypse“ beschrieben werden. Die schlimmsten Auswüchse dieser Hysterie sind die grausamen Hexenverfolgungen. Im Mittelalter werden die Frauen nur selten hingerichtet, im Dreißigjährigen Krieg aber werden sie fast ausnahmslos verbrannt. Allein in Bamberg starben 800 Opfer, bis die Schweden einmarschieren und den mörderischen Spuk beenden.

6 Jeder dritte Deutsche stirbt

Die genauen Opferzahlen lassen sich nicht mehr ermitteln. Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 40 Prozent der Landbevölkerung umkommen. In den Städten sind es etwa 25 Prozent. In der Pfalz, Teilen Württembergs, Mecklenburg, Pommern und Thüringen rafft die Kriegsfurie sogar zwei Drittel der Menschen dahin. Magdeburg wird brutal gebrandschatzt und verliert fast alle Einwohner. Hamburg dagegen bleibt dank starker Festungswerke verschont und steigt nun sogar zur führenden Handelsstadt auf. Die Viehbestände werden fast überall völlig vernichtet. Durch die Kriegskosten häufen besonders Bayern und Sachsen riesige Schuldenberge auf. Handel und Handwerk erholen sich erst nach Jahrzehnten.

7 Die Maschine des Krieges

Als der Krieg ausgebrochen ist, kann ihn niemand stoppen – nicht etwa, weil die Herrscher zu viele, sondern weil sie zu wenig Soldaten und Waffen haben. „Weil ihre Rüstung mangelhaft war, suchte jede Macht nach Verbündeten“, erklärt der englische Militärgeschichtlicher Peter H. Wilson. Die neuen Alliierten aus dem Ausland, vor allem Frankreich, halten die Kriegsmaschine mit viel Geld am Laufen, wollen dafür aber entsprechend entlohnt werden, am liebsten mit Städten oder gleich ganzen Provinzen. Bei diesem üblen Geschäft auf Kosten der Deutschen würden Friedensgespräche nur stören.

8 Der Krieg dauert 32 Jahre

Der Dreißigjährige Krieg beginnt als lose Folge einzelner regionaler Kriege mit brüchigen Friedensschlüssen. „Mit der Niederschlagung des böhmischen Aufstandes im Jahr 1620 ist er eigentlich schon zu Ende“, sagt der Historiker Georg Schmidt. „So gesehen ist der ‚große Krieg‘ eine Konstruktion.“ Doch nicht nur spätere Forscher, auch die damaligen Zeitgenossen zählen spätere Kriege mit dem ersten von 1618 einfach zusammen. Das eigentliche Ende kommt mit der Auflösung der letzten Söldnerheere im Jahr 1650. Deshalb sprechen damals viele Quellen von einem „32-jährigen Krieg“. Erst später setzt sich die runde Zahl durch.

9 Die Söldner

Im 17.Jahrhundert gibt es keine stehenden Heere wie heute die Bundeswehr. „Der Kaiser hat keine Truppen, auf die er zurückgreifen kann“, sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler („Der Dreißigjährige Krieg“) von der Humboldt-Universität. „Man wirbt diese Truppen erst an, sobald ein Krieg begonnen hat.“

10 Die Werber

Mit Pfeifen und Trommeln ziehen die Werber durch Städte und Dörfer, um Landsknechte anzuheuern. „Natürlich erhofften sich die jungen Männer irgendwo Abenteuer, Wein und Frauen“, sagt Antje Zeiger vom „Museum des Dreißigjährigen Krieges“ in Wittstock. Der Andrang ist groß: Glücksritter und Abenteurer, aber auch brotlose Tagelöhner oder entlaufene Knechte und später auch verarmte Bauern und sogar Kinder drängen in den Kriegsdienst. In der buntscheckigen Truppe gibt es kaum einheitliche Uniformen; jeder trägt das am Leibe, was er sich leisten kann oder auf dem Schlachtfeld erbeutet hat. Die Kehrseiten des wüsten Soldatenlebens sind die grassierende Trunksucht und Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis.

11 70 Reihen

Die meisten Söldner schießen mit Musketen (Vorderladern). Viele sind auch mit langen Hellebarden bewaffnet. Die Kanonen feuerten Vierzigpfünder ab. Die Schweden setzen eine neu erfundene Lederkanone ein, die sehr viel leichter ist und deshalb sogar von der Kavallerie mitgeführt werden kann. In der Schlacht stehen die Söldner anfangs in großen Blöcken von bis zu 70 Reihen hintereinander. Später werden die Einheiten kleiner und beweglicher: Eine modernisierte Strategie will den Gegner ausmanövrieren und durch Eilmärsche dort überraschen, wo er am schwächsten ist. Außerdem können flinke Truppen im Feindesland besser plündern. Wenn die Bauern die Gefahr bemerken, ist es oft schon zu spät.  

12 Die Methode Wallenstein

Der böhmische Adelige Albrecht Wallenstein wird der erste Kriegsunternehmer: Der Warlord bietet dem bedrängten Kaiser an, auf eigene Kosten ein Heer von 50.000 Mann aufzustellen. Als Gegenleistung verlangt er das Herzogtum Mecklenburg. Das Geschäft funktioniert, denn Wallenstein bezahlt seine Leute mit dem Geld und den Vorräten der protestantischen Städte und Länder, in die er sie schickt: „Je größer unsere Armee, desto mehr Geld werden wir dort eintreiben!“ Später übernimmt auch Schwedens König Gustav II. Adolf die Methode – in katholischen Gebieten. Das Konzept, so Historiker Münkler, verlängert das Leiden, weil „es den Krieg brauchte, um zu existieren“. Wallenstein selbst sagt: „Der Krieg ernährt den Krieg!“

13 Unchristlicher Fanatismus

Die Unterschiede im Glaubenseifer der Konfessionen lassen sich bei den Söldnern besonders gut beobachten. Die Heere des katholischen Feldherrn Johann T’Serclaes von Tilly ziehen stets mit Marienbildern ins Feld. Wenn Protestanten die  „Götzenbilder“ erobern, und stechen sie den Heiligen die Augen aus. Oft genug aber wechseln Söldner die Fronten, für mehr Lohn, bessere Verpflegung oder auch, weil sie in Gefangenschaft geraten sind. Dann nehmen Protestanten die Heiligen vor den Katholiken in Schutz. Nur die einfachen Leute sind bis zum Schluss der Meinung, in dem Krieg werde für Gott gegen den Teufel um das Seelenheil gekämpft.

14 Die Siege der Kaiserlichen

Der Feldherr der Katholischen Liga, Graf Tilly, und der Feldherr des Kaisers, Wallenstein, inzwischen Herzog von Friedland in Böhmen, treiben die dänisch-niedersächsische Allianz der protestantischen Fürsten Schlacht für Schlacht immer weiter nach Norden zurück. Im Mai 1629 marschieren ihre Truppen auf Jütland zu. Daraufhin verpflichtet sich König Christian IV., sich ab sofort aus dem Krieg herauszuhalten. Damit ist der Krieg für den Kaiser in Wien und die Katholische Liga des Herzogs von Bayern sowie der mächtigen Kirchenfürsten in Köln, Mainz und Trier praktisch gewonnen.  

15 Eine schicksalhafte Wende

Besonders dem Bayernherzog Maximilian ist Wallensteins wachsende Machtfülle verdächtig: Er fürchtet, der Feldherr wolle den Kaiser in Wien ab- und sich selbst auf den Thron setzen. Ferdinand II. hört auf die fatalen Einflüsterungen und entlässt seinen Feldherrn. Doch damit bewirkt er nicht Frieden sondern neuen Krieg: Gustav II. Adolf sieht die Katholische Partei ihres besten Strategen beraubt. Als er 1630 mit 14.000 Mann auf Usedom landet, schöpfen die bereits kriegsmüden Protestanten neue Hoffnung.

16 Dynastische Verwicklungen

„Der Kaiser hatte den Krieg 1629 gewonnen, und das war eine gefährliche Lage für Schweden“, erklärt Militärhistoriker Wilson. Gustav II. Adolf hat Jahre lang Feldzüge im Baltikum und in Polen geführt, um sich den lukrativen Ostseehandel zu sichern. Außerdem aber regiert in Polen der katholische Zweig der Wasa-Dynastie, der sich als rechtmäßiges Herrscherhaus Schwedens betrachtet. Österreich ist mit Polen verbündet, und nach Wilson fürchtet Gustav II. Adolf nun, „dass der Kaiser, nachdem er seine Feinde in Deutschland besiegt hat, eine Flotte bauen und zusammen mit seinen polnischen Verbündeten Schweden angreifen könnte“.

17 Die „Magdeburger Hochzeit“

Die Stadt an der Elbe ist ein wichtiger Stützpunkt der Protestanten. 1629 wird sie von kaiserlichen Truppen belagert, weil sie sich weigert, 150.000 Taler (heute 6 Mio. Euro) Tribut zu zahlen. 1630 treffen verbündete Schweden ein, doch im Mai muss die Stadt vor Tilly kapitulieren. Ein furchtbares Strafgericht setzt ein. Die Besiegten gelten als „vogelfrei“. Die Stadt wird geplündert und niedergebrannt. 20.000 der rund 35.000 Einwohner werden umgebracht, nur 450 bleiben in der zerstörten Stadt zurück. Die Sieger nennen das Massaker höhnisch „Magdeburger Hochzeit“, als erzwungene Vermählung des Kaisers mit der Jungfrau im Wappen der Stadt.

18 Der Schwedentrunk

„Den Knecht legten sie gebunden auf die Erde, streckten ihm ein Sperrholz ins Maul und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstigen Mistwassers in den Leib. Das nannten sie einen schwedischen Trunk“, schildert Grimmelshausen in seinem Klassiker „Simplicissimus“. Die Söldner wollen durch das stinkende Waterboarding Informationen über Geld- und Lebensmittelverstecke erpressen. Es ist die wirksamste Foltermethode des Krieges. Der Jauchetrunk ist keine schwedische Erfindung, doch die kaiserliche Kriegspropaganda hat es leicht, sie den Nordmännern zuzuschreiben, weil bei ihnen damals ein sehr bitterer Gesundheitstrank in Mode ist.

19 Das Comeback

Als die Schweden in Sieg zu Sieg eilen, sieht sich der Kaiser gezwungen, Wallenstein wieder als Generalissimus einzusetzen. Der geniale Stratege sammelt ein neues Heer und schafft in kurzer Zeit die Wende. Bei Nürnberg scheitern die Schweden mit einem Angriff auf Wallensteins Lager. Sie müssen abziehen und haben damit den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Die Schlacht bei Lützen endet ebenfalls ohne Sieger, doch der schwedische König wird von kaiserlichen Reitern mit mehreren Schüssen getötet. Damit haben die Protestanten ihren wichtigsten Führer verloren.

20 Wallensteins Lager

Die Städte Zirndorf, Oberasbach und Stein südlich von Nürnberg wollen das riesige Feldlager des kaiserlichen Oberbefehlshabers zum Jubiläum des Kriegsbeginns wieder „erlebbar machen“. Damals hausen in Zelten und primitiven Hütten 50.000 Landsknechte und 30.000 Begleitpersonen zusammen mit 15.000 Pferden. „Die Soldaten sind wie die Heuschrecken über die Region hergefallen“, sagt Projektleiterin Nicola Kemmer.

21 Mord für den Kaiser

1633 nimmt Wallenstein an der Oder den Anführer beim Prager Fenstersturz, Heinrich Matthias von Thun, gefangen, lässt ihn aber im Tausch gegen einige Städte in Schlesien bald wieder frei. Der Kaiser ist darüber so wütend, dass er befiehlt, den Oberbefehlshaber als Verräter „tot oder lebendig“ nach Wien zu schaffen. Alte Wallenstein-Hasser überfallen den erkrankten Feldherrn in Pilsen und stoßen den Wehrlosen mit einer Lanze nieder.

22 Vier Jahre Verhandlungen

Die Friedensverhandlungen dauern vier Jahre und sind unglaublich kompliziert, denn es treffen sich nicht Kaiser, Könige und Fürsten, sondern nur Gesandte. Allerdings mit großem Gefolge: Chronisten sehen überall Diener, Küchenpersonal, goldenes Geschirr, Tapisserien, Teppiche, aber auch Komödianten, Quacksalber und „leichtfertiges Weibsvolk“. Jeder Streitpunkt muss über reitende Boten in den Hauptstädten abgeklärt werden. In Münster tagen Spanier und Niederländer mit Vermittlern des Papstes, in Osnabrück sitzen Schweden und Dänen am Tisch. Während der Gespräche wird weitergekämpft. Trotzdem gelingt ein erstaunliches Friedenswerk: Die Konfessionen werden einander gleichgestellt, die protestantische Minderheit darf im Reichstag in Religionsfragen nicht mehr überstimmt werden, und der Besitz der kirchlichen Eigentümer wird gegenseitig anerkannt.

23 Der Preis des Friedens

Die Zeche zahlen der Kaiser und das Reich. Die katholischen und protestantischen Fürsten stärken ihre Souveränität, und der Kaiser hat fortan keine Macht mehr über sie. Die Niederlande und die Schweiz werden unabhängig. Die Franzosen sichern sich Lothringen mit Metz und Verdun sowie Teile des Elsaß, die Schweden Mecklenburg und Vorpommern. Endgültig sind die Verträge erst im Juli 1650, als sich die Parteien auch über den Abzug ihrer Truppen und eine umfassende Abrüstung einigen. Erst dann ist die Kriegsfackel erloschen. Trotzdem dauert es noch Jahre, bis die letzten plündernden Söldner als Räuber aufgehängt worden sind.

24 „Der Krieg ist meine ganze Habe“

Als der Frieden besiegt ist, läuten in Münster die Kirchenglocken, und von der Stadtmauer antworten die Kanonen. Überall im Reich leuchten Freudenfeuer auf. Aber nicht alle jubeln. In den Feldlagern sind viele Söldner und ihr Anhang bestürzt. „Ich wurde im Krieg geboren“, klagt eine junge Frau. „Ich habe kein Zuhause, kein Vaterland und keine Freunde. Der Krieg ist meine ganze Habe. Wohin soll ich jetzt gehen?“

25 Es geht nicht mehr um die Wahrheit

„Es war das große Dilemma des späten 16. und des frühen 17. Jahrhunderts, dass man bei allen Reflexionen über Glauben und Kirche die Wahrheit finden wollte“, sagt Historiker Duchhardt. „Das klammerte man im Westfälischen Frieden aus. Der Friede löst das Problem der Konfessionen dadurch, dass man nicht mehr nach der Wahrheit suchte.“

26 Zwei Garantiemächte

In Münster und Osnabrück gelingt zum ersten Mal in Europa eine Konfliktlösung durch Verhandlungen. Neu ist auch, dass sich zwei Garantiemächte bereit erklären, über den Frieden zu wachen: Frankreich und Spanien. Duchhardt: „Das war eine Art Damoklesschwert, das über den Fürsten hing, es nicht zu weit zu treiben bei Querelen mit den Nachbarn.“ Trotzdem lernen es die Europäer nicht, dauerhaft miteinander in Frieden zu leben, was dann schließlich in die großen Katastrophen des 20.Jahrhunderts führt.

27 15.000 Einwohner, 8000 Flüchtlinge

In den letzten zwei Jahrzehnten werden in deutschen und europäischen Archiven viele Hausbücher, Tagebücher und Familienchroniken entdeckt oder wiederentdeckt und wissenschaftlich ausgewertet. In den Dokumenten spiegeln sich vor allem das Alltagsleben und die Kriegserfahrungen der einfachen Leute. Durch sie werden Parallelen zur unserer Zeit besonders deutlich. So gibt es auch damals eine große Flüchtlingskrise. „Sieben Prozent der Bevölkerung in Böhmen und Österreich wurden vertrieben“, sagt der irische Historiker Brendan Simms. „Und Städte wie Ulm nahmen eine gewaltige Zahl Flüchtlinge auf. Im Jahr 1634 waren es dort 8000 Flüchtlinge bei 15.000 Einwohnern.“

28 Das Urtrauma der Deutschen

Bis zur Niederlage im Ersten Weltkrieg gilt der Dreißigjährige Krieg als das Urtrauma der Deutschen. Noch im späten 19. und frühen 20.Jahrhundert wollen, so Politologe Münkler,  „Militärstrategen unbedingt verhindern, dass wieder ein europäischer Konflikt auf deutschem Boden ausgetragen wird. Man plante also eine offensive Kriegsführung, die dann zum Schlieffen-Plan führte.“ Der preußische Generalfeldmarschall und Generalstabschef Alfred von Schlieffen entwirft 1905 den berühmten Plan eines schnellen Angriffs auf Paris durch das neutrale Belgien, um Frankreich zu besiegen, bevor im Osten die Russen angreifen konnten.

29 Parallelen zur Gegenwart

„Es gibt verblüffende Parallelen zu den Konflikten im Nahen Osten“, sagt Münkler. Auch dort gehe es seit dem „arabischen Frühling“ um innere Verfassungskonflikte, um eine religiöse Auseinandersetzung (zwischen Sunniten und Schiiten) und um die politische, wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft (Iran und Saudi-Arabien). Und, so der Politologe: „Auch dort treten Söldnerfiguren auf, die aus dem Krieg ein Geschäftsmodell machen.“ Historiker Simms meint: „Auch im Nahen Osten kämpft in einem multipolaren internationalen Umfeld eine große Anzahl von Akteuren in asymmetrischen Kriegen um die zukünftige Gestaltung von schwachen failed states.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ließ als Außenminister sogar untersuchen, welche Elemente des Westfälischen Friedens als Beispiele für eine umfassende Friedensregelung im Nahen Osten geeignet wären.

30 Gustav Adolfs Page

Anders als die Literatur zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges blenden moderne Bearbeitungen die schrecklichen Gräuel oft aus. Golo Manns „Wallenstein“ (1971) verschweigt sie nicht, geht aber nur in Kürze auf sie ein. Der Spielfilm „Gustav Adolfs Page“ (1960) mit Liselotte Pulver nach der Novelle von Conrad Ferdinand Meyer ist eine liebliche Romanze. Der TV-Klassiker „Wallenstein“ (1976) überzeugt durch unglaubliche Detailtreue. Am kompromisslosesten wird das Grauen des Krieges in der  Doku-Reihe „Die großen Schlachten“ (2006) dargestellt, so wie sie der Barockdichter Andreas Gryphius in die „Tränen des Vaterlandes“ schildert:

„Die Türme stehn in Glut, die Kirche ist umgekehret.

Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,

Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun,

Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.“



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