Kapitel 24: Das Femegericht

Mittwoch, 26. September 2012
„Ein düsterer, vierstöckiger Fachwerkbau am östlichen Ende des Dovenfleets“: Blick vom Kehrwieder auf die Butenkajen 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

Kapitel 24: Das Femegericht

 

Die Feme hatte mit dem mittelalterlichen Gericht nur den Namen gemein. Es handelte sich um ein Ganoventribunal mit eigener Strafprozessordnung, deren Sinn vor allem darin bestand, die Verfahrensregeln der Justiz zu verhöhnen. Als Gerichtsgebäude diente das ehemalige Bürgergefängnis, ein düsterer, vierstöckiger Fachwerkbau am östlichen Ende des Dovenfleets. Der Verhandlungssaal nahm die erste Etage ein. Das Mobiliar war entsprechend der selbstempfundenen Würde dieser höchsten Institution der Hamburger Unterwelt ausschließlich in den obersten Behörden der Stadt zusammengestohlen. Die prachtvoll geschnitzte Empore der Richter und Schöffen stammte aus dem Großen Sitzungssaal im soeben fertiggestellten Strafjustizgebäude vor dem Holstentor und hatte in einer dunklen Nacht unter wohlgeübten Händen rasch und unbemerkt das Gebäude gewechselt. Als König der Unterwelt pflegte Jack in einer unter ähnlichen Umständen aus dem Stadttheater am Dammtor verschwundenen Fürstenloge zu thronen. Perücken und Roben wurden bei den besten Haarkünstlern und Schneidern geklaut, denn nach alter Tradition durfte kein Teil der Ausstattung auf gesetzliche Weise erworben sein.

  Als wir eintraten, war der Sitzungssaal bereits gerammelt voll, und der Moff so dick, dass die Fliegen lieber zu Fuß gingen. Schweißgestank, Bierdunst und Tabaksqualm waberten über den Köpfen der Zuschauer wie Dampf aus den Kesseln der Hölle, und die Strahlen der riesigen, aus dem Hotel „Kronprinz“ gestohlenen Kronleuchter drangen durch die Schwaden wie mahnende Botschaften aus einer besseren Welt.

  Die Zuschauer saßen zusammengequetscht vor Tischen voller Flaschen und Krügen und schwatzten wie die Dohlen, einige waren schon ziemlich betippert. Dem kundigen Auge des Kriminalisten hätte sich ein Querschnitt durch alle Sparten des heimischen Verbrechertums geboten, es war aber kein solcher da, jedenfalls keiner aus dem Staatsdienst.

  Vorn saßen die Aristokraten der Unterwelt, die wegen ihrer Fachausbildung höchst angesehenen Schränker, die für ihre feinen Klamotten und Manieren bewunderten Falschspieler, Hochstapler und Heiratsschwindler, die verhassten Hehler oder Schwärzer mit den ganz dicken Rollen in der Hosentasche sowie die Eisenbahnräuber als die führenden Vertreter des technischen Fortschritts. Ihnen schlossen sich die Gaunerinnen und Ganoven der mittleren Kasten an: die Einbrecher, Markt-, Pferde-, Post- und Kirchendiebe, die Schautenpicker oder Ladendiebe, die Beischlafdiebinnen, die traditionsbewussten Golehopser, deren Väter einst während der Fahrt Koffer von den Reisekutschen schnitten, während die Söhne nun an Steigungen auf die Gepäckwagen der Berliner oder Hannoverschen Eisenbahn sprangen. Danach kamen die Hauseinschleicher, Taschenzieher und Beutelschneider. Harry kannte meistens die älteren, ich die jüngeren. Der Jüngste hieß Alfons, war sechzehn, Taschendieb und voll bis Oberkante Unterlippe. Er hatte den Kopf auf den Tisch gelegt und schnarchte aus Leibeskräften, was niemanden störte.

  Weiter hinten folgten die Schieber, Hehler, Linker, Täuscher, Urkunden-, Geld- und Wechselfälscher, die Fleppenmelochner oder Passfälscher sowie die Vertussmacher, die ihre Opfer mit allerlei Tricks ablenkten, damit die Komplizen ungestört zugreifen konnten. Unter diesen Spezialisten erkannte ich den schwarzborstigen Lauenburger Ludwig, der wie kein zweiter epileptische Anfälle simulierte, und den glatzköpfigen Jörg Schiefelbein, der in vornehmen Geschäften als betrunkener Käpt'n räsonnierte, während seine Kumpane die Schaufenster überholten. Auf der Galerie hockten die unehrlichen Bettler, Landstreicher, Hausierer, Kesselflicker, Scherenschleifer, Leierkastenmänner, Puppenspieler und Affenführer, die bei ihrem täglichen Gang durch die Straßen die Brüche ausbaldowerten und die Türen zinkten, kurz: es war alles vertreten, was Hamburgs Halb- und Unterwelt zu bieten hatte, sogar die seltenen Spezies der Testamentsfälscher, Kleiderfetischisten, Paletotmarder, Spiritisten und Magnetiseure.

  Ich sah viele Hafenratten, für die das Urteil natürlich längst fest stand, und noch mehr Brookboys. Auch ein paar Likedeeler waren gekommen. Es ging demokratisch zu, alle soffen ohne Standesunterschiede aus gleichen Bier- und Kömflaschen.

  Femegraf war in diesen Jahren der den Behörden so wohlbekannte wie unliebsame Bestattungsunternehmer Johann Ährlich, genannt „Ährlicher Hans“, der außerdem am Spielbudenplatz ein „Actions-Theater“ mit dem vielversprechenden Namen „Sieben Sünden Sodoms“ betrieb. Er war so lang, dass er den Mond an den Rippen kitzeln konnte, und dünn wie ein gespaltener Zahnstocher, hatte schlohweißes Haar, trug einen Zylinder auf dem viel zu kleinen, kugelrunden Kopf und am Leib meist einen Cutaway und Ofenpfeifenhosen. Seine wie Fragezeichen geformten Augenbrauen und das spitze Mündchen verliehen seinem Wieselgesicht den Eindruck eines ständigen dummen Staunens, dabei war er in St. Paulis Pepermölenbek mit dem wirksamsten Wasser der Verbrecherwelt getauft. Am Anfang seiner Ganovenkarriere hatte er Todesanzeigen ausgeschnitten, nachts im Haus der Verstorbenen gespukt und anderntags den erschrockenen Hinterbliebenen in exotischer Gewandung als Geisterbeschwörer das Geld abgenommen. Das hatte er nun aber schon lange nicht mehr nötig, denn erstens ließ sich jeder Gauner, der etwas von sich hielt, nur und ausschließlich vom Ährlichen Hans unter die Erde bringen, und zweitens lief sein Sünden-Sodom wie geschmiert, obwohl die Sitte dort besonders häufig kontrollierte. Das Programm bot Schleiertänze, Gassenhauer und schweinische Witze, doch die beliebteste Nummer hieß „Faust in dreißig Minuten“. Den Text hatte der Ährliche Hans höchstselbst aus den unsterblichen Versen des Dichterfürsten zusammengekliert und in die Gaunersprache übertragen. Der Höhepunkt war erreicht, wenn die entfesselten Zuschauer die Gefängnisszene am Schluss mit dem Ruf „Heiroden, Heiroden!“ unterbrachen, worauf Gretchen nicht mehr Goethe, sondern dem Gebrüll gehorchte und Heinrich die Hand zum Ehebund reichte. Danach animierten zahlreiche nicht nur des Walzers willige Miet-Tänzerinnen, als Zigarettenverkäuferinnen getarnte Nymphchen und kurzberockte Chansonetten die bunte Kundschaft.  

  Als Justizdiener kündigte der ehemalige Preisboxer Wacko Brett das hohe Gericht an, nicht, weil er etwas von diesem ehrenwerten Servantenberuf verstanden hätte, sondern wegen seiner unbestrittenen Fähigkeit, selbst mit dem wüstesten, undiszipliniertesten und gefährlichsten Haufen fertig zu werden. Er hieß bürgerlich Waldemar Brettschneider und war der Sohn eines Hufschmieds aus dem Hannoverschen. Eine Zigeunerin hatte seinen Eltern geweissagt, sie würden einen Leviathan zum Sohn bekommen, wie er in der Bibel stehe, und er werde auch als ein solcher sterben, wie es nicht in der Bibel steht. Und Wacko war tatsächlich ein Leviathan, aber nicht einer, den Gott schuf, um mit ihm zu spielen, sondern einer, den der Teufel abrichtete, auf ihm zu reiten. Als Vierzehnjähriger schon groß und stark, war Wacko mit einem Zirkus davongelaufen, aus Bewunderung für einen berühmten Hantelschwinger und Kettensprenger, wie man sich erzählte. In Berlin hatte der Knabe das Boxen gelernt, und danach viele Jahre lang auf niederdeutschen Jahrmärkten und Rummelplätzen so manchen Provinz-Ajax auf die Tennenbretter gehauen. Eines Tages aber schlug er wegen einer drallen Kuhmagd den Sohn des Bürgermeisters ohne Ring und Regeln tot und flüchtete wie so viele andere Übeltäter nach Hamburg, wo sich Spuren stets besonders leicht verlieren. Bei den Brookboys fanden Wackos Fähigkeiten rasch Anklang, er war der Goliath der Unterwelt und hat später auch seinen David gefunden. Er hatte eine Glatze, zahllose Tätowierungen, einen Falstaffbauch, Fäuste wie Schmiedehämmer, Schuhe wie Elbkähne und eine Fistelstimme.

   Ich kam ein paar Minuten, bevor die Verhandlung begann. Jack war gar nicht da, obwohl er doch versprochen hatte, die Sache zu regeln. Er hatte, wie ich später erfuhr, nicht daran gedacht, dass Senator Hartestraats Gattin an diesem Abend ihren Geburtstag feierte, und dazu Hamburgs komplette High Society eingeladen hatte, und da musste er mit Nell antanzen und konnte sich unmöglich verdünnisieren, also schickte er Wandrahm-Willy, doch der gute Willy...

  Aber der Reihe nach. Zuerst ließ Wacko sein Kastratenorgan ertönen: „Aufstehen, ihr Himmelhunde! Ab sofort ist plombierte Schnauze!“ Gehorsam erhoben sich alle. Dann führte der Ährliche Hans den Einzug der unterweltlichen Rechtsfindung an. Er trug einen roten Umhang aus irgendeiner billigen Theaterklamotte über die spanische Inquisition, ebenfalls protokollgerecht geklaut, aus der Requisite der Staatsoper am Dammtor. Als er mich unter den Zuschauern entdeckte, machte er sich noch etwas kerzengerader. Die sechs Schöffen erschienen in der Traditionskleidung ihrer Berufe: ein Räuber mit Schlapphut im schwarzen Mantel, ein Schränker in blauer Schlosserkluft, ein Louis im gestreiften Anzug, ein zerlumpter Bettler am Stecken, ein Kirchendieb im abgewetzten Talar und eine Dirne in roter Korsage; ihr weißer Busen quoll aus der Fischbeinkonstruktion wie kochende Milch aus dem Topf.

  „Die Feme gegen Johannes Mott, genannt Kehrwieder-Johnny!“ fistelte der ehemalige Berufsboxer.

  Ährlich trug seinen Bohnenstangenleib samt Murmelkopf hinter den massiven Richtertisch und ließ sich rülpsend in der Mitte nieder, denn er pflegte, auch wenn man es ihm unmöglich ansehen konnte, sehr, aber sehr reichlich zur Nacht zu speisen, wurde dabei aber keinen Zentimeter dicker, er muss einen Bandwurm gehabt haben, so lang wie ein Brunnenseil. Den schwarzen Aaltopp behielt er auf dem Kopf, ich hab’ ihn nie ohne dieses Stück Ofenrohr gesehen. Die Schöffen lümmelten sich zu seinen Seiten wie zu einem unheiligen Abendmahl und zischten sich erst einmal eins aus den bereitgestellten Humpen.

  An der Stirnwand prangten die von den farbenfröhlichen Kulissenmalern einschlägiger Etablissements in St. Pauli porträtierten Heroen der Hamburger Ganovenzunft, in der Mitte natürlich Störtebeker mit seinem roten Bart aus jener Zeit, in der man Seeräuber schockweise zu enthaupten pflegte. Neben ihm hing der im Jahr 1349 geköpfte Raubritter Johann von Hummelsbüttel als Urahn aller Straßenräuber an Alster und Elbe. Dann kam Grete „die Jobische“, die im Jahr 1575 den Henker mit einem schrecklichen Fluch so aus der Fassung brachte, dass er ihren Nacken zweimal verfehlte, was sie zwar nicht vor dem Tode errettete, aber unsterblich machte. Dann die berühmte Dappelschickse Wiebke Sophie Meyers mit dem Ehrennamen „Falsette“, die selbst die erfahrensten Rechtsanwälte betrog und es schaffte, einen Lübecker Patriziersohn zu heiraten, obwohl sie damals bereits das Rostocker Brandzeichen auf dem Rücken trug. Der Rittmeister Johann Andreas Sonnenbach, der anno 1683 wegen Bigamie den Kopf verlor, aber die Nerven hatte, mit einem Lorbeerkranz auf das Schafott zu steigen. Dann Nicol List, der König der Kirchendiebe, der 1698 den Silberschatz aus dem Hamburger Dom stahl, und sein Kumpan Jonas Meyer, der bei seiner Hinrichtung in Celle Gott so lästerlich schmähte, dass der Rat den Gehenkten vom Galgen nehmen, ihm die Zunge ausreißen und ihn ein zweites Mal, nun neben einem Hunde, aufbaumeln ließ. Sogar ein Ratsherr hing dort, der ehrenwerte Amandus August Abendroth, der anno 1807 den Liebeskauf legalisierte und Hamburgs Dirnen in drei Klassen einteilte: die ambulanten Kurtisanen um den Concerthof, die Gassennymphen in den Gängevierteln und die Buhlschwestern am Hamburger Berg. Hoffentlich haben er und seine Familie von dieser zweifelhaften Ehrung niemals erfahren.

  Ein Ölschinken an der Wand gegenüber porträtierte einen Cäsaren im Lorbeerkranz; es war, wie ich später herausfand, der hochverehrte Kaiser Commodus: Dank seiner speziellen Auslegung der Strafprozessordnung konnte ein Verbrecher im alten Rom für eine erkleckliche Einzahlung in Kaisers Kasse nicht nur sein gesetzmäßiges Urteil umstoßen, sondern auch den Ankläger, die Zeugen und sogar den Richter zu jeder Strafe verdammen lassen, die ihm gefiel. Das machte den Kaiser zu einem Heros der Unterwelt.

  „Den Ursch hoch!“ rief der ehemalige Preisboxer. „Vater unser!“

  Alle standen auf und murmelten das bekannte Ganovengebet:

  „Vater unser im Himmel,

  Geheiligt sei unser Name.

  Unser Reich komme.

  Unser Wille geschehe,

  Wie im Leben so im Sterben.

  Unsern täglichen Schnaps gib uns heute,

  Und bezahle unsre Schuld,

  Wie wir nicht vergeben unsern Schuldigern.

  Und führ’ uns nicht zur Untersuchung,

  Sondern erlöse uns von den Blauen.

  Denn dein ist die Nacht und der Knast und die Haltbarkeit

  Von Schloß und Riegel Amen.“

  Die Anklagebank ersetzte ein rot angestrichener Schemel. Auf der Sitzfläche lag  nicht, wie bei einem richtigen Femegericht, Schwert und Strick als Zeichen der vom Kaiser übertragenen Blutgerichtsbarkeit, sondern die für unsere Kreise passendere tote Krähe mit den ausgehackten Augen.

  Die Anklage vertrat der fünfzehn Jahre zuvor wegen chronischen Parteiverrats, Blasphemie, Trunksucht und Veruntreuung von Waisengeldern von der Hamburger Anwaltskammer ausgespuckte Ex-Advokat Alfred Türkenvogel, Rüben-Ali genannt, weil er grundsätzlich die Todesstrafe beantragte. Aus dem bürgerlichen Leben waren ihm ein durch nichts begründeter Hochmut und eine Vorliebe für liederliche Frauenzimmer geblieben. Auf ihn passte, was Hebbel von einem der saftigen Kerls in der „Agnes Bernauerin“ sagen lässt: dass er des Morgens stets benebelt aufzustehen und sich erst nach und nach Verstand anzutrinken pflegte. Auf Türkenvogels Barackengesicht blühten Furunkel wie Krokusse auf einer Frühlingswiese.

  Als Pflichtverteidiger war der durch Schnaps und schlechte Bekanntschaften auf den Hund gekommene Jurastudent Heribert Schülpnagel zwangsverpflichtet worden, der auf diese Weise seine Saufschulden aus einer benachbarten Destille abtragen sollte. Sein Erbe hatte er bereits erfolgreich verbumfiedelt. Er war ein verschmudderter Jüngling mit fahlblondem Haar, das ihm als sogenannte Doofheitsgardine auf die Nasenspitze fiel. Am Kinn hing ihm der typische Ziegenfussel der Schwachbärte, Eisenbahnerbart sagten wir dazu, jede Station ein Haar, bis die Züge entgleisen. Seine Gesichtsfarbe war ungefähr so gesund wie die einer Wasserleiche, eine dicker Brille funkelte über den ständig tränenden Augen, und auf dem dünnen Brustkorb hing das letzte Hemd, Modell Archibald Douglas, „Ich hab’ es getragen sieben Jahr“. Er war immer dann besonders durstig, wenn er gerade ein Buch über die schädlichen Folgen des Alkohols las, denn der Teufel piesackt stets die am schlimmsten, die sich bessern wollen. Er wollte, wenn er groß war, erklärtermaßen Winkeladvokat werden, oder Dählenlöper, wie sie bei uns hießen, und Witwen und Waisen nach besten Kräften um ihr Erbe bringen.

  Als Rüben-Ali aufstand, wurde es laut. Die Anklage lautete auf „gemeinen habgierigen Mord zum Nachteil des höchst ehrenwerten Relf Friesen in Ausübung seiner durch Brookgesetz geregelten Pflichten als Beutegänger am Binnenhafen.“

  Beifall brandete auf. „Bravo, Pickelfresse!“

  Die Ganoven aus meiner Zunft warfen mir betretene Blicke zu.

  Die drei Brüder des angeblichen Mordopfers beantragten ihre Zulassung als Nebenkläger. Das Gericht gab dem Ersuchen einstimmig statt, und die Herren nahmen Platz. Sie hießen Ralf, Rolf und Rollo. Ihr Vater, ein im Fusel untergegangener Fischerknecht aus dem Amt Ritzebüttel, hatte bei der Benennung seiner Söhne wenig Phantasie entwickelt.

  Als „einziger Augenzeuge“ trat der Pelikan auf. Gerechte Empörung ließ seinen Kehlsack zucken: Statt Relf die Seekiste mit dem Opium zu überlassen, habe der Täter ohne jede Vorwarnung zugestochen und danach auch ihn, den Zeugen, bedroht.

  „Schurkerei!“ schrien die Hafenratten.

  Schülpnagel erhob sich schwankend, seine anwaltlichen Pflichten wahrzunehmen. Ob der Angeklagte vielleicht irrtümlich gehandelt habe? Wütende Proteste im Publikum: Bei dem Verteidiger höre man ja das Brett klappern, das Hafengesetz sei in diesem Punkt eindeutig.

  „Was nachts im Wasser treibt, Mensch oder nicht, sei des Finders oder des Teufels!“ zitierte der Vertreter der Anklage mit lehrhaft erhobenem Zeigefinger und von tiefem Gerechtigkeitsgefühl getragener Stimme.

  „Des Finders oder des Teufels!“ echoten die Hafenratten in blutrünstiger Einmütigkeit.

  „Keine weiteren Fragen“, sagte der blutarme Bursche und sackte, lange vor der Zeit und weit vor seinem juristischen Ziel erschöpft, auf seinen Stuhl.

  Darauf erst recht helle Empörung im Publikum: „Will der gleich abbuttern?“ - „Faulsack!“ – „Schwanzmacher!“ – „Piesepampel!“

  „Tut mir leid“, krächzte der erschlaffte Verteidiger. „Hab’ heut so ’n trockenen Hals!“

  Der Ährliche Hans gab Wacko Brett einen Wink, und der Drei-Zentner-Koloß knallte vor Schülpnagel eine Flasche Korn auf den Tisch. Der „Philosuff“ riss den Korken heraus, trank in durstigen Zügen, strich sich den Ziegenbart und rief mit hörbar verjüngtem Eifer: „Der Grundsatz ‚in dubio pro diabolo’ gilt erst seit Gründung der Innung Ehrbarer Fledderer, bei welcher mein Mandant sich aber bereits außer Landes befand.“

  „Nichtwissen schützt vor Strafe nicht!“ brüllte es aus der begeisterten Menge, und einige wiederholten noch mehrere Male genussvoll den Satz, der vor der echten Justitia so oft ihre Verteidigungsstrategie durchkreuzte.

  Das war also erst mal nichts, und Schülpnagel raschelte angestrengt verteidigend in seinen drei Papieren.

  „Hat die Verteidigung noch eine Frage an den Zeugen?“ fragte der Ährliche Hans, dessen Verhandlungsführung stets nur dem Bestreben galt, das Publikum bei Laune zu halten.

  „Im Augenblick nicht“, erwiderte der Studiosus nervös. Er hatte sich mal wieder nicht vorbereitet und fand sich in dem Gewölle halb verdauter Fakten ohne Hilfe so wenig zurecht wie Theseus ohne den Ariadnefaden.

  Das Gemurre und Geknurre unter den Zuschauern schwoll bedenklich an. „Hanswurst!“ – „Hohlkopf!“ -  „Haubentaucher!“

  „Ich wäre ausnahmsweise bereit, noch eine letzte Frage zu gestatten“, suchte der Vorsitzende zu helfen und nickte, sich selber zustimmend, so heftig, dass der Zylinder auf dem kleinen Kugelkopf in bedrohliche Schieflage geriet.

  Der Verteidiger rang noch nach einer Antwort, da hatte Wacko ihn schon am Schlafittchen und schüttelte ihn wie ein Terrier eine Ratte: „Los, Frage gestattet!“ fistelte er.

  „Ja ja, schon gut“, ächzte der Studiosus, riss sich zusammen und fragte stieren Blickes: „Ist es korrekt, dass die Kiste sich zur Tatzeit noch in den Händen des vorherigen rechtmäßigen Besitzers befand?“

  „Pfeifendeckel!“ kreischte der Pelikan erbittert. „Er hatte sie ja gerade von sich geschleudert!“

  Ja, um sich den Roten mit seinem Messer vom Leib zu halten, dachte ich wütend, und wollte protestieren, und einige meiner Bekannten schienen mich nun mit Blicken zu ermuntern, aber meine Nachbarn raunten mir zu: „Lass dich man gaanich auf die ollen Tünbüdel ein!“

  Der nach seiner vorzeitigen Strandung mit Fusel wieder flottgemachte Verteidiger nahm Fahrt auf. „Konnte der Zeuge feststellen, ob die Kiste geschlossen oder geöffnet war?“

  „Wenn sie offen ist, säuft sie doch ab, du Mallbüdel!“ antwortete der Zeuge erbost und rieb sich den schon heftig geröteten Kehlsack.

  „Doodenordeel! Doodenordeeel!“ brüllten seine Genossen.

  „Ruhe!“ rief der Vorsitzende und ließ krachend den Schlegel niedersausen. „Das Todesurteil hat der respektable Herr Schöffe! Äh, das Wort hat er, natürlich!“

  Der Schränker neben ihm räusperte sich verblüfft. Er hieß Günter Kallmorgen, sah aus wie Gicht und Galle, krumm, gelb  und bösartig, galt auch nicht gerade als eine Zierde seiner angesehenen Gilde, denn er wagte sich weder in Kontore noch gar Banken, sondern stahl lieber alten Omas die Ersparnisse aus der Keksdose, war auch gar kein ehrbarer gelernter Schlosser, sondern angeblich ein früherer Schiffsingenieur aus Bremerhaven, wo er mit der Kasse des Zahlmeisters durchgebrannt war, und außerdem zur Stunde pudelhageldicke voll, besoffen wie ein Chausseesteinklopfer.

  „Der respektable Herr Schöffe!“ wiederholte der Ährliche Hans, und Wacko machte sich auf den Weg, auch den Mann im Schlosseranzug tüchtig durchzuschütteln. Kallmorgen glotzte glasig in die Runde, er hatte eigentlich gar nichts sagen wollen, ihm war ein Rülpser entfahren, den der Vorsitzende als Wortmeldung missdeutet hatte.

  Bevor sich der Schandschränker auf die Lage einstellen konnte, hatte Wacko ihn schon am Wickel. „Los, du Dachlukengespenst!“ rief er an und zerrte den Widerstrebenden auf die Beine. „Der respektable Herr Schöffe!“

  Kallmorgen ließ den nächsten Magengruß erschallen. Beifall, Gejohle und Zurufe: „Hört, Hört!“ scholl es aus dem Saal. „Endlich mal was mit Inhalt!“ - „Das erste vernünftige Wort, das ich höre!“ - „Der kippt ja gleich aus den Pantinen!“

  Der Vorsitzende gab seinem faustgewaltigen Gerichtsdiener aufgeregt Zeichen, doch Wacko verstand nicht, bis ihn denn der Ährliche Hans notgedrungen mit leisen Worten darauf hinwies, dass Schöffen sich zum Reden nicht zu erheben bräuchten.

  „Ach so“, sagte der ehemalige Berufsboxer ohne die geringste Verlegenheit, öffnete die Pranke, und sein Opfer sank wie ein nasser Sack auf den Stuhl zurück.

  „Pardon, Herr Schöffe“, flötete Wacko. „Jetzt aber das Maul auf, du Pfützenschlürfer!“

  „Die Sache ist klar“, lallte Kallmorgen, der lieber seinen Molum ausgeschlafen hätte. „Kisten gehört immer dem, der sie knackt, so steht's im Schränkergesetz.“ Sprach’s und spie hinter dem Richtertisch auf den Boden.

  „Kokolores!“ schrie der furunkulöse Anklagevertreter ohne jede Rücksicht auf die Würde des Gerichts. „Schmeißt die alte Matschblöke raus!“

  Sogleich brach der wildeste Tumult aus, alles schrie, grölte und lachte durcheinander.

  Der Ährliche Hans drosch wie ein Berserker auf die massive Tischplatte ein. „Ruhe im Gerichtssaal!“ kreischte er. „Holl ür Plappermuul!“

  „Und der Inhalt einer Kiste gehört immer dem, der ihn rausnimmt, ihr Kamuffel“, spottete der Louis in seinem gestreiften Anzug; es war der „treue Theodor“, ein hageres, gemein aussehendes Kerlchen mit einem streichholzdünnem Menjou auf der Oberlippe, eine echte Thersites-Natur, feige wie eine Pappel, aber frech wie ein Spitz. Er stammte aus Vegesack, hatte seine Karriere als Ladenschwengel begonnen und verdankte seinen Öckelnamen der Tatsache, dass er seine heiratswillige Braut nach Hamburg entführt und dort an den fetten Lando verkauft hatte. Geheiratet hatte sie ihn dann aber trotzdem, obwohl er eine Zeitlang versuchte, sie mit Steinwürfen zu vertreiben. Wahre Liebe.

  „Halt die Futterklapp, du Schieteimer!“ rief Wacko mit geballter Riesenfaust. „Ich sag's dir, wenn du's aufmachen sollst!“

  Wandrahm-Willy lümmelte in Jacks Loge, schaute sich diese Farce von einem Femegericht in aller Seelenruhe an und schielte nur ab und zu mir herüber.

  „Sind die Besitzverhältnisse überhaupt geklärt?“ erkundigte sich der als Schöffe vereidigte Kirchendieb, ein von Stormarn bis Steinburg berüchtigter Opferstockmarder. Er hieß Harm Kuchenbäcker und hatte als Küster in Kasseburg demütig den Buckel krumm gemacht, bis herauskam, dass er von jeder Kollekte klammheimlich den Zehnten nahm. „Der Täter könnte die Kiste ja auch gestohlen haben.“

  So ist es recht, dachte ich empört, jetzt soll es nicht mal mehr Onkel Johnnys eigene Seekiste gewesen sein!

  „Schuldig ohne mildernde Umstände“, trompetete der sogenannte Anklagevertreter mit dem Krokusgesicht.

  „Ohne mildernde Umstände!“ echote die Menge erwartungsvoll.

  „Wieso eigentlich?“ meldete sich im schönsten Zigarrenbass die aufgetakelte Dicke in der zerfledderten Korsage. Sie hieß Erna Schmeer und stammte aus Husum. Einst Hamburgs Rotlicht-Queen für Liebhaber von Riesinnen, hatte die alte Dabbelschickse ihre kraftstrotzende Friesenfigur längst der Schwerkraft geopfert und sich mit ihrer täglichen Ration Köm auch schon das halbe Hirn durch den Hals gejubelt. Ihrer Passion blieb sie treu nach dem bereits von unserem großen Altonaer Dichter Hans Henny Jahnn zitierten Motto „Schönheit vergeht, Schminke besteht“. Immerhin hatte sie einmal einen Ehemann, der so eifersüchtig war wie ein Wiesel, mit einer
Falschaussage ins Gefängnis gebracht, um endlich wieder ungestört ihrem Beruf nachgehen zu können.

  „Wieso was?“ fragte der Ährliche Hans und spitzte staunend das Mündchen.

  Die fette Erna goss sich einen hinter das wuchernde Dekollete. „Wieso? Nun denn, wieso nicht!“ sagte sie dickpamsig, unterdrückte ein Aufstoßen und hielt sich geziert den weißen Handschuh vor die gewaltig geschminkten Lippen; es sah aus, als greife ein Bäcker nach zwei Blutwürsten. Die fleischigen Oberarme zeigten zahlreiche Spuren von Bettrosinen, so hießen bei uns die Wanzen.

  „Was wieso!“ schnaubte Ex-Boxer Wacko und näherte sich ihr wie Ajax den Schafen vor Troja. „Ich reiß dir gleich die Locken von der Glatze, du alter Schmodderwal!“

  „Wage es nicht, du Rabe!“ erwiderte Erna zum Entzücken des Publikums im gezierten Kammerton und hob den fetten Arm, um die billige Perücke festzuhalten. „Ich komme frisch vom Coiffeur.“

  Grölendes Gelächter. „So siehst du aus, mit deiner Barmbeker Polka-Locke, du Schnepfenhirn!“  quäkte Wacko gutgelaunt. „Pinkel dir man nich auf'n Hut!“

  „Die respektable Frau Schöffin möge sich gefälligst erklären!“ sagte der Vorsitzende streng.

  „Ich?“ staunte die alte Giftbüchse. „Wieso denn ich, du alter Kuppelpelz?“

  „Wieso nicht?“ antwortete jubelnd der Saal.

  „Los!“ rief Wacko. „Erklärung gefällig, oder soll ich dir erst eine lackieren?“

  „Du Pinsel!“ erwiderte die respektable Schöffin. „Wieso eigentlich?“

  „Wieso was?“ fragte der Ährliche Hans noch einmal, verärgert und doch immer wieder zum Zuschnappen bereit wie ein Terrier, den Kinder mit einem Wurstzipfel necken.

  „Wieso eigentlich schuldig, ihr Sottjes? Wenn die Kiste geklaut war, kann sie ja doch wohl nicht noch mal geklaut werden“, sagte sie in der dem Milieu eigenen Logik.  „Einmal geklaut reicht doch, und geklaut ist geklaut.“

  „Hehe!“ meckerte der Bettlerschöffe, der gleichfalls stadtbekannte Fechtbruder Jasper Jedenfall, ein schon betagter, mickriger, zerknitterter und fast kahlköpfiger Pflasterhocker mit einem Haifischmaul, aber nur noch ganz wenigen Zähnen in den Kiemen. „Das schwatzt wie eine eine Dohle! Du alte Schlunze glaubst wohl auch, dass deine Sachtegänger den Zaster mit ehrlicher Arbeit verdienen, den du ihnen abnimmst?“

  „Denk ich“, röhrte Elefanten-Erna aus der Tiefe ihrer ungebohnerten Seele, „Schnorrer wie dich lass ich ja nicht bei!“

  Allgemeines Gelächter. „Ruhe!“ rief der Ährliche Hans. „Ruhe, ihr Bagauten, sonst...!“ Ein Poltern ließ ihn verstummen. Der Jungtaschendieb Alfons war vom Stuhl gefallen. Zwei kräftige Kerle schleppten ihn an die Luft.

  Wandrahm-Willy hatte da schon ein paar Mal seine Taschenuhr gezogen, er schien ungeduldig auf das Ende der Veranstaltung zu warten.

  „Geklautes Gut kann nicht geklaut werden“, meldete sich der studentische Verteidiger und setzte triumphierend die Kornbuddel an.

  Das wurde den brüderlichen Rächern zuviel. „Halt dein Maul, du Finkelabwokat!“ schrie Ralf Friesen, der älteste der drei, und zog das Messer. „Ich stech dich ab!“

  Wie der Blitz war Wacko hinter ihm und drückte ihn wieder auf seinen Stuhl. „Jetzt noch nicht, du Arsback! Erst nach dem Urteil!“

  „Hier geht's nicht um Diebstahl, hier geht's um Mord!“ fauchte der Anklagevertreter. „Um heimtückischen Mord aus niedrigen Beweggründen!“

  „Ganz recht!“ riefen die rothaarigen Brüder im Chor.

  „Ihr seid wohl plemm plemm!“ hielt der Studiosus dagegen, der sich keineswegs von seiner Strategie abbringen lassen wollte. „Wo wäre denn dann das Motiv?“

  „Was Motiv!“ brüllte Ralf Friesen erbittert. „So 'n Kram brauchen wir nicht, du Puper!“

  So ging es eine ganze Weile weiter. Wenn ich nicht so verärgert gewesen wäre, hätte ich lachen müssen.

  „Ohne Motiv kein Mord“, deklamierte der anwaltlich wieder hochmotivierte Schülpnagel wie ex cathedra, „und das bedeutet um Umkehrschluss: Kein Mord ohne Motiv!“

  „Das eine ist so falsch wie das andere!“ giftete der todesurteilsüchtige Rüben-Ali.

  „Verleumdung!“ tobte Relf. „Wir lassen unseren Bruder hier nicht ins Salz hauen!“

  Wandrahm-Willy griente, es war wirklich nicht zu glauben, was für ein Stuss hier geredet wurde. Die beiden Samariter, die meinen jungen Kollegen hinausgeschleppt hatten, kehrten zurück und flezten sich wieder auf ihre Stühle.

  „Im Gegentum, Herr Collega“, versetzte der Verteidiger  mit blasiertem Lächeln. „Der ehrenwerte Relf Friesen hatte überhaupt kein Motiv, meinen Mandanten zu behelligen!“

  Die drei Roten fuhren wie ein Mann in die Höhe. „Du hast dir wohl den Großmast abgesegelt!“ donnerte Ralf Friesen in den Saal. „Relf hatte sehr wohl ein Motiv, die Kiste gehörte ja ihm! Hundsfott!“

  „Jawohl!“ pflichteten ihm seine Brüder bei. „Was nachts im Wasser treibt, Mensch oder nicht...“

  „Des Finders oder des Teufels!“ übertönte sie der Chor der Hafenratten.

  Der Anklagevertreter erhob sich. „Ich habe eine Erklärung abzugeben.“

  Pfiffe und Gejohle. Einer der beiden Samariter sprang auf. „Meine Putte ist weg!“

  Sein Freund klopfte an seine Tasche. „Meine auch!“

  Lachen und Jubel im Publikum, und die beiden stürzten hinaus. Ja, Alfons war schon ein ganz Durchtriebener, er hätte den Aposteln in St. Petri die Heiligenscheine geklaut, wäre er nicht so gottesfürchtig gewesen.

  Der Ährliche Hans ließ seinen Bierschlegel tanzen. „Ruhe!“

  Rüben-Ali gab seinem Furunkelgesicht einen Ausdruck angestrengter Geduld, bis es allmählich still wurde. Dann räusperte er sich, blickte bedeutsam in die Runde und erklärte: „Ich plädiere auf Todesstrafe!“

  „Doodenordeel! Doodenordeel!“ brüllten die Hafenratten begeistert.

  Der Ährliche Hans, offenbar in Jacks Sinn präpariert, schielte zu Wandrahm-Willy, der kopfschüttelnd zur Decke blickte, ganz wie ein Generaldirektor, der ausdrücken möchte, dass er wieder mal nur von Idioten umgeben sei.

  „Da siehst du's“, raunte mein Nachbar mir zu, „alles Komödie.“

  „Abgelehnt“, sagte der Vorsitzende und schneuzte sich in seinen Blutrichterumhang.

  „Frechheit!“ brüllte der Anklagevertreter. „Ich verlange ein gesetzliches Verfahren!“

  „Doodenordeel! Doodenpordeel!“ skandierten die Hafenratten.

  Willy winkte Wacko zu sich heran und sagte einige Worte. Der Riese nickte, ging zum Richtertisch, nahm dem Ährlichen Hans den Bierschlegel aus der Hand, ließ ihn auf die Bohlen krachen und schrie im Diskant: „Ruhe! Alle halten das Maul! Die Beweisaufnahme wird fortgesetzt!“

  „Beweisaufnahme?“ wunderte sich der Herr Anklagevertreter. „Ach so.“ Unzufrieden setzte er sich wieder.

  „Wen haben wir denn noch?“ fragte der Ährliche Hans.

  „Den Udel! Den Udel!“ brüllten nun alle begeistert. 

  „Der Zeuge der Verteidigung!“ rief der versoffene Jurastudent in den Saal. „Ich rufe Constabler Karl Möller.“

  Jubelnde Zustimmung. Der korrupte Constabler wurde regelmäßig zu jeder Femegerichtssitzung vorgeladen, als Zeuge, oder als Sachverständiger, auch wenn er mit der Sache nicht das Geringste zu tun hatte, denn für die Ganoven gab es keine größere Freude, als in ihrem Justizzirkus einen echten Gesetzeshüter auftreten zu sehen. Es hatte sich sogar ein gewisses Ritual entwickelt. Schon beim Eintreten empfing den Constabler erwartungsvolles Gejohle.

  „Name?“ fragte der Ährliche Hans.

  „Möller“, antwortete der Constabler ungehalten, da er wieder einmal den Hanf zu seinem eigenen Strick hergeben sollte. „Ich denke doch, man kennt mich hier!“

  Noch lauteres Gejohle und weitere Heiterkeitsausbrüche im Publikum.

  „Bitte antworten Sie nur auf meine Fragen“, mahnte der Richter. „Vorname?“

  Der Constabler wurde sauer. „Karl. Muss das denn wirklich sein?“

  Die Zuhörer glucksten voller Vorfreude, und der Ährliche Hans enttäuschte sie nicht: „Ich ersuche den Zeugen, sich an die Prozessordnung zu halten. Bitte sämtliche Vornamen, so wie sie auf dem Taufschein stehen!“

  „Carolus Childerich Kreuzwendedich!“ schrie Möller, nicht nur über die freche Bande erbost, sondern auch über seinen Erzeuger, einen Dorfpfarrer mit besonderer Vorliebe für altfränkische Missionsgeschichte.

  Brüllendes Gelächter. Der Vorsitzende hob wieder den Bierschlegel und drosch auf den Tisch. „Ruhe, sonst lasse ich den Saal lüften!“ Noch mehr Gelächter, Gepfeife und Gejohle.

  Als er sich wieder verständlich machen konnte, sagte der Ährliche Hans, durch die Erscheinung des Polizisten noch mehr auf die Einhaltung prozessualer Formen bedacht: „Herr Verteidiger, Ihr Zeuge!“

  Der Herr Verteidiger Schülpnagel hing so an seiner Flasche, dass er wieder mal gar nicht mitbekam, dass er an der Reihe war. Wacko Brett machte große Schritte, und ich fürchtete schon, er werde dem Suffkopp gleich über den Schädel hauen, aber der Hüne nahm dem Studiosus die Buddel nur so sanft ab wie einem Baby das Fläschchen, wusste also offenbar ebenfalls, dass die Angelegenheit in Jacks Sinn zu regeln war. Er legte sogar einen seiner muskelbepackten Arme um den Jüngling, um ihn zu stützen. Schülpnagel glotzte in die Runde, bewegte ein paar Mal vergeblich die Lippen und brachte dann endlich die Frage heraus, die Wandrahm-Willy ihm zuvor mühsam eingetrichtert hatte: „Können Sie bezeugen, Herr Constabler, dass der Angeklagte vor zwanzig Jahren einen Polizeibeamten, Ihren Amtskollegen Flint, umgebracht hat?“

  Achtungsvolles Raunen im Publikum, denn das war natürlich der perfekte Entlastungsgrund. Einen Polizistenmörder konnte kein Unterweltsgericht verurteilten. Viele Jüngere hatten die Geschichte noch nie gehört. Die drei rothaarigen Brüder des Toten sprangen auf und fuchtelten mit ihren Messern.

  „Einspruch!“ schrie Rüben-Ali. „Hat mit der Sache nichts zu tun!“

  „Abgelehnt!“ forderten die Zuhörer neugierig.

  Willy gab dem Ährlichen Hans einen Wink. Wieder sauste der Bierschlegel nieder. „Einspruch abgelehnt!“

  „Das geht in die Revision!“ giftete der Anklagevertreter.

  „Revision abgelehnt!“ schrie der Ährliche Hans.

  Einige Zuschauer murrten, aber die Mehrheit war des Spektakels allmählich müde und gab sich damit zufrieden. Mein Onkel war in der alten Zeit zwar nie ein Heros der Verbrecher, sondern mehr ein Held der kleinen Leute gewesen, aber ich merkte, dass er auch in diesen Kreisen große Achtung genoss. So wäre alles nach Jacks Anordnungen gelaufen, wäre jetzt nicht plötzlich Ben der Bremser in den Saal getrabt.

  Bens Beiname war auch wieder so ein kleiner Unterweltscherz, er hieß Bremer und war weithin dafür berühmt, dass er so gut wie niemals bremste, sondern mit seiner Kutsche in rasender Fahrt selbst über die halsbrecherischen Serpentinen am Elbufer schoss. Ebenso sauste er nachts auf der Flucht vor der Polizei durch die engsten Gassen des Gängeviertels, ohne Rücksicht darauf, ob er links und rechts Türen und Fensterläden mitnahm. Er stammte aus einer alten Postkutscherfamilie im Herzogtum Lauenburg. Die Eisenbahn hatte seinen Vater arbeitslos gemacht, worauf der Alte die Gäule verkloppte, den Erlös versoff und sich an den Zügeln erhängte. Prompt flog die Familie aus dem Mietswohnung, zwei Schwestern landeten in St. Pauli, und die Mutter ging in die Elbe. Ben, damals vierzehn und ein braver Buttje mit einer guten Hand für Tiere, schwor der bösen Gesellschaft der Spießer und Ausbeuter blutige Rache, heuerte bei den Brookboys an und machte sich bald als Blitz- und Krawallkutscher bei Raubüberfällen auf Bahn- und Poststationen von Güstrow bis Glückstadt einen Namen. Jetzt stand er merkwürdigerweise in einer speckigen Gepäckträgeruniform vor Wandrahm-Willy und redete leise auf ihn ein. Schon bald stand Willy auf, flüsterte dem Ährlichen Hans etwas ins Ohr, klopfte ihm mahnend auf den Zylinder, winkte Wacko Brett und marschierte mit seinen beiden Trabanten aus dem Saal.

  Darauf wurde mir doch etwas mulmig, und das Gefühl trog mich nicht, denn der Ährliche Hans rief zwar laut, man werde jetzt zur Urteilsverkündung kommen, doch kaum waren die drei draußen, erhob sich unter den Hafenratten das bekannte drohende Gemurmel, und der Anklagevertreter mit der schreienden Stimme der absolut schamlosen Ungerechtigkeit plötzlich nun doch wieder die Fortsetzung der Beweisaufnahme. Vielleicht hätte der Ährliche Hans diese Abweichung von Jacks klaren Anweisungen verhindern können, wäre nicht Constabler Möller noch immer vor dem Gericht gestanden wie der Stier vor dem roten Tuch.  

  „Beweisaufnahme!“ brüllten die Hafenratten. Vergeblich ließ der Femegraf den Bierschlegel tanzen, wobei der Zylinder auf der kleinen Kopfkugel dramatisch in Schieflage geriet, er war aber mit Klammern an Ährlichs Resthaar gepinnt. 

  „Herr Zeuge!“ schrie der Ankläger durch das Getöse. „Haben Sie nicht vor kurzem, und zwar anlässlich der Rückkehr des Angeklagten im Rahmen einer gemeingefährlichen Feuersbrunst, öffentlich erklärt, dass diese angebliche Heldentat in Wirklichkeit nur versehentlich erfolgt sei?“

  Schwere Schläge brachten die Tischplatte zum Beben. „Die Sitzung ist geschlossen!“ kreischte der Femegraf und warf hilfesuchende Blicke um sich, aber Willy und Wacko waren nicht mehr da.

  „Antworten Sie!“ donnerte der anklagende Mund zwischen den blühenden Krokussen.

  „Tja“, sagte Möller nun dummerweise, „da ich als Zeuge, aber auch in meiner Eigenschaft als Staatsbeamter zu wahrheitsgemäßen Angaben verpflichtet bin...“ Ich merkte gleich, er wollte die Gelegenheit nutzen, meinem Onkel eins auszuwischen. „In Wirklichkeit wollte Kehrwieder-Johnny nicht Constabler Flint erledigen, sondern...“ Jetzt kamen dem Constabler offenbar doch wieder Bedenken.

  Sogleich riss der Anklagevertreter, abgebrüht und abgesalzen wie er war, das Wort an sich: „Sondern den höchst ehrenwerten Rotlichtwirt, Matratzenvogt und Dirnenmeister Fritz Landowiak!“

  Pfui-Rufe und Tumulte im Publikum. Speichelbatzen aus hundert Mäulern flogen in die Spucknäpfe. „Abstechen, den Kerl!“ Die Leute fingen nun an zu toben wie die Affen bei Hagenbeck, wenn’s Bananen gibt. „Dodenordeel! Dodenordeel!“

  Der Ährliche Hans kam nicht mehr dagegen an. „Die Plädoyers, bitte!“ knurrte er und kratzte sich unter seiner schiefen Angströhre.

  Der Ankläger enttäuschte seine Bewunderer nicht, Rüben-Ali lief mal wieder zu großer Form auf. Das Gericht und die allermeisten Zuhörer lauschten mit großer Anteilnahme und innerer Bewegung: „Abscheuliches Verbrechen“, „Verwerfliche Handlungsweise“, „Kein Funken Reue“, das traf sie tief ins Gemüt. Dagegen ging jeder Satz des Verteidigers in sofortigem Protestgebrüll unter: „Lange außer Landes gewesen...“ – „Es war dunkle Nacht...“ – „Möglicherweise nur ein wenn auch folgenschwerer Irrtum...“

  „Rübenschwein!“ schrie Relfs jüngster Bruder dem Studiosus zu, „ich schneid dir die Gurgel ab!“

  Der Pöbel, Shakespeares Tier mit vielen Köpfen, hatte nur noch einen Gedanken. Die Beratung war kurz, die Urteilsverkündung löste Jubel aus: „Tod durch das Messer!“

  Nach altem Femebrauch wurde mein Onkel für vogelfrei erklärt, was nicht ungefährlich war, denn nun durfte jeder Lump aus dem Hinterhalt seine dreckige Klinge werfen, um das Blutgeld einzusacken. „Das Urteil ist noch nicht rechtkräftig!“ ächzte der Ährliche Hans, doch seine Worte gingen im Tumult unter, und ich machte, dass ich fortkam, um Onkel Johnny zu sagen, dass jetzt nicht mehr nur die Polizei, sondern auch die Unterwelt hinter ihm her war.

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