Kapitel 25: Die Entführung

Sonntag, 30. September 2012
„Ein kleinen Häuschens am Schäferkamp“: Auf dem Mühlenberg beim Millerntor 1894. © Museum für Hamburgische Geschichte

Was Wandrahm-Willy bewogen hatte, die Feme vorzeitig zu verlassen, erfuhr ich bald danach: Er hatte gewissermaßen zwischen zwei Befehlen Jacks zu entscheiden, die plötzlich in Widerspruch zueinander geraten waren. Ein echtes Dilemma. Der erste Befehl galt für die finstere Veranstaltung der Feme, der andere betraf eine kitzlige Aktion in der eleganten Welt der „Germania“. Das war so etwa der modernste Passagierdampfer der Zeit, heute würden Kritiker wohl sagen, geboren aus wilhelminischem Größenwahn, aber damals war ganz Deutschland stolz auf dieses schwimmende Meisterstück des technischen Fortschritts. Die Kabinen der Ersten Klasse boten jeden Luxus, ich ließ mich später selber ein paar Mal darin nach New York schippern: Ohrentiefe Ledersessel, knöcheldicke Perserteppiche, Kristalllüster, seidene Vorhänge, goldene Wasserhähne, Meißener Porzellan. Der Wintergarten reichte über zwei Decks, verbunden durch eine Rokokotreppe. Im Damensalon hielten vergoldete Engel sternförmig strahlende Lampen hoch. Im Ritz-Restaurant dinierte Großindustrie mit Hochfinanz, Welthandel, Adel und internationaler Kolonialmacht. Das Zwischendeck fünf Stockwerke tiefer war natürlich schlichter ausgestattet, aber keineswegs eine solche Pesthöhle wie auf manchen Auswandererschiffen, wo das Bilgenwasser knöchelhoch stand, Exkremente durch die Decken sickerten, es nur verschimmelten Zwieback und ranzige Butter gab, und täglich eine halbe Pinte Wasser, und Wein ausschließlich für Kranke, zum dreifachen Preis. 

  Sehen wir nun, was an diesem Abend auf dem Promenadendeck geschieht. Es ist Vollmond, Sterne funkeln vom wolkenlosen Himmel, ein warmer Hauch bringt Grüße vom Ozean. Nach keiner anderen deutschen Stadt reist der Wind von so vielen exotischen Küsten an wie nach Hamburg, die Himmelswoge fliegt aus Surinam und Samoa zur Elbe, zuckert die Luft mit der Sehnsucht nach Curacao und Frisco, Penang, Sansibar und der Koromandelküste, stiehlt den Männern das Herz und den Mädchen die Männer, und lässt nicht zu, dass irgendwas Staub ansetzt – weiter, weiter, orgelt ihr Lied, voran, voran, schnell, schnell. Segelschiffe kennen kein Kommando für „zurück“.

  Wer steht mit einem Glas Champagner an der Reling und lässt den Blick über die leuchtende Stadt schweifen? Lida Saati, die „estnische Nachtigall“! Ja, da staunt ihr wohl. Sie war auf dem kürzesten Weg zum Weltruhm, hatte gerade ihren ersten Vertrag an der Met unterschrieben. Ich habe sie auch in Hamburg singen hören, aber nicht in der Oper, sondern an einem ganz anderen, ziemlich schaurigen Ort. In ihrer Biographie steht davon natürlich nichts, auch nichts über das, was an diesem Abend an Bord der „Germania“ geschah, und in den Tagen danach, in St. Pauli und anderswo. Es musste ein Geheimnis bleiben, so lange die Monarchie bestand, und die glaubten wir damals ja für die Ewigkeit gezimmert. 

  Hamburgs Oper brauchte sich schon früher nicht hinter der Met, der Scala oder der Bastille zu verstecken. Auf der reputierlichen Bühne am Dammtor hat meine spätere Freundin Lida soeben ihren größten Erfolg gefeiert, als „La Traviata“, Schluss- und Höhepunkt ihres einzigen Engagements in unserer Stadt. Was für ein grandioser Abschied! Natürlich seit Monaten ausverkauft. Das Publikum völlig aus dem Häuschen. Siebenundzwanzig Vorhänge. Berge von roten Kamelien. Sprechchöre trauernder Verehrer: Göttin, verlasse uns nicht! Ehrengeleit zum Hafen, wo die „Germania“ bei Sonnenaufgang auslaufen soll. Ein letztes Mal die große Arie „Genießt das rauschende Leben, so lange die Liebe glühet“, a capella von Deck. Beifallsstürme auf dem Landeplatz, Bravorufe, Hüte fliegen, Küsse fliegen zurück. Sie muss sich in ihre Kabine zurückziehen, damit die begeisterte Schar nicht bis zum Morgen bleibt. Nicht übel für ein Bauernmädchen aus Jaaguplingi-Hapsalemna, das seine ersten Lieder in russischen Matrosenkneipe sang. Jetzt auf zu neuen Ufern, noch größeren Triumphen entgegen. New York! Die Met!

  Auch in weniger euphorischer Stimmung hätte Lida dem jungen Stewart, der lächelnd auf sie zukommt, nicht ansehen können, dass er schon mehr als ein Dutzend Männer umgebracht hat. Die Narbe fällt ihr allerdings auf.

  „Sie werden sich erkälten, gnädige Frau“, sagt der Kerl.

  „Ich gehe gleich hinein“, antwortet sie.

  Drei Gepäckträger, einer davon ein Riese von zwei Metern und dreihundert Pfund, biegen mit einer Überseekiste um die Ecke. Im gleichen Augenblick fühlt Lida etwas Feuchtes auf Mund und Nase. Ehe sie schreien kann, fällt sie in tiefen Schlaf.

  Wandrahm-Willy steckt das mit Chloroform getränkte Tuch in die Tasche. Die falschen Gepäckträger klappen den Deckel auf, betten Lida in das gepolsterte Innere, schnallten sie sorgfältig fest, fesseln und knebeln sie und verbinden ihr die Augen.

  Der Riese ist natürlich Wacko Brett, die anderen sind Ben der Bremser und Diet der Dorsch, der beste Schmieresteher auf dem Brook. Von diesem sauberen Subjekt habe ich später auch noch so einiges zu erzählen. Sie heben den Überseekoffer auf, und der falsche Stewart lotst die Bande von Bord.

  Diet hat die Entführung vorbereitet. Weil der bestochene Matrose, der die Räuber nach Mitternacht aufs Erste-Klasse-Deck schleusen sollte, überraschend für einen anderen Wachdienst eingeteilt worden war, musste die Aktion vorgezogen werden. Deshalb hatten Willy und Wacko die Feme vorzeitig verlassen.

  Am Kai wartet eine Kutsche. Da niemand die Kidnapper verfolgt, hält Ben genussvoll sämtliche Verkehrsregeln ein. Er schuckelt so gemütlich durch die Straßen, als hätte er lauter Eierfrauen an Bord.

  Als die gute Lida erwacht, hofft sie eine Sekunde lang, es sei nur ein böser Traum, aber Fesseln, Knebel und Augenbinde lassen nicht daran zweifeln, dass sie tatsächlich entführt worden ist. Nach einer halben Stunde wird der Überseekoffer aufgeklappt. Kräftige Hände heben die Gefesselte heraus und binden sie auf einem Bett fest.

  Das Bett steht im Schlafzimmer eines kleinen Häuschens am Schäferkamp in Eimsbüttel, das Konsul Averdar für amouröse Ausflüge mit nicht ganz standesgemäßen Damen nutzt. Heute braust der Verkehr dort sechsspurig nach Nordwesten und zurück. Damals weideten dort wiederkäuende Wollelieferanten zwischen windzerzausten Wacholderbäumen. Das Häuschen lag verträumt hinter Rosenhecken, eine Idylle – leider das Arkadien eines Wurms.

  Kurz darauf kommt dieser Wurm in seinem Dogcart mit zwei schlanken Füchsen à la Tandem und bindet die Zügel an die Hagebutten. Die Haushälterin hat er natürlich abgezogen, statt ihrer passen jetzt zwei Hafenweiber auf, die Willy mitgebracht hat, und zwar Perlmutt-Paula und die Dreier-Deern. Averdar fragt sie wohl, ob Lida schon aufgewacht ist, denn sie hört eins der Weiber antworten: „Ne, de slöpt as'n Ratz.“

  Der Konsul schleicht in das verdunkelte Zimmer. Lida ist wach, stellt sich aber schlafend. Ich kann mir vorstellen, welche Gedanken dem Kerl bei ihrem Anblick kamen. Da lag sie nun, die ihn mit ihrer Stimme so oft entzückt und mit ihrer Verachtung so bitter gekränkt hatte. Jetzt war sie in seiner Gewalt, ihm wehrlos ausgeliefert.

  Die beiden Hafentrullen starren ihn neugierig an.

  Nein, ihre Lieben, der Konsul wollte Lida nichts tun, sonst hätte Jack ja auch gar nicht mitgemacht, bei dieser Posse. Das Libretto sah anderes vor: Am Morgen, wenn die schöne Sängerin genug Angst ausgestanden hatte, wollte Averdar als ihr Retter auftauchen, ein bisschen Piff-paff machen und ihr dann die Fesseln abnehmen – in der aberwitzigen Hoffnung, dass sie dann ihm als ihrem Retter endlich in die Arme sinken würde. Die Hölle weiß, aus welchem Schundroman er seine Vorstellungen bezog.

  Und ich? Ich trabte von der Feme schnurstracks in den „Reuigen Schächer“, aber es war niemand da. Darauf zog ich eine Weile durch die einschlägigen Kaschemmen – nichts. Das Baumhaus des Geckos: finster. Ich wetzte sogar nach Neumühlen, aber – kein Harpunen-Harry. Darauf konnte ich mir nun überhaupt keinen Reim machen. Also ab ins „London“. Aber auch Nell hatte nichts gehört – nichts von Papa, nichts von der kleinen Polin. Hundemüde, wie ich war, fuhr ich mit ihr ins „Tritonia“ und packte mich erst mal in die Kiste.

  Und jetzt, meine Lieben, ist der Moment gekommen, da ich es nicht mehr aufschieben kann, euch vom Tod meines armen Vaters, eures lieben Großvaters und Urgroßvaters, zu berichten.

 

 

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