Kapitel 26: Der Unfall

Mittwoch, 3. Oktober 2012
„Ich seilte den Ewer in den Binnenhafen zurück“: An den Butenkajen 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

  Es war so, wie Onkel Johnny und ich vermutet hatten: Mein Papa hatte sich irgendwo zwischen den Inseln der Elbe unterhalb der Stadt versteckt und dort in aller Ruhe seine Pfeifchen gequalmt. Die Sonne war wohl schon untergegangen, als er im Uferschilf aus seinem letzten Rausch erwachte. Den Durst konnte er mit Elbwasser löschen, den Hunger nicht. Er verstaute die Opiumpäckchen unter der Jacke, schipperte nach St. Pauli, machte den Ewer am Hafentor fest und lief durch Damenboxbuden und Tätowierzelte auf den Hamburger Berg, um den gestohlenen Schatz zu versilbern.

  Das Amüsiergeschäft war in vollem Gange. Ich glaube, Papa wollte tatsächlich zu Mister Tai-Tai, denn der Unfall ereignete sich nur ein paar Schritte vor der Goldenen Pagode: Ein blausilberner Landauer, bespannt mit wohlgenährten Karossiers, fuhr viel zu schnell an der Menge vorbei und erwischte meinen armen Vater. Eins der großen Räder rollte über seinen Nacken, und dann packte ihn jener große, gewaltige Rausch, der sich nur ein einziges Mal erleben lässt, der heilige Rausch des Todes. Ich weiß, dass Gottes dunkler Engel als Erlöser kam, und als Christin darf ich glauben, dass er Papas Geist liebevoll in das gnädige Vergessen aller irdischen Nöte führte.

  Gott möge mir verzeihen, dass ich, als ich vom Tod meines Vaters erfuhr, nicht jene Tränen vergoss, die eine liebende Tochter weint, aber für mich war Papa schon lange vorher gestorben. Was da mit mir und meiner Mutter lebte, war nur noch seine Hülle, ohne sein Ich, und ohne seine Seele, denn diese waren vom Opium aufgezehrt, und statt ihrer grinste die Sucht aus seinen hohlen Augen. Außerdem war es bei mir so, wie ich es später so ähnlich bei Theodor Storm las: Wer mit der Not des Lebens kämpfen muss, bei dem wird manches hart, was bei andern weich geblieben ist.

  Der Kutscher sprang vom Bock und zerrte den leblosen Körper unter dem Wagen hervor. Unter der Jacke fühlte er die Päckchen.

  „De Döskopp wür ja sprüttenvoll!“, rief er den Gaffern zu. „Löpt mi doch stracks in’t Rad!“

  Die Vorhänge der Kutsche öffneten sich, und Konsul Averdar blickte aus dem Fenster. „Was ist denn los?“ Der Befehlsklang seiner Stimme ließ das Gemurmel verstummen.

  „Der Mann ist mir direkt in den Wagen gelaufen, Herr Konsul“,  sagte der Kutscher.

  Die Lüge weckte vereinzelte Proteste der Zuschauer, die es besser wussten.

  „Dann hol' die Polizei, Kerl!“ befahl der Konsul.

  Der Kutscher stand auf, trat ans Fenster und sagte leise: „Er hat so Päckchen bei sich. Bestimmt gestohlen!“

  Der Großspekulant, Zinswucherer und Miethai kletterte auf die Straße, beugte sich zu dem Leichnam hinab und betastete mit den Fingerspitzen die Jacke. Dann richtete er sich wieder auf. „Der lebt ja noch! Legen Sie ihn in die Kutsche, wir fahren den armen Menschen ins Hospital!“

  Ein alter Hoppenmarktleu packte mit an, doch seine Hoffnung auf ein Trinkgeld wurde enttäuscht. Konsul Averdar stieg wieder ein. „Los! Schnell!“

  Der Kutscher prügelte auf die Pferde ein, und der Landauer raste rumpelnd über das schlechte Pflaster. Der Konsul zog meinem toten Vater inzwischen die Opiumpäckchen aus der Jacke und stopfte sie in seinen eleganten Mantel.

  Ein paar Minuten später hielt die Kutsche vor dem Hospital an der Altonaer Allee. Zwei Krankenträger eilten mit einer Bahre herbei. Als sie meinen Vater heraushoben, sagte der eine: „Der ist ja schon tot!“

  „Nehmt ihn trotzdem mit!“ befahl Averdar.

  Die beiden Krankenträger gehorchten

  „Und jetzt nach Hause!“ sagte der Konsul.

  In seiner Villa legte Averdar die Opiumtäfelchen in den Tresor und setzte sich mit einem Glas Portwein auf die Terrasse über der Elbe. Er wird den aktuellen Marktwert seiner Beute nicht gekannt haben, aber ganz sicher dachte er, dass damit der Verlust aus dem Einbruch in seinem Kontorhaus weitgehend wett gemacht sei. Jack Lendt würde das Zeug schon profitabel genug unter die Leute bringen.

  Das alles muss geschehen sein, als mein Onkel Johnny mit Volten-Walter gerade loszog. Sie haben fast die ganze Nacht nach Papa gesucht, zuerst bei Mister Tai-Tai, dann in praktisch allen Kaschemmen von St. Pauli. Am Morgen, ich saß gerade mit Nell beim Frühstück, kam Onkel Johnny an, müde und hundsmäßig übel gelaunt.

  Es war noch sehr früh, und über Stadt und Hafen lag eine Stimmung, wie sie Liliencrons „Poggfred“ so schön malt: „Es ragten über Brücken, Fluss und Fleete, / Gespenstisch, in geheimnisvollem Dämmer, / Neubauten, fern, wie Zinnen, Minarette; / Dumpf klang von weitem ein Fabrikgehämmer, / Es heult der Schiffssirenen Dampftrompete, / Im Osten lagern rote Wolkenlämmer.“

  Naja, vielleicht bis auf die roten Wolkenlämmer.

  Erwartungsvoll sahen wir Onkel Johnny an, aber bevor wir überhaupt den Mund auftun und fragen konnten, sagte er schon „Metzgerfahrt“ und angelte nach der Kanne.

  „Und die kleine Polin?“ fragte Nell.

  Mein Onkel zuckte die Achseln.

  „Was sagen denn Harry und die anderen?“

  „Ich weiß gar nicht, wo die wohl abgeblieben sind.“

  „Vielleicht suchen sie uns?“ mischte ich mich ein.

  „Die wissen doch, wo wir sind!“ Mein Onkel wurde immer gnatziger.

  „Und Kowalski?“ fragte Nell.

  „Auch weg“, sagte mein Onkel.

  „Und Walter?“

  „Der horcht seine Matratze ab.“

  „Du solltest dich auch mal aufs Ohr hauen!“

  „Erst wenn ich Freddy gefunden habe.“ 

  Als er aufstand, stellte ich die Kaffeetasse hin. „Ich komme mit.“

  Wir machten Nells Jacht neben dem Ewer fest. Auf dem Hopfenmarkt das übliche Hausfrauen- und Dienstmädchengewimmel um die Amtsfischer mit ihren Bänken, die Aalweiber mit ihren Kübeln, die hamburgischen Fischjungfern mit ihren Körben, der rotbejackten und –bemützten Metzgerburschen mit dem vierfüßigem Schlachtvieh, der Hühnerpflückerinnen, die gnadenlos ein Küchlein nach dem anderen mordeten, und den Ständen mit Brot, Erdgewächsen, Kräutern und Gewürzwaren aus Umland und Übersee für den ewig hungrigen Bauch der großen Stadt.

  Ein alter Hoppenmarktleu, der als Ausrufer angeheuert hatte, sagte über ein paar Heringsfässer hinweg, da er uns unschlüssig an dem Ewer stehen sah:  „Der is bei'n Knochenklempnern.“ Dann schrie er wieder: „Süßtein grote Scholln förn Mark! All springenlebennig!  Süßtein förn Mark! Een Penny för’n Stieg Dorsch!“ Die struppigen Haare und der verfilzte Bart umrahmten das rote Gesicht wirklich wie eine Mähne, er hätte gut Nells Vater sein können, vielleicht war er’s sogar.

  „Was sagst du da?“ fragte mein Onkel.

  Der Hoppenmarktleuw rollte den Prüntjer hinter die Kufen und spie einen Tabakstrahl über die Fischkisten. „Inne Krankenhus, Mann!“ sagte er, wobei er das „Mann“ auf typisch hamburgische Art dehnte, dass es fast wie das englische „man“ klang.

  Mit drei Schritten war Onkel Johnny bei ihm.

  „Nu man sutje, Mann, und Flossen wech!“ protestierte der alte Krauter. Vergeblich zerrten seine schwarzen Klauen an Onkel Johnnys Eisengriff.

  „Raus damit!“

  „Der orm Kerl ist ünner die Kutsch kommen, güstern meddag, am Spielbudenplatz, ik hebb direkt neben stünden un sogar mit anpackt. De hebb'em inne Krankenhuus brocht, nah Altona.“

  Der Eisengriff löste sich. Die Pferdebahn klingelte um die Ecke, und wir setzten uns in Trab.

  „He! Das ist doch woll 'ne lüttje Belohnung wert!“ flötete die alte Schnapsdrossel und machte die Bewegung des Geldzählens.

  Eine halbe Stunde später standen wir im Krankenhaus. Es dauerte eine Zeit, bis wir uns durchgefragt hatten. Mein Papa war nicht auf einer der Krankenstationen, er lag im Leichenkeller. Auf seinem Gesicht lag Gottes Frieden. Ein Schild an seiner nackten Zehe vermerkte: „Unbekannt“.

  Mein Onkel ging raus, ich hinter ihm her. Er tapste durch die nächste Wiese bis zu einer großem alten Ulme, die dort ganz alleine stand, und setzte sich ins Gras. Ich wollte nichts weniger als jetzt allein bleiben und hockte mich neben ihn. Nach einigen Minuten stand ich wieder auf und sagte: „Jetzt möchte ich ein Vaterunser beten.“

  „Gut“, sagte mein Onkel, stand ebenfalls auf und faltete die Hände.

  Ich wartete, dass er anfing, aber er machte keinen Mucks, und so sagte ich denn: „Vater unser, der du bist im Himmel...“

  „Himmel“, echote mein Onkel.

  „...geheiligt werde dein Name...“

  „Name.“ Er brummelte tapfer mit bis zum Amen. Dann setzten wir uns wieder hin, mit dem Rücken an den Stamm, ungefähr eine halbe Stunde lang, und nicht einmal Gottes Sonne wollte uns trösten, der Himmel hing grau wie ein alter Putzlappen herunter. Ich weiß nicht, was mein Onkel dachte, aber ich glaube, er hatte sich genau wie ich von meinem Papa innerlich schon vorher verabschiedet. Es klingt vielleicht hart, wenn ich jetzt noch mal gestehe, dass ich nicht groß Tränen um meinen Vater vergoss, und vielleicht stimmt es auch gar nicht, es ist ja auch schon so lange her, aber es war wirklich, als hätten wir beide es schon lange gewusst, dass er sterben würde. So wie bei jemandem, der mit Bauchspeicheldrüsenkrebs im Krankenhaus liegt.

  Danach gingen wir ins Büro, und mein Onkel bat, ein Bestattungsinstitut zu beauftragen.

  „Wo können wir Sie erreichen?“ fragte die Büroschwester in ihrer frisch gestärkten Tracht.

  „Bin eben erst eingelaufen“, log Onkel Johnny. „Ich melde mich, sobald ich 'ne Adresse habe. Nehmen Sie erst mal das.“ Er legte ein paar Goldstücke auf den Tisch.

  Die Spitalkommandeuse guckte meinen Onkel an, als hätte er die Hose aufgemacht. „So ist das hier aber nicht üblich, mein Herr.“

  „Nehmen Sie's als Sicherheit, dass ich wiederkomme.“

  Aber damit kam er nicht durch. „Stecken Sie das sofort wieder ein!“

  „Und dann?“

  „Dann gehen Sie zu Ihrem Pastor.“

  „Aha. Und wer ist das, bitte?“

  Die resolute Dame musterte ihn mit einem Ausdruck höchsten Missfallens. „Sie wissen nicht, wer Ihr Geistlicher ist?“

  „Pastor Mars von St. Katharinen“, sagte ich schnell, meine Konfirmation lag ja noch nicht so lange zurück.

  „Wer hat meinen Bruder eigentlich behandelt?“ wollte Onkel Johnny wissen.

  Der weiße Drachen raschelte ein bisschen mit den Papieren. „Ihr Herr Bruder war bereits tot, als er bei uns eintraf. Krankenträger war der Herr Werner. Dort drüben steht er gerade. Der Dicke, mit der Zigarre.“

  Herr Werner ließ sich nicht lange bitten. „Glatter Genickbruch. Der arme Mann muss sofort tot gewesen sein. Weiß gar nicht, warum  ihn die Leute überhaupt noch hergebracht haben. War wohl nur ihr schlechtes Gewissen. Diese Herrschaftskutscher fahren ja alle viel zu schnell.“

  „Hatte mein Bruder irgendwas bei sich?“

  „Das war Ihr Bruder? Mein Beileid. Nein, seine Taschen waren leer.“

  „Keine Päckchen?“

  „Absolut gar nichts.“

  „Und die Leute in der Kutsche?“

  „Konsul Averdar?“

  „Was?“ fragten wir wie aus einem Munde.

  „Kennen Sie den? Na, wer kennt den nicht. Der Herr Konsul war auf der Heimfahrt nach Flottbek, als ihm der Mann – Ihr Herr Bruder – in die Kutsche lief“, berichtete Werner. „Landauer, dunkelblau, silberner Adler. Der Kutscher heißt Anton. Hier kein Unbekannter, weiß Gott nicht. Ihr Herr Bruder war nicht der erste, den der Kerl totgefahren hat. Immer zu schnell, aber das lässt sich ja leider nie beweisen, und für ihn sind dann immer die Opfer schuld, einfach vor den Wagen gelaufen und so. Man nennt ihn schon den ‚rasenden Anton’, ich glaube, der Kerl ist sogar noch stolz darauf.“ Er zog wieder an seiner Zigarre und spuckte genussvoll ins Gras.

  Wir kehrten zum Fischmarkt zurück, stiegen in Nells Jacht und legten ab.

  „’ne lütje Belohnung wert!“ krächzte der Hoppenmarkt-Leuw hinter uns her.

  Ich hatte keine Ahnung, wo wir hinwollten, aber nach einer Weile merkte ich aber, dass Onkel Johnny auf die Insel Schweinesand zuhielt. Wir legten auch richtig dort an und gingen durch das Gewirr der Püttensümpfe, durch Erlenbüsche und dicke Wicheln zu dem Versteck im Reet, das einst ihre Kinderburg war. Die meisten wagen sich nicht weit in die Schilfwildnis hinein, denn es ist dort unheimlich still, man sieht oft nur den nächsten Schritt und wird den Gedanken nie ganz los, dass jeden Augenblick ein Ungeheuer oder ein wildes Tier oder, was noch viel gefährlicher ist, ein böser Mann aus dem Dickicht hervorbrechen kann, der einen auf einen Engländer schleppt und an irgendeine schottische Kohlenmine verkauft. Die Sonne stand im Scheitel, und es wurde heiß. Im Reet piepten die Wasserküken, in den Weiden lärmten die Krähen, über dem Wrack am Wittenberger Ufer die Möwen, ein Dampfer tutete in der Ferne, und wir setzten uns in den Sand und schwiegen unser Schicksal an. Ich bin dann wohl ein bisschen eingeschlafen, geschafft wie ich war, jedenfalls lag ich mit dem Kopf in den Binsen, als mich Onkel Johnny am Fuß zerrte.

  „Komm jetzt, wir müssen es deiner Mutter sagen.“

  Wir fuhren ans andere Ufer zu der kleinen Kate. Kurz bevor wir am Deich anlegten, sagte mein Onkel: „Tja, dann mach ich ab jetzt deinen Papa.“

  „Is recht.“ Mehr fiel mir nicht ein.

  Meine Mutter weinte sehr. Die alte Schnapsbrennerin sagte: „Armer Freddy. Hatte nie Glück. Im ganzen Leben nich.“ Und das war die Wahrheit.

  Dann fuhren wir wieder zum Fischmarkt, und ich seilte den Ewer in den Binnenhafen zurück. Der alte Seebär war erfreut, uns zu sehen. Onkel Johnny nahm mich an Bord. Dann ist er den ganzen Tag mit mir durch die Gegend gekreuzt. Erst verstand ich das alles nicht und hockte schweigend neben ihm an der Pinne, und wenn wir wo anlegten, tappte ich blindlings hinter ihm her, und er redete auch kaum etwas, aber allmählich kam ich doch dahinter, dass er alle die alten Plätze abklapperte, an denen er und mein Papa als Kinder zusammen gespielt hatten. Das war so seine Art, Abschied zu nehmen.

  Wenn auch unsere ganze Kindheit ein sonnenbeschienenes Meer ist, schrieb unser lieber Großflottbeker Heimatdichter Otto Ernst ein paar Jahre später, so werfen doch einige Wellenköpfe das Licht in besonderer Weise zurück. Es war neblig auf der Elbe, die bei tauber Tide schwerfällig lappte, kein Fesen Wind, ein grieser Tag, die Bagger im Strom läuteten ständig die Glocken, die Segler bliesen auf dem Ochsenhorn, und die alten Sottpüster von Dampfern tuteten im Chor und husteten ihren Qualm in die dicke Luft, der Rauch kroch aber nur ganz matt aus den Schornsteinen und sank gleich ins Wasser. Mein Onkel Johnny aber sah dieses Licht seiner Kinderzeit trotzdem, und ich sah, dass er es sah. Er fand es auf Georgswerder, wo er vor mir über die Moossteine der Stacks kletterte. Dort hatten die Brüder einst Aale gepöddert, Weißfische geangelt und die großen Elbmuscheln gesammelt, die bei uns Adam und Eva hießen. Unter den amphibischen Erlen suchten sie Regenwürmer, weiter binnen fingen sie Kaninchen, ketscherten Maikäfer und machten aus Weidenbast Hupuppen, Flöten und Dreibässe wie später der junge Störtebeker in Gorch Focks „Seefahrt tut Not!“ Er sah das Licht am Strandkai, wo sie einst zu ihrer ersten großen Fahrt gestartet waren, zwölf und zehn Jahre alt, in einer Nussschale von Segelboot, ein gewagtes Unternehmen, denn auf der Elbe sind Strömung und Tide oft stärker als Wind und Segelkraft, und die kleinen Köpfe hatten viel vorauszuberechnen, Ebbe und Flut, und die Geschwindigkeit mit und gegen den Strom, sonst wären sie am Abend nicht vom Lühesand zurückgekommen, aber sie schafften es, kreuzten wacker und ritten mit auflaufendem Wasser heil wieder nach Hause.

  Besonders hell sah Onkel Johnny das Licht seiner Jugend auf dem Kehrwieder, wo er mit Freddy riesige Schneekugeln vor die Kellertreppe des Schusterladens rollte, und dann an die Tür hämmerte, mit dem fröhlichen Ruf „Klopfet an, so wird euch aufgetan“ - und dann rein mit der weißen Bescherung, auch gleich noch ein paar Schneebälle hinterher. Auf dem Reklameschild stand, auch das wusste Johnny noch: „Schiff man ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht, kööp din Schoh bi Plambeck, de sünd woterdicht.“

  Den Laden gab es zu meiner Zeit auch schon lange nicht mehr.

  Onkel Johnny redete und redete, er kam richtig ins Labern. Er zeigte mir dem Ahornbaum, auf den sie kletterten, um aus dem Laub mit dem Pusterohr durchs Fenster der Schule Lehmkugeln auf den Lehrer zu schießen, der seine unschuldige Klasse prompt mit der Klabatsche traktierte. Er zeigte mir die enge Gasse, eigentlich nur ein schulterbreiter Durchgang, den sie „Suezkanal“ nannten und wo sie im Dunkeln ein Tau spannten und „Uhl, Uhl, Schweinepfuhl“ riefen, worauf der gereizte Polizist bei der wütenden Verfolgung auf den Gesichtszinken fiel. Er marschierte vor mir durch die Hinterhöfe, über denen jedes Jahr am 2.September zum Sedansfest Papiergirlanden gespannt und zur Illumination bunte Laternen aufgehängt wurden, die unsere kleinen Helden prompt mit der Zwille dezimierten, dem Wutgebrüll der alten Krieger zum Trotz. Ein richtiger Junge grüßte damals einen anderen auf der Straße nicht etwa mit „Moin, Moin“ oder „Tach auch“ oder „Na, wo geiht?“, sondern kurz und knapp mit dessen Familiennamen: „Holtzgreve!“ – „Puvogl!“ kam es höflich zurück, und beide setzten ihren Streifzug als anerkannte Ehrenmänner fort. Auch Jack und er hatten sich zuerst so begrüßt: „Lendt!“ – „Mott!“

  All so was erzählte Onkel Johnny mir nun mit einem ernsten Eifer, als gelte es, kostbares Wissen an die nächste Generation zu vermitteln. Er erzählte auch vom Lämmermarkt, der jeden Frühling ans Steintor kam, mit seinen Reitbuden und Karussells, die Fahrt für fünf Pfennig, mit Kasper Putschinelle, Jan Klapperbeen und dem Düwel, und dem Haut-den-Lukas, den Luftballons, dem Eiskarren, den Schießständen und Aalzelten, mit den Herkulessen, Seiltänzern und Feuerfressern, und den kleinen Gattern, wo die Bürger lebende Lämmchen als Spielzeug kauften, damit ihre Kinder ihnen die Sanftmut ablernen sollten, und wie er und Freddy den Kleinen die Tiere wegnahmen: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Schafsködel besitzen!“ Er schwelgte in Geschichten vom Versteckspielen in den uralten Speichern, in denen es nach „Holz und Fass und Wolle und Leder, Kopra, Sisal, Tabak und Fellen“ roch, und nach dem „Blumenduft“ des Bordeaux, nach den Südweinen in den Kastanienholzfässern, nach Kaffee aus Arabien und Timor, nach Tee, Essigsäure und Majoran, Rosinen und Johannisbrot, nach Rohgummi aus Peru, Honduras und Kongo, und wo mein Vater einmal abgerutscht war und sich ganz sicher den Hals gebrochen hätte, wäre er nicht auf einen übermannshohen Haufen Jutesäcke gelandet. Es war, wie Heinrich Deiters dichtete: „Nu ga ik wedder döch de olen Straaten - mien Kinnertiet geit lisen mit.“

  Auch von den vielen Überschwemmungen erzählte Onkel Johnny, wenn er und mein Papa mit Waschzubern durch die Straßen paddelten, um die Ziegen aus dem Stall zu befreien, die sonst jämmerlich ersoffen wären. Beim ersten Schuss der Sturmflutkanone retteten die Bardowicker Gemüsefrauen im Zippelhaus die Zwiebeln aus dem Keller, beim zweiten war die Straße nass, beim dritten floss das Wasser in die Ziegenställe, beim vierten schwammen die Regentonnen davon, beim fünften schossen Stromschnellen durch die Hinterhöfe, und beim sechsten kletterten die Leute von den Booten durch die Fenster in die Häuser. „Jungs, wi hoch steiht dat Woter am Pegel?“ fragten sie aus dem Trockenen, und Freddy krähte aus dem Waschzuber: „All tein Foot, aber Kubik!“ Zur Belohnung gab's immer geschälte Apfelsinenscheiben mit Zucker.

  Manche Ecken waren mir wohlbekannt, denn wo Onkel Johnny und mein Papa als Kinder Kriegen oder Marmeln gespielt und im Winter eine Glitsche eingeschliddert hatten, da waren wir als kleine Mädchen durchs Springseil gehüppt oder hatten mit dem Stecken das Trudelband über das Kopfsteinpflaster klötern lassen, oder Himmel und Hölle gespielt, oder Verstecken, aber „mit Akkreh“, was bedeutete, dass auch die umliegenden Etagenhäuser einbezogen wurden, bei schloss keiner ab, es gab ja nichts zu klauen.   Und er erzählte, wie sie als Jungs jeden Tag stundenlang Messer geworfen hatten, bis sie so zielsicher trafen, dass sie manchmal Krammetsvögel, Wachteln oder auch mal einen Fasan nach Hause brachten.

  Es war schon Abend, als wir wieder ins „Tritonia“ kamen und erfuhren, was sich in unserer Anwesenheit zugetragen hatte: Allerhand! Die kleine Agnes war gefunden worden und gleich wieder verschwunden. Eddie und Marie waren misshandelt worden; sie wurde gerettet, er verhaftet. Der Grendel war aufgestöbert und auf rätselhafte Weise wieder entwischt. Erst später klärte sich alles auf, ich erzähle es aber schon jetzt so, wie es sich tatsächlich zugetragen hat.

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