Kapitel 29: Das Liebesnest

Freitag, 12. Oktober 2012
„In meinem Hause an der Elbe“: Portal am Cremon. © Museum für Hamburgische Geschichte

  Der Schäferkamp war damals noch kein übervölkertes Arbeiterquartier, sondern ein stilles Fleckchen am Rand des Dorfes Eimsbüttel. Unter duftendem Wacholder grünte die frühsommerliche Heide, Schmetterlinge gaukelten durch die Weiden an der Isebek. Die drei Menschen in dem kleinen, exklusiven Landhaus hatten keinen Blick für die Idylle. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie miteinander ins Reine kamen.

  Als Augustus der Sängerin Augenbinde und Fesseln abnahm, erwartete sie natürlich, einen ihrer Entführer zu erblicken. Der junge Mann, der mit allen Anzeichen ehrlicher Bestürzung vor ihr stand, konnte sie aber rasch davon überzeugen, dass er mit der Entführung nichts zu tun hatte, und auch die kleine Agnes keineswegs etwa zu solchen Zwecken mit sich führte, zu denen gut gekleidete Herren schlecht angezogene Mädchen in abgelegene Landhäuser transportieren. Da Lida sehr gut Polnisch sprach, erfuhr sie bald, was die kleine Agnes hatte erdulden müssen. Aus der Schlafkammer geraubt, von einem Constabler in einen Käfig unter der Erde gesperrt, von einem Ungeheuer entführt und dann von diesem netten jungen Mann gerettet - es kam der Sängerin vor wie das Libretto einer romantischen Oper. Eben selbst noch Opfer, nahm sie das Mädchen tröstend in die Arme.

  Die Sonne schien durch kostbare Seidenvorhänge und beleuchtete teure Pariser Tapeten mit antikisierenden Darstellungen frivoler Hirtenspiele. Die französischen Möbel passten perfekt in dieses fürstliche Boudoir. Die Sängerin kannte die Sitten der Welt, das Häuschen diente zweifelsfrei den Spielen eines reichen Herrn. Seine Stimme hatte sie nicht gehört, nur dieses süßliche Parfüm gerochen.

  „Wo sind wir denn nun eigentlich?“ fragte sie.

  Augustus hatte das Haus zuletzt als kleiner Junge gesehen, und damals war es als Jagdhütte eingerichtet.

  „Jagdhütte“, wiederholte Lida Saati, da knallten plötzlich zwei Pistolenschüsse. Die kleine Agnes schrie auf, und die Sängerin kroch mit ihr unter die Decke. Augustus packte einen Schemel und stellte sich hinter die Tür. Draußen ertönten laute Verwünschungen: „Verfluchtes Lumpenpack!“ – „Mordgesindel!“

  Die Tür flog auf, und eine breite Gestalt tappte herein, Pistolen in den Händen. Der Schemel sauste nieder, ein Zylinder flog durch die Luft, und der Eindringling landete mit dem Gesicht nach unten auf dem chinesischen Teppich.

  Augustus wartete, ob noch andere folgten. Dann schlüpfte er hinaus und schaute sich um. Vor dem Haus stand ein Dogcart mit zwei schlanken Füchsen à la Tandem.

  Bestürzt eilte Augustus in das Haus zurück. Lida Saati und die kleine Agnes lugten ängstlich unter der Bettdecke hervor. Augustus drehte den schweren Mann in dem eleganten Anzug auf den Rücken und sagte: „Onkel Jacob!“

  Es dauerte eine ganze Weile, bis der reiche Mann die Schweinsäuglein aufklappte. Es kostete ihn sicher mehr als einige Sekunden, zu begreifen, dass es sein Neffe war, der sich abmühte, ihn wieder auf die Beine zu bringen, und dabei hastig Erklärungen ausstieß, die sowohl ihm als auch der Sängerin auf dem Bett galten. Ich kann mir gut vorstellen, dass dabei die Fragen durch den schlauen Spekulantenschädel kullerten wie Kegelkugeln über eine ziemlich löcherige Bahn. Was war hier los? Wie kam Augustus hierher? Hatte er Lida Saati befreit? Und wer war das blonde Mädchen neben ihr?

  „Onkel Jacob!“ rief Augustus wieder. „Was machst du denn hier?“

  „Das wollte ich dich auch gerade fragen“, ächzte der angesehene Großkaufmann und ließ sich zu einem Louis-Quinze-Stuhl führen. „Man hat mich niedergeschlagen!“

  „Das war ich, Onkel Jacob“, sagte der Neffe schlechten Gewissens. „Ich dachte, es wäre einer der Entführer!“

  „Entführer? Du bist entführt worden?“

  „Nein, ich doch nicht“, sagte Augustus. „Lida Saati! Das ist Lida Saati!“

  „Die Sängerin? Die berühmte Sängerin? Die estnische Nachtigall?“ Der Alte tat, als könne er es nicht glauben.

  Die Sängerin kroch unter der Decke hervor und betrachtete den Konsul. Das also war Jacob Averdar, angeblich der mit Abstand reichste Mann der Stadt. Sie erinnerte sich: Fette Kröte mit stierem Blick, immer in der ersten Reihe, riesige Buketts. Sie hatte sie ihren treuen Helferinnen aus dem Reich der Kämme, Spiegel und Nadeln weitergereicht, deren Töchter die teuren Blumen dann einzeln in Hamburgs Luxusrestaurants verscherbelten. Die kleinen Päckchen mit den Firmenzeichen der teuersten Juweliers an Jungfernstieg und Johannisstraße gingen ungeöffnet zurück. Da soupierte sie denn doch lieber mit Marineoffizieren, auch wenn diese zuweilen etwas heftig über die Kriegsflotte, das künftige Kolonialimperium oder den geplanten Kaiser-Wilhelm-Kanal schwadronierten.

  Jetzt saß dieser Konsul keuchend vor ihr und tupfte sich mit einem weißen Seidentuch das Blut vom kahlen Schädel! „Verehrte gnädige Frau, ich bin ganz untröstlich!“ sagte er dabei. „Ich ahnte schon nichts Gutes, als ich soeben eintraf und vor diesem meinen bescheidenen Ruhesitz, unter großen Opfern erworben für die wenigen freien Stunden, die einem Mann in meiner Position noch verbleiben – aber ich will nicht klagen, ich diene meinem Vaterlande gern –, vor dieser meiner eigenen Türe solche Halunken herumlungern sah! Stellen Sie sich vor: Man griff mich an! Man wollte mich berauben, ja ermorden! Zum Glück sehen Sie mich als einen Mann, der sich zu verteidigen weiß! Aber noch weit über meiner Erleichterung, dass ich dieses Verbrecherpack und Diebsgesindel in die Flucht schlagen konnte, steht mein Entzücken, Ihnen als Ihr Befreier aus einer solchen Todesgefahr dienen zu dürfen. Diese Kerle wollten zweifellos ein Lösegeld erpressen!“

  „Verbrecher?“ dachte Augustus verwirrt. „Wo denn?“ Der Onkel konnte doch wohl kaum die beiden schlampigen Weiber meinen!

  „Ich danke Ihnen“, sagte Lida Saati kühl. „Und nun verständigen Sie bitte die Polizei!“

  „Selbstverständlich“, sagte der Großkaufmann und Großspekulant. „Ich bitte nur höflichst, mich erst noch einige Augenblicke ausruhen zu dürfen. Wer ist denn die junge Dame? Sollten wir nicht vorher prüfen, ob es auch für sie...“

  „Sie hat noch mehr Grund als ich, nach der Polizei zu verlangen“, unterbrach ihn die Sängerin.

  „Aha“, machte Averdar. Was sollte das bedeuten? Gehörte die Kleine etwa zu seinem Neffen? Das hätte er Augustus gar nicht zugetraut. „Mein Junge, was ist hier eigentlich los?“

  Augustus schilderte kurz die Ereignisse. Der Konsul fasst sich an den Kopf, aber aus anderen Gründen, als sein Neffe glaubte. Das musste das Polenmädchen sein, mit der Constabler Möller dem Polizeipräsidenten einen fetten Skandal anhängen wollte, dachte der Alte, und flugs formten sich neue Pläne. Jetzt nur keine Polizei! Er wandte sich an die schöne Sängerin und tauchte seine Stimme noch tiefer in Öl: „Es wird alles nach Ihren Wünschen geschehen, gnädigste Frau. Jedoch ist dieser Ort durch die schändliche Tat für immer entweiht und Ihrer keineswegs würdig. Erweisen Sie uns deshalb bitte die Ehre, bis zu Eintreffen der Kriminalpolizei unsere Gäste in meinem Hause an der Elbe zu sein. Dort finden Sie auch den Ihrer Person angemessenen Komfort, während wir auf die Beamten warten. Die junge Dame ist natürlich ebenfalls unser Gast. Hier ist es nicht sicher, und mein Heim liegt kaum eine halbe Stunde entfernt.“

  Lida Saati gefiel das gar nicht, Augustus aber rief erfreut: „Gute Idee, lieber Onkel“, denn der Vorschlag bot ihm Gelegenheit, Agnes noch länger umsorgen können, und sein bittender Blick erweichte die schöne Sängerin. „Also gut“, sagte sie. „Aber nur, bis die Polizei kommt.“

  Der Konsul erhob sich und bot ihr galant den Arm. Die Ouvertüre war missglückt, aber das Finale funktionierte. Jetzt musste er ihr nur noch die Anzeige ausreden. Er wusste da wohl auch schon, wie: Denken Sie nur, der Skandal für die Stadt, aber auch für Ihren guten Namen, womöglich sogar hässliche Gerüchte, was Ihnen in der Gewalt fremder Männer alles habe widerfahren können! Womöglich würden diese Zeitungsschmierer ähnliches andeuten, und wenn der Dreck dann von amerikanischen Korrespondenten gelesen und in die Heimat gemeldet wurde, konnte der Tratsch sie bis nach New York verfolgen. Würde sie das wirklich wollen? Für den Fall, dass Lida Saati auf der Anzeige bestand, plante der Konsul wahrscheinlich schon, Constabler Möller zu holen, der die Sache unauffällig im Sande verlaufen lassen konnte, bis die Sängerin mit dem nächsten Dampfer nach Amerika entschwunden war.

  Lida Saati überwand ihr Widerstreben und hängte sich ein. Als sie das süßliche Parfüm roch, erschrak sie.

  „Wollen Sie sich doch erst noch ein wenig ausruhen?“ fragte der Konsul, der ihr Zögern als Schwäche deutete.

  „Nein, es geht schon“, sagte sie rasch. Eben noch hatte sie mit dem schmierigen Kerl nichts zu tun haben wollen – jetzt, nachdem sie wusste, wer er wirklich war, würde sie nichts davon abhalten, ihn zu begleiten, um ihn und sein Haus genauestens unter die Lupe zu nehmen.

  Sie fanden einen Mantel für Agnes, und Augustus hob das Mädchen in die kleine Kutsche. Als sie vertrauensvoll das müde Köpfchen an seine Brust legte, fühlte er ein süßes Entzücken.

  Es wird um diese Zeit gewesen sein, als Harpunen-Harry und der Gecko an der Reesendammbrücke Kowalski abfingen und ihm mitteilten, dass seine kleine Schwester in Sicherheit sei.

  Der Pole starrte sie aus blutunterlaufenen Augen an. „Wo ist sie?“ fragte er misstrauisch.

  Das konnten ihm dir Freunde zwar nicht sagen, aber sie schafften es trotzdem, ihn fürs erste zu beruhigen: Der junge Mann sei der Assistent eines Professors, der am Glockengießerwall archäologische Grabungen durchführe, und überdies der Neffe eines der reichsten Männer Hamburgs. Höchstwahrscheinlich habe er das Mädchen in das Haus des Onkels, den Palazzo, gebracht, wo ihr nichts Böses mehr geschehen könne.

  „Wo ist dieser Palazzo?“

  Sie erklärten es ihm, und Kowalski wollte gleich los, aber da marschierte ein Trupp Soldaten vorbei, und er musste sich in einen Hauseingang verdrücken. Da kam natürlich heraus, dass er desertiert war. Daraufhin ließen ihn die beiden nicht mehr aus den Augen. Sie schleppten den auch nur noch schwach Widerstrebenden ins „Tritonia“ und sagten ihm, er solle erst einmal ausschlafen, sie würden inzwischen Zivilklamotten besorgen. Sie rieten ihm auch, den Schnurrbart abzurasieren, aber dazu konnte der Pole sich nicht entschließen: „Wenn füsiliert, dann als Soldat!“

  Der total erschöpfte Husar war immerhin so weit beruhigt, dass er sich tatsächlich auf das Bett legte und sofort einschlief, und den ganzen Tag bis zum Abend nicht mehr aufwachte. 

  Harry und der Gecko liefen inzwischen wieder ins Gängeviertel, fanden den Mietkutscher und erfuhren, dass der junge Herrn mit dem Mädchen aus dem Siel nicht in den Palazzo, sondern in ein Landhaus bei Eimsbüttel wollte. Unsere beiden Freunde sausten hin und fanden das Haus leer. Ein Schäfer hatte gesehen, dass der Konsul kurz zuvor mit seinem Dogcart abgefahren war, mit einem jungen Mann und einem Mädchen, aber außerdem noch mit einer sehr schönen Frau.

  „Dann ist das wohl die Liebeslaube von diesem Adolar“, vermutete Harry richtig.

  „Und de Fru is sin Hottehüh“, vermutete der Gecko falsch.  

  Sie suchten nun überall nach Johnny und mir.

  Nach Dienstschluss kam Constabler Percy Godfroy wieder in die „Weiße Möwe“. Sein Blumenstrauß und seine Erwartungen waren größer je zuvor – so auch bald seine Enttäuschung.

  „Warum magst du denn die Rosen nicht, Marie, die sind  doch schön!“ klagte er durch das Gegröle der betrunkenen Seeleute.

  Marie funkelte ihn an. „Sie haben Eddie ins Gefängnis gebracht!“

  „Nein, nicht ins Gefängnis“, sagte Godfroy in seiner pedantischen Art. „Das ist seit der Schlacht auf dem Brook restlos überfüllt. Er ist in der Infanteriekaserne an der Bundesstraße, im Arrestblock.“

  „Was macht das für einen Unterschied?“ rief sie böse. „Kaschott ist Kaschott!“

  „Was soll ich tun?“ seufzte der Constabler. „Ich bin nun mal Polizist, Marie.“

  „Ja, das sind Sie. Polizist!“ sagte sie voller Verachtung. „Und was für einer!“

  Langsam begann er zu begreifen, aber er gab nicht auf. Noch lange nicht. „Diese Leute, das ist doch kein Umgang für dich, Marie. Das sind Ganoven, und du bist doch ein anständiges Mädchen.“

  „So? Bin ich das? Woher wollen Sie das eigentlich wissen?“

  Er schluckte. „Wenn du vielleicht mal einen Fehler gemacht hast – du kannst es mir ruhig sagen. Man kann alles wieder gutmachen. Ich würde dir helfen.“

  Sie lachte höhnisch. „Sie würden mich ins Arbeitshaus bringen!“

  „Aber Marie! Was sagst du denn da? So schlimm wird es doch wohl nicht sein, du hast doch bestimmt nicht gestohlen oder so etwas!“

  „Ich wünschte, dass Sie nicht mehr herkommen würden“, sagte sie.

  „Nicht mehr herkommen?“ wiederholte er betroffen. „Aber schau doch mal, Marie, wenn ich heute früh nicht gekommen wäre, wer weiß, was diese Halunken dann mit dir gemacht hätten...“

  „Ach so“, sagte sie zornig. „Sie wollen Dankbarkeit?“ Sie machte den obersten Knopf ihrer Bluse auf. „Bitte sehr!“

  Die Seeleute, die den Auftritt beobacht hatten, verstummten und stießen die anderen an. Schlagartig herrschte bleierne Stille.

  Der Constabler schaute sich um. Dann ging er hinaus.  Brüllendes Gelächter folgte ihm. Marie packte den Strauß und schleuderte ihn durch das Fenster in das Fleet. Dort schaukelten die schönen Rosen, bis eine Schute sie unter Wasser drückte.

  Auch für Godfroys Chef, den Ritter von Ulzburg-Stegen, endete der Tag nicht erfreulich. Der liebe alte Freund aus England hatte sich offenbar etwas vertan und, statt vorsichtig zu sondieren, die halbe Stadt in Aufruhr versetzt. Ein Riesenloch, ein Tempel und wilde Gerüchte über Schätze sowie allerlei Ungeheuer in der Unterwelt. Und ausgerechnet jetzt meldete sich der Kronprinz zu Besuch an, mit Gattin, und was wünschte sich das hohe Paar von Senat? Eine Lustfahrt durch die Siele von Hamburg! Der Polizeichef zog ein Tuch aus der Tasche und tupfte sich den Schweiß von der Stirnglatze. Wie zum Teufel, fragte er sich, sollte die Polizei da unten in diesen dunklen Kanälen die Sicherheit garantieren?

 

 

 

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